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Lebanon (LeMSIC)

HNO - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Ich finde den Nahen Osten in seiner kulturellen, politischen und religiösen Vielfalt sehr spannend und da ich noch nie im Libanon war, aber bereits gutes von Beirut und dem AUBMC gehört hatte, habe ich mich entschieden mich dort zu bewerben.

Vorbereitung

Die Vorbereitung war dank der Hilfe der bvmd sehr unkompliziert. Ich habe mich im Mai des Vorjahres beworben und schnell die Zusage von deutscher Seite aus bekommen. Für die Bewerbung musste ich noch ein einseitiges Formular von der American University of Beirut (AUB) ausfüllen, das mir zugeschickt wurde. Die endgültige Zusage aus dem Libanon über das Austauschportal der IFMSA kam dann in der ersten Januarwoche (also 8 Wochen vor dem Austausch), dann habe ich auch erst meine Flüge gebucht. Ich habe im Vorfeld einen Anfängerkurs Arabisch gemacht. In diesem zweiwöchigen Intensivkurs habe ich zwar leider kaum Konversation gelernt, aber ich konnte das Alphabet und somit Straßenschilder, Patientennamen etc. entziffern.

Visum

Die Information, die ich im Internet gefunden habe und auch in der Botschaft bekommen habe, ist, dass man ein Visum für einen Monat bei der Einreise am Flughafen bekommt und für längere Aufenthalte (ich war 32 Tage dort) ein Visum über die Botschaft besorgen muss. Da ich in Berlin studiere, war es kein Problem ein Visum in der Botschaft zu bekommen (Wartezeit ca. 2h, es müssen ein paar Nachweise abgegeben werden, z.B. die Bestätigung der Uni, Kosten: 39€, Dauer bis zur Abholung: 3 Tage). Bei der Einreise am Flughafen hat mir der Beamte jedoch erklärt, dass ich das Visum gar nicht benötigt hätte, sondern auch ohne Visum 3 Monate im Land verbringen kann. Was nun genau stimmt, weiß ich im Nachhinein nicht. Allerdings würde ich wahrscheinlich von der Beantragung über die Botschaft abraten, falls man nicht vor Ort in Berlin ist, da ich nicht weiß, wie gut der anschließende postalische Versand des Passes funktioniert und wie lange es ohne persönliche Abholung bis zur Ausstellung dauert.

Gesundheit

Ich musste keine Nachweise über Impfstatus oder Titerbestimmungen abgeben. Ich hatte auch ansonsten keinerlei gesundheitliche Beschwerden vor Ort. Wichtig ist eigentlich nur, dass man das Leitungswasser nicht trinken kann. Von den anderen Ausländern im Wohnheim gab es immer mal wieder jemanden, der Magen-Darm-Beschwerden hatte. Insofern kann mal wohl in diese Richtung am ehesten etwas in der Reiseapotheke mitnehmen.

Sicherheit

Für die Sicherheit gilt auch im Libanon das, was wohl oft auf Reisen wichtig ist: solange man sich über mögliche Sicherheitsrisiken informiert, sich verantwortungsvoll und respektvoll verhält und nicht leichtsinnig ist, gibt es eigentlich keine relevanten Einschränkungen. Das Auswärtige Amt beschreibt auf seiner Website einige Orte, die man als Tourist meiden sollte. Unter anderem waren dort zum Zeitpunkt meines Aufenthalts die historischen Stätten von Baalbek aufgelistet, da sie sich im Grenzgebiet zu Syrien befinden und auch die Hisbollah dort eine hohe Präsenz hat. Ich habe dorthin eine Tour mit einem Anbieter für Ausflüge im Libanon gemacht und mich durch diese geführte Tour auch dort zu jedem Zeitpunkt sicher gefühlt. Dies wäre jedoch ein Beispiel für einen Ort, den man möglichst nicht im Alleingang erkunden sollte, da auf dem Weg einige Checkpoints sind und es auch infrastrukturell nicht sonderlich gut angebunden ist. Ich habe eigentlich nie Ausflüge allein unternommen. Das lag allerdings eher daran, dass ich mich gut mit einer anderen Austauschstudentin verstanden habe, die im gleichen Zeitraum dort war, als daran, dass ich mich ansonsten unsicher gefühlt hätte. Freizügige Bekleidung als Frau (kurzer Rock, ärmelloses Oberteil) kann in einigen Teilen von Beirut schon mal zu Pfiffen oder Rufen führen, aber insbesondere in Hamra, dem Bezirk wo Krankenhaus und Wohnheim sind, kann man sich anziehen wie man möchte, ohne ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auch ansonsten ist insbesondere Beirut sehr liberal und westlich eingestellt, was die Interaktion zwischen Frauen und Männern betrifft.

