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Egypt (AECS)

Notfallmedizin - SCOPE (Famulaturaustausch)
von jana , Jena

Motivation

Es zieht mich schon seit meiner jüngsten Kindheit ins Ausland, ganz genau warum weiß ich eigentlich gar nicht. Dann habe ich bei jeder meiner Reisen und längeren Auslandsaufenthalte für Praktika, Austausch oder Arbeit immer so gute Erfahrungen gesammelt, dass ich noch neugieriger geworden bin andere Länder und Kulturen kennen zu lernen.
Ägypten war sozusagen ein Glücksgriff, da ich bei meiner regulären Bewerbung abgelehnt wurde und mich dann aus dem Bauch heraus für Ägypten als Restplatz entschieden habe.

Vorbereitung

Ehrlich gestanden habe ich mich kaum vorbereitet. Den provisorisch gekauften Reiseführer habe ich kaum hineingeschaut und bei dem arabischen Wörterbuch sah es ähnlich aus. Jedoch habe ich mich sehr schnell mit meiner Gastorganisation in Verbindung gesetzt, sowohl über FB als auch über Mail und WhatsApp und konnte so alle Fragen klären.

Visum

Ich habe ein Visum online beantragt, um länger als die 30 Tage bleiben zu können.
Das ging super schnell und hat ohne Probleme geklappt.

Gesundheit

Da ich schon viel gereist bin und bereits in Kenia ein Jahr gearbeitet habe, musste ich mich nicht nochmal impfen lassen.
An Reiseapotheke habe ich die üblichen Durchfallmittel, Schmerzmedikamente und Plaster mitgenommen und kam damit sehr gut klar.

Sicherheit

Da Ägypten so eine schlechten Ruf genießt, gab es von Seiten meiner Familie und meiner Freunde Bedenken bezüglich eines Austausches. Doch da ich von vorherigen Reisen weiß, dass die Suppe heißer gekocht als gelöffelt wird, habe ich auf meine Organisation vor Ort vertraut und es gab nie einen Moment im Austausch wo ich mich unsicher gefühlt habe; selbst bei den landesweiten Wahlen, in dem doch politisch nicht so stabilen Land, kam es kaum zu Ausschreitungen.

Geld

Die ägyptische Währung ist Pound. Ich hatte eine Kreditkarte mit der ich problemlos überall abheben konnte. Eine Wechselstube zu finden ist oft nicht so einfach, deswegen würde ich allen zu einer Kreditkarte raten. Die Lebenshaltungskosten sind in Ägypten sehr gering, so kann man leicht in einem Restaurant für 50ct satt werden.

Sprache

Die Landesprache in Ägypten ist arabisch; außer ein paar Brocken nach dem Austausch habe ich kaum etwas lernen können, weil die Sprache sehr schwierig ist.
Dies machte die Kommunikation mit den PatientInnen natürlich sehr schwierig und es musste beim Patientenkontakt immer ein Arzt übersetzen. Die Lehre erfolgt in Ägypten komplett auf englisch was ein sehr großer Vorteil ist, jedoch waren wegen des starken Akzents viele Ärzte kaum zu verstehen.
Mein Tipp wäre ein arabisch-deutsches Bilderbuch mitzunehmen, das hat mich öfters sehr geholfen.

Verkehrsbindungen

Nach Ägypten kommt man eigentlich nur mit dem Flugzeug. Es fliegen zwar täglich mehre Flüge jedoch sind die Verbindungen nach Kairo überraschend teuer; so habe ich mit 320€ für einen Gabelflug noch ein echtes Schnäppchen gemacht.
Man muss am Flughafen in Kairo wegen den strikteren Sicherheitsvorkehrungen, aber mindestens eine Stunde einplanen.

Kommunikation

Da der Austausch ja nur 4 Wochen geht, habe ich außer eine ägyptische Simkarte keine andere Versuche unternommen nach Hause zu kommunizieren.
Mit der ägyptischen Simkarte konnte ich Whatsapp und Telegramm, sowie Mails nutzen; Skype oder Whatsapp telefonieren hat aber nicht funktioniert, ich habe auch bis zum Ende nicht herausgefunden warum.

Unterkunft

Ich kam mit zwei anderen Mitfreiwilligen in einem eigenem Apartment unter. Dies befand sich jedoch relativ weit weg von unserer Einsatzstelle, sodass wir mit Uber bei Rushhour oft über eine Stunde brauchten.
Als wir ankamen gab es keine Decken, wir haben aber bereits am nächsten Tag billig welche erwerben können.

