zurück

Brazil (DENEM)

Neurologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Florian, Bochum

Motivation

Als Teil des Austausch Teams in Bochum war für mich schon immer klar, dass ich selbst auch ins Ausland gehen werde. Da ich bereits einen Portugiesisch Sprachkurs besucht hatte und im kommenden Sommer für ein ERASMUS Semester nach Portugal gehen werde, bot sich Brasilien besonders an. Ich wollte für die Famulatur gerne Europa verlassen und hatte bereits Erfahrungen mit Nordamerika im Rahmen eines kurzen Schüleraustauschs. Deshalb erhoffte ich mir in Brasilien eine Mischung der Erfahrungen aus den USA und Portugal zu finden.

Vorbereitung

Ich besuchte das Predeparture Training der bvmd, welches auch eine gute Möglichkeit darstellt, um Gleichgesinnte zu treffen und über Ängste und Sorgen zu sprechen. Falls ihr Fragen zum Bewerbungsablauf habt, kontaktiert einfach eure Lokalvertretung. Auch wenn das Bewerbungsverfahren teilweise komplizierter erscheint, ist neben den finanziellen Vorteilen der soziale Aspekt am größten. Durch die bvmd/IFMSA werdet ihr vor Ort direkt in die Kultur eingebunden, was ohne Kontaktpersonen sehr schwierig sein kann.

Visum

Für die Famulatur benötigte ich kein Visum. Man könnte eines beantragen und sich dann an der Universität einschreiben um Sparvorteile in einigen Situationen zu erhalten (z.B. Mittagessen für lächerliche 0,40€ in der Mensa). Ich halte den Aufwand für diese Vorteile für nur einen Monat allerdings nicht gerechtfertigt.

Gesundheit

Definitiv zu empfehlen ist ein gutes Mosquitospray! Außerdem habe ich zahlreiche Impfungen durchführen lassen: Gelbfieber (Pflicht!), Typhus, Choleraschluckimpfung (soll Kreuzwirkung mit ETEC haben, ich litt aber dennoch zu Anfang an Reisediarrhoe), sowie Tollwut. Über letztere kann man sicherlich streiten: Die Deutschen rieten mir dazu, die Brasilianer belächelten es. Dort hat niemand die Impfung und wenn man tatsächlich gebissen werden sollte, gibt es auch die Prophylaxe. In Anbetracht des hohen Preises und der schlechteren Verträglichkeit der Impfung – ich lag vier Tage flach im Bett nach der zweiten Dosis und habe ähnliches von anderen gehört – sollte man sich diese Entscheidung gut überlegen. Je nach Region empfiehlt sich selbstverständlich auch eine Malariaprophylaxe. Diese war bei mir im Süden jedoch nicht nötig. Loperamid nicht vergessen!

Sicherheit

Ja, die Sicherheit in Brasilien ist sicherlich ein Thema, bei dem wir Deutschen erstmal schlucken müssen. Mein erster Stopp war Rio und ich hatte ziemliche Angst ausgeraubt zu werden. Ich habe mir eine Bauchtausche besorgt, die ich unter dem T-Shirt trug, damit ich im Falle des Falles einfach etwas Geld aus der Hosentasche geben könnte (Wenn man wirklich Pech hat wird diese Tasche aber auch gefunden). Mir ist zum Glück in der gesamten Zeit nichts passiert, aber ich habe mich auch sehr vorsichtig verhalten: Abends, wenn die Straßen leer waren, habe ich immer ein Uber nach Hause genommen oder man ist in einer Gruppe gelaufen. Ich bin der Meinung, dass man definitiv aufmerksamer sein sollte als in Deutschland, aber auch nicht ständig in Angst. Am besten ist es, sich an den Brasilianern zu orientieren. Tagsüber habe ich auch immer Kopfhörer in den Ohren gehabt, da ich darauf einfach nicht verzichten konnte. Nichtsdestotrotz, obwohl Florianópolis als sicherste Hauptstadt gilt, sind viele Brasilianer, mit denen ich dort gesprochen habe, auch schon ausgeraubt worden.

Geld

Die Währung ist der brasilianische Real. Ich habe vor Reiseantritt kein Geld gewechselt und das erste Uber etwas teurer in Euro bezahlt. Danach habe ich mit der Kreditkarte der Apobank kostenlos Bargeld abgehoben und meist so gezahlt. Manchmal allerdings auch direkt mit Kreditkarte, wobei in diesem Falle 1,5% des Umsatzes als Gebühr fällig werden. Sehr motivierte Reisende haben meist noch eine zweite Kreditkarte, mit der sie direkt umsonst bezahlen können.