Geld

Währung ist der Libanesische Pfund (L.L. oder LBP). Man kann jedoch überall auch mit US-Dollar bezahlen. Das kann schon mal kurz zu Verwirrung führen, wenn man einen Kaffee kauft und plötzlich 2 US-Dollar zurückbekommt, obwohl man mit LBP bezahlt hat, aber der Umtauschkurs ist fix auf 1US=1500LBP festgelegt, daher sind die beiden Währungen im Libanon tatsächlich als gleichwertig zu betrachten. Das schult die Kopfrechenkunst, wenn man immer zwischen Euro, Dollar und LL hin- und herrechnet. Geldautomaten findet man überall in der Stadt ohne Probleme.

Sprache

Schon an der normalen Begrüßung zwischen jungen Leuten kann man erkennen, welche Sprachen im Libanon wichtig sind: Hi, Keefak, Ça va? Neben dem Arabischen ist Englisch omnipräsent und man kommt damit eigentlich in jeder Lage weiter. Die Ärzte haben mir die Anamnesegespräche häufig nochmal auf Englisch zusammengefasst und unter Ärzten wird über Patienten generell nur auf Englisch kommuniziert. Ein paar Brocken Arabisch sind nichtsdestotrotz ganz hilfreich, wenn man doch mal auf einen älteren Taxifahrer oder Verkäufer trifft und werden dann wohlwollend aufgenommen. Französisch ist ebenfalls Landessprache, wird aber zumindest im AUBMC eher selten gesprochen. Einige externe Röntgenbefunde sind auf Französisch verfasst und falls man seine Famulatur im Hotel Dieu Hopital in Beirut macht, wird dort sicherlich sehr viel mehr Französisch gesprochen.

Verkehrsbindungen

Es gibt viele günstige Direktflüge von Deutschland nach Beirut, der einzigen Stadt mit Flughafen im Libanon. In Beirut selbst kann man vieles zu Fuß erreichen, ansonsten kann man entweder die Busse (1000 LL) benutzen oder das Service Taxi (2000 LL). Die Benutzung der Busse ist ein kleines Abenteuer, denn sie fahren nicht auf 100%ig festen Routen, sondern haben häufig auch Variationen in der Streckenführung. Außerdem sind es meist komplett demolierte Kleinbusse, bei denen auch schon mal ein Sitz fehlt oder die Tür nicht mehr richtig schließt, was sie nicht davon abhält stark zu beschleunigen, sobald die Möglichkeit dazu besteht. Auch das restliche Land lässt sich zumindest entlang der Küste gut und preiswert mit Bussen erkunden (Start von Doura oder Cola) – hier sind die Routen auch absehbarer. Für alle Busse gilt: es gibt keine festen Fahrpläne, aber eigentlich kommt immer sehr schnell einer. Ich habe nie länger als 5 min irgendwo auf einen Bus gewartet. Allerdings muss man bedenken, dass grade zu den Hauptverkehrszeiten eigentlich der komplette Libanon im Stau steht und man so auch mal schnell 2h für eine Strecke von 20km braucht.

Kommunikation

Im Wohnheim und im Krankenhaus gibt es kostenloses WLAN. Im Wohnheim ist dieses jedoch auf 3 GB pro angemeldetem Gerät beschränkt. Mein Internet auf dem Laptop war dadurch nach 2 Tagen aufgebraucht, weil ich vergessen hatte automatische Updates auszustellen. Das Internet für das Handy im Wohnheim hat aber fast den gesamten Monat gereicht. Auf dem gesamten Unicampus und im Krankenhaus kann man eduroam nutzen. Falls man auch mobile Daten nutzen möchte gibt es libanesische Prepaid-Simkarten für ca. 25$ an jeder Straßenecke.

Unterkunft

Ich habe im Wohnheim der Near Eastern School of Theology (NEST) mitten im Bezirk Hamra gewohnt. Zu Fuß sind es von da 5min zum Krankenhaus und in der Umgebung gibt es Bars, Supermärkte, Läden und auch gleich neben dem Krankenhaus den Unicampus, der wunderschön ist. Es gibt der Zweierzimmer und man teilt sich das Bad zu dritt. Die Studenten der NEST sind auch alle sehr nett, als ich da war waren auch acht deutsche Theologiestudenten für ein Jahr dort. Bettzeug muss man selbst mitbringen.

