zurück

Brazil (IFMSA-Brazil)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Pia, Köln

Motivation

Im letzten Jahr habe ich ein Auslandssemester in Peru verbracht. Da es mir dort sehr gut gefiel, wollte ich gerne zurück nach Südamerika. Brasilien fand ich besonders interessant, weil dieses Land in Südamerika für mich eine Art Sonderstellung einnimmt, unter anderem durch das Portugiesische. Den Vergleich zwischen den verschiedenen Ländern sehen zu können, reizte mich, sodass ich mich für Brasilien bewarb.

Vorbereitung

Ehrlich gesagt habe ich den Aufenthalt eher auf mich zukommen lassen, als mich intensiv darauf vorzubereiten. Ich habe mich auf der Seite des Auswärtigen Amtes informiert und mir natürlich die Informationen auf der IFMSA-Plattform zum Austausch in Brasilien allgemein und zu meiner Stadt Recife im Speziellen durchgelesen, sodass ich nicht komplett ahnungslos losflog. Außerdem gab es einige Wochen vor Beginn des Aufenthaltes schon eine WhatsApp-Gruppe mit allen Exchange Students und einigen Contact Persons, die es ermöglichte, einen ersten Überblick darüber zu bekommen, wen man dort treffe würde, Fragen zu stellen und erste Trips zu planen.

Visum

Für meinen Aufenthalt habe ich kein Visum beantragt, sondern bin einfach mit einem Touristen-Visum eingereist, das man bei Einreise am Flughafen bekommt. Da ich aber Anschlussflüge in den USA hatte, brauchte ich ein ESTA-Visum. Das lässt sich ganz einfach online beantragen und kostet ungefähr 15 US-Dollar. Ich hatte noch eins aus dem letzten Jahr, weshalb ich kein neues beantragen musste.

Gesundheit

Da ich mich schon im letzten Jahr für meinen Aufenthalt in Peru komplett habe impfen lassen, habe ich mich für Brasilien nicht mehr speziell informiert. Die Küstenstädte, zu denen auch Recife zählt, fallen jedoch nicht ins Malariagebiet, sodass ich mir auch über eine Malaria-Prophylaxe keine Gedanken machen musste. Eine wichtige Impfung ist die Gelbfieber-Impfung. Einige Zielländer verlangen einen Nachweis über diese Impfung bei der Ausreise aus Brasilien. So musste zum Beispiel eine Mexikanerin, die über Kolumbien zurückfliegen wollte, eine Woche länger in Brasilien bleiben, da sie sich erst kurz vor Abflug impfen ließ und die Fluggesellschaft es ihr nicht erlaubte, mitzufliegen.
Eine spezielle Krankenversicherung habe ich nicht abgeschlossen, da meine Auslandsaufenthalte bis zu einer Dauer von sechs Wochen abdeckt.

Sicherheit

Insgesamt habe ich die Brasilianer als eher ängstlich kennengelernt. Jeder Meter wird von ihnen entweder mit dem eigenen Auto oder mit einem gerufenen Uber zurückgelegt, da es als gefährlich gilt, zu laufen. Meine Gastfamilie hat mir davon abgeraten, den Bus zu nehmen, um vom Krankenhaus zurückzufahren. Ich habe es trotzdem getan und es war auch gar kein Problem. Auch bin ich teilweise im Dunkeln alleine durch die Straßen meines Viertels Boa Viagem – zugegebenermaßen als recht sicher geltendes Viertel – gelaufen und kam auch da nie in eine Situation, in der ich mich unwohl gefühlt hätte. Trotzdem sollte man immer gut auf seine Wertsachen aufpassen und in der Öffentlichkeit nicht gerade mit seinem neuen Smartphone herumwedeln. Insbesondere nachts sollte man auch keine weiten Wege zu Fuß zurücklegen, sondern sich lieber ein Uber rufen.

Geld

Die Währung in Brasilien ist der Brasilianische Real. Einem Real entsprechen ungefähr 0,20€. Ich habe mir einige Male mit meiner Kreditkarte Bargeld aus einem Automaten gezogen. Leider fand ich es gerade anfangs nicht ganz einfach, einen Geldautomaten zu finden, der mich gebührenfrei oder überhaupt Geld abheben ließ. So musste ich gerade anfangs auf die 24h-Automaten zurückgreifen, an denen man unabhängig von der abgehobenen Summe ca. 5€ Gebühren bezahlt. Irgendwann habe ich dann herausgefunden, dass die Bank Bradesco keine Gebühren erhebt. Außerdem habe ich viel direkt mit meiner Kreditkarte bezahlt, was fast überall auch für Kleinstbeträge kein Problem ist.
Insgesamt fand ich das Leben in Brasilien etwas günstiger als in Deutschland. So konnte man recht günstig Essen und Trinken gehen und auch reisen. Im Vergleich zu anderen südamerikanischen Ländern ist Brasilien jedoch etwas teurer.

