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Taiwan (FMS Taiwan)

Orthopädie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Katharina Henrike, Köln

Motivation

Ich wollte mir gern ein Gesundheitssystem angucken, welches sich von dem Deutschen unterscheidet. Dafür wollte ich gern ein asiatisches Land wählen, Taiwan bot sich da an.
Wegen der Sprachdifferenzen hatte ich nicht mit einem großen Lernerfolg gerechnet.

Vorbereitung

Vorbereitet habe ich mich eigentlich gar nicht, ich habe lediglich alle angeforderten Dokumente zusammengesammelt und mich impfen lassen. Ungünstig war, dass ich 2 Wochen vor Famulaturbeginn noch nachträglich nach einem Röntgenthorax gefragt wurde...

Visum

Unter 90 Tagen Aufenthalt in Taiwan wird von deutschen Staatsbürgern kein Visum verlangt!

Gesundheit

Ich habe mich gegen Japanische Enzephalitis impfen lassen und Hep A und B aufgefrischt. Tollwut habe ich sein lassen. Im Nachhinein war das auch völlig in Ordnung: Auch wenn ich viel rumgereist bin und auch wilde Affen gesehen habe, ist das Land reisetechnisch völlig unkompliziert! Die Mücken, die JE übertragen, gibt es dort auch hauptsächlich in den schwüleren Sommermonaten und nicht im Frühjahr.

Sicherheit

Sicherheitstechnisch ist Taiwan mindestens auf gleichem Stand mit Deutschland. Dort hieß es immer, ich könne als europäische Frau ruhig nachts mit meinem Portemonnaie auf dem Kopf herumlaufen und mir würde nichts passieren. Habe mich dort zu jedem Zeitpunkt komplett sicher gefühlt!

Geld

Gezahlt wird mit New Taiwan Dollars (NT$), der Kurs lag zu meiner Reisezeit ungefähr bei 1:35. Grundsätzlich habe ich alles über ATMs mit meiner Kreditkarte und dann Bargeld gehandhabt, das war auch immer völlig unkompliziert, Geldautomaten gibt es dort überall. Man kann auch meistens mit Kreditkarte zahlen.
Alles ist grundsätzlich etwas günstiger als in Deutschland, vor allem auf den Street-ständen und Night markets kann man günstig essen. Die Hostels und Hotels auf meinen Wochenendtrips waren auch gut bezahlbar, tendenziell ähnlich/günstiger im Vergleich zu Deutschland.

Sprache

In Taiwan wird hauptsächlich Mandarin gesprochen. Die Ärzte im Krankenhaus konnten auch Taiwanesisch, die Sprache wird hauptsächlich von der älteren Bevölkerung gesprochen.
Ich bin ohne jegliche Mandarin-Kenntnisse dort hingereist.
Der RIESEN Vorteil zu allen anderen asiatischen Ländern ist, dass dort das Medizinstudium und die gesamte Dokumentation auf Englisch erfolgt! Dadurch sprachen alle Ärzte (wenn auch einige mit sehr sehr starkem Akzent und wenig Praxiserfahrung) Englisch. Manchmal ist es etwas schwer, zu verstehen, was sie einem gerade erzählen, aber man gewöhnt sich sehr an den Akzent. Die Sprache im Morning Meeting war ebenfalls Mandarin, PowerPoint Folien der Vorträge waren dennoch auf Englisch. Riesen Vorteil! Patientenakten kann man sich so allein durchlesen und die OP-Berichte nacharbeiten (Allerdings sind die Programme, durch die man sich klicken muss, um auf die Berichte zu kommen, Chinesisch... Hilfe bekommt man aber immer!)
Keiner Erwartet von einem Europäer, dass er Chinesisch spricht- sie freuen sich aber total, wenn du einfache Wörter wie ‚Danke’ oder ‚Krankenhaus’ lernst. Geht aber locker vor Ort- ich habe eine ganze Menge gelernt
Zu beachten ist, dass in der Stadt und vor allem in den Ländlicheren Bereichen viele Leute kein Englisch verstehen. Für mich war das daher schwierig, da ich Vegetarier bin und dort 95% der Speisen mit tierischen Bestandteilen sind. Solltet ihr irgendetwas immer wieder erklären müssen, lasst euch am Besten einmal am Anfang die Schriftzeichen dafür aufmalen und zeigt die dann immer vor. Funktioniert fast immer!

