zurück

Mexico (IFMSA-Mexico)

Notfallmedizin - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Julian, Köln

Motivation

Nachdem ich schon einen Austausch mit der bvmd nach China gemacht hatte, war ich begeistert von diesem Programm und dieser Art ein Land kennenzulernen. Als dann Mexiko in der Liste der Restplätze auftauchte, griff ich kurzentschlossen zu, mein Spanisch wollte ich eh schon immer mal aufbessern und in einer mexikanischen Notaufnahme Schusswunden zu nähen stellte ich mir auch ziemlich cool vor.

Vorbereitung

Besonders vorbereitet habe ich mich eigentlich nicht. Ein Buch mit medizinischem Spanisch habe ich mir besorgt (mehr dazu weiter unten) und mir noch einmal spanische Flexionstabellen angeschaut. Weil meine Eltern große Angst hatten, ich könne in Schießereien verwickelt werden, fragten sie bei mexikoaffinen Freunden wo es wohl sicher sei. So kamen folgende Städte in Frage: Mérida, Querétaro, San Luis Potosí, Yucatan, Villahermosa.
Abgeraten wurde mir von folgenden Bundesländern: Veracruz, Chihuahua , Coahuila , Nuevo León, Michoacán, Tamaulipas, Zacatecas, Guerrero und nördliches Mexiko.
Naja, müsst ihr selbst wissen was ihr daraus macht, eventuell wollt ihr euch ja auch die Seite vom Auswärtigen Amt anschauen.
Einen Vorbereitungskurs oder Ähnliches habe ich nicht besucht.

Visum

Für Mexiko braucht man als deutscher Staatsbürger kein Visum. Am Ankunftsflughafen füllt man einen Zettel aus, auf dem auch eine mexikanische Adresse stehen muss. Ich habe die von meiner Contact Person eingetragen – am besten vorher notieren. Dann bekommt man einen kleinen Wisch, den man bei der Ausreise wieder abgeben muss.
Viel umständlicher ist das Prozedere in den USA, falls man dort einen Transitaufenthalt hat. Einige Tage vor dem Abflug muss man ein elektronisches Visum beantragen (ESTA) und dann den ganzen Border Control Spaß am Flughafen mitmachen. Also – ESTA beantragen und Zeit am Transitflughafen einplanen.

Gesundheit

Für Mexiko reichen die Standardimpfungen. Die sollten bestimmt kontrolliert werden. Eine spezielle Reiseapotheke hatte ich auch nicht dabei, nur das Übliche. Es gibt wohl einige Strände in Mexiko, wo man nur mit einer speziellen Sonnencreme ins Wasser gehen darf (schont die Korallen), also wenn ihr auf sowas scharf seid, müsstet ihr das recherchieren.

Sicherheit

Vor meiner Abreise habe ich eine Auslandsreisekrankenversicherung (die ja sowieso Pflicht ist) über meine Krankenkasse und eine Berufshaftpflichtversicherung über den Hartmann-Bund abgeschlossen.
Die Sicherheit in Mexiko ist natürlich ein Problem, gerade wenn man hier als offensichtlicher Europäer unterwegs ist. Das kommt aber stark auf die Gegend an. Mein Krankenhaus (und damit meine Unterkunft) lagen in einem eher armen Teil der Stadt und so wurde mir am Anfang gesagt, ich solle nicht nachts rausgehen. An einem Tag hat mich wohl eine Krankenschwester gesehen wie ich vom Einkaufen kam und sprach mich am nächsten Tag drauf an: Ich könne nicht alleine durch die Gegend laufen hier, das sei zu gefährlich. Mitten am Tag! Die anderen Ärzte haben ihr zugestimmt, was mir schon ein mulmiges Gefühl bereitet hat. Das Stadtzentrum von San Luis war aber sehr sicher und es gab auch andere, etwas reichere Gegenden, in denen man sich sicherer fühlen konnte. Auch die Unterkunft auf dem Krankenhausgelände wurde rund um die Uhr bewacht, sodass man sich keine Sorgen machen musste.

Geld

In Mexiko wird mit Pesos (gleich mexikanischen Dollars) bezahlt. Zu meiner Zeit betrug der Umrechnungskurs etwa 1 Euro = 20 Pesos. Essen und Lebenshaltungskosten sind im Vergleich mit Deutschland sehr gering, in kleineren Imbissen wird man für 50 Pesos satt, in größeren Restaurants kostet ein Gericht auch selten über 100 Pesos. Es gibt überall Oxxos (größere Kioske, 24/7) und auch große Supermärkte wie Walmart. Auch dort sind die Preise deutlich geringer als in Deutschland. Um an mein Geld zu kommen habe ich eine Kreditkarte der DKB benutzt, an den Automaten hier fällt jedoch eine kleine Gebühr an (~30 Pesos). An vielen Orten kann auch mit Kreditkarte bezahlt werden.