Sprache

Die Landessprache in Brasilien ist Portugiesisch. Die Organisation IFMSA hat keine Portugiesischkenntnisse vorausgesetzt, weshalb die wenigsten Exchange Students diese Sprache beherrschten. Mit den anderen Exchange Students, meinem Host und den Ärzten im Krankenhaus habe ich hauptsächlich auf Englisch kommuniziert, was auch sehr gut funktionierte. Im Alltag jedoch kommt man mit Englisch in Brasilien nicht sehr weit. Daher war ich sehr froh, dass ich einigermaßen gut Spanisch spreche und auch vorab mit der App Babbel ein bisschen Portugiesisch gelernt habe. Das hat die Kommunikation mit den Eltern meines Hosts, den Kellern, den Uberfahrern, den Angestellten in den Hostels etc. stark vereinfacht. Zwar musste ich in Brasilien feststellen, dass es doch schwieriger ist Portugiesisch zu verstehen, als ich es mir vorher mit meinem Spanisch erhofft hatte. Jedoch ging es nach einiger Zeit besser und die Brasilianer haben mich immer ganz gut verstanden, wenn ich versucht habe, auf Portunhol (Portugiesisch/Spanisch) mit ihnen zu sprechen.

Verkehrsbindungen

Innerhalb von Recife fahren zwar viele Busse, jedoch gelten sie insbesondere abends/nachts nicht als sicher und auch das Routennetz ist nicht ganz durchsichtig. Deshalb benutzten wir meistens Uber, um von A nach B zu kommen. Diese Art der Fortbewegung gilt als sehr sicher und ist natürlich auch sehr komfortabel. Die Fahrten summieren sich zwar, aber es ist insgesamt immer noch recht günstig, Uber zu benutzen. Insbesondere, wenn man sich zusammentut und sich den Fahrpreis teilt.
Auf unseren Wochenendtrips benutzten wir verschiedene Arten des Transports. In das nahe gelegene Porto de Galinhas fährt halbstündlich ein Bus aus Recife, den wir einige Male nutzten. Auf einen Trip nach Pipa mieteten wir uns mit einer Gruppe von 20 Exchange Students einen privaten Van inklusive Fahrer, weil es quasi unmöglich war, dort mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinzugelangen. Für alles, was etwas weiter entfernt liegt, muss man in ein Flugzeug steigen, weil die Entfernungen in Brasilien unglaublich groß sind. Wenn man jedoch etwas im Voraus bucht und ein bisschen flexibel ist, findet man günstige Verbindungen in sehr viele Städte.

Kommunikation

Direkt nach meiner Ankunft in Recife fuhr meine Gastfamilie mit mir ins Einkaufszentrum, um mir eine brasilianische SIM-Karte zu besorgen. Da man beim Kauf so etwas wie eine brasilianische Steuernummer angeben muss, ist man auf die Hilfe eines Einheimischen angewiesen. Hat man diese gefunden, gibt es gute Angebote auch für nur einen Monat Nutzung, sodass man überall mobiles Internet hat.

Unterkunft

Untergebracht war ich in einer Gastfamilie, einer Familie einer einheimischen Medizinstudierenden. Alle waren supernett zu mir und haben mich sehr gut aufgenommen. Für die vier Wochen überließ mein Host mir ihr Zimmer, sodass ich ein eigenes Zimmer mit Badezimmer hatte. Wenn ich zu Hause war, habe ich alle Mahlzeiten zusammen mit der Familie eingenommen und durfte mich auch jederzeit in der Küche bedienen, wenn ich wollte. Das Essen war sehr lecker und mir wurde sowohl zu Hause als teilweise auch auswärts brasilianisches Essen präsentiert, damit ich möglichst viel probieren konnte.
Die Wohnung lag im 17. Stock eines Hochhauses inklusive Swimmingpool und 24-Stunden-Wachmann im Viertel Boa Viagem mit Blick aufs Meer, das innerhalb von fünf Gehminuten zu erreichen war.
Morgens wurde ich oft von der Mutter meines Hosts zum Krankenhaus gebracht, da sie dort in der Nähe arbeitet.
Ich konnte mich wirklich sehr glücklich schätzen, in so einer netten und gastfreundlichen Familie untergebracht worden zu sein.

