zurück

United Kingdom (MEDSIN-UK)

Anästhesie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Sandra, Neu-Isenburg

Motivation

Seit Beginn des Studiums war für mich klar, dass ich gerne jede Gelegenheit nutzen möchte meine Praktika im Ausland zu absolvieren. Ich habe schon immer mit dem Gedanken gespielt eine gewisse Zeit im Ausland zu arbeiten und wollte natürlich mal ein bisschen meine Fühler ausstrecken und rausfinden, ob das wirklich was für mich ist.
Um mein Medical English zu verbessern und einen ersten Eindruck von einem anderen Gesundheitssystem zu gewinnen, das sich auch nicht zu sehr von dem Deutschen unterscheidet, war England definitiv die richtige Wahl!

Vorbereitung

Wie für jedes Land, habe ich einfach alle erforderlichen Dokumente auf der IFMSA Seite hochgeladen. Die meisten habe ich vorher schon für die allgemeine Bewerbung bei der bvmd gebraucht. Das bvmd-Sprachzertifikat hat am Ende gereicht (erst wollte die Medical School wohl einen TOEFL/IELTS).
Leider habe ich vor Ort einen kleinen Schockmoment erlebt, als sie mir im Krankenhaus beim Betriebsarzt nochmal Blut abgenommen haben, um Hepatitis B, C und HIV zu testen, was mich ganze 110GBP gekostet hat. Leider wusste das Exchange Committee nichts davon. In Zukunft kann man das vielleicht mit dem richtigen Formular und Stempel aus Deutschland umgehen.

Visum

Noch ist England in der EU, deshalb war die Einreise absolut kein Problem und selbst in Zukunft dürfte sich daran nicht allzu viel ändern.

Gesundheit

Außer meiner üblichen Reiseapotheke (Ibu, Vomex, Voltaren) und meinen Impfpass, habe ich keine weiteren Vorkehrungen getroffen.
Eine Auslandskrankenversicherung hatte ich noch von früheren Reisen, diese sollte ich auch vorab nachweisen, die Berufshaftpflichtversicherung habe ich einfach über die DÄF bekommen.

Sicherheit

Auch wenn Hull eine Industriestadt ist und vielleicht nicht zu den wohlhabendsten Städten England gehört, habe ich mich hier nie unsicher gefühlt. Mir wurde zwar abgeraten nachts alleine in bestimmten Ecken unterwegs zu sein, aber ich hatte nie den Eindruck, dass mir auf der Straße was passieren würde, egal wie spät ich nachhause gekommen bin. Ein paar seltsame Gestalten gibt es in jeder größeren Stadt, aber nicht Besorgniserregendes.

Geld

Da in Großbritannien mit Pfund bezahlt wird, empfehle ich für den Anfang einfach 50-100€ in Deutschland zu wechseln.
Vor Ort habe ich fast alles mit Kreditkarte bezahlt, was ohne Probleme geht. ATM's zum Abheben findet ihr fast überall. Ich würde aber davon abraten von eurer normalen Debitkarte abzuheben, da dabei in der Regel hohe Gebühren anfallen. Am praktischsten ist es, wenn ihr es schafft euch eine "contactless" Kreditkarte zu besorgen, da ihr damit auch die Öffentlichen zahlen könnt. Ich hatte keine und habe einfach von meiner Kreditkarte abgehoben.
Kleiner Tipp: Habt immer genug Münzen für den Bus dabei. Die Fahrer finden es nicht so lustig, wenn ihr mit Scheinen ankommt.

Sprache

Ich würde behaupten, dass mein Englisch ganz gut ist, also hatte ich damit in normalen Konversationen absolut keine Schwierigkeiten und ans Medical English gewöhnt man sich recht schnell und man lernt auf kreativste Weise zu umschreiben. Der Akzent mancher Locals ist vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber auch da hört man sich ganz schnell rein. Wenn ihr euch sehr unsicher fühlt, besorgt euch einfach ein kleines Medical English Taschenbuch.

Verkehrsbindungen

In Nordengland fährt so gut wie jeder mit dem Auto, was mit bei dem Linksverkehr im Traum nicht eingefallen wäre. Sprich, ich bin entweder viel gelaufen (teilweise 10km am Tag) oder mit dem Bus gefahren.
Die Busfahrkarten sind meiner Meinung nach nicht besonders teuer (ca. 1.70-1.80GBP pro Fahrt, je nach Busunternehmen) und die Busse fahren unter der Woche auch recht regelmäßig. Es dauert nur ewig, um vom einen zum anderen Ort zu kommen, weshalb ich oft einfach gelaufen bin oder versucht habe, mir eine Mitfahrgelegenheit zu besorgen.
Für die Wochenendausflüge empfiehlt es sich früh zu buchen, um günstige Zugtickets zu erwischen oder einfach mit Megabus zu fahren.
Nachts bleibt einem meist nichts anderes übrig, als mit dem Taxi oder Uber zu fahren.

