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Slovakia (SloMSA)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Anna, Rosenheim

Motivation

Erst wollte ich einfach nur ins Ausland, dann habe ich mir auf der Liste Israel ausgesucht, weil ich dort wohl ohne die bvmd so schnell nicht hinkommen werde und war dann über die Restplätze nicht besonders glücklich. Mehr zufällig habe ich mich dann für die Slowakei beworben und mich nach anfänglicher Verwirrung (Wo liegt dieses Land eigentlich genau?) und der Lektüre eines Reiseblogs sehr darauf gefreut.

Vorbereitung

Ich habe keine vorbereitenden Veranstaltungen besucht, was kulturelle Unterschiede angeht, war das aber auch nicht nötig. Die Slowakei ist dann doch sowohl geographisch als auch kulturell sehr nah an Deutschland. Zugticket habe ich problemlos über die DB gebucht, war auch 4 Wochen vorher noch sehr günstig. Unbedingt rechtzeitig um die Versicherungsbestätigung kümmern! Das war bei mir etwas knapp.

Visum

kein Visum notwendig -----------------------------

Gesundheit

Die erforderlichen Impfungen waren die gleichen wie in Deutschland, sodass ich die schon hatte. Meine Krankenversicherung hat Aufenthalte über 3 Monate ohne weitere Maßnahmen im europäischen Ausland abgedeckt und mir dann sogar eine Bescheinigung auf Englisch ausgestellt. Als Europäerin musste ich
in der Slowakei keinen Tuberkulose-Test nachweisen, ansonsten hätte aber der Tuberkulin-Test gereicht. Vor Ort konnte ich mich problemlos (trotz Sprachbarriere) mit Aspirin, Nasentropfen u.ä. versorgen.

Sicherheit

Tatsächlich war 3 Tage vor meiner Ankunft ein slowakischer Journalist unter dubiosen Umständen umgekommen, was insbesondere die slowakischen Studenten dazu gebracht hat, öffentlich der Regierung ihre Meinung zu sagen. Im Nachhinein hätte ich mich wohl in meiner Vorbereitung wenigstens oberflächlich mit den aktuellen politischen Geschehnissen auseinandersetzen sollen, die Demonstrationen waren aber zu jeder Zeit friedlich und ich habe mich nie unwohl gefühlt.

Geld

In der Slowakei bezahlt man mit Euro, im Nachbarland Budapest, das man im Rahmen eines Aufenthaltes unbedingt besuchen sollte, aber nicht (hat mich etwas unvorbereitet getroffen). Geldautomaten findet man ohne Probleme, ich habe viel bar gezahlt, Karte wäre wohl aber auch meistens möglich gewesen. (Aber nicht an den Automaten, wo man die Busfahrkarten kauft!) Die SloMSA hat den Incomings TESCO-Gutscheine (ein großer englischer Supermarkt) im Wert von insgesamt 80€ zur Verfügung gestellt, hätte ich es darauf angelegt, wäre ich damit hingekommen. Da ich aber auch ab und zu auswärts essen war,
waren es wohl ungefähr 120€, die ich in dem Monat für Essen ausgegeben habe. Eine Pizza kostet aber unter 5€, sodass auch auswärts essen nicht zu teuer wird.

Sprache

Landessprache ist Slowakisch (sehr ähnlich zum Tschechischen, aber ganz weit weg vom Deutschen, ich konnte mir kein einziges Wort herleiten), alle unter 40 Jahren sprechen gut bis sehr gut Englisch, alle über 70 Jahren teilweise sogar Deutsch. Russisch wohl auch zum Teil habe ich nicht ausprobiert. Ich hatte mir einen Sprachkurs aus der Bücherei ausgeliehen, mit dem ich mich wohl etwas mehr beschäftigen hätte können, um wenigstens von Anfang an Hallo, Tschüss und Danke zu beherrschen. In Restaurants, beim Bahnfahrkartenkauf und an der Rezeption meines Hostels (wo niemand Englisch konnte) war ein kleines Wörterbuch sehr hilfreich. In der Klinik konnten die meisten Ärzte sehr gut Englisch und zur Kommunikation mit den älteren Ärzten und den OP-Schwestern, die unabhängig vom Alter kein Englisch
konnten, hat sich eigentlich immer jemand zum Übersetzen gefunden. Ein B1-Niveau in Englisch sollte locker reichen, um sich verständigen zu können. Nachdem an der Komenius-Universität viele ausländische Studenten auf Englisch studieren, sind es die Ärzte gewohnt, auf Englisch angesprochen zu werden und im Stadtzentrum sorgen die recht zahlreichen Touristen dafür, dass in den Geschäften und Restaurants Englisch zumindest verstanden wird.

