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Romania (FSMR)

Gynäkologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Lisa, Lübeck

Motivation

Ich bin seit Jahren am Reisen interessiert und bevorzuge vor allem Auslandsaufenthalte mit Kontakt zu den Einheimischen. Meine ursprüngliche Bewerbung wurde abgelehnt und von den Restplätzen interessierten mich Lettland und Rumänien am meisten. Rumänien ist schließlich meine Wahl geworden, da die sprachlichen Hürden dort geringer zu sein schienen und die Berichte sehr vielversprechend klangen. Ich war zuvor noch nicht so weit östlich in Europa unterwegs gewesen und hatte keine Ahnung von dem Alltag, den Verhältnissen und dem Leben dort. Das wollte ich ändern.

Vorbereitung

Meine Vorbereitung fiel eher spärlich aus. Nach der Bewerbung und der Zusage für den Platz wartete ich auf Neuigkeiten von der rumänischen Seite. Eine erste Email kam wie angekündigt etwa sechs Wochen vor Praktikumsbeginn mit Informationen über meinen Praktikumsplatz und meine Unterkunft sowie Willkommensgrüßen. Ich lernte ein paar sprachliche Grundlagen, was mir den Kontakt sehr erleichterte. Es wäre aber auch kein Problem gewesen, nur mit Englisch durch die Famulatur zu kommen.
Da ich mich bis dato nie mit Rumänien befasst habe, las ich im Internet und im Reiseführer Berichte für einen generellen Überblick zu der aktuellen Politik und Gesellschaft.

Visum

Als Deutsche brauchte ich kein Visum. Meines Wissens nach gilt dies für alle Europäer.

Gesundheit

Ich wurde nicht zu meiner Gesundheit befragt und musste auch keine Dokumente vorzeigen oder nachweisen. Eine spezielle Vorkehrung habe ich nicht getroffen. Die vielen frei herumlaufenden Hunde blieben ausnahmslos auf Abstand und wichen mir aus, weshalb eine Tollwutimpfung meiner Meinung nach nicht notwendig ist.

Sicherheit

Vor meiner Abreise hörte ich viele Befürchtungen und Ängste aus meinem Umfeld bezüglich der Sicherheitslage. Die Rumänen schienen zu klauen, täglich ihr Leben im Verkehr zu riskieren und rücksichtslose Straßenkämpfer zu sein. Vor Ort bekam ich dann in abgeschwächter Form dasselbe von den Rumänen selbst zu hören: sie erzählten freizügig und selbstironisch von ihrem Ruf als Räuber und Tagesgesindel. Auch warnten sie mich des Öfteren, meine Wertsachen in der Öffentlichkeit liegen zu lassen- wovon mir in Deutschland jedoch genauso häufig abgeraten wird. Ich habe während der vier Wochen keinen Diebstahl erlebt, auch auf der Straße und im Verkehr fühlte ich mich sicher. Nachts waren die Straßen gut beleuchtet.
Die aufgrund der Spannungen zwischen Ungarn und Rumänen häufigen Demonstrationen blieben friedlich. Der Anteil der Bettler allerdings ist recht hoch.
Insgesamt fühlte ich mich deutlich sicherer als erwartet und kaum anders als in Deutschland.

Geld

Vier bis fünf Lei entsprechen einem Euro. Es gibt zahlreiche Wechselstuben, die einen fairen Kurs anbieten. In fast jedem Restaurant oder Laden kann man jedoch auch mit Karte zahlen. Rumäniens Preise gelten als deutlich niedriger im Vergleich zu den deutschen, was vor allem für Lebensmittel, Kleidung und Eintrittskarten zutrifft. Alkohol, Benzin und Zigaretten jedoch kosten mancherorts auch mehr. Als Ausländer wird man gerade bei Bus- und Taxifahrten gerne übers Ohr gehauen. Wer das vermeiden will, sollte sich vorher über die Preise informieren und im Taxi darauf bestehen, den Preiszähler anzumachen. Für die Unterkunft und ein Mittagessen musste ich nichts zahlen. Ein Assistenzarzt vedient im ersten Jahr netto etwa 600€, was mal gerade für die Lebenserhaltungskosten reicht.

