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Taiwan (FMS Taiwan)

Augenheilkunde - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Anya, Horb

Motivation

Ich wollte gerne auch im medizinischen Bereich einen Blick über den Tellerrand werfen und die Medizin und ärztliche Tätigkeit in ganz anderem Kontext und in sehr anderen Ländern kennenlernen. Am ehesten hat es mich nach Asien gezogen, Hongkong oder Taiwan, da mich die jeweilige Kultur sehr interessiert, die medizinische Versorgung auf hohem Niveau stattfindet, und ich trotz der großen Unterschiede auch in meinen entsprechenden Famulatur-Fächern viel mitnehmen wollte. Erwartet habe ich mir, meinen Horizont erweitern zu können, auch medizinisch.

Vorbereitung

Zur Vorbereitung auf meinen Aufenthalt habe ich ein Semester zuvor den Uni-Kurs „Medizinisches Englisch“ besucht, was mir geholfen hat, wieder etwas flüssiger Englisch zu sprechen, bevor ich ankam. Die Formalitäten für den Aufenthalt musste ich sehr kurzfristig erledigen, was allerdings trotzdem noch gut ging. Das Tzu Chi Hospital Hualien verlangte kurz vor Abreise noch einige Gesundheits- Bescheinigungen von mir. Ich durfte jedoch alles vorab per E-Mail abgeben. Auch wenn ich nicht alles rechtzeitig vorgewiesen hätte, hätte es sicherlich dennoch eine Lösung gegeben, da die Kontaktpersonen sehr entgegenkommend waren. Auch mein Zertifikat/ die Famulatur-Bescheinigung über 30 Tage wurde mir am Ende problemlos ausgestellt, obwohl dies anfangs nicht so schien.

Visum

Ein Visum war für eine Famulatur in Taiwan nicht notwendig.

Gesundheit

Vor meiner Abreise war ich bereits in jeder nur möglichen Weise reise-geimpft, so dass ich keine Reiseimpfung mehr in Erwägung zog. Ansonsten wäre ich wohl zur Beratung ins Tropeninstitut gegangen. Eine gute Abdeckung durch eine Auslandskrankenversicherung besaß ich ebenfalls bereits, von welcher ich mir eine Bescheinigung auf Englisch ausstellen lies, womit ich die Abdeckung meiner Versicherung im Ernstfall vor Ort genauer nachweisen hätte können. Eine kleine Reiseapotheke hatte ich ebenfalls dabei. Diese war allerdings völlig unnötig, da die medizinische Versorgung vor Ort sehr gut ist und jederzeit alles leicht oder sogar besser dort zu erhalten ist. Eine ärztliche Bescheinigung über meinen allgemeinen Gesundheitszustand, einen Röntgen-Thorax und Tuberkulose-Test musste ich vor meiner Ankunft per E-Mail über meine Kontaktperson in Hualien vorweisen. Mein Hausarzt half mir, alles schnell zu erhalten. Vor Ort hatte ich, trotz einigermaßen mückenfreiem Monat März, häufiger mit Stechmücken zu kämpfen. Besonders lästig waren die Stiche von ungefährlichen aber sehr aggressiven kleinen Mücken, die es angeblich vor allem in Hualien gibt, und nicht nach gewöhnlichen Mückenstichen aussehen. Guter Mückenschutz ist ratsam.

Sicherheit

Die Sicherheitslage in Taiwan, speziell in Hualien, war zur Zeit meiner Reise sehr gut, bis auf das schwere Erdbeben, das zwei Wochen vor Ankunft in Hualien wütete. Die Unterkunft und das Krankenhaus in Hualien sind allerdings sehr sicher gebaut, so dass ich mir trotz Nachbeben keine Sorgen mehr machte, als ich ankam. Die drei bewusst erlebten Nachbeben waren für taiwanische Verhältnisse kaum beachtenswert und nicht besonders gefährlich oder erschreckend. Die Wahrscheinlichkeit, in Taiwan von einem sehr schweren Erdbeben überrascht zu werden, ist verschwindend gering. Ansonsten ist Taiwan momentan sicherlich eines der sichersten Reiseländer, auch für Frauen. Ich habe mich nirgendwo je bedroht oder unwohl gefühlt.

