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Verschiedene - SCOPH (Public-Health Austausch)
von Paola, Marburg

Motivation

Ich hatte schon lange das Bedürfnis danach, das spannende und facettenreiche Indien zu entdecken. Da es nahezu unmöglich ist, in einem zeitlich begrenzten Zeitraum, dieses riesige Land als Ganzes zu erfassen, wollte ich mich lieber auf einen kleinen Ort fokussieren.

Vorbereitung

Zur Vorbereitung habe ich versucht, möglichst viel über den Ort und die Initiative herauszufinden. Dies ging vor allem gut über die Seiten http://www.sittilingi.de/ und http://www.tribalhealth.org/ . Auf der Letzteren gibt es von der THI eine Infobroschüre für „medical elective students“, die sehr informativ ist.
Optimal wäre es natürlich Tamil zu sprechen. Leider ist der Erwerb dieser Sprache sehr kompliziert und ich habe kein passendes Medium finden können.
Was allerdings sehr zu empfehlen ist, ist sich auf das Medical-English vorzubereiten, sodass man sich wenigstens mit den Kollegen ordentlich austauschen kann.

Visum

Für Indien ist ein Visum notwendig. Ich habe wie viele zuvor ein Touristenvisum beantragt. Eigentlich sollte man, auf Grund unserer Tätigkeit, ein anderes beantragen, aber dies wäre kostspieliger und komplizierter. Das E-Touristen-Visum kostet um die 50-60€ und ist ziemlich schnell da. Man braucht dafür nur eine Kreditkarte. Bei der Kontrolle habe ich gesagt, dass ich Jemanden in der Initiative besuchen würde und vielleicht später noch etwas im Land umher reise.

Gesundheit

Die übliche Reisapotheke sollte man mit sich führen. Ich habe für mich den Nutzen von Parenterol-Tabletten entdeckt. Wann auch immer der Magen grummelt oder auch Durchfall vorhanden ist, fand ich sie sehr hilfreich.
Ich hatte mir im Vorfeld Sorgen um lokale und Tropenerkrankungen gemacht. Das stellte sich im Nachhinein als unnötig heraus. Malaria gibt es in dem Gebiet kaum, also müsst ihr keine Prophylaxe mitnehmen. Dengue-Fieber ist in einzelnen seltenen Fällen vorgekommen, jedoch ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, vor allem mit einem ordentlichen Moskitoschutz.
In Bezug auf HIV, habe ich nie einen Patienten gesehen, obwohl die Rate in tamil Nadu sehr hoch sein soll. Viel öfter oder sehr oft werdet ihr Tuberkulosepatienten begegnen. Dagegen kann man sich nicht richtig schützen. Jeder geht dort das Risiko ein. Jedoch wird davon ausgegangen, dass immunkompetenten Menschen in belüfteten Räumen nichts passiert.

Sicherheit

Ich habe mich in Sittilingi sehr wohl und sicher gefühlt. Es ist ein kleiner Ort und man entwickelt schnell ein Netzwerk an Menschen, die man kennt und um Hilfe bitten kann.
Auch während meiner Anreise habe ich mich sehr sicher gefühlt. Ich hatte Vorbehalte als Frau alleine durch Indien zu reisen, aber es hat sich als unbegründet herausgestellt. Man findet in der Regel immer Jemanden, der einem auf Englisch weiterhelfen kann.

Geld

Vor dem Aufenthalt macht man eine Anzahlung von 200 USD und danach nochmal 450 USD. Dieses Geld reicht völlig aus um die Grundbedürfnisse abzudecken. Man bekommt in Sittilingi ein Zimmer gestellt und drei Mal pro Tag leckeres, vegetarisches Essen. Ich hatte zusätzlich 100 € (in Rupien) in der Tasche für kleinere Ausflüge, Souvenirs ect.

Sprache

In Tamil Nadu wird Tamil gesprochen. In Sittilingi sprechen fast alle Menschen, die an der Initiative teilhaben, Englisch. Vor allem die Ärzt*innen im Krankenhaus sprechen ein einwandfreies Englisch (selbst wenn der Akzent für mich gewöhnungsbedürftig war). Bei den Patient*innen ist es leider anders. Es ist nahezu unmöglich sich mit Ihnen zu verständigen. Irgendwann kann man ein paar Begriffe auf Tamil sagen, worüber sich die Leute enorm freuen. Leider reicht es nicht um eine Anamnese zu erheben. Daher war ich in dieser Hinsicht sehr auf die Ärzt*innen und das restliche Team angewiesen.