Kommunikation

Free Roaming! - Ich habe mein Handy ganz normal und ohne Einschränkungen benutzt.
Meine Unterkunft hatte anfangs nur einen LAN-Anschluss fürs Internet. Blöd nur, dass ich meinen HDMI-Adapter für den Mac zuhause gelassen habe. Ich habe dann mit dem Accommodation Director gesprochen und der hat mir dann kostenlos einen Router besorgt. Das WLAN hat zwar nicht einwandfrei funktioniert, aber es war absolut ausreichend.

Unterkunft

Ich habe in einer Art Wohnheim gewohnt, dass von dem Krankenhaus gestellt wurde. Da die Medical School auf mehrere Standorte aufgeteilt ist, stellt das Krankenhaus allen Studierenden eine Unterkunft und somit auch uns.
Wir waren maximal 8 Studierende in einem Apartment. Jeder hat sein eigenes Zimmer, Toilette, Dusche und Küche wurden geteilt.
Das Apartment war nichts Besonderes aber absolut ausreichend. Der Vorteil: Man lernt sofort andere Studierende kennen und die waren auch alle super lieb und hilfsbereit. Die Küche war nicht besonders gut ausgestattet, aber die anderen Studierenden haben uns sofort angeboten ihre Töpfe etc. mitzubenutzen, wenn wir was gebraucht haben.

Literatur

Ich habe nichts an Büchern mitgenommen und bin bei fachlichen Fragen mit meiner Amboss-App ganz gut gefahren.
Ein Reiseführer kann sich lohnen, ich habe einfach die anderen Studierenden nach Reisetipps gefragt.
Vor Ort wurde mir die BNF-App empfohlen (das britische Äquivalent zur Roten Liste), allerdings habe ich diese nicht benutzt.

Mitzunehmen

Erstmal eine Liste an Dingen, die man vielleicht nicht so auf dem Schirm hat:
- Bettwäsche (war nicht gestellt)
- Lunchbox, wenn ihr euch Essen mit ins Krankenhaus nehmen wollt
- Schicke Hose/Rock, Bluse/Hemd, ansehnliche Schuhe (nicht unbedingt der Hosenanzug, aber mit Jeans und Sneakern werdet ihr auf jeden Fall nicht gerne gesehen)
- Deutsches Essen für die International Night
- Für die Besitzer von Apple Geräten: HDMI-Adapter für den LAN Anschluss! Kabel wurden gestellt.
Ansonsten natürlich passende Kleidung (Regentauglich!), Adapter, Kamera, Stethoskop und was auch immer ihr eben alles so braucht.
Euern weißen Kittel könnt ihr getrost zuhause lassen!