Geld

In Taiwan bezahlt man mit NTD, am besten bar oder mit Kreditkarte. Ich habe direkt am Flughafen nach Ankunft in Taiwan eine größere Summe Bargeld abgehoben, was hilfreich war. Allerdings gibt es auch an jeder Ecke Geldautomaten um abzuheben. Die Preise im Vergleich zu Deutschland sind durchschnittlich etwas niedriger: Essen zu gehen bzw. Verpflegung ist sehr günstig. Drogerie- und Kosmetikartikel sind allerdings eher etwas teurer als bei uns. Das öffentliche Verkehrssystem ist in der Regel günstiger als bei uns.

Sprache

In Taiwan spricht man vor allem Chinesisch und Taiwanesisch. Vor allem für den Patientenkontakt im Krankenhaus wäre es durchaus gut, wenn man des Chinesisch mächtig ist. Ich selbst bin allerdings nur mit sehr guten Englischkenntnissen angereist, was bis auf den Patientenkontakt ansonsten in Taiwan kein größeres Hindernis war. Die meisten Menschen, welchen man begegnet, bemühen und freuen sich, Englisch mit einem sprechen und üben zu dürfen. In Taiwan sind die meisten Menschen überaus gastfreundlich und hilfsbereit, sodass selbst bei fehlenden Englischkenntnissen einer Art Konversation mit allen möglichen Hilfsmitteln und unter Mithilfe weiterer dazukommender Personen, nichts im Wege steht. Man findet sich im Großen und Ganzen sehr leicht zurecht, selbst wenn man nicht alles lesen kann. Außerdem sprechen am Krankenhaus fast alle Ärzte recht gutes Englisch mit chinesischem Akzent, an den man sich gewöhnt.

Verkehrsbindungen

Das Reisen in Taiwan ist sehr komfortabel und recht günstig. Alle Städte sind mit einem Schienennetz untereinander verbunden, so dass man mit dem Zug einmal um die Insel fahren kann. Der Zug verkehrt zuverlässig und häufig. Für manche Strecken und für den Highspeed-Zug sollte man am Wochenende lieber Plätze im Voraus buchen, da häufig voll (Taipei-Hualien-Taipei). Neben dem Zug gibt es ein gutes Busnetz, welches sich allerdings nur für abgelegenere Orte anbietet. Taxifahrten sind in Taipei günstiger als in Deutschland, in Hualien allerdings nicht ganz so günstig. In Hualien kommt man außerdem gut mit dem OBike von A nach B, falls man genügend Zeit hat auch zu Fuß. In Taipei wiederum steigt man trotzdem am besten mit der EasyCard in die Metro. Wer einen Internationalen Führerschein mitbringt, kann sich für besonders abgelegene Strecken und Orte auch ein Auto mieten, was etwas günstiger ist als in Deutschland.

Kommunikation

Ich habe mir gleich nach Ankunft am Flughafen in Taipei eine unbegrenzte Sim-Karte für Taiwan über 35 Tage zugelegt, was sich gelohnt hat. Das Netz in Taiwan ist überall sehr gut d.h. deutlich besser als in Deutschland, so dass man jederzeit gut erreichbar ist und schnelles Internet zur Verfügung hat.

Unterkunft

Ich war in einem Wohnheim mit Zimmer für vier Personen direkt im Park hinter dem Krankenhaus untergebracht. Das Zimmer war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, da nicht allzu sauber, mit Schimmel im Badezimmer und einer sehr harten Matratze im Stockbett. Ansonsten gab es im Zimmer einen Kühlschrank und eine kleine Küchenzeile, Bad mit Dusche und Toilette, Klimaanlage, Bett mit vorhandener Bettwäsche, Schreibtisch und Schränke. Im Flur bzw. vor der Unterkunft befanden sich außerdem ein Trinkwasserspender mit kochendem oder kühlem Wasser sowie Waschmaschine, Wäscheschleuder, Trockner und Fahrradabstellplätze. Die Unterkunft wurde mir gestellt.

Literatur

Zur Vorbereitung habe ich mich vor allem online informiert. Da ich bereits Freunde in Taiwan hatte, genügte mir das. Außerdem ist der Lonely Planet für den Anfang und Einstieg in Taiwan sicher hilfreich. Ist man erst einmal da, erfährt man allerdings das Meiste und Beste im Gespräch mit den Menschen, die man vor Ort kennenlernt.