Literatur

Ich habe mich häufiger, auch bevor ich gereist bin, über die Internetseite von Al Jazeera über Nachrichten in der Region informiert. Ansonsten gibt es natürlich umfassende Literatur über die Region und den Nahostkonflikt insgesamt. Sollte man gar keine Vorstellungen von den politischen Beziehungen im Nahen Osten haben ist es auf jeden Fall empfehlenswert sich vor der Reise einen kurzen Überblick zu verschaffen (sehr gute und günstige/kostenlose Informationslektüre über die Bundeszentrale für politische Bildung). Das schafft Sensibilität für dieses teilweise hochemotional besetze Thema und lässt einen das Land auch nochmal besser verstehen. Zum Beispiel würde ich davon abraten mit Libanesen über Israel zu sprechen, ebenso ist es sinnvoll den Namen nicht auf der Straße für andere hörbar auszusprechen.

Mitzunehmen

Es ist sinnvoll Bettwäsche für das Wohnheim mitzunehmen. Man kann auf dem Unicampus schwimmen gehen, deshalb lohnt es sich auch im Frühjahr Badesachen dabei zu haben. Außerdem gibt es ein Fitnessstudio und eine Laufstrecke auf dem Campus, deshalb auch ruhig Sportsachen mitnehmen, falls man Lust darauf hat. Im Krankenhaus hatte ich meinen eigenen Kittel an, die OP Kleidung kriegt man aber dort gestellt. Wäsche kann man im Wohnheim für ca. 1 Euro waschen. Ansonsten gibt es eigentlich alles auch in Beirut zu kaufen, inklusiver aller bekannter Modemarken und deutschen Produkten im Supermarkt.

Reise und Ankunft

Ich wurde am Flughafen von meiner Kontaktperson abgeholt, die in der IFMSA Lokalgruppe in Beirut aktiv ist. Sie war sehr nett und hat mir auch geholfen am nächsten Tag meinen Ausweis für das Krankenhaus bei der Uni auszustellen. Das hat insgesamt 2 Tage gedauert, da der Chefarzt der Abteilung unterschreiben muss, außerdem gibt es noch einige weitere Stationen, an denen man sich Unterschriften/Stempel abholen muss. Mit dem Ausweis hat man dann Zugang zum Campus und im Krankenhaus und bekommt das kostenlose Essen in der Krankenhauscafeteria. Am ersten Tag auf Station habe ich mich bei den Sekretärinnen gemeldet und wurde dann von einem Assistenzarzt abgeholt, der mir alles Weitere erklärt hat.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Wenn ihr schon mal überlegt habt, ob ihr nicht in die USA gehen solltet, um die Lehre dort kennenzulernen: spart euch den Aufwand und geht ins AUB MC. Das gesamte System ist 1:1 übernommen, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Studenten, und besonders ausländische Studenten, sind herzlich willkommen zuzuschauen und mitzumachen. Die Assistenten sind sehr nett und aufgeschlossen und gehen auch mal einen Kaffee mit dir trinken. Auch die Oberärzte sind immer freundlich und interessieren sich für deine Eindrücke und beantworten gern Fragen. Ich habe in der HNO famuliert, da es dort kaum Arbeiten auf Station gibt war ich vor allem in dem von Assistenzärzten geleiteten Outpatient Department (OPD), der Sprechstunde der Oberärzte und im OP. An meinem ersten Tag wurde ich von einem Assistenzarzt mitgenommen, der dort am Vormittag für die Sprechstunde im OPD zuständig war. Anschließend hat er mir gezeigt, wie man in den OP und zu den privaten Sprechstunden der Oberärzte kommt und mir einen Überblick über den Wochenablauf gegeben. Einige Male bin ich auch mit dem zuständigen Assistenzarzt in die Rettungsstelle gegangen und habe die HNO-Patienten dort gesehen. Einmal pro Woche gibt es eine Vorlesung für die Assistenten, in der auch die Studenten willkommen sind. Außerdem gibt es abhängig von der Woche noch Journal Clubs, Fallbesprechungen und Tumorkonferenzen, bei denen man auch leicht folgen kann, da alles in Englisch diskutiert wird. Konkrete Aufgaben hatte ich eigentlich keine. Ich konnte mir meinen Tag frei einteilen und selbst entscheiden, wann ich in den OP gehen möchte. Da die meisten OPs endoskopisch/mikroskopisch durchgeführt werden gab es kaum Chancen sich einzuwaschen, dafür hatte man die perfekte Sicht auf das OP-Feld über die Monitore. Bei den Assistenzärzten im OPD habe ich die HNO Untersuchung am Patienten durchführen und auch mal das Endoskop bedienen können. In den Sprechstunden der Oberärzte musste ich mich leider eher aufs Zuschauen/Zuhören beschränken. Durch das Sprachhindernis konnte ich leider keine Anamnesen erheben, aber die Ärzte haben mir die Gespräche fast immer kurz auf Englisch zusammengefasst. Abhängig vom Assistenten/Oberarzt gab es nach dem Patientengespräch auch eine kurze Erklärung zum Krankheitsbild/Therapie oder ich konnte Fragen stellen. Insgesamt habe ich viel über HNO gelernt und vielfältige Einblicke bekommen können. Die medizinische Kompetenz der Ärzte ist sehr hoch und somit kommen Patienten aus dem gesamten arabischen Raum in den Libanon, um sich dort behandeln zu lassen.

