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Eat to Fight your Disease (Ruanda)

Gynäkologie - SCOPH (Public-Health Austausch)
Anonym

Motivation

Da es in meiner Uni kaum möglich ist, sich Auslandssemester anrechnen zu lassen, wollte ich gerne für eine Famulatur ins Ausland. Ich finde, man lernt ein Land sehr viel intensiver kennen, wenn man eine Weile dort lebt und einer Tätigkeit nachgeht als man es als Tourist könnte. Ich habe mich für ein afrikanisches Land entschieden, da ich es interessant finde, einen Alltag mitzubekommen, der sich von unserem in Europa sehr unterscheidet. Außerdem konnte ich dadurch ein ganz anderes Gesundheitssystem kennen lernen, das mit anderen epidemiologischen, gesellschaftlichen und finanziellen Faktoren arbeitet.

Vorbereitung

Nachdem ich mich über die BVMD beworben habe, hat Eat to fight your Disease (ETFYD) von sich aus Kontakt mit mir aufgenommen, hat mir alle weiteren wichtigen Informationen zukommen lassen und stand für Fragen zur Verfügung. Außerdem gibt es eine Facebook-Gruppe „ETFYD exchange“. So kann man Tips von Leuten bekommen, die schon vor Ort waren oder sind.
Die Kontaktaufnahme mit dem Krankenhaus hat leider nicht so gut geklappt. Meistens bekommt man keine Antwort auf E-Mails, oder erst Wochen später. Man sollte also mehrmals nachhaken, um den Invitation Letter zu erhalten. Ohne den darf man nämlich nicht anfangen. Ich hatte ihn nicht bekommen und musste vor Ort mit dem Verantwortlichen erst diskutieren, bevor ich im Krankenhaus beginnen durfte. Die Information von ETFYD, dass es eine Absprache gibt, dass keine Antwort als positive Antwort zu werten sei, hat hier leider nicht gestimmt.

Visum

Für die Einreise bekommt man ohne vorherige Beantragung ein Touristenvisum für 30 USD am Flughafen in Ruanda, welches 30 Tage gültig ist.
Für das Krankenhaus braucht man mittlerweile das N2-Visum. Angeblich ist man damit nämlich im Praktikum haftpflichtversichert. Es wird allerdings nicht kontrolliert, ob man es hat oder nicht. Das N2 beantragt man in Huye (bis zu 14 Tage nach Praktikumsbeginn). Welche Unterlagen man dafür braucht, ist ein bisschen von der Laune des Beamten an dem Tag abhängig und korreliert nicht unbedingt mit den Angaben im Internet. Bei mir waren es ein Passfoto mit weißem (!) Hintergrund, ein Empfehlungsschreiben vom Krankenhaus, ein Empfehlungsschreiben von der Heimatuni, Kopie des Reisepasses, der ausgefüllte Antrag und ein persönliches Antragsschreiben für das Visum. Das N2 wird nur bis zum letzten Arbeitstag im Krankenhaus ausgestellt. Es kann aber 5 Tage überzogen werden.
Also benötigt man erst das Touristenvisum für die Einreise, dann das N2 und - falls man noch länger bleibt- evtll noch einmal ein Touristenvisum.
Für Leute, die noch reisen wollen, lohnt sich daher die Überlegung, das East Africa Visum zu beantragen. Dann könnte man sich die Touristenvisa und das N2 theoretisch sparen. Auch wenn das vom Krankenhaus natürlich offiziell nicht so gerne gesehen wird.

Gesundheit

Gelbfieberimpfung ist Pflicht. Bei dem Rest kann man sich vom Arzt beraten lassen. Ich habe Typhus, Meningokokken, Cholera und Tollwut auffrischen lassen. Tollwut halte ich nicht für unbedingt nötig, da es in Ruanda so gut wie keine Katzen und Hunde gibt. Lediglich als Touristenattraktion gibt es ab und zu Orte mit Fledermäusen, die kann man aber auch vermeiden. Der Tetanusschutz sollte aktuell sein, der Impfstoff ist in Huye nämlich schwer zu bekommen, falls man sich verletzt. Und Hep B ist als Mediziner ja sowieso essentiell. Ich habe auch Malarone als Malariaprophylaxe genommen. Ein Moskitonetz hatte ich dabei, habe es allerdings nie benutzt, weil es in allen Unterkünften eines gab.