Mitzunehmen

Für die Famulatur am Tzu Chi Hospital in Hualien benötigt man keinen eigenen Kittel. Stethoskop etc. sollte man mitbringen. Passend sind dunkle, nicht helle Schuhe und Hosen für das Krankenhaus sowie konservativere Blusen oder Hemden unter den Kittel. Da ich dies nicht wusste, hatte ich weiße Schuhe dabei, was allerdings auch nicht weiter schlimm war. Während meiner Zeit in Taiwan an sich war ich froh über leichte Kleidung, einen Reiserucksack für die Wochenendausflüge, eine Regenjacke/einen Schirm und typisch deutsche Geschenke, welche ich aus Deutschland mitgebracht hatte. In Taiwan ist der Austausch kleiner Geschenke sehr gern gesehen. Die Mitbringsel, wie zum Beispiel Süßigkeiten, sollten „made in Germany“ sein. Regionale Mitbringsel sind ideal, da es in Taipei sehr viele deutsche Produkte zu kaufen gibt.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief problemlos. Ich flog mit Emirates über Dubai nach Taipei. Vom Flughafen fährt man mit der Metro in 30 Minuten direkt zum Hauptbahnhof ins Zentrum von Taipei City. Von dort aus fährt auch der Zug nach Hualien weiter, was etwa zwei weitere Stunden dauert. Allerdings verbrachte ich die ersten beiden Tage noch in Taipei. Einen Tag vor Beginn meiner Famulatur fuhr ich weiter nach Hualien. Alles ist gut und auf Englisch ausgeschildert, so dass man seinen Weg leicht findet. In Hualien wurde ich von meiner Kontaktperson direkt am Bahnhof mit dem Taxi abgeholt und zu meiner Unterkunft am Krankenhaus gebracht, wo ich mich erst einmal einrichten konnte.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Am Tzu Chi Hospital Hualien war ich sowohl zwei Wochen in der Augenheilkunde als auch weitere zwei Wochen in der Kardiologie. Am ersten Tag in der Augenheilkunde wurde ich bei der Morgenbesprechung vorgestellt. Darauf wurde mir ein Resident zur Seite gestellt, den ich jederzeit alles fragen konnte. Mir wurden weiterhin alle Tätigkeiten und häufigen Krankheiten sowie Personen und Räumlichkeiten der Abteilung vorgestellt. Tags darauf bekam ich denselben Stundenplan wie weitere Studenten aus Taiwan, die in derselben Zeit in die Abteilung für Augenheilkunde rotierten, so dass ich mich bei allem auch an sie wenden konnte. Der Tag begann meist gegen 7:30 oder 8:00 mit der Morgenbesprechung oder ein Fortbildung, an der auch die Studenten teilnahmen. Daraufhin konnte ich meistens bei den Eingangsuntersuchungen der Patienten helfen oder den Sprechstunden der Ärzte beiwohnen. Nach einer Mittagspause hatten wir meistens Unterricht oder durften in den Augen-OP. Der Tag in der Abteilung für Augenheilkunde war meistens sehr lange und endete erst gegen 17:00 oder später. Da ich jedoch zur Famulatur dort war, hätte ich auf Nachfrage sicherlich häufiger früher gehen dürfen. In der Abteilung für Augenheilkunde konnte ich jedoch sehr viel mitnehmen und lernen, so dass ich gerne lange blieb. Alle waren sehr bemüht, mir möglichst viel zu erklären und nahmen sich sehr viel Zeit dafür. Außerdem wurde mir geduldig alles auf Englisch übersetzt. Die Atmosphäre zwischen Pflegern, Ärzten und Studenten war immer sehr gut, ruhig und respektvoll, so dass ich mich schnell wohl und immer gut betreut fühlte und viel lernen konnte.
Meine Tage in der Kardiologie begannen häufig später. Oft hatte ich zwischendurch frei oder konnte früher gehen, da der Stundenplan für die Studenten des Tzu Chi Hospitals in der Kardiologie ebenfalls nicht so voll war, wie es der Stundenplan in der Abteilung für Augenheilkunde gewesen war. Hatten wir Unterricht oder Bedside-Teaching, wurde uns jedoch auch hier alles sehr geduldig und gut erklärt. In der Abteilung für Kardiologie wäre jedoch mehr Eigeninitiative gefragt gewesen, um noch etwas mehr mitnehmen zu können.
Im Allgemeinen haben mich am Tzu Chi Hospital der menschliche Ansatz und Umgang mit den Patienten und unter den Kollegen ebenso beeindruckt wie die Integration der Traditionellen Chinesischen Medizin. Auch das System am buddhistische Tzu Chi Hospital, getragen von unglaublich vielen Volunteers, war beeindruckend.
In Taiwan gibt es ebenfalls eine gesetzliche Krankenversicherung für alle. Da ein Besuch im Krankenhaus den Bürger jedoch nicht viel kostet, führt dies zu überdurchschnittlich vielen Krankenhausbesuchen und einer großen Menge an Patienten, welche die Ärzte täglich behandeln müssen.
Die medizinische Ausbildung dauert in Taiwan 7 Jahre und unterscheidet sich grundlegend nicht allzu sehr von der Ausbildung in Deutschland.