Verkehrsbindungen

Von München aus hatte ich mir gar keine anderen Möglichkeiten als den Zug angeschaut, die Verbindung war sehr gut und mindestens 4 mal pro Tag mit nur einmal Umsteigen im Angebot. Der Flughafen Bratislava ist sehr nah an der Stadt, wird jedoch aus Deutschland nicht viel angeflogen.

Bratislava selbst hat ein hervorragendes öffentliches Verkehrtssystem, das zudem die meisten außerstädtischen Sehenswürdigkeiten abdeckt - das Montasticket hat sich auf jeden Fall gelohnt! Vom Hostel, das leider sehr weit außerhalb lag, ging tagsüber alle 15 Minuten ein Bus in die Stadt/zur Klinik, ab 22:00 verkehrt jede Stunde ein Nachtbus vom Zentrum zum Hostel. Die Tram im Stadtzentrum fährt fast die ganze Nacht gefühlt alle 5 Minuten in alle Richtungen. Außerhalb der Gegend, die mit dem Bus abgedeckt war, bin ich nur einmal mit dem Zug nach Budapest gefahren, der dann gleich mal 30 Minuten Verspätung hatte, mich aber ohne Umsteigen nach Budapest gebracht hat. Als App empfiehlt sich
„CP timetables“ (auch auf Englisch verfügbar)

Kommunikation

Seit der neuen EU-Regelung kommt man in der Slowakei einfach so ins Internet. Das Hostel hatte kostenfreies Internet „aus der Wand“, wofür man sich ein Ethernet-Kabel hätte mitrbingen sollen, auf Nachfrage habe ich eines an der Rezeption erhalten. Meine Mitbewohnerin hat einen Router von ihrer Kontaktperson bekommen, mit dem dann ein WLAN für die ganze WG ermöglicht wurde.

Unterkunft

Untergebracht war ich mit zwei anderen (weiblichen) Incomings im Hostel UNINOVA, 45 Minuten außerhalb der Stadt, aber mit Bushaltestelle direkt vor der Haustüre. Bettwäsche und -zeug war vorhanden, ebenso wie eine kleine Küche mit 2 Herdplatten, Spülbecken und Kühlschrank, jedoch ohne Töpfe/Geschirr/Besteck o.ä., das hatte ich mir von zu Hause mitgebracht und teilweise dort gekauft. Die Zimmer waren sauber, das Hostel selbst eher etwas heruntergekommen, die Rezeption 24h besetzt
und als der Herd kaputt war, war in 15 Minuten der Hausmeister zur Stelle. Im Internet wird ein Supermarkt im Hostel und ein Fitnessraum angepriesen, den gibt es wohl schon lange nicht mehr. Gegenüber ist aber ein kleine Supermarkt und 2 Bushaltestellen oder 30 Fußminuten entfernt ein großer TESCO. Die Bettdecke war für den ungewöhnlich kalten Winter 2018 etwas dünn, ich hatte noch einen Schlafsack dabei. Im Hostel gibt es nur Doppelzimmer, was eine neue Erfahrung für mich war - auch wenn meine thailändische Mitbewohnerin sehr höflich und rücksichtsvoll war, wäre ab und zu ein bisschen Privatsphäre auch ganz nett gewesen.

Literatur

Ich hatte einen kleinen Stadtführer Bratislava und einen etwas ausführlicheren Reiseführer Slowakei, auf Nachfrage kann ich gern die Titel raussuchen. -------------------------------------------------

Mitzunehmen

Schlafsack, Töpfe/Geschirr, Ethernet-Kabel, evtl Router, im Winter ein dicker Anorak, regenfeste Kleidung, weiße Hose/T-Shirt und Kittel für die Klinik (wird nicht gestellt),
Stethoskop, Umstecker! --

