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Morocco (IFMSA-Morocco)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Clara, Kiel

Motivation

Eine Auslandserfahrung in Afrika war schon lange mein Traum. Daher dachte ich mir eine Chirurgie-Famulatur am Ende meines Studiums wäre eine gute Möglichkeit. Meine "Erstwunsch"-Bewerbung ging allerdings nach Ghana, was in meiner Vorstellung in der Bewerbungsphase am ehesten dem wahren Afrika entsprach. Meinen Zweitwunsch Marokko und Drittwunsch Israel gab ich eher mit dem Gedanken an, dass es vielleicht komisch oder arrogant aussähe keinen anzugeben. Ich war mir damals einfach so sicher, dass es klappen wird. Und dann kam es ebend anders als erwartet und vielleicht war das mein Glück. Ich erhielt die Zusage für Marokko!

Vorbereitung

Die Vorbereitung für einen bvmd-Austausch beginnt früh, wenn ich es mit meiner Bewerbung für andere Famulaturen vergleiche. Sonst erinnere ich mich noch an das Scannen und Hochladen vieler Dokumente, dass in keinster Weise schwierig sondern einfach nur Zeit intensiv war. Am meisten kämpfte ich mit dem Motivationsschreiben auf Englisch. Ich war es einfach nicht mehr gewöhnt auf Englisch Texte zu verfassen. Aber mit einer lieben Freundin aus Kanada zum Korrektur lesen und etwas Zeit schaffte ich auch das. Vielmehr habe ich zur Vorbereitung nicht gemacht, lediglich die Wochen vor der Abreise meine Französischsprachkenntnisse aufgefrischt.

Visum

Die Einreise nach Marokko ist ganz einfach! Man braucht kein Visum zu beantragen, denn mit dem Reisepass dürfen "Deutsche Staatsangehörige für touristische und geschäftliche Zwecke bis zu 90 Tagen visumfrei nach Marokko einreisen". Dieser muss nur mindestens noch 6 Monate gültig sein. Man muss lediglich ein kleines Dokument bei Ein- und Ausreise am Flughafen ausfüllen, in dem seinen Reisegrund, Wohnadresse im Land, Ausweisnummer usw. angibt.

Gesundheit

Mit den Informationen des Auswärtigen Amts habe ich mich gleich auch über das Gesundheitssystem belesen, sowie meinen Impfpass geprüft. Schlimme tropische Krankheiten gibt es in Marokko natürlich nicht. Aber die Tuberkulose- und HIV-Rate sind höher als in Deutschland und somit besteht natürlich auch ein höheres Risiko sich anzustecken. Ich empfehle außerdem ein Taschendesinfektionsfläschchen mitzunehmen, da Desinfektionsspender in den Krankenhäusern eher rar sind. Eine Auslandskrankenversicherung hatte ich bereits und war auch verpflichtend für den Austausch.

Sicherheit

Thema Sicherheit in Marokko. Ich bin als kleine blonde Frau alleine nach Marokko gereist und weiß jetzt, dass ich 64 Kamele wert bin. Nein, Scherz beiseite! Ich habe mich zu keiner Zeit in Marokko unsicher gefühlt. Die Marokkaner sind unglaublich gastfreundliche und herzliche Menschen, die versuchen dir in jeder Situation behilflich sein zu können. Natürlich sollte man aber auch einfach nichts provozieren und auch nicht alles zu persönlich nehmen. Ich bin nachts nicht alleine unterwegs gewesen und meist auch früh zuhause gewesen. Ich bin Taxi statt Bus gefahren, 1.Klasse im Zug statt 2.Klasse (alles immer noch sehr günstig). Und von Vorteil war sicher auch, dass durch Zufall meine Reisepartner immer Männer waren und wir so oft als Paar rüber kamen.

Geld

Die Währung in Marokko ist der marokkanische Dirham und der Umrechnungskurs ist zu meiner Zeit sehr gut gewesen (ca. 1:11). Ich hatte eine Kreditkarte von Comdirect mit der ich fast in der ganzen Welt kostenlos abheben kann, anhängig natürlich von den Bedingungen der jeweiligen Bank vor Ort. Aber ich konnte ich Marokko gut 4-5 Banken finden, bei denen das problemlos möglich war. Das Leben ist an sich günstiger, vor Allem Lebensmittel und Essen gehen. Insbesondere wenn mal lokale Produkte kauft. Europäischer Produkte und andere Importware war dafür umso teurer.