Sprache

Rumänisch ist die Landessprache, jedoch gibt es im ganzen Land aufgrund der langen Geschichte ständig wechselnder Besatzungsmächte zahlreiche fremdländische Einflüsse. In Transsylvanien leben nach wie vor einige „Sachsen“, die sich vor Jahrhunderten dort ansiedelten. Im Osten trifft man nicht selten Ungarn, die sich weigern, Rumänisch zu sprechen. In der Schule werden Englisch und Deutsch oder Französisch für viele Jahre gelehrt und ich traf viele Ärzte und Studenten, die mindestens zwei Fremdsprachen fließend sprechen können. In Târgu-Mures gibt es den medizinischen Studiengang auf Englisch und auf Rumänisch.
Die medizinischen Ausdrücke sind überwiegend aus dem Lateinischen übernommen. Vorkenntnisse anderer romanischer Sprachen sind sehr hilfreich für das Verständnis. Rumänisch zu sprechen ist jedoch deutlich schwieriger, da die Grammatik recht komplex ist. Für die Verständigung mit den Ärzten reichen englische Kenntnisse vollkommen, nur mit den Patienten ist die Kommunikation dann leider schwierig. Ich würde jedem empfehlen, sich zumindest geringfügig mit der Landessprache zu befassen.

Verkehrsbindungen

Ich nahm das Flugzeug von Dortmund nach Cluj-Napoca. Zwar hat Târgu Mures auch einen eigenen Flughafen, der ist jedoch kleiner und wird nicht häufig angeflogen. Von Cluj-Napoca fuhr ich mit dem Bus noch zwei Stunden die gut 100 Kilometer nach Târgu-Mures. Innerhalb des Landes kann man ganz gut mit den Fernbussen reisen. Die Tickets bekommt man entweder beim Busfahrer oder im Ticketshop am Busbahnhof, je nach Tag und Laune der Angestellten. Ein Kauf im Internet ist ebenfalls möglich. Vom Reisen mit der Bahn wurde mir mehrfach aufgrund der langen Fahrzeit abgeraten, daher habe ich keine Erfahrungen damit. Autobahnen gibt es nur vereinzelt um Bukarest herum, die Fahrt in die Hauptstadt beträgt von Târgu-Mures aus gute 6 Stunden. In den Städten wird relativ häufig mit dem Taxi gefahren, da es recht günstig ist. Für eine Fahrt von einem Kilometer zahlt man in etwa 2 Lei, je nach Stadt und Uhrzeit.

Kommunikation

Das Internet ist deutlich ausgebauter als in Deutschland. Auf jeder abgelegenen Straße hat man Empfang, in meiner Unterkunft gab es WLAN. Die Kosten für Anrufe und SMS von und nach Deutschland sind nach den Richtlinien der EU festgelegt.

Unterkunft

Meine Unterkunft wurde mir gestellt und bezahlt. Ich wurde vor der Tür empfangen und bekam meinen Schlüssel und die Karte zur Öffnung der Außentür. Es handelte sich um ein recht heruntergekommenes Vierbettzimmer in dem Studentenwohnheim. Es gab etwa 20 dieser Zimmer auf einem Flur mit einer Gemeinschaftsküche, einem Waschraum und zwei Badezimmern mit jeweils 2-3 Toiletten und Duschen. Für den Zeitraum der Famulatur war das für mich ideal, da ich ständig Ansprechpartner und nette Leute um mich herum hatte; mein LEO wohnte auch vor Ort. Ein Vorhang zwischen dem kleinen Vor- und Hauptraum sorgte für etwas Privatsphäre. Die Küche enthielt drei benutzbare Herde, einen Ofen und eine Mikrowelle, ich konnte das Kochgeschirr und Besteck meiner Mitbewohnerinnen nutzen.
Flip-Flops für die Dusche sind sehr hilfreich, Bettwäsche musste ich aber nicht mitbringen, sondern bekam zwei Laken, ein Kissen und eine Wolldecke. Wer mehr Ansprüche hat, sollte sich entsprechendes mitnehmen. In den allermeisten Zimmern steht ein Kühlschrank.
Auf Wunsch hätte ich auch in einem Appartment unterkommen können.

Literatur

Ich hatte einen sehr guten Reiseführer zur Hand, der mir sowohl im Vorhinein als auch vor Ort in vielen Bereichen geholfen hat. Fremdsprachige Literatur hatte ich mir nicht besorgt, die medizinischen Ausdrücke sind glücklicherweise sehr ähnlich.

