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Chile (IFMSA-Chile)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Bereits vor 2 Jahren war ich für einen Forschungsaustausch in Ecuador und wollte gerne weiter das Ziel verfolgen, mein Spanisch zu festigen, ein anderes Arbeitsumfeld kennenzulernen und dies mit Reisen zu verbinden. Meine drei großen Erwartungen waren ein interessantes Praktikum, dass ich coole Leute kennenlerne und schöne Ecken Chiles entdecke. Beworben hatte ich mich auf drei Städte in Zentralchile, kam schließlich aber nach Osorno in den Süden. Ebenso wollte ich eigentlich in die Neurologie, Kardiologie, Gastroenterologie oder allgemeine Innere Medizin mit dieser Reihenfolge, schließlich wurde hier die Onkologie draus, man sollte also flexibel sein.

Vorbereitung

Um ehrlich zu sein habe ich mich nicht großartig vorbereitet. Ich habe mir bereits paar mal vorher Chilenismos im Internet angeschaut, damit ich diese spezifisch chilenisch-spanischen Wörter schon mal gehört habe und vor Ort eher raushören kann. Auch habe ich versucht, spanisch-medizinisches Vokabular zu lernen, das würde ich besonders empfehlen und auch mehr als ich das gemacht habe. Dabei fehlten mir leider auch vor Ort noch eigentlich einfache Vokabeln wie "pirosis", "bochorno", "comprimido", "flema" oder "murmullo pulmonar" etc.

Visum

Ein Visum braucht man als Deutscher nicht. Beim Einreisen am Flughafen in Santiago bekommt man eine Aufenthaltsgenehmigung über 90 Tage, die man allerdings auch mindestens ein Mal (ob noch öfter, weiß ich nicht) kostenlos verlängern kann, indem man z. B. über die argentinische Grenze und wieder zurück fährt. Wichtig ist, dass man diese Aufenthaltsgenehmigung (sieht wie eine Quittung aus) nicht verlieren sollte.

Gesundheit

Durch meinen Aufenthalt vor 2 Jahren in Südamerika hatte ich bereits die wichtigsten Impfungen, in Chile braucht man grundsätzlich auch nicht so viele Impfungen wie in anderen südamerikanischen Ländern. Ich habe vorher nur noch meinen Hepatitis A Schutz auffrischen lassen. Mitgenommen habe ich die wichtigsten Medikamente wie Analgetika, Antiemetika, Antidiarrhoika. Letztlich kann man diese aber auch vor Ort in Apotheken kaufen, teilweise sogar günstiger als in deutschen Apotheken.

Sicherheit

Chile gilt als sicherstes Land Südamerikas und ich habe mich auch immer sicher gefühlt. Osorno gilt wohl sogar als sicherste Stadt Chiles. In Santiago wurde mir von Leuten geraten, mein Handy in Menschenmengen beispielsweise nicht öffentlich offen zu tragen. Letztlich kann man das kaum vermeiden, es ist aber trotzdem nie etwas passiert. Verglichen mit meinem Aufenthalt in Ecuador hatte ich auch ein deutlich besseres Sicherheitsgefühl, die Polizei ist auch sehr präsent.

Geld

In Chile gibt es die chilenischen Pesos. Da die DKB leider vor einem Jahr Gebühren für nicht Premium-Kunden beim Abheben in Fremdwährungen eingeführt hat, habe ich für diese Reise ein Konto bei der Comdirect eröffnet, da ist das noch kostenlos. Bei fast allen Bankautomaten in Chile muss man recht hohe Gebühren im Umfang von 6-10€ pro Abhebung zahlen, eine Ausnahme bilden dabei Bankautomaten der "ScotiaBank", wo es kostenlos ist. Da lässt sich also einiges im Verlauf eines Monats sparen.

Sprache

In Chile wird Spanisch gesprochen, das da allerdings eine spezielle Aussprache hat. Ich hatte vorher ein Spanisch-Niveau von B2-C1 und habe gemerkt, dass ich eine Woche brauchte, um mich an die groben Unterschiede zu gewöhnen, z. B. an das Weglassen von 's'-Lauten. Ein "Más o menos" wird so zu einem "maomeno". Außerdem haben die Chilenen es leider im Blut, allgemein Laute nicht besonders zu modulieren, indem der Mund wenig geöffnet wird beim Sprechen, das sagen sie auch selbst. Im Süden Chiles, wo ich war, soll dies nochmal verstärkt sein: Aber alles entspannt und kein Grund, sich deswegen gegen Chile zu entscheiden, wenn man sich die Famulatur auch in Spanien zutrauen würde.

