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Serbia (IFMSA-Serbia)

Notfallmedizin - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Laura, Bad Münstereifel

Motivation

Ich wollte gerne ins Ausland hauptsächlich um andere Kulturen kennenzulernen, daher hatte ich erst einige muslimische Länder ins Auge gefasst, weil ich in Deutschland häufig mit Vorurteilen dem Islam gegenüber konfrontiert werde und mir gerne ein eigenes Bild gemacht hätte. Als ich für diese jedoch leider nicht angenommen wurde, sah ich mich bei den Restplätzen für den Famulaturaustausch um und ich fand, wie ich nun sagen kann, meinen absoluten Glücktreffer - Belgrad, Serbien.
Viel wusste ich über Serbien vor meiner Abreise zugegebenermaßen nicht, ich habe mich überraschen lassen und diese Überraschung fiel mehr als positiv aus.

Vorbereitung

Ich habe mich ehrlich gesagt bis zur Abreise ziemlich unvorbereitet auf den Auslandsaufenthalt gefühlt, was vor allem daran lag, dass meine Abreise quasi mitten in der Klausurenphase stattfinden sollte. Es ist also zu empfehlen, den Austausch eher in einer etwas weniger stressigen Zeit zu planen, sofern das möglich ist.
Ansonsten ist es empfehlenswert, mit Leuten der bvmd oder IFMSA zu kommunizieren, sie haben all meine E-Mails schnell beantwortet und standen mit stets mit Rat und Tat zur Seite. Viel muss man selbst auch gar nicht vorbereiten, solang man alles ausfüllt, was die Organisation einem vorgibt. Spezielle Kurse oder Vorbereitungsseminare habe ich nicht besucht, weil ich davon nichts wusste. Im Nachhinein war ich ein wenig traurig darüber.

Visum

Als EU-Bürger braucht man für Serbien kein Visum, da man 3 Monate dort ohne Visum reisen und sich aufhalten darf. Ein Arbeitsvisum gibt es zwar schon, aber für ein unbezahltes Praktikum hab ich das nicht für nötig gehalten. Für die Einreise braucht man lediglich seinen Personalausweis (nicht mal einen Reisepass).

Gesundheit

Ich habe keine besonderen Vorkehrungen bezüglich meiner Gesundheit getroffen. Für die Reiseapotheke empfehle ich lediglich Insektenschutzmittel, da mich die Mücken ziemlich fertig gemacht haben. Einige Leute in unserem Programm hatten auch mit Magenproblemen zu tun, aber ehrlich gesagt haben die serbischen Apotheken auch alles, was man braucht und ich hatte dort keinerlei gesundheitliche Probleme.

Sicherheit

Natürlich habe ich meine Eltern nochmal gefragt, ob meine Krankenversicherung auch im Ausland gilt, was sie mir bestätigen konnten. Abgesehen davon habe ich mich in Belgrad genauso sicher gefühlt, wie in Bonn auch. Aufpassen würde ich vor allem auf meine Wertsachen, denn es kommt häufig zu Taschendiebstählen, besonders im Bus oder an sehr touristischen Orten (um Sehenswürdigkeiten herum).

Geld

In Serbien zahlt man mit Dinar, der Kurs Euro : Dinar lag für mich bei 1 : 118. Am Flughafen wird häufig auch noch der Euro als Währung akzeptiert, aber ich empfehle schnellst möglich auf die landestypische Währung umzusteigen, da ihr damit eine Menge Geld sparen könnt. Ich habe einfach mit meiner EC-Karte in Belgrad am Bankautomaten Geld abgehoben, das hat mich zwar 3,50 € Gebühren (je nach Bank) gekostet, aber ich hatte keinen Stress mit Wechselbüros etc., es empfiehlt sich dabei dann eine größere Summe abzuheben und vielleicht einen Teil des Geldes 'zuhause' (im Wohnheim beispielsweise) im Safe unterzubringen und immer nur so viel Geld mitzunehmen, wie man braucht.

Sprache

Landessprache ist Serbisch (oder auch Kroatisch, Bosnisch, .. die Sprachen sind alle so gut wie identisch). Ich habe mir im Flugzeug über eine App 2-3 serbische Sätze beigebracht und ich muss sagen, die Serben waren sehr angetan davon, dass ich somit versucht habe, mich auf Serbisch vorzustellen. Abgesehen davon kommt man super mit Englisch hin, gerade die jüngeren Leute sprechen alle super Englisch und die Älteren versuchen sich mit Händen und Füßen mit euch zu verständigen.

Verkehrsbindungen

Meine serbische Kontaktperson hat mir gleich am zweiten Tag meines Aufenthaltes geholfen, ein Monatsticket für den Bus zu erstellen. Das war auch gut so, denn alleine hätte ich das vermutlich nicht geschafft. Ich habe dafür ca 33 € bezahlt und konnte alle öffentlichen Verkehrsmittel in der Stadt nutzen. Es empfiehlt sich sehr sich für Belgrad die App "moveit" runterzuladen, die einem Bus-/Tramverbindungen in der eigenen Sprache anzeigt.
Die Kontrollen in den Bussen sind rar und viele Leute fahren auch ohne Ticket, da muss man selber wissen, wie risikofreudig man ist.

