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Korea (South) (KMSA)

Neurologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Sabrina, München

Motivation

Für mich stand es immer außer Frage, dass ich für einen Teil meiner Famulaturen ins Ausland gehen möchte. Diese Praktika bieten sich perfekt an, ein anderes Land gut kennenzulernen, solange man noch jung und ungebunden ist

Vorbereitung

Die bvmd bietet viele Möglichkeiten für deutsche Medizinstudierende, u.a. auch den Austausch. Bisher hatte ich mich mehr mit der Arbeit anderer AGs beschäftigt, habe mich im Rahmen der Vorbereitung auf den Austausch aber auf der bvmd-Homepage gut informiert. Die IFMSA-Website fand ich furchtbar; wie durch ein Wunder habe ich in den entscheidenden Feldern aber wohl keine Fehler gemacht, sodass ich einen Platz zugeteilt bekommen habe. Den Bewerbungsprozess empfand ich als sehr aufwendig und es gab durchaus Momente in Prüfungsphasen, an denen ich den Nutzen eines SCOPE Exchanges angezweifelt habe. Nur nicht aufgeben! Der Austausch war so eine einmalige und tolle Zeit, das entschädigt sogar die verzweifelten Stunden auf der IFMSA Website!
Falls ihr euch ebenfalls einen Austausch nach Korea überlegt: im Juli ist Monsunzeit, im August ist es unfassbar heiß (ich hatte stabile 35°C -38°C bei 100% Luftfeuchtigkeit). Klimaanlagen werden eure neuen besten Freunde.

Visum

Für Praktika bis 90 Tage ist ein Touristenvisum ausreichend. Für deutsche StaatsbürgerInnen ist das kostenlos direkt bei der Einreise zu erlangen. Wichtig ist aber dennoch, eine Adresse angeben zu können (ich habe in der Schlange zur Einreise panisch meine Contact Persons um ihre Adresse gefragt, besser ist es natürlich, wenn man sich schon im Vorfeld um die Adresse der Klinik oder der ersten Unterkunft kümmert).

Gesundheit

Die Gesundheitsversorgung in Korea ist absolut mit Deutschland vergleichbar; Medikamente, Impfungen und Verbandsmaterial sind von vergleichbarer Qualität. Dauerhafte Medikation und eine kleine Reiseapotheke (NSARs, Dimenhydrinat, Voltaren-Gel, Bandagen, Pflaster) kamen trotzdem mit, letzteres wurde aber zum Glück nicht benötigt. Impfungen sollte man sowieso entsprechend den STIKO-Empfehlungen auffrischen, darüber hinaus sind aber für Südkorea keine Impfungen nötig.
Im Sommer nützlich sind Sonnencreme und Mückenspray, falls man empfindlich ist.

Sicherheit

Eine Auslandskrankenversicherung mit ausreichendem Schutz lohnt sich auch in Südkorea – da ich sie glücklicherweise nicht in Anspruch nehmen musste, kann ich aber über Kosten und Prozedere vor Ort keine Aussage treffen.
Ich habe mich in den Straßen von Südkorea fast noch sicherer als auf deutschen Straßen gefühlt

Geld

Die Währung Südkoreas ist der südkoreanische Won (1000 Won entspricht ca. 0,75€). Ein bisschen Bargeld ist immer nützlich, insbesondere an diversen Getränke- oder Spieleautomaten, aber davon abgesehen sind Kreditkarten auch bei Kleinstbeträgen ein absolut anerkanntes Zahlungsmittel (sogar ohne PIN oder Unterschrift…). Ich habe eine Visakarte der DKB, mit der ich weltweit beliebig oft kostenlos abheben und bezahlen kann. Da das Geldabheben mit einer internationalen Karte leider an vielen Automaten nicht möglich oder mit Gebühren verbunden war, bin ich soweit wie möglich auf bargeldloses Bezahlen umgestiegen und bin damit recht gut zurechtgekommen. Die einzige Ausnahme: manche Taxifahrer verlangen von Ausländern Barzahlung für den Fall, dass es mit der Kartenzahlung doch Probleme gibt. Deshalb der Tipp von meiner Seite: holt euch eine gute Reiskreditkarte und hebt einen größeren Bargeldbetrag ab, sobald ihr einen funktionierenden und kostenlosen Automaten findet.
Die Lebenshaltungskosten sind generell etwas niedriger als in Deutschland: eine Mahlzeit kostet zwischen 4000-10000 Won (3,00€-7,50€). Wasser und Kimchi ist immer inklusive, oft auch eine Suppe