Verkehrsbindungen

Nach Chile bin ich aus Amsterdam geflogen mit einem Umstieg in Rio de Janeiro. Gebucht hatte ich ca. 7 Wochen vorher (als die CA da war), da war es auf der KLM-Website am günstigsten. Der Santiago-Hin-und-Rückflug belief sich auf ca. 730€ und der Flug nach Osorno kostete separat nochmals ca. 100€ hin und zurück. Vor Ort in Osorno war alles fußläufig zu erreichen. In Santiago habe ich mich vorallem mit der Metro bewegt, die ist super gut, da muss man jedoch anfangs eine Metro-Karte kaufen und diese jeweils aufladen.

Kommunikation

Ich habe mir eine Claro-Prepaid-SIM geholt. Damit hatte ich glaube ich 8 GB für 9€ ungefähr, der Empfang von Claro ist jedoch in kleineren Städten, da gehört Osorno bereits dazu, eher schlecht. In der Atacama-Wüste hatte ich auch teilweise keinen Empfang, wo Entel (bestes Netz, aber teurer) noch bestem Empfang hatte.

Unterkunft

Ich war zusammen mit einer Österreicherin und einem Italiener (auch beide über die IFMSA) bei einer Señora untergekommen, die die obere Etage ihrer Wohnung vermietet und so hatten wir jeder ein eigenes Zimmer und zu Dritt ein Bad. Die Frau war sehr nett, hatte allerdings nach einem Schlaganfall vor 3 Jahren eine Halbseitenlähmung und eine Dysarthrie, was die Kommunikation schwer gemacht hat. Der Italiener hat Osorno nach einer Woche auch schon wieder verlassen, weil er sich eigentlich eine andere Stadt erhofft hatte und dann lieber gereist ist.

Literatur

Den Lonely Planet für Chile habe ich mir gekauft, jedoch fand ich ihn persönlich nicht so hilfreich wie in anderen Ländern. Jedenfalls in der Gegend von Osorno war er nicht ganz aktuell und hatte interessante Sachen eher am Rande erwähnt. Letztlich waren TripAdvisor und Google da besser.

Mitzunehmen

Für die Famulatur musste ich Kittel und Stethoskop mitnehmen, ansonsten nichts Spezielles. Sonnencreme und Drogerieprodukte allgemein sind in Chile eher teuer, daher habe ich mich diesbezüglich auch für die ganzen 6 Wochen eingepackt. Steckdosen-Adapter braucht man übrigens nicht, die deutschen Stecker passen auch in die chilenischen Steckdosen.

Reise und Ankunft

In Osorno habe ich an einem Montag die Famulatur begonnen, in Santiago bin ich bereits in der Nacht zum Freitag davor um 4 Uhr morgens angekommen. Am Flughafen habe ich bis 6 Uhr gewartet, bis die ersten Busse fuhren und anschließend habe ich einen der Busse (Centropuerto & TurBus sind die zwei Anbieter) zu Pajaritos (größtes Bus-Terminal) und anschließend eine Metro genommen.
Nach Osorno bin ich am Sonntag geflogen, dort musste ich auch alleine zu meiner Unterkunft kommen. Da gibt es am Flughafen kleine Minibusse, wo Transferfirmen einen in die Stadt fahren.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