Mitzunehmen

Im Krankenhaus brauchte ich weiße Hosen und Kasaks, alle Angestellten vom Pfleger bis zum Chefarzt müssen ihre eigene Kleidung zuhause waschen und mitbringen. Es gab mehrere Läden, die die Arbeitskleidung für deutsche Verhältnisse sehr günstig verkaufen. Krankenhausschuhe brauchte ich ebenfalls, für sie gelten dieselben Regeln wie in deutschen Krankenhäusern.

Reise und Ankunft

Der Flug von Dortmund nach Cluj-Napoca dauerte drei Stunden, jedoch ist es in Rumänien eine Stunde früher als in Deutschland. Nach der zweistündigen Busfahrt in meine Zielstadt Târgu-Mures kam ich abends gegen 22 Uhr im Studentenwohnheim an und wurde direkt durch zwei Studenten in Empfang genommen. Sie regelten den Papier- und Schlüsselkram mit mir, begleiteten mich zu meinem Zimmer und gaben mir ein Abendessen. Am nächsten Morgen zeigten sie mir den Weg zum Krankenhaus und stellten mich dem Chefarzt und dem für mich zuständigen Oberarzt vor.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Die erste Woche verbrachte ich hauptsächlich in den Operationssälen. Die Anästhesisten gaben immer den Platz am Kopfende frei und so hatte ich meist einen sehr guten Überblick über das Operationsgebiet. Auf Nachfrage wurden mir auch viele Vorgehensweisen und Erkrankungen erklärt.
Nach der zweiten Woche blieb ich an meinem eigentlichen Kleinteam, welches für die Schwangeren kurz vor der Geburt zuständig war. Morgens untersuchten wir sie routinemäßig auf die Lage des Kindes und kontrollierten per Doppler die kindlichen Herztöne. Danach ging es zum Ultraschallgerät ein Stockwerk höher. Jedoch war es nur Aufgabe der Fachärzte, diese Untersuchung durchzuführen.
Die anderen Teilstationen umfassten einige Zimmer für die Tumorpatienten, den Kreissaal und eine infektiöse Abteilung. Dort gab es mehr zu tun, die Krankheiten und Untersuchungen unterschieden sich im Wesentlichen aber nicht sonderlich von denen in Deutschland. Da das Krankenhaus (wie wohl auch alle rumänischen staatlichen Krankenhäuser generell) sehr unterversorgt an Gerätschaften und Untersuchungsmöglichkeiten war, konnten die Ärzte deutlich weniger machen als sie wollten. Beispielsweise gab es auf der Station nicht genug Monitore für eine Epiduralanästhesie während der vaginalen Entbindung. Auch gab es kein tragbares EKG-Gerät auf der gesamten Station. Die Narkosegeräte, Krankenhausbetten und vieles mehr waren ausrangierte deutsche Materialien, die hier zu Lande, wenn, dann meist nur noch zu Übungszwecken, genutzt werden. Dennoch zeigten die Rumänen das besondere Talent, aus nichts alles zu machen.
Viele gehen ins Ausland während ihrer Facharztausbildung (welche im Übrigen sehr ähnlich zu der unsrigen verläuft) oder auch längerfristig. Die beruflichen Chancen sind in Rumänien relativ gering und viele Ärzte finden nach ihrer Facharztausbildung keinen Job.
Meine Arbeitszeiten waren ursprünglich auf sechs Stunden am Tag ausgelegt, der Beginn war um halb neun. Die Assistenzärzte arbeiteten unter der Woche von acht bis um 13 Uhr und mussten zwischen drei und sieben 24-Stundendienste pro Monat machen. Die Fachärzte gingen meist schon mittags in ihre Praxen, in denen sie die zweite Hälfte ihrer Arbeitszeit arbeiteten. Ich machte freiwillig ein paar Nachtschichten mit, um Geburten zu sehen und in der gynäkologischen Notaufnahme zu arbeiten. Pro Nacht gab es durchschnittlich etwa vier Geburten.
Selbst Hand anlegen konnte ich zunehmend, musste aber recht oft darum bitten.
Die Hygiene spielt eine deutlich geringere Rolle als in Deutschland. Die Operationssäle waren ohne Schleusen frei zugänglich für alle Bediensteten. So kamen und gingen ständig Ärzte, Schwestern und andere Angestellte ein und aus. Es gab oft nur sterile Handschuhe, normale wurden nicht genutzt. Entweder war die eine Packung, die irgendwo herumflog, leer oder in der falschen Größe. Gerade die jüngeren Ärzte schienen in dieser Hinsicht aber aufmerksamer, weshalb vermutlich gerade ein gewisser Wechsel der Gewohnheiten stattfindet und die Hygiene zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Land und Leute