Land und Leute

An den Wochenenden, die wenigen Tage vor und nach meiner Famulatur sowie unter der Woche abends habe ich sehr viel von Land und Leuten gesehen und viel unternommen, worüber ich sehr froh bin. Von Taiwan kann man in einer recht kurzen Zeit relativ viel sehen, da die Distanzen auf der Insel überschaubar sind. Doch lohnt es sich ganz sicher auch, mehr Zeit in Taiwan zu verbringen, da es wirklich viel zu sehen gibt, und das Land mit immer neuen, schönen Überraschungen aufwartet. Langweilig wird Taiwan nicht so schnell. Wer kann, sollte sich vor oder nach der Famulatur noch etwas Zeit nehmen, um zu reisen. Taipei, Tainan, die Ostküste, Taroko, Taitung und der Sonne-Mond-See sind auf jeden Fall einen Besuch wert. Auch der Norden, Tamsui und Juifen lohnen sich sehr. Von Hualien aus ist es im Gegensatz zu Taipei etwas schwieriger, beispielsweise Tainan oder den Sonne-Mond-See zu besuchen, da man mit dem Zug oder dem Auto komplett über das Süd- oder Nordende der Insel fahren muss, und dies Zeit braucht. Ein verlängertes Wochenende, falls möglich, ist hierfür besser geeignet. Wofür mir die Zeit nicht ausreichte, was aber sicherlich ein sehr schönes Erlebnis ist: Die Insel, v.a. die Ostküste mit dem Fahrrad zu erkunden. Ein Netz an Fahrradwegen durchzieht die gesamte Insel, besonders die Küste, und eine Fahrradreise bietet sich im März bei noch angenehmen Temperaturen an. Im August/September könnte es dafür jedoch zu heiß und feucht sein.
Im Allgemeinen ist Taiwan ein wunderschönes, sehr fortschrittliches, sicheres, komfortables Reiseland, reich an Kultur und Naturschönheit sowie sehr gutem Essen. Etwas ganz Besonderes sind allerdings die Menschen, die einem das Ankommen sehr leicht und den Abschied sehr schwer machen. Selten habe ich soviel geballte Gastfreundschaft, Offenheit, rücksichtsvolle Hilfsbereitschaft, bescheidene Freundlichkeit und ehrliche Liebenswürdigkeit erlebt. Man fühlt sich in Taiwan daher schnell wohl und kommt, trotz fremder Kultur, sehr schnell an und gewinnt leicht echte Freundschaften. Wer nicht möchte, der wird hier keine einsame Stunde verbringen müssen. In Taiwan sind Europäer außerdem eher gerne gesehen. Gerne nehmen einen neue Freunde und Bekannte aus Taiwan meistens auch mit auf ihre Ausflüge, was selbstverständlich die besten Einblicke gewährt.
Bereut habe ich hin und wieder, dass ich kein Chinesisch sprechen konnte, da ich mit entsprechenden Kenntnissen noch viel mehr mitbekommen hätte, und das Land die idealen Übungsmöglichkeiten zum Vertiefen von chinesischen Sprachkenntnissen bietet.

Fazit

Meine Erwartungen an meine Famulatur in Taiwan wurden weit übertroffen. Ich hatte sowohl in persönlicher als auch in medizinischer Hinsicht eine wirklich wunderschöne, intensive und lehrreiche Zeit, die mich sehr bereichert und die ich nicht missen möchte. Die Gelegenheit für einen weiteren Auslandsaufenthalt würde ich mir nach dieser Erfahrung auf jeden Fall nicht entgehen lassen. Nach Taiwan werde ich ganz sicher einmal zurückkehren und kann mir vorstellen, dort auch eine längere Zeit zu verbringen.

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