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China (IFMSA-China)

TCM - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Tobias Peter, Göttingen

Motivation

Es hat mich schon immer gereizt die Erfahrungen, die ich bereits im deutschen Gesundheitssystem sammeln konnte, auch mit anderen Systemen zu vergleichen: Wie ist der Ablauf im Krankenhaus (Anamnese, Diagnoseerhebung, etc.)?, wie sind die Modalitäten der Krankenkassensysteme aufgestellt?, sind Ausbildung, technische Mittel und Arznei vergleichbar?
Besonders interessant stellte ich mir den asiatischen Raum vor, da ich mich hier bereits touristisch aufgehalten habe und daher weiss, dass generell vieles anders läuft als in Europa. Allerdings habe ich vor dem Austausch nie einen Fuß in ein asiatisches Krankenhaus gesetzt. Meine Präferenz lag bei Nepal, weil mich hier speziell die Höhenmedizin interessiert hat. Letztendlich wurde es China und ich wurde im Hinblick meiner Erwartungen nicht enttäuscht.

Vorbereitung

Die Vorbereitungen waren bis auf ein paar Ausnahmen vergleichbar mit jeder herkömmlichen Reise; hier die Besonderheiten: Ihr braucht eine gute Kreditkarte (meine VISA von der Apobank ging bei den großen Banken (ICBC, Bank of China)), ladet euch vorher WeChat auf euer Handy und registriert euch bereits in Deutschland (es ist das einzige funktionierende Chatprogramm in China und wird ausserdem für vieles mehr benutzt, z.B. Bezahlen in Geschäften/Taxis, etc., Ausleihen von Fahrrädern, usw.), holt euch ein gutes VPN im Voraus, um trotz Internetblockade in China weiterhin auf alle Websites und Apps zugreifen zu können (Google, WhatsApp, Facebook, etc. sind geblockt); ich kann ExpressVPN empfehlen. Die Google-Translate-App ist Pflicht, wenn ihr nicht in der Lage seid chinesisch zu sprechen oder zu lesen. Lasst euch impfen!

Visum

Ein sehr wichtiger Punkt bei der Vorbereitung auf den Aufenthalt in China ist die Erteilung des richtigen Visums. Unglücklicherweise hat die chinesische Regierung den Bewerbungsprozess in Deutschland outgesourcet, was zu sehr hohen Gebühren führt (rechnet mit 140-160€, je nachdem ob ihr die Bewerbung per Post oder persönlich macht). Das richtige Visum für unsere Zwecke ist das J-Visum (Student-Exchange-Visum), bei dem allerdings niemals das Wort "Praktikum" fallen darf, sonst wird das Konsulat den Antrag ablehnen und auf das unglaublich komplizierte und teure Studentenvisum bzw. ein Arbeitsvisum (mit steuerlichen Konsequenzen) verweisen. Generell gilt: Früh bewerben, aber nicht zu früh, da das Visum über den Zeitraum eures Invitationletters (muss eingereicht werden!), bereits innerhalb von 3 Monaten angetreten werden muss. Der Prozess selbst dauerte etwa 1 Woche in meinem Fall.

Gesundheit

Ich bin ca. 2 Monate vor Abflug zur Impfberatung gegangen und habe mich nach den aktuellen Vorgaben für China impfen lassen. Fangt frühzeitig damit an, denn es liegen mehrere Wochen zwischen den einzelnen Impfabständen. Eine Auslandskrankenversicherung ist nötig und muss vor der Reise abgeschlossen und über das Bewerbungsportal eingereicht werden. Ansonsten habe ich immer eine kleine Reiseapotheke dabei (Imodium, Vomex, Novalgin, Ibuprofen, Desinfektionsgel, etc.).
China hat eine recht hohe Tuberkuloserate und die hygienischen Bestimmungen sind, sagen wir mal, anders! Da in Deutschland die Tuberkuloseimpfung nicht empfohlen wird und sich der Erreger aerogen verbreitet, solltet ihr euch ein paar hochwertige FFP-Masken mitnehmen, besonders wenn ihr vorhabt in der Pneumonologie zu famulieren, aber natürlich sind auch andere Abteilungen betroffen (Notaufnahme, etc.).

Sicherheit

China ist eines der sichersten Länder. Man sieht in fast jedem Winkel der großen Städte eine Überwachungskamera, vor dem Betreten eines öffentlichen Gebäudes (und sei es die U-Bahn-Station) wird man von den Behörden gefilzt und durchleuchtet und auch die Polizeipräsenz ist wahnsinnig. Ich hatte während meiner Famulatur in Peking absolut keine Probleme.