Literatur

Tatsächlich hatte ich das Glück, dass ich zwei gute Freundinnen habe, die längere Zeit in Kairo gelebt haben bzw. noch leben. Deswegen habe ich meist auf deren Schilderungen vertraut und auch schon im Vorfeld mit Ihnen meine Fragen geklärt. Die Seite des Auswärtigen Amtes empfinde ich meist persönlich als unterschwellige Panikmache und kann sie besonders besorgten Eltern nicht empfehlen.

Mitzunehmen

Für das Praktikum im Speziellen habe ich zwei Monturen Scrubs, einen Kittel und krankenhaustaugliche Schuhe mitgenommen. Letztendlich hätte der Kittel alleine aber auch ausgereicht.
Vermisst habe ich nichts, da ich eigentlich immer einen Ansprechpartner hatte, falls z. B. das Ladekabel kaputt ging und sofort ein Neues besorgt wurde.
Überschauliche Reiseapotheke und Schlafsack-Inlet sind zu empfehlen.

Reise und Ankunft

Meine Anreise verlief problemlos, so wurde ich nachts vom Flughafen abgeholt, gleich mit Simkarte ausgestattet und ins Apartment gebracht. Ich hatte 3 Tage Zeit bis der Austausch begonnen hat, währenddessen hatte AMSA ein Social Programme (Sightseeig, Kulturelles, Sportliche Aktivitäten,etc.) organisiert.
Bevor unser eigentliches Praktikum begonnen hat wurden wir durch einen AMSA Ansprechpartner unserem ärztlichen Supervisor vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe mein Praktikum in der Notaufnahme des Al Hussein Hospital in Kairo absolviert. Jedoch ist der "Emergency Room" in Ägypten eher mit einer deutschen Intensivstation zu vergleichen. Es werden dort PatientInnen behandelt, die entweder akut schwerst erkrankt sind oder deren chronische Erkrankung sich massiv verschlechtert hat.
Meine Aufgabe, und die meiner Beiden Mitpraktikantinnen war es meist vormittags einem bereits abprobierten Arzt bei seiner Vorlesung zuzuhören, mitzuschreiben und Fragen zu beantworten. Danach wurden uns meist genau solche PatientInnen gezeigt, die unter der zuvor behandelten Erkrankung (COPD, Pneumonie, Schlaganfall,...) litten. Dadurch wurden Theorie und Praxis sehr schnell miteinander verbunden und erlaubte mir so ein anschaulicheres Lernen als es in Deutschland der Fall ist. Danach begleiteten wir die Visite, wo wir oft unter Supervision körperliche Untersuchungen durchführten, Anamnesen erhoben (mit Übersetzung, meist durch ägyptische Studierende, da die meisten PatientInnen kein englisch verstehen können), Differentialdiagnosen stellten und Therapievorschläge machen konnten.
Die ganze Visite gestaltete sich als Frage und Antwort-Spiel und mir schien es oft, als läge die Aufmerksamkeit der Ärzte mehr auf unserem Lernerfolg anstatt konkrete Behandlungsvorschläge für den Patienten kollegial zu diskutieren.
An sich nahmen wir während der ganzen Zeit eine Sonderposition ein, da wir schon durch das Nichttragen eines Kopftuches, unserem Aussehen und allein der Tatsache, das wir weiblich sind extrem auffielen. Das Al Hussein Hospital ist ein streng islamisches Universitätskrankenhaus, das zwei verschiedene Kliniken besitzt,in dem einem arbeiten nur Ärzte in dem anderen nur Ärztinnen. Unser Praktikum absolvierten wir jedoch in der männlichen Klinik und wir hatten nicht die Möglichkeit in den weiblichen Teil zu wechseln. Obwohl wir von unserem AMSA-Ansprechpartner vor Ort instruiert wurden, wie wir uns am besten auf Annäherungsversuche freundlich abweisend verhalten sollen, war es doch befremdlich von Oberärzten ständig nach Handynummer, Fb-Daten oder Selfies gefragt zu werden.
Ich habe in den 4 Wochen zwar sehr viel Theorie gelernt und Krankheitsbilder (ausgeprägte Sklerodermie), jedoch blieb meiner Meinung nach die Supervision von praktischen Fähigkeiten wie Blut abnehmen, Infusionen legen, etc. auf der Strecke. Jedoch muss hier erwähnt werden, das dies in Ägypten anders wie in Deutschland, die KrankenpflegerInnen übernehmen und dies nicht Aufgabe der ÄrztInnen ist.
Da ich bereits schon Erfahrungen mit Krankenhäusern in Ländern des globalen Südens sammeln konnte, haben mich die hygienisch sehr schlechten Bedingungen nicht komplett überrascht. Oft hatte ich das Gefühl, dass den besonders in der Lehre sehr engagierten Ärzten durch finanzielle und staatliche Limitationen die Hände gebunden sind, um eine bessere Versorgung der PatientInnen zu gewährleisten.
Ein Vergleich mit dem deutschen Gesundheitssystem fällt mir sehr schwer, da wie bereits erwähnt viele Dinge sehr unterschiedlich strukturiert sind.