Kommunikation

Serbien hat super Sommerangebote von verschiedenen Telekommunikationsanbietern. Ich habe mir am ersten Tag sofort eine serbische SIM-Karte von Telenor gekauft, welche ich einmal die Woche mit 300 Dinar aufladen musste (das geht an jedem Kiosk), um dann 10GB Datenvolumen zu haben. Die Kioskbesitzer helfen euch gerne den Deal einzustellen, die SMS, die man vom Anbieter bekommt sind nämlich alle auf serbisch und man muss eine gewisse Tastenkombination nach dem Aufladen wählen, um das Paket zu aktivieren. Keine falsche Scheu, fragt einfach nach!

Unterkunft

Die Unterkunft, das Wohnheim, wurde von IFMSA für uns organisiert und war schrecklich. Dreckige Vierbettzimmer, nur ein Schlüssel pro Zimmer, Küchen, in denen man nicht Kochen konnte, ohne richtigen Herd, geschweige denn Ofen, mit einem Mini-Kühlschrank für die komplette Etage. Ich habe also fast nur auswärts gegessen und mich so wenig im Wohnheim aufgehalten wie möglich.

Literatur

Mein Tutor bzw. mein Arzt hat mir englischsprachige Literatur mitgegeben über Herzerkrankungen, weil das sein Fachgebiet war. Zusätzlich hatte ich ein serbisch-deutsches Wörterbuch mit, in das ich nicht einmal reingeschaut habe. Ich habe mich mit Literatur eher wenig beschäftigt.

Mitzunehmen

Ich musste einen Kittel mitnehmen, habe sogar zwei eingepackt und das war auch sehr nützlich. Ansonsten war ich sehr froh, eine Tube Waschmittel für Handwäsche dabei zu haben, da es im Wohnheim nur begrenzte Waschmöglichkeiten gab. Ich hatte zwei Jacken dabei, was im August in Belgrad ziemlich unnötig ist - es ist so heiß!

Reise und Ankunft

Am Flughafen angekommen, wurde ich von meiner Kontaktperson (CP) abgeholt und zum Wohnheim gebracht, sie hat mich dort auch eigecheckt. Zwei Tage später war mein erster Praktikumstag und ich habe mich mit meiner CP getroffen, sie hat mir die Bushaltestelle gezeigt, mich ins Krankenhaus begleitet und vorstellt. Ich hatte keinerlei Probleme und wurde freundlich empfangen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe im Bereich Notfallmedizin mein Praktikum absolviert und wurde dort vom Leiter des kardiologischen Teils sehr freundlich empfangen. Er sprach sehr gut Englisch und teilte mir mit, dass er mein Tutor sei. Er hat sich sehr lieb gekümmert und versucht mir viel zu erklären. Ich hatte mir unter Notfallmedizin allerdings ein bisschen etwas anderes vorstellt und zwar Notfälle. Dieser Bereich hingegen erinnerte mich eher an eine Kardiologie Ambulanz. Nun ja, die Patienten kamen mit Druck auf der Brust, Brustschmerzen, Hypertonie, Synkopen und Dyspnoe. Grundsätzlich wurde bei jedem der Brutdruck gemessen und ein EKG geschrieben. Ich konnte somit sehr gut lernen oder üben EKGs zu lesen und Veränderungen zu erkennen und habe auch einige ST-Hebungen, T-Senkungen oder typische M-Konfigurationen bei Schenkelblöcken erkennen können, das war super. Schade war, dass ich während der Anamnesen kaum etwas verstehen konnte und immer ziemlich blöd daneben saß oder stand. Sowieso habe ich praktisch so gut wie überhaupt nichts gemacht, außer hier und da mal mit dem Stethoskop auf den ein oder anderen Herzfehler gehört, wenn der Arzt mich dazu aufgefordert hat. Der Arzt hat selbst schnell gemerkt, dass der Abwechslungsreichtum seiner Fälle und Patienten sich eher in Grenzen hält und ich nicht kontinuierlich viel Neues lernen konnte, darum hat er mich häufig früh heimgeschickt oder mit zwischendurch einen Tag freigegeben. Das Pflegepersonal hat mich geduldet, aber ignoriert, sowieso hatte ich das Gefühl das Ärzte und Pflegepersonal keinen sonderlich guten Umgang miteinander pflegen, das kommt wohl aber sehr auf den Bereich an und war bei mir vielleicht ein Sonderfall.
Die Patienten kamen häufig auch in schlechtem Zustand, was daran liegt, dass sie zu keinem Haus- oder Facharzt regelmäßig ambulant gehen, sondern nur ins Krankenhaus, wenn es schlimm wird, wie der Arzt mir erklärte. Dem liegt ein Problem des Gesundheitssystems und der Krankenversicherungen in Serbien zu Grunde. Sowieso mangelt es an Erstversorgung durch Hausärzte und die Patienten kommen mit allerlei Beschwerden gleich in die Notaufnahme. Da mein Arzt Kardiologe war, habe ich allerdings nur kardiologische Patienten gesehen.
In Serbien ist Notfallmedizin ein eigener Facharzt, daher hatte ich Kontakt zu verschiedenen Assistenzärzten, die für diesen gerade ausgebildet wurden. Sie beschäftigen sich vor allem damit, schnell zu erkennen, wie gravierend und akut die Symptomatik eines Patienten ist und "sortieren", wer gleich im Krankenhaus bleiben muss, wer zu einem ambulanten Facharzt gehen sollte oder wer wieder nach Hause kann.
Die Patientenberichte werden immer sofort am Computer geschrieben, während der Patient noch im Raum ist und ähneln mit ihren Diagnose-Schlüsseln, Ziffern und Codes denen in Deutschland.
Interventionelle Verfahren und aufwendige Diagnostik kommen meines Erachtens seltener zum Einsatz als in Deutschland, was wahrscheinlich auch an den Strukturen und finanziellen Möglichkeiten des Krankenhauses liegt. Zum normalen TTE (Sono) wird beispielsweise überwiesen, weil nicht jede Station/Ambulanz ein Ultraschallgerät hat.