Verkehrsbindungen

Reisen geht super. Ich war in Taipei, dort gibt es eine Metro, die MRT und Busse. Die fahren Regelmäßig und sind wirklich super. Man sollte sich eine EasyCard zulegen, die kostet einmalig 100NT$ und kann aufgeladen werden, damit kann man die Fare dann immer zahlen.
In kleineren Orten gibt es keine lokalen Verkehrsmittel, dort ist dann eher Taxi oder Uber nötig, oder einfach Rad fahren! Der Verkehr ist allerdings doch eher Chaotisch durch die ganzen Scooter überall.
Die Fernzüge sind wirklich super. Neben den normalen Local und Landestrains gibt es noch die HSR, das sind die Schnellzüge. Vom Norden in den Süden kommt man dann für ca 50€ in 2h! Die normalen Züge sind günstiger und vom Standard eher besser als die DB, zudem mit deutlich mehr Beinfreiheit!
Wir haben uns mit mehreren Leuten auch manchmal ein Auto gemietet, das kostet auch nur ca. 100€ pro Tag. Durch 4 ist das dann günstiger als Zug und Taxi. Dafür braucht man einen Internationalen Führerschein!

Kommunikation

Es lohnt sich, direkt am Flughafen eine SimCard mit Unlimited Data zu kaufen. Die gibt es für verschiedene Zeiträume, ich konnte 30+5 Tage kombinieren, das hat ungefähr 35€ gekostet und hat mir den ganzen Wlan-Quatsch erspart. Das Netz ist dort super und man hat eigentlich überall Empfang!

Unterkunft

Ich wurde kostenfrei in einem Dorm direkt im Hospital untergebracht. Ich hatte mich nicht richtig drauf vorbereitet, was mich dort erwartet und war super geschockt (klar kam noch post-flug-Übermüdung dazu...). Das Zimmer war ca 12qm groß, das Haus schon 100 Jahre alt und unrenoviert. In dem Zimmer standen dann 4 Hochbetten mit jeweils Schrank und Tisch unter dem Bett. Die AC war tierisch laut und das Zimmer unglaublich dreckig. Das lag allerdings auch an einer Mitbewohnerin aus Vietnam, die schon seit 2 Monaten dort lebte und noch kein mal geputzt hatte... Es kam einige Tage später noch eine Mitbewohnerin dazu, wir blieben im Endeffekt zu 3. Schon das war echt eng, man guckt sich beim Schlafen direkt an. Ich empfehle auf jeden Fall Ohropax. Man gewöhnt sich natürlich an alles, richtig sauber habe ich das Zimmer allerdings nicht bekommen. Das Bett war klein (185cm lang vielleicht?) und hart, die Bettwäsche allerdings sauber. Zeit verbringen mag man dort nicht, es ist aber gut auszuhalten. Vor allem, da es direkt im KH ist. Wegzeit beträgt also 2 Minuten. Außerdem leben die Med students dort ja immer so...da können wir uns in D schon glücklich schätzen mit all unserem Platz!
Es hab eine Gemeinschaftsküche mit Wasser, Kochplatte und Kühlschränken. Allerdings KEINE TÖPFE UND TELLER!! Wer also kochen möchte, entweder dort kaufen oder mitbringen. Meistens essen Taiwaner allerdings auswärts, es kocht kaum jemand dort.