Sprache

Als Sprache war nur Englisch offiziell gefordert gewesen und Französisch und Arabisch empfohlen worden. Allerdings würde ich mindestens ein A2/B1 Level in Französisch dringendst anraten, Arabisch-Kenntnisse wären noch besser. Die jungen gebildeten Marokkaner können natürlich gut Englisch und auch der Arzt im Krankenhaus hat Englisch mit uns geredet. Aber mit allen anderen im OP-Bereich habe ich Französisch geredet und auch um öffentliche Verkehrsmittel nutzen zu können braucht man Französisch. Auch in meiner Gastfamilie konnten die Eltern kaum Englisch und auch nicht sehr gut Französisch. Aber all das soll nicht abschrecken, zu meiner Zeit war ein Italiener da, der kein Wort Französisch konnte und der hat es auch gemeistert, es ist nur vieles einfacher mit Französisch-Kenntnissen. Zudem ist die offizielle Sprache zwischen den Ärzten im KH auch Französisch.

Verkehrsbindungen

Reisen innerhalb von Marokko ist finde ich gut machbar. Es gibt die großen Busunternehmen CTM und Supratours zu denen man auch online Fahrpläne findet und die recht pünktlich abfahren (alles in marokkanischer Zeit). Zudem gibt es noch viele lokale Busunternehmen, die günstiger sind und vor Allem von den Einheimischen genutzt werden. Diese sind oft eher ältere Modelle und machen sehr viele Stopps um Menschen einzusammeln und raus zulassen, sodass sich die Fahrzeit oft verlängert. Die Tickets haben wir einfach immer Vorort kurz davor gekauft. Zugverbindung gibt es vor Allem im Norden und sind auch zu empfehlen. Man muss sich einfach nur im Klaren sein, dass die Fahrzeiten selten eingehalten werden und man oft länger braucht. Innerhalb von Rabat bin ich Taxi und Tram gefahren, beides einfach und günstig.

Kommunikation

Ich habe von meiner Gastfamilie eine Prepaid-Karte mit marokkanischer Nummer für mein Handy bekommen und damit war alles sehr einfach. Ich konnte mich überall gut orientieren und aufladen war an jedem Kiosk möglich. Meist habe ich denen einfach kurz mein Handy gegeben und die haben das installiert. Insgesamt hat es mich ca. 10€ gekostet.

Unterkunft

Untergekommen bin ich in einer Gastfamilie und hat damit das Glück komplett in eine andere Kultur und Familie einzutauchen. Ich habe mir ein großes Doppelbett mit meiner Gastschwester geteilt. Anfangs sicherlich sehr enger Kontakt mit einer fast Fremden, aber es hat einfach sehr gut gepasst zwischen uns und da Sie mir das auch bereits vorab geschrieben hatte, konnte ich mich gut darauf einstellen. Ich wurde von der Mama auch komplett bekocht und versorgt und habe so die beste marokkanische Küche kennenlernen dürfen. Als Dankeschön habe ich dann auch 2x für die Familie gekocht. Sonst konnte ich mich völlig frei überall in der Wohnung bewegen, an die Kühlschrank gehen wann ich wollte und so weiter. Gewaschen wurde auch für mich, sodass ich mich teilweise wie in einer All-Inklusive Unterkunft gefühlt habe. Das einzige was man wissen sollte, die Gastfamilien in Rabat leben fast alle etwas außerhalb in den besseren Wohngegenden, sodass man oft auf die Fahrbereitschaft auf Seiten der Gastfamilie angewiesen ist, bzw. einfach ein bisschen Geld für die Taxifahrten einplanen sollte.

Literatur

Viele Bücher wollte ich natürlich nicht mitnehmen. Die hätten ja nur Platz im Koffer weggenommen, den ich bei der Rückkehr eindeutig für die vielen Mitbringsel brauchte. Ich hatte mir nur ein Pocket-Handbuch „Französisch für Mediziner“ gekauft, was manchmal auch ganz hilfreich war. Aber sicherlich kein Muss.

Mitzunehmen

Ich kann mich an nichts Besonderes erinnern, dass man in Marokko dringend braucht. Letztendlich kann man auch fast alles da kaufen. Wenn man im März nach Marokko fliegt, sollte man das Wetter vielleicht nicht überschätzen. Es war natürlich wärmer als in Deutschland, aber meine dünne Daunenjacke war mein treuster Begleiter während der 4 Wochen.