Verkehrsbindungen

Von Deutschland aus kann man ganz gut direkt nach Chennai oder mit Zwischenstopp nach Bangalore fliegen. Beide Städte kann man mit dem Touristenvisum ansteuern. Zu meinem Zeitpunkt waren die Flüge von Frankfurt nach Chennai am günstigsten. Jedoch ist es immer gut, sich frühzeitig darum zu bemühen.
In Indien selbst kommt man sehr gut mit der Bahn voran. Auch hier sollte man frühzeitig (einen Monat im Voraus) Tickets beschaffen. Es gibt auch viele Busverbindungen. Allerdings ist dies um einiges waghalsiger.
Grundsätzlich sind alle Fortbewegungsmittel sehr günstig.

Kommunikation

Um den Kontakt nach Europa zu halten, konnte man problemlos das gute WLAN im Krankenhaus nutzen. Ich hab dann meistens am Ende des Tages Lebenszeichen versendet oder einen WhatsappCall getätigt, was sehr gut ging.
Es besteht die Möglichkeit sich von dem Krankenhaus eine SIM-Karte auszuleihen. Leider waren zu der Zeit, in der der ich dort war, keine vorhanden. Ich denke eigentlich nicht, dass es notwendig ist. Es bietet sich vor allem an, eine indische SIM-Karte zu besitzen, wenn man anschließend reisen möchte.

Unterkunft

Ich habe mir mit zwei anderen Deutschen eine Wohnung geteilt und hatte dort ein Zimmer für mich allein. Die Wohnung ist simpel eingerichtet, aber man hat alles was man braucht und sogar einen kleinen Herd und eine Waschmaschine. Wir hatten auch einen gemeinsamen kleinen Vorraum, wo wir oft saßen, Tee gekocht haben und Karten gespielt haben.
Das Haus in dem wir gewohnt haben, befindet sich auf einem Grundstück, welches 10 min mit dem Fahrrad vom Krankenhaus entfernt ist. Auf dem Grundstück wohnen noch Familien, die in der Initiative involviert sind. Sie sind sehr liebe Nachbarn, die man immer rufen kann, wenn man Hilfe braucht. Ebenfalls befinden sich auf dem Grundstück eine Keksfabrik und das Craft-Zentrum Porgai

Literatur

Es ist sehr zu empfehlen, sich genügend Lektüre mitzunehmen. Die Abende sind meistens ruhig und endeten bei mir meistens mit einem guten Buch auf der Hand und dem schönen Sonnenuntergang im Hintergrund.
Was medizinische Literatur anbelangt, ist es gut etwas zum Nachlesen zu haben. Am besten bietet sich für mich dafür die Amboss App an.

Mitzunehmen

Was ihr unbedingt mitnehmen solltet ist ein Moskitonetz und etwas Warmes zum Anziehen. Ich war im Februar da und doch waren die Nächte ziemlich kalt und ich war sehr froh, dass ich einen Schlafsack dabei hatte. Auch ein dickerer Pullover ist nicht verkehrt. Wichtig sind auch eine Taschenlampe und Batterien. Man muss oft in der Dunkelheit nach dem Abendbrot nachhause und ohne Taschenlampe ist es schon gruselig.
Ich würde als Frau nicht zu viele Kleider mitnehmen. Vielleicht drei Hosen (eine feste, eine weite und eine Leggings) und wenige weite T-Shirts. Es ist am besten sich bei Porgai Kurtis zu kaufen. So ist man lokal gekleidet und unterstützt das Projekt.