Sicherheit

In Ruanda muss man sich keine Gedanken um Sicherheit machen. Es gab keine Situation, in der ich Angst hatte. Im Gedränge habe ich schon ein wenig Acht auf meine Tasche gegeben, hatte aber nie das Gefühl, dass die Gefahr bestand, bestohlen zu werden. Auch nachts auf der Straße muss man keine Angst haben. Die Ruander sind wirklich sehr ehrlich und friedlich.
Das größte Sicherheitsproblem ist der Verkehr. Im Gegensatz zu Uganda oder anderen afrikanischen Ländern ist er noch harmlos, es gibt beispielsweise Geschwindigkeitsbeschränkungen und Helmpflicht für die „Motos“ (Motorradtaxis). Allerdings kann man die Helme meist nicht festzurren, also sind sie eher Dekoration und der Fahrstil ist für uns Europäer dann doch insgesamt eher abenteuerlich.

Geld

Die Währung in Ruanda sind Ruandische Francs (RWF). Es wird immer bar bezahlt. Geldautomaten gibt es sehr regelmäßig. Am Flughafen steht auch ein ATM, sodass es nicht nötig ist, vorher Geld umzutauschen.
Die Preise für Touristenattraktionen wie Eintritte in die Nationalparks und Wandertouren etc. sind meist in USD. Man kann auch in RWF zahlen, allerdings wird einem dabei ein schlechter Umrechnungskurs gegeben.
ACHTUNG: in Ruanda und den Nachbarländern werden nur neue USD-Scheine akzeptiert. Ich würde empfehlen, keine Scheine mitzunehmen, die älter als 5 Jahre sind.

Sprache

Die gemeinsame Sprache der Ruander ist Kinyarwanda. Lehrsprache in Schulen und Universitäten ist seit einigen Jahren Englisch, früher war es Französisch.
Viele Leute reden dennoch ausschließlich Kinyarwanda. Mit den meisten Patienten wird man sich daher nicht unterhalten können. Die Ärzte und Studenten sprechen aber alle Englisch und das Teaching im Krankenhaus ist auch in Englisch.
Auf dem Markt wird man sich mit Französisch leichter tun als mit Englisch. Aber generell gibt es immer Wege sich zu verständigen, auch wenn man nicht die gleiche Sprache spricht.
An Verkaufsstellen für Bustickets etc. sind immer Leute mit ausreichenden Englischkenntnissen vor Ort.
Kinyarwanda ist eine recht schwierige Sprache, man wird sie also kaum in wenigen Wochen lernen können. Allerdings lohnt es sich, wenigstens ein paar Brocken wie Hallo und Danke zu lernen.

Verkehrsbindungen

Ruanda hat nur einen internationalen Flughafen in Kigali. Es gibt allerdings ein gutes System öffentlicher Busse, mit denen man alle Orte im Land gut erreichen kann. Von Kigali nach Huye fahren die Busse 3-4 Stunden (bei Dunkelheit etwas länger). Vom Busbahnhof gibt es regelmäßige Verbindungen, mindestens jede Stunde eine. Die Kosten sind umgerechnet ca 2,50€. In Ruanda gibt es eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 60km/h und es dürfen nicht mehr Leute in einen Bus, als es Plätze gibt. Da diese Regeln auch eingehalten werden, ist Busfahren ziemlich sicher.

Kommunikation

Ruanda hat ein sehr gut ausgebautes Mobilnetz. Sim-Karten gibt es für umgerechnet 50 Cent. WIFI gibt es so gut wie nirgends, dafür sind Mobildaten nicht sehr teuer. Daher ist Internetzugang kein Problem. Als Anbieter würde ich Airtel empfehlen, es hat eine bessere Internetverbindung als MTN. Die Qualität der Internetverbindung ist fluktuierend. WhatsApp-anrufe, Skype-calls etc. sind möglich, aber eben nicht immer.
Die Ruander kommunizieren überwiegend über WhatsApp (wenn sie sich ein Smartphone leisten können).

Unterkunft

Von ETFYD wird das RVCP-Haus empfohlen, in dem ich auch gewohnt habe. Man zahlt mit 200 USD pro Monat deutlich mehr als in einem Studentenwohnheim. Allerdings gibt es dort auch Komfort wie eine kleine Küche, Aufenthaltsraum, warmes Wasser etc. Und ein Teil der Miete geht an Projekte der Studentenorganisation RVCP, wie bspw. den Bau von Latrinen für mehr Hygiene in den Dörfern etc.
In dem Haus wohnen immer auch andere Internationals, die für ein paar Wochen oder Monate bleiben, meistens sind das auch Famulanten oder PJ-ler.
Bettwäsche und Moskitonetze sind vorhanden.
Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und hätte vor allem auf die Küche nicht verzichten wollen, da das ruandische Essen nicht sehr abwechslungsreich ist.