Sprache

Auch wenn Mexiko das nicht verlangt, grundlegende Spanischkenntnisse empfehle ich schon jedem. Auch viele Medizinstudenten und Ärzte hier sprechen kaum oder ungern Englisch und die Patienten meist überhaupt nicht. Nach meiner Auslandserfahrung in China bin ich optimistisch, dass man Mexiko auch ohne Spanisch meistern kann, aber es macht definitiv mehr Spaß mit ein wenig Konversationsfähigkeit. Außerdem ist die Sprache auch nicht sehr kompliziert. Ich habe keinen Sprachkurs mehr gemacht und mich auf mein Jahre zurückliegendes Schulspanisch verlassen. Und ich habe es geschafft, eigenständig Anamnesen zu erheben und gute Gespräche mit meinen Mitbewohnern zu führen.

Verkehrsbindungen

San Luis Potosí hat nur einen sehr kleinen Flughafen. Für meine Reise (Valencia – San Luis, San Luis – Guatemala, Guatemala – Amsterdam) mit American Airlines habe ich 1200 Euro bezahlt. Und ich musste bei jedem der drei Flüge in Dallas umsteigen, den Flughafen kenne ich jetzt wirklich gut. Grüßt Tony, den Chief of Maintenance an Terminal 3 von mir wenn ihr da sein solltet.
Es gibt keine Züge für den Personenverkehr in Mexiko, stattdessen gibt es günstige Fernbusse. Beunruhigend wie sich Deutschland in der Hinsicht entwickelt… In der Stadt gibt es komplexe Bussysteme (die aber günstig sind, 9 Pesos für jede Fahrt) oder Uber, was ich sehr oft benutzt habe, und natürlich Taxis.

Kommunikation

Meine Aldi Talk Simkarte funktioniert auch in Mexiko, die Roaminggebühren machen aber natürlich keinen Spaß. Deswegen habe ich eine Simkarte von Telcel besorgt (Telcel und AT&T Buden gibt es an jeder Ecke) und für 15 Euro einen Monat lang keine Probleme mit mobilen Daten. Hier benutzt auch jeder Whatsapp und facebook, es ist wie zu Hause.

Unterkunft

Meine Unterkunft befand sich in der Residencia de Medicas, einem kleinen Gebäude auf dem Krankenhausgelände für die „Internos“. Die Jungs wohnen im Erdgeschoss, die Mädels oben. Es gibt jeweils einen großen Raum mit Sitzecke, Esstisch und Küche, zwei Schlafsäle mit vier Stockbetten, eine Waschküche mit Waschmaschine und Trockner (in Mexiko!!) und einen großen Sanitärbereich. Maximal könnten hier 16 Männer wohnen und das wäre wahrscheinlich die Hölle. Zu meiner Zeit waren wir zu fünft, was in Sachen Sauberkeit auch schon sehr anstrengend war. Als ich dort ankam, konnte man die Tische nicht benutzen, sie haben nur geklebt und sahen eklig aus. Auf dem Boden überall festgetretene Flecken und die Küchenzeile gruselig… Na gut, das muss man dann mit seinen Mitbewohnern ausmachen. Mein Bett war aber gut und meine Zimmergenossen sehr nett. Die Lage direkt am Krankenhaus ist natürlich sehr praktisch, um zur Arbeit zu kommen, sonst ist hier leider nichts los und anscheinend ist es ja auch zu gefährlich allein etwas zu unternehmen.

Literatur

Zur Vorbereitung auf das klinische Vokabular und zum Nachschlagen vor Ort hat sich „Spanisch im klinischen Alltag“ von Sabine Müllauer sehr bewährt. Sonst hatte ich außer einem schlechten Reiseführer (Nelles Verlag) keine Literatur zur Vorbereitung.

Mitzunehmen

Zumindest für mein Krankenhaus galten recht strenge Kleidungsvorschriften und man muss seine Kleidung auch selbst mitbringen. Komplett in weiß bitte, auch weiße Schuhe. Ich hatte unter meinem Kittel nur einen weißen Kasack und war damit sehr underdressed. Die Männer laufen hier mit weißem Hemd und Krawatte rum. Als Gastgeschenke hatte ich Ritter Sport und Haribo dabei. Essenziell waren für mich Ohrstöpsel, weil es wegen den Mitbewohnern und bellenden Hunden abends recht laut ist. Hier welche aufzutreiben ist nicht ganz einfach. Die Mexikaner tragen keine kurzen Hosen, eventuell wollt ihr auch ein paar lange mitbringen.