Sprache

In Südkorea spricht man Koreanisch. Die meisten Koreaner haben Englisch in der Schule gelernt, sind sich ihrer Sprachfähigkeiten oft nicht sicher genug, um sich auf Englisch zu unterhalten. Ich kam öfter in die Situation, dass auf ein „do you speak English?“ ein entschuldigendes Kopfschütteln kam, und die anschließende Frage nach dem Weg, den Öffnungszeiten etc. aber doch beantwortet werden konnte. Einfach nicht aufgeben!

Verkehrsbindungen

Von Europa kommt man am Schnellsten und Einfachsten mit dem Flugzeug nach Südkorea

Kommunikation

Am Incheon Airport (und nur da!) gibt es spezielle Angebote für Reisende der großen Mobilfunkanbieter: wahlweise 5, 10 oder 30 Tage unlimitiertes Datenvolumen. Die Sim-Karte mit 30 Tagen Daten kostete ca. 55€. Dennoch ist das Angebot ziemlich gut, denn so ziemlich meine gesamte Kommunikation (nach Hause, mit meinen CPs, den anderen incomings, den Professoren und Residents, aber auch Übersetzungen mittels Google Translate) und Orientierung hing von Zugang zum Internet ab. Es gibt oft WLAN in Cafes und öffentlichen Gebäuden, allerdings wollte ich mich nicht darauf verlassen müssen und auch unterwegs erreichbar sein. Zum Leidwesen meiner Eltern schreibe ich ungern Romane auf Whatsapp, aber hin und wieder ein „WhatsApp-Call“ oder Skype-Anruf musste sein. Mit meinen Freunden habe ich vor Allem über Instagram kommuniziert und auch ein paar Bilder hochgeladen (@living_the_reif_life). In Korea wird nur Kakaotalk genutzt – eine supersüße und ziemlich gute Alternative zu WhatsApp. (Außerdem gibt es Kakaomaps, Kakaometro, Kakaotaxi… Kakaomaps ist in Korea deutlich besser als Google Maps und sehr zu empfehlen!)

Unterkunft

Alle Incomings an der Chungnam National University in Daejeon sind in Doppelzimmern eines Dorms auf dem Klinikgelände untergekommen. Der Vorteil war, dass man in weniger als 5 Minuten vom Bett auf Station war

Literatur

Das ist der oben erwähnte Hangul-Kurs auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=s5aobqyEaMQ&t=3292s
Ein aktueller Reiseführer hilft, sich schon im Vorfeld ein bisschen zu orientieren und sich seine Highlights herauszusuchen (die Zeit vergeht schneller, als ihr glaubt!). Besonders lohnt es sich, sich die jüngere Geschichte Koreas anzusehen! Es ist wirklich unglaublich, was in den vergangenen 100 Jahren dort alles passiert ist und wie sich das Land entwickelt hat.

Mitzunehmen

Der Dresscode für Medizinstudierende ist business casual, also (weißes) Hemd, Anzughose und -schuhe für Männer, feine Stoffhose, helle Bluse und schwarze Ballerinas oder Schuhe (keine Sneaker) für Frauen. Nehmt euch zumindest die Schuhe aus Deutschland mit!!! Ich habe im Endeffekt Männerschuhe gekauft, weil ich partout keine Damenschuhe in Größe 40 gefunden habe. Ein weißer Kittel vervollständigt das Outfit.
Adapter für elektronische Geräte braucht ihr übrigens nicht!