Land und Leute

Man kann seine Freizeit im Libanon hervorragend nutzen, um sich das Land anzuschauen. Es ist zwar nicht sehr groß (halb so groß wie Hessen), aber es gibt sehr viel zu sehen und zu entdecken. Entlang der Küste sind schöne Küstenorte, von denen insbesondere Byblos empfehlenswert ist. Aber auch Sidon und Tyros sind sehenswert und gut zu erreichen. Man kann Wandern in den Bergen oder im Winter auch Skifahren. Außerdem gibt es die bereits erwähnte geführte Tour nach Baalbek, was wirklich ein sehr beeindruckender und sehenswerter Ort ist. Falls man die Zedern sehen möchte, braucht man ein Auto, aber da die Libanesen ausgesprochen freundliche und aufgeschlossene Menschen sind stehen die Chancen gut, dass ihr im Krankenhaus oder in der Uni jemanden trefft, der so einen Ausflug mit euch macht. Bei gutem Wetter lohnt sich der Ausblick von der Harissa, der Marienstatue auf einem Berg etwas nördlich von Beirut. Nach einer aufregenden Seilbahnfahrt in winzig kleinen Gondeln kann man von dort den Ausblick über das Mittelmeer und die Stadt genießen. Unter der Woche kann man auf dem Unicampus Sport machen oder Schwimmen gehen oder die vielen Bars und Restaurants in Hamra besuchen. Natürlich gibt es auch einige Museen in Beirut, ich fand insbesondere das Sursock Museum in Gamayzeh toll. Die Kinos zeigen in der Regel alle Filme auch mit englischen Untertiteln.
Die Libanesen sind im Allgemeinen ausgesprochen hilfsbereit und freundlich, sodass es nicht unwahrscheinlich ist, dass man auch mal zu einem Sonntagsessen mit der Familie eingeladen wird oder spontan am Samstagabend mit einem Libanesen durch die halbe Stadt fährt, um dort den besten Fruchtcocktail der Stadt zu essen. Deutsche und Deutschland im Allgemeinen haben im Libanon ein sehr hohes Ansehen und es wird häufig vorkommen, dass man erzählt bekommt, welche Verwandte in Deutschland leben und wie toll das deutsche Fußballteam und deutsche Autos sind.
Einzig die bereits oben erwähnte politische Beziehung zu Israel sollte man nicht unbedingt thematisieren, solange man den Gesprächspartner nicht so gut kennt.
Es ist absolut lohnenswert in den Libanon zu reisen und dort auch Libanesen kennenzulernen. Spätestens, wenn man nachts auf den Straßen von Byblos Dabke tanzt, die Gastgeber endlich davon überzeugen konnte, dass man nun wirklich nichts mehr von dem ausgezeichneten Essen essen kann, den Sonnenuntergang über den Raouche-Felsen sieht oder den Muezzinruf über Beirut hört, ist man sehr glücklich über seine Entscheidung eine Famulatur im Libanon gemacht zu haben.

Fazit

Ich würde mich jeder Zeit wieder für eine Reise nach Beirut entscheiden und kann euch nur ermutigen ebenfalls dorthin zu fahren. Die Erfahrung ist einmalig und man hat die Chance eventuelle Vorurteile auszuräumen, liebenswerte Menschen kennenzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern. Und das alles in einem der besten Kliniken des Nahen Ostens, in dem auch der medizinische Wissenszuwachs nicht zu kurz kommt.

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