Reise und Ankunft

Ich glaube außer nach Cancún gibt es kaum Direktflüge nach Mexiko von Deutschland aus. Umso wichtiger ist es, beim Umsteigen in den USA seinen ESTA Antrag gestellt zu haben und Zeit einzuplanen. Der Flughafen in San Luis Potosí ist recht klein und ich war froh, dass mich meine Contact Person Edna auch um zehn Uhr abends noch abgeholt hat. Sie hat mich direkt zu meiner Unterkunft gebracht und nach 21 Stunden unterwegs wollte ich sowieso nur noch schlafen. Am nächsten Tag hatte ich Zeit klarzukommen, etwas einzukaufen und mich mit Edna und Freunden von ihr zum Mittagessen zu treffen. Zwei Tage nach meiner Ankunft ging es auch schon im Krankenhaus los, Edna hat mir morgens noch ein kleines „Arrival Training“ gegeben und mich dann dem Chef der Notaufnahme vorgestellt. Der hat sofort alle Schwestern, Ärzte und PJler („Internos“) zusammengetrommelt und mich vorgestellt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe in der Notaufnahme („Urgencias“) vom Hospital General de Soledad in San Luis Potosí gearbeitet. Das ist ein recht kleines Krankenhaus in einer sehr armen Gegend. Deswegen ist es wohl auch gefährlich, hier alleine unterwegs zu sein. Die Notaufnahme war aber meist sehr ruhig, größere Unfälle können hier sowieso nicht behandelt werden. Trotzdem gab es einen Schockbereich, 6 Betten im „Primer Contacto“, einen Raum für Behandlungen (Magenspülungen, Nähte, Katheteranlagen), Betten auf dem Flur, und zwei „Consultorios“, Arztsprechzimmer, eins für Erwachsene und eins für Kinder. Medizinstudenten in Mexiko gehen fünf Jahre lang zur Universität (in Mexiko City nur vier), rotieren dann ein Jahr lang durch verschiedene Abteilungen im Krankenhaus (als „Internos“, ähnlich unserem PJ) und müssen anschließend noch ein Jahr „Servicio Social“ in struktur- oder sozialschwachen Gegenden ableisten. Medizinstudenten, die wie ich während ihres Studium im Krankenhaus unterwegs sind, werden als „Externos“ bezeichnet. Die Hauptarbeit in der Notaufnahme wird von den ca. 5 Internos erledigt, die dort gerade eingesetzt sind. Im Hintergrund gibt es nur einen Arzt, der unter jedes Dokument und jede Anforderung seine Signatur setzen muss. So soll er die Verläufe der Patienten im Blick haben und bei schwierigen Fällen natürlich helfen. Sonst machen die Internos allerdings vom ersten Arztgespräch, über die Aufnahme, Diagnostik, Behandlungsplanung, Verlaufskontrolle bis zur Entlassung eigentlich alles selbstständig. In den ersten Tagen bestand meine Aufgabe nur darin, etwas mitzulaufen und den Internos bei der Arbeit zuzusehen. Die meisten Ärzte und Internos sprachen Spanisch mit mir, das hat aber ziemlich schnell ganz gut funktioniert. Juan, der in Texas aufgewachsen war, sprach auch viel Englisch mit mir, eine willkommene Entspannung. Allerdings hatte ich oft das Gefühl, dass die Internos selbst nicht immer alles verstanden was die Krankheiten und die Behandlungen angeht. Steriles Arbeiten sah völlig anders aus als hier (nämlich unsteril) und bildgebende Diagnostik wurde eher nach Vermutungen interpretiert. Obwohl bei unklaren Fällen die Patienten auch schnell an die jeweilige Fachrichtung (Traumatologie, Chirurgie, Innere) weitergereicht wurden. Durch das, meinem Eindruck nach, fehlende Konzept und Wissen der Internos hatte ich nicht das Gefühl besonders viel lernen zu können. Natürlich sind die Ressourcen in so einem kleinen öffentlichen Krankenhaus sehr begrenzt, so gibt es dort deutlich weniger Einmalmaterial, die sterilen Tücher für kleinere Eingriffe sind beispielsweise aus Stoff und werden zusammen mit den Werkzeugen sterilisiert. Handschuhe gibt es nur einzeln verpackt und werden fast ausschließlich für „sterile“ Arbeiten verwendet. Blutabnahmen und Viggo Anlagen (typische Famulantenaufgaben) werden hier von den Krankenpflegern erledigt. So gab es keine festen Aufgaben für mich. Ich lief mit, verfolgte Aufnahmegespräche, schaute mir die bildgebende Diagnostik an, ohne aber viel erklärt zu bekommen. Allerdings konnte ich auch einige Patienten nähen, Blasenkatheter legen, arteriell Blut abnehmen, Magenspülungen durchführen, Kinder untersuchen und nach einigen Tagen wurde mir fast jeden Tag (wenn viel zu tun war) ein eigener Patient zugeteilt, den ich befragte, untersuchte und für den ich dann unter Absprache mit der Stationsärztin Überweisungen, die Entlassung oder eine Einweisung schrieb.