Reise und Ankunft

Meine CPs hatten mich bereits 2 Monate vor dem Austausch kontaktiert und sich vorgestellt. Sobald ich wusste, welchen Flug ich nehmen werde, halfen sie mir bei der Wahl des Transportmittels von Incheon Airport nach Daejeon und unterstützten mich auch so bei jeder Hürde (siehe Einreise)

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe meine Famulatur in der Neurologie abgeleistet. Etwa einen Monat vor Beginn der Famulatur wurde ich von einem Professor kontaktiert, der sich vorstellte und mich nach meinen spezifischen Interessen fragte, um den Unterricht entsprechend anpassen zu können.
Ich war also schon ziemlich beeindruckt, bevor ich überhaupt in den Flieger gestiegen war. In der Mail hatte noch gestanden, dass Montag Morgens um 8 Uhr eine Morgenbesprechung war, an der ich teilnehmen sollte. Um 7.45 Uhr holte mich eine koreanische Studentin am Dorm ab und führte mich zum Besprechungsraum der Neurologie. Dort warteten bereits 6 koreanische Medizinstudierende und nahmen mich dankenswerterweise in ihre Runde auf. Die Besprechung selbst bildete das hierarchische System recht anschaulich ab: an einem Tisch saßen die jüngeren Professoren, an einem zweiten die Interns und jungen Residents; darüber thronten die 5 leitenden Professoren und die Chefärztin. Die Studierenden und ich saßen an Stühlen an der Wand. Nachdem ich mich dem Team kurz vorgestellt hatte, durfte ich einige Fragen der Chefin beantworten („Warum haben Sie das Chungnam National University Hospital und die neurologische Abteilung ausgewählt?“, „Was interessiert Sie in der Neurologie am Meisten?“). Nachdem ich auch das überstanden hatte, gingen die Ärzte ihres Weges und ich folgte den Studierenden in den Aufenthaltsraum (PK-Room; PK für Poliklinik!). Die kommenden beiden Wochen war ich Teil dieser Sechsergruppe und besuchte alle Neurologie-Veranstaltungen. Fast alle Professoren und Oberärzte wechselten ins Englische, damit ich dem Unterricht folgen konnte! Nach zwei Wochen beginnen die Seminare wieder von vorne für eine neue Gruppe Medizinstudierender; deshalb begann ab diesem Zeitpunkt die eigentliche Famulatur für mich. Ein Resident war für mich verantwortlich und organisierte kurze Führungen durch die verschiedenen Funktionsbereiche – durch die Stroke-Unit, durch die Notaufnahme, die neurologischen Funktionstestungen, durch ein Labor und die topmoderne Reha-Klinik. Der Klinikbau mag aus den 1970er Jahren und düster erscheinen, die Medizin ist definitiv auf dem allerneuesten Stand!
Außerdem bereitete er weitere Seminare und Fallvorstellungen für mich und eine chinesische Studentin, die eine Woche in der Abteilung war, vor. So richtig viel Patientenkontakt hatte ich also nicht… Nach einigen Erklärungsversuchen einigten wir uns darauf, dass ich eine Nachricht auf Kakaotalk bekommen würde, sobald es einen neurologischen Patienten in der Notaufnahme gäbe – mit etwas Glück bekam ich einmal am Tag eine solche Nachricht und sah ausnahmslos BPPV-Patienten. Angesichts der veränderten Essgewohnheiten und des Stresses der Koreaner hätte ich doch einige Schlaganfallpatienten in der Notaufnahme erwartet; allerdings war meine Anwesenheit immer auch zusätzliche Arbeit und potentieller Quell von Scham für die Ärzte.
Ich sah mich in einer Zwickmühle, da ich einerseits natürlich gerne den klinischen Alltag gesehen hätte, das andererseits jedoch zusätzliche Belastung für die überarbeiteten Ärzte bedeutet hätte. Ehrlicherweise hätte ich gegen ein bisschen Freizeit unter der Woche auch nichts einzuwenden gehabt (Korea ist groß, aber aus Daejeon lassen sich viele Orte in einem Tagesausflug erleben…), durch die kurzfristigen Nachrichten hatte ich aber leider nicht die Freiheit, meine Zeit für Sightseeing zu nutzen.
Dafür traf ich mich zum Mittag- und zum Abendessen mit meinen CPs, mit Freunden aus der Neurologie-Gruppe, mit den anderen Incomings oder mit Freunden von den Koreanern, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Koreaner sind an sich ziemlich zurückhaltend, aber hin und wieder merkte ich doch, dass wir bei den Studierenden bekannt waren wie bunte Hunde und jeder, der mit uns redete oder sogar einen Kaffee trinken ging, in der Hierarchie der Studierenden deutlich aufstieg.