An meinem ersten Tag habe ich meine Kontaktperson auch gleichzeitig zum ersten Mal gesehen, wir trafen uns um 8 Uhr im Krankenhaus und sie wollte mich zu meiner Station bringen. Da hat sie mir dann gesagt, dass ich auf der Onkologie sein werde, während in meiner CC aber die allgemeine Innere Medizin genannt war. Auf der Station hat sich dann herausgestellt, dass kein Onkologe da war und erst nachmittags meine Tutorin ins Krankenhaus kommt und diese grundsätzlich in der Ambulanz arbeitet und nicht auf Station, außerdem hatte sie mich erst eine Woche später erwartet, von daher war das schon alles anders als erwartet. Letztlich hat es sich dann so eingependelt, dass ich mit meiner Tutorin immer zusammen in der Ambulanz war und die körperlichen Untersuchungen der onkologisch-ambulanten Patienten gemacht habe. Dabei hat sie mir auch Therapieprotokolle und weiteres aus der Onkologie erklärt, meist ging es vormittags von 9-13 Uhr und nachmittags von 14-17.15 Uhr. Da meine Tutorin drei Mal einige Tage während meines Monats Urlaub hatte/auf Kongressen war, hat sie mir für diese Zeiträume Kontakte vermittelt und ich bekam auch Einblick in die stationäre Neurologie und durfte in der Kardiologie mit einem halbdeutschen Arzt einige Tage Echos mitmachen. Einen weiteren Tag durfte ich sogar mit einer Palliativmedizinerin auf Hausbesuche gehen, was sehr beeindruckend war, eine "sehr andere Realität" als in Deutschland. Generell habe ich sehr viele Tumore gesehen und palpieren können und obwohl die Onkologie nicht mein Wunschfach war, sehr viel davon für mich mitnehmen können und auch Interesse an dieser entwickelt. Einmal in der Woche war ich auch in der Tumor-Konferenz. In dieser, aber auch überhaupt in den Patientenanamnesen sind mir sehr viele Unterschiede zur deutschen Handhabung aufgefallen. Handys sind allgegenwärtig, auf private WhatsApp-Nachrichten wird geantwortet, während der Patient über Tumorschmerzen berichtet und in der Tumorkonferenz spielt die Hälfte aller Ärzte, wenn sie gerade keinen Patienten vorstellen müssen, Spiele auf dem Handy. Patienten waren sehr zufrieden mit ihrer Behandlung, auch wenn die Ärztin zwei Stunden später (mindestens eine halbe Stunde täglich) später morgens erst in das Krankenhaus gekommen ist. Da war ich wohl der einzige, den das Warten auf die Ärztin gestört hat, weil ich es anders kenne.
Einen Tag durfte ich auch in die private deutsche Klinik, in der viele Ärzte des öffentlichen Krankenhauses auch arbeiten, dort herrscht ein ganz anderer, europäischer Standard. Im öffentlichen Krankenhaus jedoch merkt man, dass an jeder Ecke gespart wird, Desinfektionsmittel gibt es eher selten, meist nur eine Seife mit Chlorhexidin. Allgemein sind die Verhältnisse im öffentlichen Krankenhaus sehr anders als in Deutschland. Meine Ärztin hat bei Lymphknoten-Palpationen in den Achseln/in der Leiste nie Handschuhe benutzt und danach nur die Hände gewaschen, MRSA-/3MRGN-Patienten müssen bloß mit Handschuhen behandelt werden, sind aber ansonsten überhaupt nicht isoliert, auf der Aufnahmestation liegen über 10 Patienten in einem großen, stickigen Patientenzimmer und davor reihen sich noch unzählige Patienten ohne Namensschilder in Patientenbetten im Flur, bei Visiten auf der Station schleppen Ärzte deren private Taschen mit in jedes Zimmer und stellen die Sachen dort für die Visite des jeweiligen Zimmers ab und und und.