Land und Leute

San Luis Potosí ist keine sehr touristische Stadt und besonders in der Gegend, in der ich wohnte gab es nichts zu tun, leider auch keinen Park oder ähnliches um zu entspannen oder Laufen zu gehen. Um in schönere Gegenden der Stadt zu kommen musste man ein Taxi oder Uber nehmen. Da ich in diesem Monat auch der einzige Austauschstudent in dieser Stadt war, gab es auch niemanden mit dem ich wirklich etwas hätte unternehmen können, meine mexikanischen Mitbewohner waren zwar sehr nett, kamen aber erst spät nach Hause und hatten auch keine Ambitionen, Ausflüge am Wochenende zu unternehmen oder sich sonst touristische Orte anzuschauen.
Allerdings habe ich viel mit meinen beiden Contact Persons Edna und Dulce unternommen. Mit ihnen ging ich regelmäßig abends essen (und das Essen ist natürlich meistens klasse), an einem Wochenende fuhren wir auch über Nacht nach Guanajuato und schauten uns ebenfalls San Miguel Allende an, zwei sehr sehenswerte Orte. Sehr schön soll auch La Huasteca Potosina sein, eine Art Nationalpark mit Wasserfällen und Lagunen. Leider habe ich es nicht geschafft dort hinzufahren, wegen der Ferienzeit waren alle Reiseagenturen bereits ausgebucht. Stattdessen konnte ich am National Social Programm in Zacatecas teilnehmen. Dort waren wir ca 15 Incomings und wurden von dem riesigen Local Committee das ganze Wochenende bespaßt. Die Mexikaner haben wirklich keinen Aufwand gescheut und es war ein wunderbares Wochenende mit allem, mexikanischer Kultur, Alkohol, Sightseeing, geschichtlicher Bildung, Besuch einer alten Silbermine, Party auf einer Ranch, zu viel Essen, einer kleinen Wanderung und sogar Erkundung einer archäologischen Stätte (La Quemada) mit den typischen Pyramiden.
Generell muss man sagen, dass die Mexikaner sehr offen, großzügig und gastfreundlich sind. Alle sind sehr interessiert daran zu hören wo man herkommt, was man über Mexiko denkt, und es ist überhaupt nicht ungewöhnlich kurzerhand auf Familienfeiern, ein Bier am Abend oder einen Ausflug eingeladen zu werden. Und diese Einladungen sind nicht nur dahingesagt, sondern absolut ernst gemeint. Auch wenn es sich für unsereins seltsam anfühlen kann, ein Wochenende mit einer fremden Familie auf einer Ranch zu verbringen, weil man von einem der Söhne oder Töchter eingeladen wurde, 15 Minuten nachdem man sich kennengelernt hat, kann ich nur jeden ermutigen solche Einladungen anzunehmen.
Aber natürlich ist ein großer Teil der Bevölkerung in Mexiko auch sehr arm. Gerade den Kontrast zu sehen zwischen den Kindern, die heruntergekommenen Klamotten Kekse verkaufen und den Medizinstudenten, die in ihrem eigenen brandneuen Jeep durch die Stadt fahren, kann bedrückend sein. Und man merkt, dass die Diskussion über die Schere zwischen arm und reich in Deutschland dagegen ein Luxusproblem ist. So wie viele Dinge, mit denen sich unsere Politik und auch wir uns privat beschäftigen.
Ich hätte gerne noch mehr gesehen von Mexiko, Reisen und Leben ist dort sehr günstig. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen und das Land noch etwas weiter erkunden.

Fazit

Ich blicke mit gemischten Gefühlen auf meinen Austausch zurück. Mein Spanisch hat sich sicherlich sehr verbessert und es hat mir Spaß gemacht, immer fortgeschrittenere Gespräche führen zu können. Allerdings hätte ich medizinisch in Deutschland sicher mehr gelernt, wegen der Sprachbarriere und dem medizinischen Standard in Mexiko. Ich habe auch viele sehr nette Mexikaner kennengelernt und mich mit ihnen sehr gut verstanden und mich willkommen gefühlt. Aber als einziger Austauschstudent in meiner Stadt hatte ich vergleichsweise wenig Anschluss. In Zacatecas, wo sie 13 Incomings hatten, hatte sich eine richtig nette Gruppe gebildet, die auch viel zusammen unternehmen konnten. Im Nachhinein wäre ich auch lieber in einer Stadt mit mehr Incomings gewesen.
Schreibt mir bei Nachfragen gerne an: julian.kaps@hotmail.de

zurück