Die Rumänen waren überwiegend sehr herzlich, zugewandt und offen. Eine vergleichbare Gastfreundschaft habe ich bisher in keinem anderen Land kennengelernt. Obwohl gerade die Studenten und Assistenzärzte kaum Geld zur Verfügung haben und letztere nicht einmal ihre Unterhaltungskosten von ihrem Gehalt zahlen können, luden sie mich oft ein und wollten mein Essen zahlen. Wollte ich jemanden auf einen Kaffee einladen, ging das nie ohne größere Diskussion und oft nicht einmal dann.
Es war beschämend, in Timisoara in der Straßenbahn zu sitzen, in der an der Haltestelle das schwach leuchtende Schild „Bitte aussteigen“ aufflammte. Die bei uns längst ausrangierten Fahrzeuge sind vielerorts der normale Standard. Auch die Autos auf den Straßen sind größtenteils Altwagen. Der Smog in den Städten ist dementsprechend dicht.
Die Landschaft zwischen den Städten enttäuschte mich. Ungenutzte, brach liegende Böden reihten sich aneinander und die meist kahlen Berghänge erstreckten sich bis zum Horizont. Die kleinen Dörfer bestanden nicht selten aus instabilen Holzhütten. Dazu sollte ich jedoch sagen, dass es aufgrund des vielen Schnees und der kalten Jahreszeit sowieso viel grauer und trister als gewöhnlich war. Ab April und Mai müssen die Städte sehr schön anzusehen sein, da überall Blumen gepflanzt werden. Das muss mit den bunten Fassaden der Häuser ein sehr hübsches Bild ergeben.
Das Essen war entweder sehr salzig oder sehr süß. Meist gab es in den Restaurants Burger, Pizza oder ähnliches zu essen. Vegetarier finden schwerlich andere Gerichte außer Salat und der Gemüseanteil fiel generell gering aus. In traditionellen Restaurants konnte ich jedoch gutes Gulasch und Sarmale (Krautwickel) finden. Mittags bekamen wir ein Essen in der Kantine auf dem Unicampus.
An den Wochenenden wurden für uns Fahrten in andere Städte organisiert und wir besuchten Brasov, Sigisoara und Timisoara. Alle drei Städte sind einen Besuch wert, auch wenn die Fahrt teilweise lange dauert.
Jede rumänische Universität richtet einmal im Jahr einen Kongress aus. Neben Vorlesungen und Workshops spielt auch der gesellschaftliche Austausch eine große Rolle und die abendliche Party darf nicht fehlen...
Aus den Gesprächen hörte ich die große Unzufriedenheit der Rumänen mit der wirtschaftlichen Lage ihres Landes heraus. Die einheimische Industrie ist mittlerweile fast komplett in ausländischen Händen, ein großer Teil der Produkte kommt aus Deutschland. So sind die Haupteinkaufsläden DM, Weidmüller, ALDI und LIDL. In der Politik spielt die Korruption nach wie vor eine große Rolle.

Fazit

Insgesamt betrachtet war meine Famulatur in Rumänien ein großer Gewinn an Erfahrung sowie menschlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Kenntnissen und Eindrücken. Mit vielen Rumänen freundete ich mich an und hatte eine schöne Zeit. Ich freue mich sehr, nicht meinen Wahlplatz bekommen zu haben, weil ich dadurch in Kontakt mit einem Land gekommen bin, über welches ich vorher nie wirklich nachgedacht habe.
Meinen Luxus kann ich noch deutlich besser würdigen als vorher. Selbst jetzt, nach drei Wochen staune ich über unseren verschwenderischen Konsum, die schöne Landschaft und meine eigene Wohnung. Ich kann mir nicht vorstellen, später in Rumänien zu arbeiten. Dafür herrscht dort zu viel Frustration und politische Missstände. Wiederkommen möchte ich jedoch sehr gerne. Eine Famulatur in Rumänien empfehle ich jedem, der Eindrücke in ein anderes Gesundheitssystem bekommen möchte. Man sollte keinen großen Luxus erwarten, die finanziellen und politischen Notstände hinterlassen ihre Spuren. Dennoch ist es faszinieren dun lehrreich, zu sehen, was die Rumänen daraus machen. Ihre gesellige und freundliche Art hat mich von Anfang an eingenommen.

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