Land und Leute

Hier muss ich leider etwas Negatives über die Organisation vor Ort verlieren. Meine Kontaktperson war immer unglaublich kurz angebunden und man musste ihr alles aus der Nase ziehen. Sie hat es nicht geschafft, mir vor dem Praktikum die Kontakte der anderen Incomings zu vermitteln, um sich wegen Reisen abzusprechen, obwohl ich sie darum gebeten habe. Es gab absolut kein Social Program, das einzige war eine PDF mit Aktivitäten, die Incomings einer anderen Stadt der Region mal in einem Monat gemacht haben. Sie hat gar nicht versucht, uns Incomings zu integrieren. Wenn wir sie im Krankenhaus zufällig trafen, musste man eine Begrüßung ihrerseits fast erzwingen, da sie ansonsten einen geschickt übersehen hat. Wir alle vier Incomings hatten das Gefühl, dass unsere Kontaktperson von uns genervt war, sie sagte uns auch, dass wir die letzten Incomings in Osorno seien. Vielleicht wollte sie einfach, dass der Monat schnellstmöglich vorbei geht. Für uns sollte auch das Mittagessen im Krankenhaus gratis sein, dafür musste ich jedoch selbst zur Uni gehen und mit den verantwortlichen Leuten sprechen, bis ich erst in der vierten Woche die Mensatickets offiziell bekommen habe, vorher haben mir die Verkäuferinnen das Essen entweder unter der Hand oder gar nicht gegeben. Auch bei dem IFMSA-Zertifikat gab es Probleme, dieses habe ich erst am Vorabend meiner Rückreise um 22 Uhr bekommen und musste am Tag meines Rückfluges selbst noch hastig Unterschriften meines Tutors und des Dekans einholen. Dabei hat sie auch noch einen falschen Tutor aufgeschrieben, den ich erstmal davon überzeugen musste, sodass er mir trotzdem paar Stunden vor meinem Flug mein Zertifikat noch unterschreibt. Auch hat sie mir einen Tag zu wenig aufgeschrieben. Zum Positiven:
Die Umgebung von Osorno und die Región de los Lagos sind wunderschön. An jedem Wochenende bin ich z. T. mit den anderen Incomings gereist und wir waren in Frutillar, Puerto Varas, an den Saltos de Petrohué, dem Lago Todos los Santos und in Bariloche in Argentinien und ich war ein Wochenende noch auf Chiloé. Nach meinen 30 Tagen in Osorno bin ich noch in Valparaíso, Viña del Mar und in San Pedro de Atacama gewesen, dabei war die Atacama-Wüste die Krönung meines Reisens mit unglaublichen Landschaften, Geysiren und unvergesslichen Sternbeobachtungen.
Osorno und seine Umgebung sind sehr deutsch geprägt. Diese Region wurde überhaupt erst Ende des 19. Jahrhunderts bevölkert, als viele hunderte deutsche Familien dorthin gezogen sind und dafür von dem Staat Ländereien erhalten haben. Viele der Menschen dort heutzutage haben mindestens einen deutschen Nachnamen und die beste Schule der Stadt ist eine deutsche Schule und das private Krankenhaus der Stadt ist auch ein deutsches, der Einfluss ist an jeder Ecke erkennbar. Am ersten Tag in Osorno war ich essen bei "bitte Brot", der Begriff "Kuchen" ist dort allgemein bekannt und in den Läden findet man unglaublich viele deutsche Produkte. Chiles ist neben Deutschland und Österreich das einzige Land mit Burschenschaften. Leider bin ich da auch einigen begegnet, die deutsch-nationalistisches Denken gezeigt haben, nach dem zweiten Weltkrieg sollten dort Deutsche hin ausgewandert sein. Beispielsweise hat ein Deutschchilene gegenüber mir in einem deutschen Restaurant mal besonders deutsch wirken wollen und nationalsozialistische Parolen geäußert. Die Chilenen wie die Frau, bei der ich gewohnt habe, sagen, dass es bis heute eine große deutsche Gruppe gibt, die sich in der dortigen Region von der restlichen Bevölkerung abgrenzt bis hin zu blutsverwandten Eheschließungen.

Fazit

Zusammenfassend bin ich super glücklich über die Möglichkeit dieser Famulatur in Osorno in Chile. In der Onkologie habe ich wahrscheinlich Fälle gesehen, die ich in Deutschland niemals sehen werde, da dort größtenteils Bauern aus der weiteren Umgebung in die Ambulanz gekommen sind, die nicht so schnell ins Krankenhaus kommen, weil sie eine einstündige Busfahrt brauchen, um dies zu erreichen. Niemals vorher hätte ich mir vorstellen können, dass es im Süden Chiles eine so deutsch geprägte Region gibt, dies jedoch mit einem unangenehmen Beigeschmack wie oben kurz erklärt. Das Social Program war leider nicht existent, das war auf jeden Fall enttäuschend. Dafür ist Chile unglaublich vielfältig bezüglich den Menschen, der Kultur und der Landschaft, es sind schließlich auch über 4000 km Nord-Süd-Ausdehnung, was einfach viel zu divers für 6 Wochen Aufenthalt ist. Ich hoffe, dass ich wieder dorthin kommen, um mehr vom Land zu sehen.

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