Reise und Ankunft

Ich bin 2 Tage vor Famulaturbeginn von Frankfurt nach Manchester geflogen und von dort mit dem Zug nach Hull gefahren. Am Bahnhof wurde ich sofort von einer meiner Contact Persons in Empfang genommen und zu meiner Unterkunft gefahren. Durch den plötzlichen und unerwarteten Wintereinbruch war das Reisen mit Öffentlichen nicht unbedingt komplikationslos, aber das kennen wir ja auch von der Deutschen Bahn.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Am ersten Tag habe ich erstmal eine Einführung bekommen und viel Organisatorisches erledigt (Betriebsarzt, Personalabteilung, Führung durchs Klinikgelände) und meinen zuständigen Consultant getroffen.
Ich habe einen kompletten Stundenplan erhalten, der fakultativ war. Damit hatte ich die Möglichkeit verschiedene Kurse und Seminare in der Medical School zu besuchen und selbst zu entscheiden, was mich interessiert und was nicht.
Meine Famulatur habe ich in der Anästhesie und auf der Intensivstation abgeleistet. Der Consultant, der für mich zuständig war, hat sich jede Woche mit mir zusammengesetzt und mit mir eine Art Rotationsplan erstellt, damit ich überall mal reinschauen kann. Dadurch war ich leider ständig auf anderen Stationen und mit verschiedenen Ärzten unterwegs, habe aber auch sehr viele Eindrücke sammeln können.
Ein kurzer Überblick über die Personal-Strukturen:
Jede Station hat einen zuständigen "Consultant" - vergleichbar mit den Oberärzten, der allerdings fast täglich rotiert.
Die "Trainees" - sprich die Assistenzärzte - durchlaufen ihre Rotationen wie in Deutschland.
Es gibt noch die FY1/2 Doctors, die den PJ-Studierende am nächsten kommen, mit dem einzigen Unterschied, dass ein Foundation Year Doctor offiziell Arzt/Ärztin ist.
Zusätzlich gibt es noch Physician Assistants und auch weitergebildete Krankenschwestern, die fast alle ärztlichen Tätigkeiten übernehmen dürfen.
Besonders viel durfte ich leider nicht machen - meine Tätigkeiten beschränkten sich auf Blut abnehmen, Zugänge legen, Medikamente aufziehen, Maskenbeatmung und am Ende durfte ich auch die Larynxmasken schieben, sowie ein paar Tuben. Hier und da hatte ich auch mal ein Sono in der Hand und habe mal Patienten in der Ambulanz aufgenommen.
Schockiert war ich tatsächlich von der vorherrschenden Hygiene. Obwohl England ein sehr fortschrittliches Land in Westeuropa ist, hat im OP teilweise nicht mal der Operateur Mundschutz getragen, von der mangelnden Sterilität am Tisch will ich gar nicht reden. Wir haben auch einfach in der Einleitung Kaffee getrunken. Ein Aspekt im OP, den ich jedoch sehr zu schätzen weiß, ist der freundliche Umgang des Personals miteinander und das morgendliche Briefing des OP Teams bei Schichtbeginn - JEDER stellt sich mit Name und Funktion vor und es werden bereits Besonderheiten und mögliche Komplikationen von allen elektiven Eingriffen besprochen, damit die OP-Vorbereitung auch reibungslos abläuft.
Positiv aufgefallen ist mir das enge Arzt-Patienten-Verhältnis. Die Patienten wurden fast immer mir Vornamen angesprochen und es wurde sehr auf die Privatsphäre geachtet (kaum Besuch auf Station, bei Fragen und Untersuchungen wurden immer Vorhänge oder Türen geschlossen, sodass auch der Patient im Nachbarbett nichts mitbekommt). Da ich auch einige Tage im kinderchirurgischen OP war, habe ich auch da viele Eindrücke sammeln können und habe den Umgang mit den Kindern und auch den Eltern als sehr schön empfunden. Ein Elternteil durfte immer mit in die Einleitung, bis das Kind geschlafen hat und es gab immer einen Film oder Bücher für die Kinder zur Ablenkung, sodass fast alle Kinder immer sehr ruhig geblieben sind und ohne Probleme eingeleitet werden konnten.
Ich war auch einige Tage in der Acute Medical Unit, was an sich ein Zwischenstopp zwischen Notaufnahme/Ambulanz und Station ist. Dort durfte ich viel Allgemeines machen, wie Blut abnehmen, Aufnahmen oder körperliche Untersuchungen.
Das NHS ist dem deutschen Gesundheitssystem nicht ganz unähnlich, wird vom Staat finanziert und gibt jedem Bürger eine adäquate medizinische Versorgung, unabhängig vom Einkommen, nur die freie Arztwahl gibt es leider nicht. Besondere Einschränkungen in der Behandlung von verschiedenen PatientInnen ist mir nicht aufgefallen.
Was mir besonders ins Auge gestochen ist, ist das Fehlen von Hierarchien. Das ganze Personal ist respektvoll miteinander umgegangen, es gab nicht die typischen Lager Ärzte - Schwestern, sondern alle haben als Team gearbeitet. Diesbezüglich kann sich Deutschland wirklich was von den Briten abschauen!
Fun Fact: vormittags wurde immer sehr viel Wert auf eine Tea/Coffee Break gelegt. Ich weiß nicht, ob das an der Anästhesie lag oder ein britisches Ding ist. Ich fand es auf jeden Fall immer sehr süß, wenn ich um 11.00 gefragt wurde, ob ich denn schon meinen Tee hatte.
Die Kommunikation war problemlos, manchmal haben mir die englischen Begriffe gefehlt, wenn mir Fragen gestellt wurden, aber man wird sehr kreativ im Beschreiben.
Alles in allem war ausnahmslos jeder im Krankenhaus immer sehr freundlich und interessiert an den Abläufen in Deutschland. Fachlich habe ich nicht so viel mitgenommen, wie ich mir erhofft habe, aber dafür einen sehr guten Eindruck in das Gesundheitssystem bekommen.