Reise und Ankunft

Zugfahrt verlief ohne Probleme, am Bahnhof wurde ich dann von einer Kontaktperson abgeholt, die sich schon 2 Wochen vorher mit mir in Verbindung gesetzt hatte. Gewünschter Anreisetag war am Donnerstag, wie sich herausgestellt hat, war mein erster Tag in der Klinik dann aber erst am Dienstag. Vorher
habe ich auch keine anderen Kontaktpersonen mehr gesehen, sodass ich mich die ersten vier Tage alleine „versorgen“ musste. Das war für mich als Europäerin mit der richtigen Währung und Internet auf dem Handy kein Problem, meine zwei Mitbewohnerinnen aus Asien waren jedoch etwas aufgeschmissen. In die Klinik hat uns eine weitere Kontaktperson gebracht und dann direkt auf der Station abgeliefert, wo wohl aber niemand so richtig wusste, dass ich kommen würde. Nach einer kurzen Visite, von der ich (weil auf Slowakisch) nichts mitbekommen habe, wurde ich dann in den OP begleitet, wo mich zwar auch keiner erwartete, ich aber sehr herzlich aufgenommen wurde.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war meinem Erstwunsch entsprechend in der Allgemeinchirurgie untergebracht, was sprachtechnisch auch die beste Idee war. Laut meinen Mit-Incoming war es im stressigen Klinikalltag zum Beispiel in der Kardiologie nicht möglich, viel zu übersetzen. An meinem ersten Tag wurde mir gesagt, dass es Studenten in der Slowakei leider nicht erlaubt sei, im OP zu assistieren, was mich dann doch eher deprimiert hat. Auf Nachfrage bei einer jungen Assistenzärztin wurde mir dann aber empfohlen, doch bei den einzelnen Chirurgen selbst nachzufragen, die mich dann auch bei ungefähr jeder dritten OP als 2. oder 3. Assistenz mitmachen ließen. Nachdem ich vorher keinerlei OP-Erfahrungen hatte, war das Haken-Halten, Fäden-Durschneiden, Spülen, Tupfen und vor allem da Nähen sehr spannend für mich, sodass meine Tätigkeit in der Klinik meiner Erwartungen übertroffen hat. Gerne hätte ich noch bei einer versprochenen Laparoskopie die Kameraführung übernommen, die entsprechende OP wurde dann aber leider abgesagt. Die Pausen zwischen den einzelnen OPs waren relativ lang, hätte ich mich getraut, hätte ich aber wohl auch in den benachbarten Sälen der Orthopädie und Gynäkologie zuschauen dürfen. Zweimal bin ich noch mit auf Visiten gegangen, habe aber immer noch nichts mitnehmen können und nachdem mir der Arzt, der nach und nach meine „Betreuung“ übernommen hat, geraten hat, doch einfach im OP zu bleiben, weil der Stationsalltag doch sehr langweilig wäre, habe ich das dann auch so gemacht. Mit den Ärzten (Chirurgen und auch Anästhesisten) habe ich mich durchweg gut bis sehr gut verstanden, mit den OP-Schwestern konnte ich leider nicht kommunizieren, sodass die Beziehung dann eher kühl war. In den Pausen habe ich mich ab und zu mit einheimischen Studenten unterhalten und so erfahren, dass diese
jeden Tag bis 14:00 in der Klinik sind und danach noch Vorlesungen hätten, zu denen aber kaum einer hingeht. Die Vormittag in der Klinik sind wohl nicht gut strukturiert und die Ärzte haben selten Zeit, sich ausführlich um die Studenten zu kümmern. Die Medizinstudierenden waren sehr überrascht, wenn ich von meinen positiven Erfahrungen im OP erzählt habe. Zum Umziehen steht allen Studenten des Klinikums eine Umkleide für Männer und Frauen mit viel zu wenig Schließfächern zur Verfügung, die als ich ankam alle belegt waren, sodass meine Sachen unabgeschlossen in dieser Umkleide lagen und ich Handy und Geldbeutel lieber mit in den OP genommen habe. So machen das dort aber alle Studenten und die meisten Ärzte.