Reise und Ankunft

Letztendlich bin ich an einem Sonntag über Paris nach Rabat geflogen. Als ich ankam war ich doch recht überrascht wie klein der Flughafen der Hauptstadt Marokkos war. Meine Gastschwester hat mich alleine mit ihrem Auto abgeholt und mir auf dem Weg zur Wohnung auch erzählt, dass sie noch nie von Rabat geflogen sei und viele eher den Flughafen Casablanca nutzen würden. Ich fand es im Nachhinein aber doch sehr vorteilshaft, da ich nicht noch kompliziert mit dem Zug nach Rabat musste und einfach direkt abgeholt werden konnte. An der Wohnung von Imane, meiner Gastschwester, angekommen, habe ich erst einmal alle Familienmitglieder kennengelernt (eine weitere Schwester, zwei jüngere Brüder und die Eltern) und konnte mich dann erst einmal ein wenig für mich ausruhen. Gegen halb fünf gab es dann Kaffee und süßes Gebäck und kam das erste Mal mit allen mehr ins Gespräch. Danach bin ich mit Imane zum Geldautomaten gefahren, sodass ich marokkanische Dirhams abheben konnte. Viel Mehr passierte an dem Sonntag nicht mehr und am folgenden Montag sollte auch schon mein Praktikum beginnen. Ich muss zugeben viele Informationen hatte ich nicht. Ich wusste aus den IFMSA-Angaben, dass ich von 08:00-12:30 offiziell Arbeitszeit hatte, wie mein Krankenhaus hieß und in welchem Department ich eingeteilt war. So bin ich dann einfach am Montag früh mit Imane zum Krankenhaus gefahren und habe mit ihr versucht die richtige verantwortliche Person zu finden. Lange Rede kurzer Sinn: Das hat alles nicht so funktioniert! Ich hatte wohl irgendeine Email mit dem Infos was ich alles mitbringen sollte nicht erhalten, der verantwortliche Leo war zu der Zeit in Ägypten und seine Vertretung hat von allem auch eher wenig Ahnung. Ich hatte einfach ein riesen Glück, dass Imane die ganze Zeit noch dabei war, übersetzt hat und dafür gesorgt hat, dass ich bei der richtige Person landete. Das alles hat letztendlich die ganzen Vormittag und nochmal mehrere Fahrten nach Hause gekostet, sodass ich an dem Montag nur kurz durch den OP-Bereich geführt wurde und auch bald wieder von Imane abgeholt wurde. Am nächsten Tag wusste ich dann aber bereits wo ich hinmusste, habe meinen verantwortlichen Arzt gefunden und konnte mich langsam einleben. Generell sollte man einfach einplanen, dass alles nach marokkanischer Lebensart zeitlich und organisatorisch langsamer und chaotischer abläuft. Man aber schon irgendwann ans Ziel kommt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich hatte mich für das Departement „Chirurgie générale“ beworben. Aus diesem Fachbereich kam dann letztendlich auch mein betreuender Arzt. Allerdings war dieser meistens nur 3 Tage die Woche da bzw. im OP, sodass ich recht flexibel dann einfach auch in andere OP-Säale anderer Fachrichtungen hinein schnuppern konnte. So habe ich mir zum Beispiel auch viele OPs in der HNO und der Gefäßchirurgie angesehen. Selbst ein Wechsel in eine andere chirurgische Fachdisziplin wäre machbar gewesen. Besonders empfohlen wurde in meinem Krankenhaus das Departement der Neurochirurgie mit einer sehr gut anleitenden Ärztin. Meistens fing ich zwischen acht und neun Uhr morgens an. Entweder auf Station mit Visite oder ich bin direkt in den OP gegangen. Meine Aufgabe bestand allerdings zu 95% aus zuschauen. Dafür kann man in Marokko aber oft viel näher an den Tisch, selbst unsteril, da der Hygienestandard natürlich nicht dem in Deutschland entspricht. Einmal durfte ich mich auch mit waschen, am Tisch den Haken mit halten und am Ende ein paar Hautnähte machen. Außerdem konnte ich manchmal auch bei der Anästhesie mithelfen, z.B. beatmen und intubieren. Gegen halb eins mittags bin ich meistens bereits nachhause gegangen, aber länger bleiben wäre natürlich möglich gewesen. Zusammenfassend war der Rahmen dessen was ich machen durfte aber doch sehr beschränkt und auf Dauer etwas langweilig. Vorteil war dafür natürlich, dass ich die Nachmittage für andere Aktivitäten nutzen konnte, wie zum Beispiel Surfen (Kann man ganz wunderbar in Rabat). Die Kommunikation mit den Ärzten und anderen Medizinstudenten war auf Englisch möglich, aber mit den Pflegern nur auf Französisch. Und mit denen arbeitet man die meiste Zeit des Tages zusammen. Mit den Patienten war es teilweise noch schwieriger, da mit diesen meist auf Arabisch gesprochen wurde und man dann auf die Übersetzung bzw. die Informationen der Ärzten angewiesen war. Ich fand den Einblick in ein anderes Gesundheitssystem sehr eindrücklich und hilfreich, einerseits in Hinblick darauf mit welchem Luxus wir in Deutschland Medizin betreiben, andererseits ob wir nicht in manchen Punkten auch zu verbissen und regelkonform arbeiten und damit unser Arbeitsleben auch komplizierter machen. Generell war der O-Ton der Medizinstudenten vor Ort zum Beispiel auch so, dass viele sich vorstellen können später im europäischen Ausland arbeiten zu wollen, da die Bezahlung und Anerkennung für den Beruf einfach so viel besser sei. Allerdings muss man beachten, dass ich in einem privaten Krankenhaus gearbeitet habe. Das Leben und Gesundheitssystem in den öffentlichen Krankenhäusern ist sicherlich nochmal eine andere Welt.