Land und Leute

Belgrad ist eine wunderbare Stadt und fast alle tollen Sehenswürdigkeiten wurden in unserem social program des Austauschs berücksichtigt. Ich würde eine der "free walking tours" zu Beginn machen, denn so bekommt man einen super Eindruck der Stadt und ein paar Hintergrundinformationen.
Alleine der Zusammenfluss der Save und der Donau ist ein traumhafter Anblick, den man sich nicht entgehen lassen sollte und als kleiner Tipp ist zu sagen: Wer es irgendwie einrichten kann, sollte sich mindestens einmal den Sonnnenuntergang von der Burg aus bzw. dem Park (Kalemegdan) drum herum anschauen. Man hat einen wunderbaren Blick von oben über die Stadt und es ist ein wahres Farbspektakel. Nicht wirklich kulturell, aber definitv sehenswert! Sehr empfehlen kann ich den Tempel des St. Sava, eine der schönsten orthodoxen Kirchen, die ich je gesehen habe. Auch der Stadtteil Zemun auf der anderen Seite des Flusses mit seinem Aussichtsturm ist einen Besuch wert. Von den Museen hat mich das Museum der Geschichte am meisten berührt, aber auch das nationale Musuem oder Tito's memorial schafften interessante Eindrücke.
Abgesehen von kulturell und geschichtlichen Sehenswürdigkeiten, muss man Serbien und Belgrad erleben. Kafanas, die landestypischen Kneipen sollte man unbedingt eine Chance geben. Lasst euch drauf ein, probiert serbisches Bier und Rakija, den lokalen Schnaps, esst Cevapi, Pljeskavica oder Karadjordje und genießt einen serbischen Feierabend.
Land und Leute waren für mich defitiv der beste Teil des Austauschs und ich bin dem besonderen Charme des Balkans total verfallen.
Cafés, kleine Restaurants, Weinbars, Kneipen, Pubs, aber auch die Bootclubs auf der Save - das Belgrader Nachtleben hat für jeden etwas passendes und für den Hunger zwischendurch empfehle ich jedem eine der vielen kleinen Bäckereien auszuprobieren. Das Essen ist fettig und es wird viel aus Blättereig gemacht, aber für einen Katertag gibt es kaum etwas besseres und das immer für kleines Geld.
Einen Tag sind wir auch nach Novi Sad gefahren (zweitgrößte Stadt in Serbien), das geht gut mit dem Bus vom Hauptbahnhof aus (ca. 1,5 h Fahrtzeit), es gibt Studententarife und es lohnt sich. Novi Sad zeigt viel mehr ungarische Einflüsse in der Architektur und man kann dort wunderbar mal einen Tag verbringen, sich die Burg anschauen, ein paar Fotos machen und die vielen Kirchen aller Religionen besichtigen.
Ich habe es außerdem genossen, im botanischen Garten herumzuspazieren, in der Innenstadt zu bummeln, unten am Fluss einen Kaffee zu trinken oder mir in einem der Lokale mit Dachterrasse ein Bier zu genehmigen mit dem Blick über die Stadt.

Fazit

Meine Erwartungen wurden nicht erfüllt, sondern übertroffen. Belgrad ist eine wunderbare Stadt, die mir unvergessliche Erlebnisse beschert hat. Jederzeit wieder würde ich einen Austausch über den bvmd machen und jederzeit wieder würde ich Serbien bereisen. Ich halte den Balkan für ein ganz und gar unterschätztes Reiseziel. Serbien kann mehr als ihr denkt, schaut es euch selbst an!

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