Land und Leute

Die Sehenswürdigkeiten Bratislavas sind die Burg Devin Hrad (mit dem Bus zu erreichen), die Burg Bratislava Hrad im Stadtzentrum, der UFO-Turm auf der UFO-Brücke, die Donau-Promenade, das Stadtmuseum Bratislava im alten Rathaus inklusive kostenfreier Turmbegehung, das Michaelstor, ein sowjetischer Gedenk-Friedhof Slavin, die „alte“ Brücke (die in Wirklichkeit 2011 komplett erneuert wurde), das Danubiana Art Museum und die Blaue Kirche. Zu empfehlen ist weiterhin ein kleine Cafe (Pan Cake), das ausschließlich Pfannkuchen (palacinski) serviert, die Eisdiele Luculus im Stadtzentrum, ein Spaziergang auf dem „Berg“ Kamzik, der kleine Wallfahrtsort Marianka (auch mit dem Bus zu erreichen), der kleine Weinbauort Sväty Jur inklusive Burgruine, Cerveny kamen und ein Ausflug mit dem Schiff nach Wien (habe ich in die Heimreise integriert). Die slowakische Küche ist geprägt von Teigware aus Kartoffeln (Halusky und Piroggen) und Fleisch, Vegetarier finden aber auch überall etwas. An Getränken muss man unbedingt Ribezlak (ein Johannisbeerwein), kofola (eine Art kommunistische Cola) und Tatra Tea (ein sehr hochprozentiger Likör) probieren. Sehr gerne wäre ich noch nach Kosice (zweitgrößte Stadt der Slowakei) und in die Berge Richtung Zilina gefahren, die Natur um Bratislava ist nämlich im Gegensatz zur Hohen
Tatra im Nordosten nicht sehr eindrucksvoll. Als Tipp zur slowakischen Bevölkerung: Offensichtlich haben viele Toiletten in der Slowakei keine abschließbare Türe, sodass an Toilettentüren grundsätzlich geklopft wird, egal ob „besetzt“ oder „frei“ angezeigt wird. Im Bus steht so ziemlich jeder auf, um älteren Menschen oder Schwangeren seinen Sitzplatz anzubieten. Die einzige "unangenehme" Situation entstand, als ich das allererste mal Straßenbahn gefahren bin und natürlich gleich mal in die falsche Richtung. An der Endstation angekommen hat mich der Fahrer dann ziemlich aggressiv angebrüllt und mich wild gestikulierend zum Aussteigen aufgefordert. Am Bahnsteig hat mich dann ein anderer Passagier darüber aufgeklärt, dass wir an der Endstation wären und ich 10 Minuten in die falsche Richtung gefahren bin... Sonst hatte ich aber auch nachts alleine auf dem Weg durch die Stadt zum Nachtbus nie ein ungutes Gefühl und auf Nachfrage bei den Kontaktpersonen sie das auch nicht nötig. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Fazit

Meine Erfahrungen in der Klinik wurden gerade was die Englischkenntnisse angeht weit übertroffen und nachdem ich kein Social Program erwartet hatte, waren die vielen kleinen Bar-Abende mit den Kontaktpersonen und deren uneingeschränkte Erreichbarkeit was Übersetzungsdienste und Freizeittipis anging auch eine sehr positive Überraschung. Der Aufenthalt in der Slowakei hat mir auf jeden Fall bewiesen, dass ich mich auch in einem Land, in dem ich absolut nichts verstehe gut zurecht finden kann und dass die meisten Slowaken einem sehr gerne helfen und begeistert sind, wenn man dann D’akujem (Danke) auf Slowaksich sagen kann. Ich würde und werde bestimmt noch mindestens einmal in die Slowakei reisen, schon um endlich die Hohe Tatra kennenzulernen und zu testen, wie viel Vokabular dann am Schluss tatsächlich hängen geblieben ist, aber auf gar keinen Fall nochmal im März - alle Wintermärkte waren abgebaut, es war ungglaublich kalt und ungemütlich draußen und die meisten Sehenswürdigkeiten machen erst im April/Mai so richtig auf. Ab Mai ist dann auch jede Woche ein anderes Festival in der Stadt und man kann an lauen Sommerabenden in der Altstadt unterwegs sein… Der einzige Vorteil am März war, dass vermutlich maximal wenige Touristen da waren.

Zuerst wollte ich nach Norwegen und war von meinem Resplatz in der Slowakei dann gar nicht so richtig begeistert, weil das ja schon irgendwie sehr nach an Deutschland ist und jetzt auch nicht zu den Ländern gezählt hat, die ich unbedingt bereisen wollte. Es hat sich herausgestellt, dass es trotz der Nähe zur österreichisch-deutschen Kultur auch weil die kommunistische Ära noch gar nicht lange vorbei ist, doch viele neue Aspekte zu entdecken gibt und die Slowakei als Land und auch als Ausgangspunkt zum Bereisen anderer Länder viel zu bieten hat. Famulatur im Ausland auf jeden Fall machen und nicht davon abschrecken lassen, wenn bei den Restplätzen kein exotisches Land mehr dabei ist - auch „langweilige“ Länder wie die Slowakei machen vier unvergessliche Wochen möglich, stellen einen vor neue Problemen und lassen einen an diesen wachsen.

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