Land und Leute

Über Land und Leute könnte ich hier Romane verfassen. Beides hat mich jedenfalls zu 100% überzeugt. Ich habe mir einerseits natürlich unter der Woche viel Rabat angeschaut und war dort vor Allem Surfen. An den Wochenenden habe ich dann meist Trips in andere Städte oder Regionen gemacht. Das erste Wochenende bin ich mit meiner Gastfamilie zu deren Familie nach Fez gefahren und bin so direkt mal in das Leben einer marokkanischen Großfamilie eingetaucht, inklusive dem besten Essen. Essen tut man an solchen Wochenenden übrigens gefühlt die ganze Zeit und als Gast immer noch doppelt so viel. Man wird außerdem mit solcher Herzlichkeit empfangen. Fez hat zudem eine wunderschöne Altstadt zu bieten mit all den altertümlichen Handwerksbetrieben. So kann man zum Beispiel die alte Färberkultur von den Dächern aus besuchen. An meinem zweiten Wochenende habe ich mir die große Moschee in Casablanca angesehen. Es ist die einzige in Marokko die von nicht Gläubigen besichtigt werden darf. Allerdings nur zu bestimmten Zeiten am Tag und der Ticketschalter macht immer nur dazu passend kurz vorher auf. An meinem dritten Wochenende habe ich an einem Trip in die Sahara teilgenommen, der von den Mediziner aus Rabat organsiert wurde. Dadurch waren wir eine ziemlich coole junge Gruppe und es hat viel Spaß gemacht. Aber man muss sich einfach bewusst sein, dass die Sahara doch sehr weit entfernt ist. Ich empfehle daher hier wirklich mehr Zeit und Geld zu investieren, da man dann alles einfach viel mehr genießen kann. In meiner letzten Woche bin ich noch für 2 Tage nach Chefchouen gereist. Eine wirklich bezaubernde Stadt, die wirklich in jeder Perspektive ein Foto wert ist. Aber auch klein, sodass für die Stadt an sich wirklich ein halber bis ganzer Tag reicht und man in der Umgebung schöne Wanderungen zu Wasserfällen machen kann. Hier sprechen die Menschen übrigens kein Französisch mehr, sondern eher Spanisch. Die letzten 10 Tage bin ich dann noch in den Süden gereist und war dort in Essaouira und Marrakesch. Essaouira ist ein schöner kleiner Ort an der Küste, sehr gut geeignet zum entspannen und Wassersport machen. Als krönender Abschluss Marrakesch war dann leider eher enttäuschend. Die Stadt scheint eine reine Touristen-Instagram-Stadt zu sein. Dem entsprechend war es auch voll und teuer. Aber alles in allem waren es überall hin ganz wunderbare Trips. Die bei denen ich aber mit Einheimischen unterwegs war waren die coolsten. Erstens natürlich weil diese einfach die besten Plätze kennen und zweitens weil man fairere Preis zahlt und nicht ständig einen fetten Touristenbonus zahlen muss. Außerdem war fand ich persönlich den Norden schöner, es war einfach grüner und unberührter. Das ich zusätzlich mit meiner Gastfamilie super zurecht kam und einfach ein riesen Glück hatte kam hoffentlich bis hierhin schon durch.

Fazit

Als Fazit kann ich sagen, dass es für mich bis jetzt kulturell und auslandserlebnistechnisch die beste Erfahrung meines Lebens war. Marokko hat sich zu jeder Minute von seiner besten Seite gezeigt. Die Menschen sind unglaublich hilfsbereit, das Essen außerordentlich lecker und die Landschaft und Kultur so vielfältig. Ich habe das Gefühl eine zweite Familie in Marokko gefunden zu haben und für mich wird es sicherlich ein Wiedersehen mit dem Land und den Leuten von da geben. Ich kann es nur wärmstens allen empfehlen!

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