Sprache

Ich besuchte sowohl einen Intensiv Portugiesisch Kurs in Portugal, als auch einen Wiederholungskurs an meiner Universität. Zumindest geringgradige Sprachkenntnisse sind definitiv zu empfehlen, um sich die Kommunikation zu erleichtern (sogar in Touristen Hotspots fehlt es an Englisch Kenntnissen), als auch besser in die Kultur einzutauchen und einfach mehr Spaß zu haben. Erst recht natürlich, wenn man ein klinisches Fach wählt. Die Ärzte sprachen zumindest ausreichendes Englisch, aber dennoch habe ich, trotz der Vorbereitung, zu Anfang die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten überhaupt nicht verstanden. Dafür fehlte es an Vokabular und die Dialekte sind bisweilen sehr unterschiedlich. Auch bei den Studierenden sind die Niveauunterschiede enorm. Mir persönlich hat es aber wahnsinnig Spaß gemacht, gerade auch mit den Studierenden zu sprechen, die sich nicht trauen Englisch zu sprechen.

Verkehrsbindungen

Ich bin für 750€ Euro von Düsseldorf nach Rio de Janeiro geflogen (Hin & Rückflug) mit Swiss und Edelweiss. Von dort habe ich dann noch Inlandsflüge hin und zurück nach Floripa gebucht für insgesamt 140€. Ich hatte allerdings auch einen Meilenbonus bei dem ersten Flug. Generell ist es empfehlenswert immer nach Aktionen Ausschau zu halten. Den Flug nach Rio habe ich bereits vor dem Erhalt der Card of Acceptance (CA) im November gebucht. Man muss für sich selbst entscheiden, ob man dieses Risiko eingehen will, denn erst mit der CA ist der Austausch endgültig bestätigt. Nur in seltenen Fällen wird der Austausch abgesagt, aber eine Sicherheit gibt es nie. Vor Ort haben wir Austauschstudierenden die meiste Zeit Uber benutzt, was sehr günstig ist, wenn man es teilen kann. Busse für knapp 1,10€ gibt es auch, es nimmt aber auch mehr Zeit in Anspruch. Für Fernreisen sind die Nachtbusse nach einem Preisvergleich mit den Flügen allerdings auch zu empfehlen (Klasse: Semi-Leito oder Leito um gut schlafen zu können!).

Kommunikation

Ich habe mir zeitnah in Brasilien eine SIM-Karte für ca. 30€ geholt. Für meinen Geschmack nicht gerade günstig, aber in Rio gab es die günstigeren Alternativen nicht und damit konnte ich bis zum Schluss (7 Wochen) ohne Probleme das Internet nutzen. Eine SIM-Karte ist für die Kommunikation unterwegs definitiv zu empfehlen! Nur für den Kontakt nach Deutschland hätten alle Brasilianer aber auch WLAN zuhause.

Unterkunft

Ich habe in einer WG mit einem Mediziner und einem Wirtschaftswissenschaftler zusammengewohnt. Die beiden waren teilweise sehr unordentlich für meinen Geschmack, sodass ich mich am Anfang ziemlich unwohl gefühlt habe. Auch, weil ich nur auf einer Matratze auf dem Boden im Wohnzimmer geschlafen habe, sodass Privatsphäre nicht gegeben war. In der Nacht war ich dann auch der einzige, der keinen Ventilator hatte und deswegen an heißen Tagen auch schlecht schlief. Wegen des lauten Kühlschranks habe ich dann auch angefangen Ohropax zu benutzen. Nach einiger Zeit habe ich mich zumindest halbwegs daran gewöhnt, freue mich aber dennoch jetzt auf mein Bett in Deutschland. Entschädigt wurde ich jedoch dadurch, dass ich mich mit beiden wirklich sehr gut verstanden habe, trotz der Tatsache, dass beide selbst im Streit waren und mein Host ständig nur gelernt hat.

Literatur

Ich habe mich im Internet bei verschiedenen Seiten eingelesen ohne dort eine besondere Empfehlung geben zu können. Dies habe ich auch eher benutzt, um andere Reisen um die Famulatur herum zu planen. TripAdvisor habe ich teils in Floripa benutzt, aber bin dann doch eher den Vorschlägen der Brasilianer gefolgt.

Mitzunehmen

Ich habe neben dem Kittel, Stethoskop und Reflexhammer ein normales Kleidungsset mitgenommen, sowie ein paar Kleinigkeiten als Gastgeschenke. Das einzige, was mir wirklich fehlte war eine zweite lange Hose, da man im Krankenhaus lange Hosen tragen muss. Wenn diese dreckig war konnte ich sie erst am Wochenende waschen, da mir sonst für den nächsten Arbeitstag die Hose gefehlt hätte.