Geld

Landeswährung ist Renminbi (RMB), meistens als Yuan bezeichnet. Man bekommt momentan etwa 8 RMB/Yuan für 1€ am Automaten. Es empfiehlt sich, das Geld direkt vor Ort am Geldautomaten mit einer Kreditkarte (VISA kann ich bestätigen) abzuheben. Es gibt zahlreiche Banken, von denen bei mir allerdings nur ICBC und Bank of China funktioniert haben. Die Lebenshaltungskosten sind moderat im Vergleich zu Deutschland: Eine normale Mahlzeit im Restaurant gibt’s im Schnitt für 2-4€, Unterkünfte liegen etwa bei 5-15€ pro Nacht (im Hostel – allerdings sind die Einzelzimmer eher mit Hotelzimmern zu vergleichen). Öffentliche Verkehrsmittel und Taxis sind spottbillig. Happig wird es bei touristischsten Attraktionen; man muss für alles und immer Eintritt bezahlen (1-30€). Es empfiehlt sich, immer den deutschen und chinesischen Studentenausweis dabei zu haben, damit bekommt man i.d.R. 50% Rabatt. Einkäufe/Shopping sind in etwa auf deutschem Niveau.

Sprache

Natürlich ist die Landessprache chinesisch und die Schriftsprache ist in der Regel die vereinfachte Form der traditionellen Zeichen. Ich habe mich vor Abreise nicht spezifisch vorbereitet und während meines Aufenthaltes gemerkt, dass die Sprache wirklich sehr schwer zu lernen ist (gerade die Betonung). Die App Google Translate hilft in quasi jeder Lebenssituation!

Verkehrsbindungen

Fortbewegung ist günstig! Mittel der Wahl innerhalb der Stadt ist die U-Bahn (ca. 50 ct./4 Yuan pro Fahrt); holt euch eine Smartcard, die man am Automaten aufladen kann, das spart massig Zeit beim Betreten und Verlassen der Stationen. Man bekommt die Karte am Informationsfenster in den Stationen. Mit der Karte können auch Busse, Züge und Taxis im ganzen Landkreis per Touch&Go bezahlt werden, coole Sache! Taxis kosten etwa 10€ pro halbe Stunde, sind also auch sehr günstig. Achtet darauf, dass das Taximeter eingeschaltet ist. Langstrecken sollten mit dem Bullettrain oder Flugzeug gemacht werden. Vergesst nicht: China ist gigantisch!

Kommunikation

Das einzig wahre vor Ort ist eine chinesische Simkarte in eurem Smartphone in Kombination mit einem VPN. Ich rate euch China mobile als Provider zu verwenden. China Telecom funktioniert nicht mit europäischen GSM-Handys, da CDMA genutzt wird und China-Unicom hat im direkten Vergleich nicht sehr gut abgeschnitten (gerade auf dem Land häufig kein Netz oder kein 4G, wobei dies mit China mobile quasi immer der Fall war). Ich habe ca. 20€ für die Simkarte bezahlt und nochmal etwa 4€ für ein Datenpaket mit 60GB, die innerhalb von 3 Monaten verbraucht werden müssen. Dazu kommen ca. 10€ für ein anständiges VPN (gratis VPNs bringen meistens nicht die Geschwindigkeit und man weiß nie über welchen Rechner eure privaten Daten fließen); Tipp: Express-VPN inkl. eigener App.
PS: Nehmt euch einen Chinesen mit, in der Regel könnt ihr keine Simkarten mit eurem Reisepass bekommen, sondern nur mit China-ID.

Unterkunft

Ich wurde im Male-Dorm untergebraucht, ca. 5 Gehminuten vom Krankenhaus entfernt in einem schönen Hutong. Ich hatte ein Einzelzimmer mit eigenem Bad und Klimaanlage. Bettlaken, Kissen und Decke wurden gestellt und sogar bezogen. Das Zimmer war groß, mittelmäßig sauber und schon etwas älter, aber mehr als genug für die 4 Wochen. Für 2 Yuan konnte man seine Wäsche waschen lassen im Dorm. Leider gab es kein WLAN.

Literatur

Ich habe mir aus unserer Uni-Bib das Buch "Die Heilkunst der Chinesen" von Ilona Daiker/Barbara Kirschbaum ausgeliehen und konnte damit vieles im Bereich TCM verstehen, was ich sonst nicht verstanden hätte (Sprachbarriere). Außerdem hatte ich den Lonelyplanet China als PDF dabei (1000 Seiten Buch); kann ich beides sehr empfehlen.