Literatur

Ich habe mir den Lonely Planet Reiseführer Taiwan gekauft. Der eignet sich gut für erste Trip-Planungen und einen Überblick über Sehenswertes. Im Detail fragt man aber besser sein Umfeld- alle sind irrsinnig Hilfsbereit!!! Medizinisch habe ich nachmittags einfach mal OPs gegoogled und bei Amboss nachgelesen

Mitzunehmen

Power bank war sinnvoll, es war im März dort schon deutlich schwüler und wärmer als erwartet. Kurze Hose also nicht vergessen.
Bringt euch nen Kittel mit. Die Studenten tragen dort allerdings Kurze Blazer-Kittel, damit wurde ich öfter mal für eine Ärztin gehalten. Ich musste auch eigene OP-Schuhe mitbringen.

Reise und Ankunft

Ich bin 3 Tage vor Praktikumsbeginn angekommen, Reise verlief super. Jetlag ist nach Osten ja immer ein bisschen fieser, weil man nachts nicht schlafen kann. Die Tage waren also sinnvoll- so konnte ich auch schon mal etwas die Stadt erkunden. Ich wurde von einer netten CP abgeholt. Sie war sehr freundlich und hilfsbereit. Vorgestellt habe ich mich am ersten Praktikumstag allein, hat auch etwas gedauert, bis ich zuständige gefunden habe. Wieder sind aber alle unglaublich nett und ich wurde super behandelt!!!!

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war am Mackay Memorial Hospital im Bereich der Orthopedic Surgery. Mackay hat zwei Standorte, einen direkt in der Innenstadt Taipeis und eins im Norden (40Min Bahnfahrt/Kostenloser Shuttlebus) nahe Tamsui. Dort sind die meisten Chirurgischen Fächer hin ausgelagert, so auch die Ortho. Das Haus ist etwas außerhalb der Stadt, das hat mich am Anfang gestört. Dort ist allerdings auch der Dorm, dadurch hatte ich keinen Weg zur Arbeit, was sich gelohnt hat, da ich um 7 Uhr beim morning meeting sein musste! Die Lage ist eigentlich auch super. Tamsui ist ein schöner Ort und das KH liegt direkt am River, dort kann man super Joggen und Rad fahren!
Ich war die einzige Frau in der Ortho. Diesbezüglich sind die Asiaten noch etwas konservativer...Ich wurde aber super aufgenommen. Klar ist man schon irgendwie besonders dort, vor allem die älteren Patienten gucken einen länger an, als nötig (nun bin ich auch 1,80 groß und blond).
Fachlich hatte ich keine Aufgaben, grundsätzlich ist es beschrieben als ein Observership. Ich sollte aber jeden morgen um 7 im morning meeting sein und mir wurden 2 supervisor zugeteilt, mit denen ich mitgelaufen bin. Ich habe die Tage im OP verbracht, auf Station war ich nur zur Visite. Ich war auch 3 mal mit in der Poliklinik, dort wird aber eben Chinesisch geredet. Spannend ist es trotzdem, Doku ist ja wie gesagt auf Englisch. Alle Ärzte waren unglaublich lieb, haben mir viel auf Englisch übersetzt, mir viel gezeigt. Es hängt natürlich immer vom eigenen Einsatz ab. Ich durfte in den letzten 2 Wochen aber mit an den Tisch und sogar bei den OPs assistieren (Prothesen einhämmern und ACL-Grafts vorbereiten). Das war eine richtig schöne Erfahrung, weil sie auch richtig stolz waren, einem was zu zeigen. Ich wurde irrsinnig viel gefragt, wie die OPs in Deutschland laufen...überlegt euch dafür also schon mal Antworten!
Alle interessiert natürlich immer, wie die Standards im Vergleich zu Deutschland sind. Das Gesundheitssystem ähnelt dem Amerikanischen. Die Standards sind grundsätzlich super, die Ärzte waren sehr international orientiert. Trotzdem ist das Land ärmer, das macht sich im Krankenhaus schon bemerkbar. Alles ist älter, wird generell mehr wiederverwendet. Operieren könnte man sich dort aber schon ohne Bedenken lassen. Es gibt in Taiwan eine allgemiene Krankenversicherung. Die zahlt nicht alles, oft sind Zuzahlungen nötig. Es führt allerdings auch dazu, dass die Krankenhäuser voll sind- Menschen können dort direkt in die Abteilung gehen, in die sie denken, dass sie müssen (kein Zentralverteilung über Hausärzte). Sie können sich also einfach mit Knieschmerzen in der Ortho melden. Tun sie auch. In Scharen.