Reise und Ankunft

Ich bin von Frankfurt nach Bangalore geflogen. Der Flug hat um die 650€ gekostet. Ich habe mich damals gegen die Verbindung über Chennai entschieden, weil ich nachts gelandet wäre und gerne tagsüber in Indien ankommen wollte. Vom Flughafen bin ich mit dem Bus zum Bahnhof gefahren und von dort nach Salem, wo ich abgeholt wurde. Der Weg von Salem nach Sittilingi braucht nochmal 3 Stunden und da sieht man erst wie abgelegen der Ort ist.
Insgesamt verlief meine Reise reibungslos. Ich hatte im Vorhinein alles mit dem Team besprochen und hab mich die ganze Zeit auch sehr sicher gefühlt. Dennoch muss ich im Nachhinein sagen, dass ich sehr glücklich bin, dass ich mich für den kostspieligeren und umständlicheren Weg über Bangalore entschieden habe. Als Frau und zum ersten Mal in Indien war es das Beste.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Grundsätzlich war die Chance im Krankenhaus in Sittilingi zu arbeiten eine sehr lehrreiche und einprägsame Erfahrung. Ich kann rückblickend sagen, dass ich viel mehr gelernt habe, als in einigen Praktika oder Famulaturen, sei es in Deutschland oder im Ausland.
Der Tag war folgendermaßen aufgebaut: Wir sind um 7h30 zum Frühstück im Krankenhaus erschienen. Um 8h ging die Meditationsrunde los, in der alle vor dem Alltagstrubel in sich kehren und sich versammelt haben. Anschließend finden parallel Visiten statt: Im medical Ward (Innere) und im surgical Ward (Chirurgie). Die Visiten fand ich immer sehr gut. Es war die Gelegenheit interessante Fälle zu diskutieren, Differentialdiagnosen und Krankheitsbilder kurz zu besprechen und das weitere Vorgehen zu planen. Es gab in der Woche zwei OP-Tage. An den restlichen Tagen betrieben wir die Ambulanz. Mittwochs ist eine spezielle Senioren-Sprechstunde, die für Nicht-Tamil-Sprechende relativ langweilig ist. Als Alternative, kann man sich die Field-clinic anschauen und fährt mit einem kleinen Team in (noch) abgelegenere Regionen. Leider bin ich dazu zeitlich nicht gekommen. Zusätzlich zu den genannten Möglichkeiten, kann man auch in den Kreisssaal gehen und sich die Geburtsmedizin nah bringen lassen.
Die Tage in der Ambulanz können ziemlich spannend sein, wenn man lernt, wem man am besten über die Schulter guckt. Hier ist es wichtig Motivation zu zeigen und viel nachzufragen. Auch kann man einige Untersuchungen mitmachen (rektal digital, koloskopisch, fundoskopisch …), jedoch ist etwas Geduld gefragt. Ich habe in der Zeit viele interessante Fälle gesehen und vor allem mein klinisches Auge geschärft. Da die diagnostischen Möglichkeiten eingeschränkt sind, ist man gezwungen so weit wie möglich klinisch zu kommen und lernt von der bildgebenden und Labordiagnostik unabhängiger zu sein.
Die OP-Tage haben mir am meisten Spaß gemacht. Hier gab es keine Sprachbarriere und ich konnte ungehemmt mitmachen. Bei vielen Eingriffen besteht die Möglichkeit zu assistieren und auch kleinere Eingriffe (relativ) selbstständig durchzuführen. Zum Beispiel durfte ich öfters selbst Spinalanästhesien legen.
Der Kreißssaal war für mich der Ort, wo ich in der kürzesten Zeit am meisten lernen konnte. Die Schwestern aus dem Kreißsaal sind echt fit und man kann eine Menge von ihnen lernen. Es ist vor allem praktisches Wissen und auch hier ist die Sprachbarriere nicht so ein großes Hindernis.
Meiner Meinung nach ist Sittilingi der perfekte Ort dafür, um klinisches Wissen zu festigen. Allerdings würde ich es für Studierende in niedrigeren Semestern nicht empfehlen. Die Ärtz*innen waren sehr kompetent und ich habe das Gefühl noch viel von ihnen lernen zu können. Sie haben ein unglaublich breites Wissen, was extrem zu dem westlichen Speziellen- und Fachwissen kontrastiert. Hier lernt man Menschen grundlegend zu versorgen. Das Wissen beschränkt sich nicht auf einzelne Fachgebiete. Ich habe noch nie gesehen, dass man selbst die Anästhesie bei Patient*innen macht, anschließend operiert und in der nächsten Minute ein Kind entbindet oder zu irgendeinem internistischen Notfall eilt.
Was auch bemerkenswert war, war die Arbeitsatmosphäre und Arbeitsethik. Die Hierarchie war sehr flach und der Umgang mit dem Personal war respektvoll und auf Augenhöhe.