Literatur

Wie schon erwähnt, fiel meine Vorbereitung nicht so intensiv aus. Größtenteils nutzte ich die Seiten des Auswärtigen Amtes und der IFMSA-Plattform, um mich zu informieren. Medizinische Literatur habe ich mir vorab nicht besorgt und ist meines Erachtens auch nicht notwendig. Da das Smartphone im brasilianischen Krankenhaus allgegenwärtig ist, kann man zu jeder Zeit alles googlen, ohne damit unangenehm aufzufallen.

Mitzunehmen

Voraussetzung war es, einen eigenen Kittel und ein Stethoskop mitzubringen. Das Stethoskop habe ich eher verliehen als selbst genutzt, aber dennoch immer dabeigehabt. Im Krankenhaus trug man außerdem lange Hosen und geschlossene Schuhe unter dem Kittel. Abgesehen davon trug ich vor allem leichte Kleidung, da es im Norden Brasiliens auch im Winter warm ist. Ein kleiner Regenschirm wäre nicht schlecht gewesen, da es immer mal wieder Regenschauer gab.

Reise und Ankunft

Um Geld zu sparen, nahm ich einen etwas längeren Flug mit zwei Umstiegen in Kauf, weshalb ich zwar schon donnerstags in Amsterdam losflog, aber erst am Freitag in Rio de Janeiro ankam. Hier verbrachte ich das Wochenende, bevor ich dann am Sonntag nach Recife flog. Ich hatte vorab überlegt, ein paar Tage eher nach Recife zu fliegen, um vor dem Praktikumsbeginn etwas Zeit zu haben. Mein Host kam jedoch erst an dem Sonntag aus ihrem eigenen Austausch wieder und daher entschied ich mich dazu, auch erst am Sonntag anzureisen. So wurde ich von meiner gesamten Gastfamilie am Flughafen willkommen geheißen.
Da ich den Jetlag schon in Rio auskuriert hatte, war es dann auch kein Problem, am Montag direkt mit der Famulatur zu starten. Meine Contact Person hatte mich auf Anfrage darüber informiert, dass ich mich am Montagmorgen im Studierendenhaus des Krankenhauses einfinden sollte. Mein Host begleitete mich dorthin und ich traf gleich auf zwei andere Exchange Students, die ihre Famulatur auch im IMIP absolvieren würden. Ich musste ein Formular ausfüllen und wurde anschließend von dem Zuständigen für das Exchange Programm zu meiner Station gebracht und dort vorgestellt. Außerdem erklärte er mir, dass ich mich jeden Tag vor Beginn und nach Ende des Praktikums im Studierendenhaus ein- und austragen musste. Der für mich zuständige Arzt erarbeitete dann am zweiten Tag mit mir einen Wochenplan für meine Famulatur, sodass ich wusste, wann ich wo erwartet wurde.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich absolvierte meine Famulatur auf der Kinderchirurgie des Krankenhauses IMIP, eines der Lehrkrankenhäuser der Universität FPS. Montags und mittwochs war ich auf Station eingeteilt, folgte einem der Assistenzärzte bei der morgendlichen Untersuchung der Patienten und hörte mir anschließend die gemeinsame Besprechung an. Die restlichen Vormittage und Mittwochnachmittage verbrachte ich im OP. Dienstags und donnerstags gab es außerdem immer ein Seminar, das abwechselnd von den Assistenzärzten zu verschiedenen Themen der Kinderchirurgie gehalten wurde. Die Seminare begannen um 7 Uhr morgens, ansonsten begann der Tag um 8 Uhr. Die Mittagspause und damit meist auch mein Feierabend begann ungefähr zwischen 11:30 und 13 Uhr.
Zu meinen hauptsächlichen Aufgaben zählte das Beobachten. Auf Station lief ich wie gesagt immer mit einem anderen Arzt mit und durfte hier und da mal tasten, wenn es etwas Besonderes gab. Ansonsten beschränkte sich der Patientenkontakt eher aufs Begrüßen und Lächeln. Der Arzt war jedoch immer sehr nett, stellte mich als die „Ärztin aus Deutschland“ vor, „die extra hergekommen ist, um Ihr Baby zu sehen“ und erklärte mir vieles auf Englisch. Die Eltern der Kinder freuten sich immer, mich zu sehen, und waren sehr freundlich zu mir.
Bei der Morgenbesprechung, die natürlich auf Portugiesisch abgehalten wurde, versuchte ich, möglichst viel zu verstehen. Anfangs viel es mir sehr schwer, doch zum Ende meiner Famulatur hin verstand ich immer mehr, sodass ich einigermaßen nachvollziehen konnte, worüber gesprochen wurde.
Während der Operationen schaute ich meistens nur zu. Je nachdem, welcher Arzt operierte, wurde mir vieles erklärt oder aber ich musste nachfragen, um Informationen zu erhalten. Da es in dem Krankenhaus und insbesondere auf der Kinderchirurgie viele Assistenzärzte gibt, die gerne bei den Operationen assistieren möchten, gab es für mich nicht viele Möglichkeiten, selbst mitzuhelfen. Einmal durfte ich mich einwaschen und Instrumente halten.
Ich hätte mir insgesamt schon gewünscht, dass ich ein bisschen mehr selbst machen dürfte, hatte vorab allerdings auch keine allzu hohen Erwartungen, sodass ich nicht enttäuscht war, die Beobachterrolle zu übernehmen. Ich habe während meiner Famulatur trotzdem einige interessante Dinge gesehen und bin froh, dass ich die Chirurgie in einem brasilianischen Krankenhaus kennenlernen durfte. So war ich am ersten Tag noch überrascht, dass ich meine eigenen Schuhe im OP mit Überziehern tragen musste, oder dass die sterile Kleidung und die sterilen Tücher selten diejenigen aus Einwegmaterial waren, wie wir es in Deutschland kennen.