Land und Leute

Das Land ist unglaublich. Wunderschöne Landschaft mit grünen Bergen, kristallklaren Seen und einem Türkisen Pazifik. Das alles bei Sonne und super Temperaturen. Wenn auch nicht so richtig auf jedermanns Radar- DEFINITIV eine Reise wert. (am Besten in 14d mit dem Rad um die Insel).
Die Wochenenden eignen sich aber auch Super für trips nach Taroko, eine beeindruckende Schlucht mit Klippen am Pazifik im Osten Nahe Hualiens, Tainan als alte Hauptstadt mit viel japanischem EInfluss und super Essen (und noch besserem Wetter), Sun Moon Lake, um welchen man mit dem Fahrrad herumfahren kann und im Sommer wassersport betreiben und Taipei mit all seinen Sehenswürdigkeiten. Der Buddhismus als vorherrschende Religion zeigt einem eine ganz andere Kultur und Einstellung der Leute, zudem natürlich wunderschöne Tempel und spannende Rituale. Top Zeit: Chinese New Year, das ist ungefähr ende Februar, die Feierlichkeiten ziehen sich aber lang in den März hinein, mit Laternen Festivals, Musik und spannenden Zelebrationen. Einfach mal drauf einlassen!
Die Leute sind ganz schön anders. Es ist schon einfach nicht Westlich. Überhaupt nicht. Mir hat es trotzdem super gut gefallen. Alle sind unglaublich nett und gastfreundlich, in einer Art, die in Deutschland nicht vorstellbar wäre. Der Chef hat mich zum beispiel ganz selbstverständlich zum Dinner eingeladen, genau wie alle Studenten, mit denen ich dort etwas zu tun habe und die Oberärzte. Lasst euch drauf ein und entgegnet ihnen mit der gleichen Höflichkeit!! Auch das Essen ist natürlich überhaupt nicht wie bei uns. Aber auch nicht wie die Chinabuden in Deutschland. Vielseitig und wirklich gut! Schwieriger ist es, wie schon erwähnt, als Vegetarier. Das meiste Gemüse wird zum Beispiel in Pork Fat angebraten. Es findet sich aber doch immer irgendwas. Und die Buddhisten ernähren sich auch Vegetarisch. Es gibt also Auswahl. Lasst euch einfach drauf ein und lernt es kennen!! (Wenn gar nichts mehr geht und ihr Heimweh habt, gibt’s auch immer noch Starbucks und McDonalds)
Politisch ist die Situation natürlich nach wie vor Kompliziert in Bezug auf China. Taiwan ist aber seit Ende der 80er Jahre eine Demokratie. Politisch muss man sich also keine Sorgen machen. Nur auf ‚mainland China’ sind viele Taiwaner nur so mittelgut zu sprechen. Was ich erfahren konnte ist allerdings, dass Taiwan ein bisschen das 'Einsteigerchina' ist. Durch viel japanischen Einfluss und die Inselisolation kultivierter und ruhiger. Für Europäer also sicher leichter als Mainland China.

Fazit

Geht unbedingt nach Taiwan. Das Land ist unglaublich schön, die Leute freundlich und aufgeschlossen, die Kultur spannend. Es lohnt sich, sich Leute zu suchen, die ebenfalls dort reisen/arbeiten, gegen gelegentliche lonely moments. Das ist aber super easy. Seid einfach offen und freundlich.
Famulaturtechnisch habe ich auch super viel gesehen, einiges gelernt und bin komplett zufrieden mit allem!!
Traut euch, geht nach Taiwan und habt einen Monat, den ihr mit Sicherheit nie vergessen werdet!

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