Land und Leute

Wie oben bereits angeklungen ist, ist die koreanische Gesellschaft sehr hierarchisch und leistungsorientiert. Im Krankenhaus begegnete man dieser Hierarchie jeden Tag: man verbeugt sich vor Ärzten auf dem Gang, Studierende dürfen die Aufzüge nicht benutzen, und direkter Augenkontakt gilt als respektlos bzw. als Herausforderung. Ich kopierte die Verhaltensweisen der Medizinstudierenden so gut es ging (wobei mir klar war, dass ich oft genug die ungeschriebenen Regeln brach). Gegen Ende hatte ich diese Verhaltensweise wirklich satt, ich merkte, dass ich durch den gesenkten Blick und die vielen Verbeugungen viel weniger mutig und offen war. Mit meinen CPs konnte ich über einige schwierige Themen wie beispielsweise Mental Health offen reden; andere Themen wie z.B. Sexualität jeglicher Art sind allerdings mit einem großen Tabu belegt.
Südkorea hat wirklich unglaublich viel zu bieten, wir Incomings waren an jedem Wochenende an einem anderen Ort: einmal in Seoul, einmal in Busan, einmal in Jeonju zum National Social Program und in Suncheon im Vogelschutzgebiet für den Sonnuntergang, einmal in einem Templestay nahe Sejong und dann in Gongju für alte Gräber und Boryeong/ Daecheon Beach für den Strand. Da ich ein Wochenende länger in Korea war als die restlichen Incomings in Daejeon, nutzte ich die zusätzliche Zeit, um die Eltern eines meiner CPs zu besuchen und im Rahmen einer Tour zur Demilitarisierten Zone (DMZ) an der Grenze zu Nordkorea zu fahren. Die DMZ ist eindrucksvoll. Man ist zwar auch südlich der Grenze reichlich Propaganda ausgesetzt, aber die Anekdoten über den Koreakrieg, über die vielen Annäherungsversuche und der Abbruch jeglichen Kontakts beim kleinsten Zwischenfall bleiben im Gedächtnis hängen. Direkt an der DMZ gibt es u.a. einen perfekt funktionstüchtigen Bahnhof (inkl. Schienen in ein nordkoreanisches Industriegebiet und Schildern nach Pjöngjang), der 2002 eröffnet wurde und seit 2008 nicht mehr genutzt wird. Besucher können außerdem den dritten von vier (entdeckten) Infiltrationstunneln gut 70m unter der Oberfläche betreten. Außerdem ist mir der Dorasan Aussichtshügel mit Blick auf nordkoreanisches Gebiet im Gedächtnis geblieben.
Eine weitere spannende Erfahrung war der Templestay nahe Sejong. Viele koreanische Tempel bieten externen Gästen an, dem Tempelleben für einen Abend und einen Morgen beizuwohnen. Die Auswahl ist groß und die Erfahrungen auch ziemlich unterschiedlich. Wir waren in einer großen Gruppe (5 Incomings + CPs = knapp 15 Leute) in einem Tempel, dessen Abt leider kein Englisch sprach, sodass ein CP übersetzen musste. Abends gab es in einer Teezeremonie wertvollen und leckeren Lotustee und Gedanken zum Buddhismus. Der nächste Morgen begann um 4 Uhr mit einer Stunde Singen und einer Stunde Meditation im Tempel. Die europäischen Beine waren das lange Sitzen im Schneidersitz nicht gewöhnt, sodass die Zeit als Meditation in Selbstbeherrschung und Schmerzkontrolle interpretiert wurde

Fazit

Meine Erwartungen an diesen Austausch wurden um Einiges übertroffen. Die gesamte Austauschstruktur stellt sicher, dass man in Korea einen tiefen Einblick in die Gesellschaft bekommt und echte Freundschaften schließt. Mein Aufenthalt hätte kaum intensiver sein können! Ich hatte definitiv ein Riesenglück mit meinen CPs Chae Goo und Ben und mit den anderen Incomings Chiara (Deutschland), Angels (Katalonien), Guilherme (Portugal) und Petya (Spanien). Das erste Revival Treffen ist bereits für Ende Oktober 2018 geplant. Hoffentlich werde ich auch einige koreanische Freunde wiedersehen.
Ich kann Jedem, der sich eine Auslandsfamulatur vorstellen kann, eine Bewerbung für den SCOPE Exchange nur ans Herz legen!

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