Land und Leute

Dank meiner sehr angenehmen Arbeitszeiten im Krankenhaus hatte ich viel Zeit, um andere Dinge zu unternehmen. Unter der Woche traf ich mich oft nachmittags oder abends mit den anderen Exchange Students. Wir erkundeten die Altstadt Recifes mit ihrer schönen Street Art, besuchten den botanischen Garten, gingen in den Malls oder auf dem Markt shoppen oder entspannten am Strand in Boa Viagem. Schwimmen kann man dort aufgrund der Gefahr von Haiattacken leider nicht, aber trotzdem war der Strand immer ein beliebter Treffpunkt. Abends gingen wir oft essen, trinken und das ein oder andere mal lernten wir das brasilianische Nachtleben kennen. Das Essen dort ist wirklich sehr lecker, wenn auch nicht unbedingt für Vegetarier geeignet. Meine Lieblinge waren Tapioca, Coxinha, Escondidinho und Brigadeiro. Mit Caipirinhas und Caipiroskas konnte man außerdem recht günstig einen spaßigen Abend verbringen.
An den Wochenenden zog es uns immer hinaus aus Recife. Die Trips nach Porto de Galinhas und Pipa waren insbesondere wegen der tollen Strände lohnenswert. Porto ist mit dem Bus in ungefähr 1,5 Stunden zu erreiche und war daher mehr als nur einmal unser Ziel. Nach Pipa brauchten wir ungefähr fünf Stunden mit dem gemieteten Van, jedoch fanden wir die Strände alle noch einmal schöner und der Delfinstrand dort war definitiv eines meiner Highlights der gesamten Zeit in Brasilien.
An meinem letzten Wochenende vor der Abreise nahm ich an einem der BEACH-Projects der IFMSA teil und flog ein ganzes Stück in den Süden nach Florianópolis. Die auf einer Insel gelegene Stadt bietet sehr viel Natur und das Wochenende war wirklich toll organisiert, sodass es die weite Anreise definitiv wert war.
Vor und nach meinem Aufenthalt in Recife verbrachte ich außerdem ein paar Tage in Rio de Janeiro. Diese Stadt darf auf einem Trip nach Brasilien auf keinen Fall fehlen, weil sie wirklich so schön ist, wie alle Welt sagt.
Die Menschen in Brasilien habe ich als sehr nett, hilfsbereit und interessiert kennengelernt. Trotz der einen oder anderen Sprachbarriere blieben sie immer freundlich und man hat sich am Ende stets irgendwie verständigen können.
Dennoch blieb es nicht aus, dass man den offensichtlichen Unterschied zwischen Arm und Reich in diesem Land bemerkte. Die typische Kulisse einer Stadt enthielt sowohl die Hochhauskomplexe der wohlhabenden Bevölkerung als auch die Hütten in den Favelas der Armen. Hinzu kommt, dass der Großteil der ärmeren Bevölkerung dunkelhäutig ist, ein Überbleibsel der langen Geschichte der Sklaverei in Brasilien.

Fazit

Insgesamt habe ich meinen Aufenthalt in Brasilien sehr genossen. Die Famulatur an sich war ganz gut, die Erfahrung als Ganzes jedoch einfach unvergesslich. Das Land, die Menschen und die brasilianische Kultur haben mich sehr beeindruckt und geprägt, sodass ich gerne wieder dorthin reisen würde. Außerdem habe ich während meines Aufenthalts viele andere Medizinstudierende aus Europa und Nordafrika kennengelernt, die ich durch die gemeinsame Zeit, die wir dort verbracht haben, sehr ins Herz geschlossen habe.

zurück