Land und Leute

Unter der Woche habe ich meistens nicht allzu viel unternommen, da ich meistens um ca. 17.00 nach Hause gekommen bin und dann einfach ganz schön müde war - da merkt man erst wie anstrengend es ist den ganzen Tag Medizin auf Englisch zu machen. Außerdem war es durch den Wintereinbruch im März und den Schneefall einfach super kalt und ungemütlich draußen.
Mit unseren Roommates haben wir abends oft was zusammen gegessen, getrunken und einfach etwas Zeit verbracht. An den Wochenenden war ich fast immer unterwegs. Meine Contact Persons haben öfter mal was vorgeschlagen, ob es jetzt ein Filmabend an der Uni war oder eine Medizinerparty im Studentenviertel der Stadt. Wir wurden überall integriert und es hat immer sehr viel Spaß gemacht.
Ein Wochenende sind wir mit unseren Contact Persons nach London gefahren - da wir alle schon mal in London waren, haben wir wenig Touristisches unternommen und waren stattdessen bei einem Ceilidh-Dance (schottisch/irischer Tanz) und in ein paar Museen. Da das Wetter auch nicht besonders gut war, haben wir viel drinnen unternommen und sind nicht wirklich viel durch die Stadt geschlendert. Uns wurde der Borough Market empfohlen, der jedoch sonntags geschlossen ist und wir ihn so leider nicht zu sehen bekommen haben.
Unsere Unterkunft war die WG eines Medizinstudenten in London, von unseren Contact Persons organisiert und damit umsosnt.
Und für die Harry Potter Fans: Ich empfehle euch auf jeden Fall zu versuchen, Tickets für Harry Potter and the cursed Child zu bekommen! Wir sind, just for fun, 5 Minuten vor Showbeginn ins Ticketoffice und haben Tickets für 40GBP ergattert, ganz ohne anstehen!
Mein Reisefavorit für diesen einen Monat war definitiv Edinburgh! Das Wetter war traumhaft, als ich da war und jeder, der historische Städte, Architektur und weite, grüne Landschaften mag, wird Edinburgh (und Schottland) einfach lieben. Als Tipp: Es gibt diverse Walking Touren (Stadttouren, Ghost Walks und Harry Potter Touren) for free und trotzdem qualitativ ziemlich gut.
Generell sind die Engländer einfach super höflich und hilfsbereit. Ich habe mich öfter mal auf dem Klinikgelände verlaufen, bzw. wusste nicht so richtig wo ich hinmuss und es hat sich immer jemand gefunden, der mir den Weg gezeigt hat oder für mich die richtige Person angerufen hat!
Da ich vor meinem Austausch nur London kannte, war ich sehr überrascht wie günstig alles in Hull ist (wobei es wohl auch eine der günstigsten Regionen in England ist) und wie viele schöne andere Städte es in der UK gibt.
Auch die "Nachbarstadt" York ist kulturell wirklich schön und auf jeden Fall einen Tagestrip wert. Die Shambles und das Minster sind ein absolutes Muss!
Ich habe noch einen Tagestrip in einen der Nationalparks in der Umgebung unternommen, der leider zu einem sehr nassen Unterfangen wurde. Dadurch konnte ich die schönen Orte nicht so sehr genießen, aber bei schönem Wetter ist Whitby auf jeden Fall einen Besuch wert! Super schöne Altstadt und im Sommer ein sehr schöner Strand.
Die letzten 2 Tage vor Abreise habe ich in Manchester verbracht und war etwas enttäuscht. Vielleicht lag es am endlosen Regen und der Kälte, aber richtig schön fand ich die Stadt nicht. Die Art Gallery und das Manchester Museum sind einen Besuch wert und die Kathedrale, sowie die riesige Fußgängerzone sind ganz schön, wenn man nochmal shoppen gehen will, aber ansonsten doch recht unspektakulär.
Das Studentenleben bleibt auf keinen Fall aus. Es gibt unzählige Cafés, Bars und Restaurants, sowie den ein oder anderen Club, die ich gerne alle ausprobiert hätte!
England ist auf keinen Fall nur London und ein bisschen Grün. Es gibt super viele schöne Städte zu erkunden, die alle gut mit Zug/Bus zu erreichen sind, aber was ich am meisten zu schätzen weiß, ist die endlose Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft von so ziemlich jedem, dem ich begegnet bin!

Fazit

Fachlich war es vielleicht nicht unbedingt die beste Famulatur, aber ich hatte eine unfassbar tolle und lustige Zeit in England, habe viele Freundschaften geschlossen und viel vom Land gesehen.
Ich würde jedem einen Austausch hier empfehlen, um einen Eindruck vom Gesundheitssystem zu bekommen und tolle Kontakte zu knüpfen.
Ich persönlich würde auf lange Sicht nicht in Großbritannien arbeiten wollen, da ich das deutsche Gesundheitssystem doch sehr zu schätzen weiß. Zum Reisen werde ich aber definitiv zurückkommen und kann einen Famulaturaustausch in York/Hull auf jeden Fall weiterempfehlen!

Wenn ihr noch Fragen habt, könnt ihr mir gerne eine Mail schreiben: s.kress95@gmail.com

zurück