Mitzunehmen

Auf jeden Fall das Smartphone + Powerbank, Kleidung je nach Saison (mein Aufenthalt war im August/September und die Temperaturen lagen dauerhaft um die 30-35°C – teilweise aber mit starken Schauern – also Regencape einpacken; im Winter wird’s in China auch richtig kalt inkl. Schnee und Eis), ein kleines Wörterbuch (falls das Handy mal ausfällt), Kittel, Stethoskop, Reflexhammer, Desinfektionsgel (hauptsächlich für die Zeit außerhalb des Krankenhauses, wenn keine Desi-Spender verfügbar sind), Steckdosenadapter für GB (falls ihr nach Hongkong wollt – im Mainland gibt’s europäische Steckdosen).

Reise und Ankunft

Ich bin morgens um 4 Uhr in Peking angekommen. Ich habe mich bereits im Voraus über Wechat mit meinem zuständigen Austauschstudenten in Verbindung gesetzt und einen Treffpunkt und Uhrzeit ausgemacht. Vom Flughafen zum Klinikum (euer Dorm befindet sich in unmittelbarer Nähe) rate ich euch einfach ein Taxi zu nehmen (kostet 12€ für 40 min. Fahrt). Per Wechat habe ich mir vorher den Namen des Krankenhauses in chinesischen Zeichen schicken lassen, sonst gibt’s Probleme mit dem Taxifahrer. Natürlich funktionierte mein Handyinternet in China ohne chinesische Sim erst mal nicht und freies WLAN ist rar, deshalb rate ich euch einen Plan zu haben, wenn man ankommt. Nach der Ankunft habe ich einige chinesische Medizinstudenten kennengelernt, mir wurde mein Dorm gezeigt (im streng abgetrennten Male-Dorm-Haus; Einzelzimmer mit Bad und AC) und ich musste mich in der Uni registrieren (Foto machen, Stammdatenblatt ausfüllen, etc. für den Studentenausweis). Mein Arbeitsbeginn für die Famulatur war bereits für den nächsten Tag um 8 Uhr angesetzt (Jetlag ahoi!). Alles war gut organisiert, mir wurde der Wechat-Kontakt vom zuständigen Arzt geschickt und die Station gesagt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Für meine Famulatur habe ich mir zunächst die Traditionelle Chinesische Medizin (kurz TCM) ausgesucht. Dieses Fach ist in China ein anerkannter Facharzt und im Pekinger Uniklinikum gibt es eine eigene Ambulanz und Station. Einige wenige Ärzte und nur eine Hand voll Patienten konnte englisch sprechen, alle waren jedoch immer sehr bemüht, freundlich und aufmerksam mir gegenüber, das hat mir gut gefallen! Nach der Vorstellung in der Ambulanz und etlichen Selfies mit den Ärzten, durfte ich dann bei Akupunktur (herkömmlich, Elekro- und Hitzeakupunktur), Saugnapftherapie (Schröpfen), Aderlässen und weiteren alternativen Praktiken zuschauen. Mir wurde die Akupunktur auch an meinem eigenen Arm praktisch erläutert und es war extrem spannend! Mein Arm wurde nach Einstechen der Nadeln und verschiedenen Manipulationstechniken irgendwann taub. Ich erkannte: Mit Akupunktur kann man Schmerzen lindern. In den kommenden Tagen warf ich auch einen Blick auf die Station und konnte viel über Heilkräuter und Bewegungstherapie lernen. Einige Male konnte ich auch selbst Nadeln stechen, aber generell ist man eher Zuschauer. Nach ein paar Tagen wechselte ich dann in die Notaufnahme, in der ich bis zum Ende der Famulatur blieb. Die Notaufnahme ist vom generellen Aufbau vergleichbar mit einer deutschen Ambulanz: Eingangsbereich und Einfahrt für RTWs, Triage-Bereich und viele Kabinen. Im Unterschied zu Deutschland gibt es in China bereits den Facharzt für Notfallmedizin. Dadurch sind die Notaufnahmen theoretisch nicht interdisziplinär aufgebaut, aber da der Emergency-Doctor aus allen Bereichen die nötigen Kenntnisse in seiner Ausbildung gesammelt hat, ist dies auch nicht nötig. Des Weiteren ist die Notaufnahme mit drei kompletten Etagen riesig und beinhaltet neben der Ambulanz auch eine Notaufnahmestation und eine Notfallintensivstation. Die Größe ist angesichts der Menschenmassen (die Uni Peking hat ca. 60.000 ambulante Patienten am Tag), die hier täglich abgefertigt werden, schon eher zu klein. Es ist nicht unüblich mehrere Tage auf dem Boden der Notaufnahme zu schlafen, bevor man drankommt. Leider sind auch die hygienischen Zustände nicht immer auf deutschem Niveau, was natürlich unter anderem an dem gewaltigen Patientendurchlauf liegt. Mir kam es manchmal so vor, als würde die Notaufnahme generell laufen, stünde aber jeden Moment vor dem absoluten Kollaps. Die meiste Zeit hielt ich mich auf der Intensivstation auf, konnte einiges über Beatmungstechniken lernen, bei Knochenmarkspunktionen und Liquorentnahmen assistieren und den ein oder anderen Zugang legen.
Die Arbeitszeiten waren i.d.R. von 8 Uhr bis Nachmittags, wobei man an „ruhigen“ Tagen auch bereits mittags gehen konnte.