Literatur

Da ich mich lieber überraschen lasse, habe ich mir nicht viel vorher durchgelesen. Über den Genocid von 1994 sollte man allerdings schon ein wenig Bescheid wissen. Ansonsten ist es Geschmackssache, wie viel man sich vorher anlesen möchte.
Um im Krankenhaus schnell Medizinisches nachlesen zu können, würde ich eine App für das Handy empfehlen, am besten englisch-sprachig, so lernt man direkt die Fachwörter auf Englisch. Die ruandischen Studenten benutzen fast alle Medscape.

Mitzunehmen

Da ich in der Regenzeit da war, waren u.a. die wichtigsten Dinge Regenschirm bzw. Regenjacke. Außerdem hat es durch den vielen Regen gut abgekühlt, sodass man mindestens einen dicken Pulli nicht vergessen sollte.
Kurze Hosen (und Röcke) sind vor allem bei Frauen nicht üblich. Die Knie sollten möglichst bedeckt sein. Für warmes Wetter sind daher eine luftige lange Hose bzw. längerer Rock ganz praktisch.
Es gibt immer mal wieder Stromausfall. Taschenlampe also nicht vergessen!
Im Krankenhaus braucht man seinen eigenen Kittel und Stethoskop. Man sollte sich auch Handschuhe und Desinfektionsmittel mitnehmen. In der Chirurgie benötigt man eigene OP-Kleidung.
Da Huye ziemlich hoch liegt, hält sich die Anzahl der Mücken in Grenzen. Wenn man abends raus geht, ist ein Mückenschutzspray für die exponierten Stellen aber doch ganz sinnvoll, um sich vor Malaria etc. zu schützen.
Wer noch reisen will, sollte sich vorher überlegen, ob er dafür Schlafsack, Wanderschuhe etc. braucht. Solche Dinge sind in Ruanda nämlich nur extrem schwer zu finden, wenn überhaupt.
Wer sowieso überlegt, seinen Kleiderschrank auszumisten, kann sich alte Kleidung und Schuhe mitnehmen und sie am Ende dort lassen. Es gibt genug Leute dort, die sich darüber freuen.

Reise und Ankunft

Bei der Anreise gab es keine Probleme. Ich kam 2 Tage vor Praktikumsbeginn in Ruanda an, habe eine Nacht in Kigali verbracht und bin am nächsten Tag mit dem Bus nach Huye weiter. Wenn man im RVCP-Haus wohnt, ist es wohl manchmal üblich, dass die Studenten von RVCP einen am Flughafen abholen.
Am 1. Praktikumstag habe ich mich im Sekretariat der medizinischen Fakultät vorgestellt. Die anderen Internationals aus dem RVCP-Haus können einen dorthin führen, also ist das alles kein Problem. Dann bekommt man alle weiteren Informationen was zu tun ist, wie z.B. die 100 USD Gebühr pro Monat für das Krankenhaus einzahlen etc.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe insgesamt 2 Monate Famulatur in Huye gemacht. Der erste Monat war auf der internistischen Notaufnahme, der 2. in der Gynäkologie. Die Notaufnahme ist meiner Meinung nach für ausländische Studenten nicht so gut geeignet, da der Hauptbestandteil hier die Anamnese ist, natürlich auf Kinyarwanda, sodass man nicht so viel mitbekommt bzw. ohne jemanden, der einem übersetzt selbst nicht viel machen kann. Die Morgenbesprechung und das Teaching war mit den Studenten der Inneren Medizin zusammen und das war wirklich sehr gut. Die Innere hat zurzeit einen amerikanischen Chef, der sehr viel Wert auf das Teaching legt. Immer mal wieder kamen ausländische Ärzte, die auch Unterrichts-Einheiten gehalten haben. Manchmal bin ich mit auf die Station der Inneren Medizin gegangen, das hat mir sehr gut gefallen. Man sieht dort andere Krankheitsbilder als bei uns und außerdem extremere Ausprägungen einiger Krankheiten, da die Leute erst sehr viel später zum Arzt gehen. Die Ärzte der Inneren Medizin sind meiner Erfahrung nach auch immer offen Fragen zu beantworten und machen von sich aus oft Bedside-Teaching.