Land und Leute

Die Zeit in Ägypten wird mir immer in Erinnerung bleiben, da die lokale Organisation vor Ort wirklich alle verfügbaren Hebel in Bewegung gesetzt hat, um uns wunderschöne Erfahrungen zu ermöglichen und uns in der doch relativ kurzen Zeit alles zu zeigen.
Anfangs waren wir drei Outgoings ein wenig überrascht als uns gleich nach dem Tag unserer Ankunft mitgeteilt wurde, das für uns jeden Tag ein "Social Programme" organisiert wurde und uns auch täglich immer eins bis fünf Ansprechpartner zu Verfügung standen. Wir hätten es gut gefunden, wenn uns das jemand vorher kommuniziert hätte, da unsere eigenen Pläne (Besuch aus Deutschland, Kontakte im Gastland, etc.) dann doch damit teils interferierten, obwohl dann immer ein Kompromiss gefunden wurde.
Jeden Tag direkt nach dem Praktikum ging es dann für uns auf Sightseeing Tour, zum Wandern, zum Kegeln, zum Shoppen, etc. Das Programm ermöglichte uns unter der Woche Kairo von allen Seiten kennen zulernen und da für das Wochenende jeweils Trips geplant wurden (Alexandria, Luxor, Scharm El Sheikh) sahen wir viele der schönsten Orte Ägyptens. Nach zwei Wochen waren wir aber alle drei meist sehr müde, da die zwar voller Erfahrungen, aber auch sehr langen Tage viel von uns abverlangten. Noch dazu kam, dass trotz einer handvoll konstanter AMSA-Mitglieder, uns jeden Tag neue ägyptische Medizinstudierende kennen lernen wollten und wir uns nach einem Tag Ruhe sehnten.
Nach längeren Diskussionen mit unserem "Boss" (Leo), war es dann auch in Ordnung nicht jeden Tag bis 0 Uhr mit dem Social Programm involviert zu sein. Abgesehen von ein paar Meinungsverschiedenheiten was meine Selbständigkeit als Frau angeht, kam ich mit allen Gastgebern sowohl von AMSA als auch im Krankenhaus sehr gut aus und konnte darüber hinaus auch Freundschaften schließen, die hoffentlich ein Leben lang halten. Ich habe soviel Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Organisationstalent noch nie vorher erlebt und bin allen die mir diese tolle, erlebnisreiche Zeit ermöglicht haben sehr dankbar.
Da die Preise in Restaurants in Kairo sehr billig sind und wir dank unseres vollen Terminplans keine Zeit zum Kochen hatten, sind wir fürs Essen immer ausgegangen und ich habe die ägyptische Küche lieben und schätzen gelernt.
An Besonderheiten ist mir vor allem aufgefallen, dass im Alltag Frauen und Männer sehr getrennte Wege gehen und in Sachen Beziehung und Sexualität sehr konservative Meinungen vorherrschen. Wir haben oft versucht unsere Haltungen z. B. bezüglich Homosexualität auszutauschen und das hat mir geholfen Zusammenhänge besser zu verstehen und nicht vorschnell zu urteilen.
Durch AMSA habe ich so viele Dinge gemacht und habe unglaublich schöne Orte gesehen, was ich davor nicht zu träumen gewagt hatte; dementsprechend bin ich zu viel mehr gekommen als ich erwartet habe.

Fazit

Meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt, wie bereits erwähnt bin ich sehr dankbar, dass ich die Gelegenheit genießen durfte an dem Austausch teilzunehmen. Allein die Tatsache, dass ich versucht habe mich schon während des Austausches zweimal für ein weiteres Praktikum zu bewerben, drückt meine Begeisterung sehr gut aus.
Tatsächlich könnte ich mir nach dem Austausch gut vorstellen für längere Zeit in Kairo zu arbeiten.

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