Land und Leute

Während der Zeit der Famulatur habe ich mit den anderen Austauschstudenten und teilweise auch mit den chinesischen Medizinstudenten nach der Arbeitszeit und am Wochenende ausgiebig Peking erkundet: Die chinesische Mauer, die verbotene Stadt, der Sommerpalast und unzählige Tempel und Museen haben wir uns angeschaut. Peking ist eine der größten Städte der Welt und bietet eine tolle Mischung aus chinesischer Tradition, Kultur und Moderne, sodass man hier locker mehrere Wochen mit Sightseeing und Freizeitaktivitäten verbringen kann. Auch sehr toll waren die Freizeitprogramme, die unsere Host-students auf die Beine gestellt haben: Wir waren Karaoke singen, haben einen Hotpot-Abend gemacht und waren im Kino.
Da es sich anbot, habe ich meinen Aufenthalt in China nach dem Famulaturmonat um einen weiteren Monat verlängert und habe mir Land und Leute genauer angeschaut: Eine großartige Erfahrung! Als geübter Backpacker (mittlerweile stehen etwa 30 Länder auf meiner Liste) hatte ich jedoch manchmal einige, bisher unbekannte, Reiseprobleme: Plant eure Reise (auch wenn ihr nur einen Wochenendtrip machen wollt während der Famu) frühzeitig und bucht eure Tickets im Voraus. Der chinesische Mittelstand wird immer größer und somit auch der Wunsch nach Urlaub und Reisen. Das Resultat ist, dass öffentliche Verkehrsmittel für Langstrecken (Bahn, Bus, Flugzeug) häufig schon lange vor der Abreise ausgebucht sind. Das beliebteste Transportmittel ist zurecht die Bahn: Ihr gleitet mit durchschnittlich 300kmh („Bullettrain“) durch die wunderschöne Landschaft und legt eine für China normale Distanz von ca. 1000km zwischen den einzelnen chinesischen Großstädten/Reisezielen bequem in etwas über 3h Stunden zurück für ca. 30-50€. Ebenfalls ist zu erwähnen, dass die meisten Hotels nur Chinesen aufnehmen „dürfen“ und abseits der Metropolen i.d.R. überhaupt kein Englisch gesprochen/verstanden/gelesen/geschrieben wird. All diese Gründe machen einen Freestyle-Backpacktrip nach dem Motto „schauen wir mal was wir morgen machen“ gerade in der Hauptsaison (August-September) nahezu unmöglich. Mit guter Planung im Voraus lässt sich allerdings ein tolles Land erkunden und erstaunlicherweise trifft man während der Rundreise, wie auch in Peking selbst, nur sehr selten auf „westliche“ Touristen, sondern ist meist unter Chinesen (Selfie-Alarm).
Mein Eindruck nach 3,5 Wochen kreuz und quer Reisen durch China (von Peking nach Hongkong mit einigen Ost-West-Schlenkern): Unglaubliche Natur, gerade in den Nationalparks, wahnsinnige Metropolen (Shanghai, die Gegend um Shenzhen und Hongkong sind zu erwähnen), abenteuerliches Essen (von wahnsinnig scharf, über jegliches Tierorgan + Blut und Insekten am Stiel steht quasi alles auf dem Speiseplan – man kann aber auch immer und überall einfach sehr leckere Reis- und Nudelgerichte essen und klassisches westliches Fastfood gibt’s auch an jeder Ecke) und tolle Leute!

Fazit

Der gesamte Austausch hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht! Ich denke man hätte im Rahmen der Famulatur in einem deutschen Krankenhaus wahrscheinlich mehr fachliche Informationen mitnehmen können, aber die Möglichkeit für einen längeren Zeitraum in einem chinesischen Krankenhaus mitzuwirken und die Diversität der Abläufe und Prozesse zu sehen, war für mich eine einzigartige Erfahrung und hat mir im Hinblick auf das deutsche Gesundheitssystem viel Raum zum kritischen Nachdenken und Wertschätzen gegeben. Ich kann die Famulatur in China jedem empfehlen, der genau darauf Lust hat und gewillt ist einiges an Vorbereitungsarbeit zu leisten, aus seiner Komfortzone herauszukommen und die Gefahr eines Kulturschocks einzugehen!
Danke China und bvmd/IFMSA für die geniale Zeit ☺

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