Land und Leute

Nach dem Feierabend, haben wir meistens ruhige Abende verbracht. Ab und an sind wir noch einen Chai trinken oder Kekse kaufen gegangen, Spazieren oder eine Runde Frisbee mit den Jungs von der Thulirschule, spielen gewesen. Viele Nachmittage haben wir allerdings in aller Ruhe auf der Terrasse verbracht, haben Bücher gelesen und Karten gespielt.
Am Wochenende hat man die Gelegenheit dazu Ausflüge zu planen.
An einem Wochenende haben wir Tiruvannamalai besichtigt. Die Stadt ist in drei Stunden Busfahrt zu erreichen. Was in Indien als Kleinstadt gilt, kontrastierte sehr mit dem ruhigen und sauberen Tal von Sittilingi. Dort haben wir den Feuertempel besucht und den Arunchala-Berg bestiegen.
An den anderen Wochenenden, haben wir um Sittilingi herum Exkursionen gemacht. Es gibt einen Wasserfall zu dem man wandern kann. Mit den Jungs aus Thulir, haben wir eine Fahrradtour um das Dorf herum gemacht.
Wenn ihr Interesse habt mehr zu erkunden, muss man sagen, dass die Anbindung von Sittilingi sehr schwer ist. Der Ort ist sehr abgelegen und man muss drei Stunden fahren um die nächste größere Stadt zu erreichen. Wir fanden es aber sehr schön, Zeit Vorort zu verbringen, die Gegend und die Einbewohner*innen besser kennen zu lernen.
Ich habe mich in Sittilingi immer sehr wohl und sicher gefühlt. Auch ist die ganze Gegend und die Community der Tribal Health Initiative an sich, sehr interessant. Sie umschließt nämlich mehr als nur das Krankenhaus. Genauso wie das Verständnis von Gesundheit nicht nur am Krankenhaus gehaftet ist. Anders als wir es oft in der Uni vermittelt bekommen haben, werden hier augenscheinlich unter "Gesundheit" auch soziale und ökonomisch Faktoren einbegriffen. Dadurch ist das Leben vor und nach dem Krankenhausaufenthalt, mindestens genauso wichtig wie der Aufenthalt selber. Dieses spiegelt sich in vielen Strukturen wieder , die auch zur Tribal Health Initiative dazu gehören. Dazu gehören : Die Thulir-Schule, die Farmer-Initiative, das Porgai-Craft-Center, die vielen Fraueninitiativen usw. All diese Untereinheiten, haben das Ziel die Lebensqualität und -sicherheit der lokalen Populationen zu stärken, ihnen Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung zu gewährleisten und sie unabhängig von sozialen, ökonomischen und politischen Machtstrukturen zu machen.
In diesem Rahmen, ist es erwünscht auch die restlichen Komponenten des Projektes kennen zu lernen. Einen Nachmittag haben wir einen Farmer besucht und uns durch ihr Anwesen, mit traditioneller und umweltfreundlicher Anbautechnik, führen lassen. Wir haben auch an mehreren Frauensitzungen teilgenommen, dem Jahrestreffen der Tribal Health Community und die Handwerker*innen in Porgai besucht. All diese Einblicke waren sehr interessant und wichtig um die Probleme und Herausforderungen der Region zu verstehen.

Fazit

Im Großen und Ganzen kann ich diesen Aufenthalt nur wärmstens empfehlen. Ich habe viel mehr von dieser Zeit profitiert als ich erwartet hatte. Dieser Ort ist besonders, denn es ist ein Projekt welches lokal entstanden ist, durch Idealisten und es ist schön zu sehen, dass es funktionieren kann. Es hat mich sehr animiert und inspiert ein solches Projekt zu sehen. In dieser Zeit habe ich vieles gelernt für mein späteres Berufsleben. Tatsächlich kann ich mir vorstellen zurück zu kehren und diese Erfahrung auszudehnen.

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