Reise und Ankunft

Ich kam erst in der Nacht auf den Freitag in Florianópolis an und konnte dementsprechend nicht abgeholt werden. Vorher besuchte ich neben Rio die Ilha Grande, was auch sehr empfehlenswert ist. Vom Flughafen habe ich mir aber einfach ein Uber zu meinem Host genommen und auch mein „Buddy“ vor Ort war noch wach um mich zur Not zu leiten. Am Montag war dann der erste Famulaturtag, an dem ich von meinem Buddy und meiner Contact Person zu meiner Tutorin gebracht wurde.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Da ich als einziger Austauschstudent vor Ort nicht in der Chirurgie eingeteilt war, war mir schnell klar, dass es so schwierig werden würde, wie ich es bereits befürchtet hatte. Die Chefin der Neurologie hat mich jedoch direkt sehr herzlich empfangen und ist generell eine sehr freundliche und engagierte Frau, sowie eine der führenden Epileptologinnen in Brasilien. Jeden Tag gab es unterschiedliche Programme, im Prinzip sah der Ablauf aber wie folgt aus: Morgens ab 8:00 Visite auf Station oder in der Notaufnahme, in der Patienten auch gerne mal für mehrere Tage lagen. Danach folgte oft ein Seminar oder eine Art kleine Vorlesung, sowie Fallbesprechungen. Dabei anwesend waren immer die zwei Assistenzärzte sowie sechs PJ Studenten und ein Facharzt. Die Zahl der Patienten war sehr klein, sodass die Assistenzärzte unheimlich gute Lehre von den Fachärzten erhalten haben. Die Assistenzärzte dort erhalten allerdings auch keinen richtigen Lohn, sondern nur ein Stipendium von ca. 800€. Sie besitzen somit eine ganz andere Stellung als deutsche Assistenzärzte. Für mich war es gerade am Anfang allerdings sehr schwierig allem zu folgen, da nur wenig von alleine auf Englisch erklärt wurde und ich nicht jedes Mal nachfragen konnte. Nach einer größeren Mittagspause folgte nachmittags der Ambulanzdienst, sodass ich sowohl einen Einblick in die stationäre als auch ambulante Versorgung erhielt. Hier wechselte jeden Tag der Schwerpunkt, von neuroimmunologischen Erkrankungen bis zur Kopfschmerz- oder Epilepsie- Ambulanz. Hier habe ich meistens zugehört, selten auch nachuntersucht oder mitdiskutiert.
Gerade in der ersten Woche hatte ich das Glück, dass ein ehemals weltweit führender Epileptologe, Prof. Wolf, ebenfalls ein Deutscher, einen seiner regelmäßigen Besuche in Florianópolis als Gastprofessor hatte. Mit ihm und der Chefärztin besuchte ich u.a. an einem Abend ein privates Krankenhaus, um einen Vortrag anzuhören. Neben dem Vortrag selbst war es mindestens genauso interessant im privaten Krankenhaus, welches unseren Krankenhäusern in Deutschland gleicht, nur noch viel schicker ist, den Kontrast zur öffentlichen Uniklinik zu entdecken. Wie man sich bereits denken kann ist die Versorgungssituation nicht ideal. Auf dringende Untersuchungen, die bei uns selbstverständlich sind, musste teils Wochen gewartet werden. Es werden viele Medikamente verschrieben, die bei uns als veraltet gelten, aufgrund der Preise der neueren Medikamente. Dabei sind die Ärzte dort nicht schlechter als deutsche Ärzte – das Geld fehlt schlicht und einfach. Dies ging sogar so weit, dass eine Patientin keine Schubprophylaxe für ihre neuroimmunologische Erkrankung erhalten konnte. Im schlimmsten Fall bedeutet das, dass sie viel früher als nötig einen Rollstuhl benötigen wird. Eine über Jahre enorme Lebenseinschränkung.
Das Arzt-Patient Verhältnis in Brasilien ist persönlicher, was die Höflichkeit angeht – die Ärzte stellen sich mit Vornamen vor – der Entscheidungsprozess ist aber deutlich paternalistischer, da vielen Patienten aus ärmeren Schichten auch einfach der Hintergrund fehlt.
In der zweiten Hälfte der Famulatur hatte ich bereits mehr Selbstbewusstsein Fragen zu stellen und einfach zu kommunizieren. Nichtsdestotrotz habe ich mir eine eigene Anamnese zu erheben noch nicht zugetraut.
Wer also wie ich kein Interesse an Chirurgie hat, sollte definitiv in Abhängigkeit der eigenen Erwartungen an den fachlichen Wissenszuwachs eine solide Basis Portugiesisch aufbauen. Ich hatte vorher A1/A2 und war größtenteils überfordert, obwohl die Ärzte auch Englisch sprechen. Aber auch aufgrund der Studenten vor Ort, die nicht Englisch sprechen, wird fast andauernd nur Portugiesisch gesprochen. Somit habe ich weniger im Bereich der Neurologie gelernt, auch wenn ich viele spannende Fälle gesehen habe. Dafür verbesserten sich meine Sprachkenntnisse deutlich und besonders der Einblick in das Gesundheitssystem hat mir gefallen und mir wieder gezeigt, dass wir trotz aller Probleme in unserem System, dankbar für dieses sein können.