Die Gynäkologie war auch ganz interessant. Sie besteht in Ruanda vor allem aus Geburtshilfe. Hier hatte ich jeden Morgen eine Patientin, die ich untersuchen musste und einen Behandlungsplan erstellen, der dann später von einem Arzt noch einmal kontrolliert wurde. Allerdings wird man in der Gynäkologie nicht so gut angeleitet. Ich musste mir selbst jeden Morgen eine Station und Patientin suchen, es wird einem nur selten etwas gezeigt oder erklärt. Die Studenten machen fast selbstständig die Stationsarbeit und die Ärzte sind oft nicht anzutreffen. Wenn man eine Frage hat, vor allem zur Behandlung der eigenen Patientin, muss man manchmal sehr lange suchen um den verantwortlichen Arzt zu finden. Bis ich die Behandlung meiner Patientin sicher gestellt hatte, war der Morgen oft schon vorbei. Da am Nachmittag Teaching statt fand, gab es dann oft nicht mehr die Möglichkeit, in OP oder Kreißsaal zu gehen. Daher habe ich relativ wenige OPs und Geburten sehen können. Ich würde empfehlen, in der Gyn eher nur 2 Wochen zu famulieren und sich lieber noch eine andere Fachrichtung auszusuchen, um noch etwas Anderes zu sehen. Aber natürlich ist das Geschmackssache. Wer sich total für Gyn begeistert und vllt schon mehr Vorwissen hat als ich, kann unter Umständen mehr mitnehmen.

Insgesamt war die Famulatur eine sehr spannende Erfahrung. Natürlich sind die Materialien und die finanziellen Mittel ganz anders als bei uns. Aber das CHUB ist kein „Buschkrankenhaus“.
Das medizinische Wissen ist in Ruanda da, man kann von den Ärzten viel lernen. Ich fand es außerdem interessant zu sehen, wie versucht wird, die Behandlung trotz knapper Mittel so gut wie möglich nach den aktuellen Leitlinien durchzuführen.
Ruanda hat ein Gesundheitssystem, zu dem jeder Zugang hat. Gesetzlich sollte jeder versichert sein, praktisch sind es auch über 95% der Bevölkerung. Lediglich 10% der Kosten für Medikamente, Laboruntersuchungen und Materialien müssen die Patienten selbst aufbringen. Das ist für einige Leute leider auch schon zu viel. Es passiert daher schon des Öfteren, dass ein Patient wegen fehlender Mittel nicht behandelt werden kann.
Ich finde es aber wirklich beeindruckend, dass ein so armes Land ein flächendeckendes funktionierendes Gesundheitssystem etabliert hat. Natürlich ist die Spitzenmedizin nicht für jeden Patienten zu erreichen, aber es besteht für alle ein Zugang zu medizinischer Versorgung und die meisten Erkrankungen können dadurch schon behandelt werden.


Land und Leute

Ruanda ist ein sehr kleines Land, es hat in etwa die Größe von Rheinland-Pfalz. Es gibt also nur eine Handvoll von Reisezielen, die man aber jeweils an einem Wochenende gut erreichen kann. Am beliebtesten sind die 3 Nationalparks Akagerra, Volcano und Nyungwe. In Akagerra im Nordosten kann man Safari machen, Volcano im Nordwesten eignet sich für eine Wanderung auf einen ehemaligen Vulkan oder Besichtigung der Berggorillas und Nyungwe im Südwesten ist ein Nebelregenwald, durch den verschiedene Wanderrouten führen. Allerdings muss man für alles schon ein gutes Budget einberechnen. Die Parkeintritte sind nicht gerade billig (um die 40USD pro Tag). Ohne Führungen, die extra kosten, darf man die Parks nicht betreten. Für Safari im Akagerra benötigt man ein Mietauto etc. etc. Und wer Berggorillas sehen will, muss dafür ganz bescheidene 1500 USD locker machen.

Fazit

Die Zeit in Ruanda war eine tolle Erfahrung. Ich kann den Aufenthalt dort nur empfehlen. Die Famulatur war sehr interessant, weil ich andere Krankheitsbilder als bei uns sehen konnte, ein anderes Gesundheitssystem kennen gelernt habe und einen Einblick in medizinische Versorgung in einem anderen gesellschaftlichen und finanziellen Kontext hatte.
Außerdem finde ich, dass man persönlich auch etwas mitnimmt, wenn man in einem Land lebt, wo warmes Wasser keine Selbstverständlichkeit ist; wo Shoppen kein Hobby ist, weil sich das niemand leisten könnte; wo es (fast) nur das zu kaufen gibt, was auch auf den Feldern im Land wächst,…
Man lernt, auch mit weniger zu leben und es wird ganz normal. „Afrika“ hat einen anderen Lebensstandard als wir, klar. Aber wir haben auch viele falsche Vorstellungen und Vorurteile. Auch dort kann man „ganz normal“ leben und einen Alltag haben.

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