Land und Leute

Brasilien ist ein riesiges Land und besitzt dementsprechend viele unterschiedliche Kulturen. Der Staat Santa Catarina ist sehr europäisch geprägt, sodass der Kulturschock nicht so groß war, wie er es vielleicht im Norden wäre. Die Menschen sind offen und interessiert. Als Deutscher lernt man so schnell neue Leute kennen, wenn man einmal einen Anschluss gefunden hat, ohne dabei eine riesige Sensation zu sein. Gerade mit ein wenig Portugiesisch fällt es einem sehr leicht in die Kultur einzutauchen. Das Spektrum der Charaktere ist dort natürlich so breit wie hier auch. Doch allgemein kann man sagen, dass man eine größere Lebensfreude, eine größere Freundlichkeit dort empfindet trotz der schlechten politischen Situation. Alle Studenten sind frustriert von der vorherrschenden Korruption und teilweise auch Gewalt im Land und dennoch oder gerade deshalb lieben sie es ihre Kultur mit Fremden zu teilen. Natürlich muss man dazu sagen, dass alle die es schaffen Medizin an einer öffentlichen Universität zu studieren, sicherlich ein ausreichendes familiäres Umfeld haben um überhaupt so viel für die Eingangsprüfungen der Unis lernen zu können ohne Sorgen, sodass wir hier mindestens immer von der Mittelschicht sprechen. Interessanterweise wurde erst vor kurzem dort ein Gesetz verabschiedet, welches Annahmequoten für besondere Ethnien und Gesellschaftsschichten vorschreibt – auch die privilegierten Studierenden stehen dem positiv gegenüber. Bei 220 Bewerben auf einen Platz im Medizinstudium an der Uni hätten erstere sicherlich auch sonst keine Chance. Weil die Studierenden also stolz sein können dort angenommen zu sein, ist die Unikultur besonders ausgeprägt. Die Feste der Fakultäten sind riesig und werden umso mehr bereits Monate vorher mit verschiedenen Aktionen beworben. Ich habe diesen Stolz der Studierenden sehr positiv wahrgenommen, da er für mich auch eine Art Dankbarkeit widerspiegelt.
Florianópolis selbst ist mit 42 Stränden, zahlreichen Möglichkeiten für Wassersport und Wandern, aber auch zum shoppen und mit Bars verschiedenster Sorten auch nach der Arbeit ein Ort zum Verlieben. Neben der National Food and Drinks Party haben wir auch anderweitig spontane kulinarische Abende gemeinsam verbracht. Besonders gut hat mir die Mischung aus Ausflügen mit den internationalen Incomings gefallen (so zum Beispiel zu den riesigen Wasserfällen von Foz do Iguaçu – sehr empfehlenswert!) und der Kontakt mit den einheimischen Studenten, die einem Einblicke in ihre Routine geben konnten. Die meisten Studierenden der Medizin dort haben ein deutlich höheres Pensum als wir hier in Deutschland, sodass sie oft mit Lernen oder Seminaren beschäftigt sind. Da ich über DENEM und nicht IFMSA Brazil gekommen bin, hatte ich außerdem meinen Buddy, der mir immer bei Fragen geholfen hat und zwei Mal die Woche etwas "mit mir unternehmen musste". Es war super neben meinem Host noch ihn als Ansprechpartner zu haben!

Fazit

Ich bin immer noch sprachlos und dankbar für all die Erfahrungen, die ich sammeln durfte. Die negativen Momente der Einsamkeit und teilweise Überforderung haben die positiven umso intensiver erscheinen lassen. Ich kann jedem nur eine Famulatur über die bvmd in Brasilien ans Herz legen und kann mir kaum vorstellen, dass es dafür einen besseren Ort als Florianópolis gibt! Auch wenn ich fachlich nicht so viel wie erhofft mitnehmen konnte habe ich durch das Engagement meiner Tutorin doch völlig andere Einblicke in die Forschung und das Gesundheitssystem gewinnen können. Ich werde definitiv zurückkehren.

zurück