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Ethiopia (EMSA)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Ich habe bereits viel Auslandserfahrung (Auslandsfamulaturen, Auslandsstudium, etc.) und meine Erfahrungen waren bisher durchweg positiv. Daher habe ich beschlossen, auch meine letzte Famulatur im Ausland zu machen.
Da ich bisher noch keine Möglichkeit hatte, den afrikanischen Kontinent kennenzulernen, habe ich mich für eine Bewerbung für Tansania, Kenia und Äthiopien entschieden. Ich wollte speziell in einen kleinen, ländlichen Ort, um das “wahre Leben” kennenzulernen.
Leider wurde daraus nichts und ich wurde Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien (Drittwunsch) zugeteilt, obwohl ich mich für diese Stadt an keiner Stelle beworben hatte. Die erste Enttäuschung war also groß.
Im Nachhinein habe ich erfahren, dass die anderen Städte in Äthiopien, die zur Auswahl stehen, gar keine Studenten aufnehmen. Entweder ist die politische Lage zu unsicher oder die lokale IFMSA-Vertretung inaktiv. Studenten werden also nur nach Addis Abeba geschickt, egal worauf sie sich in Äthiopien bewerben.
Ich wünschte, ich hätte das vorher gewusst…

Vorbereitung

Ich habe mir von Freunden und Kommilitonen, die bereits in Äthiopien oder anderen ostafrikanischen Ländern waren, Tipps geben lassen. Zudem habe ich mir einen Reiseführer gekauft und die wichtigsten Worte auf amharisch gelernt.
Die Vorbereitung war also generell recht unkompliziert.

Visum

Auch die Beantragung des Visums lief recht glatt. Um den Invitation Letter aus Addis bekommen, musste ich zwar mehrfach hartnäckig nachfragen, letztlich wurden mir aber alle erforderlichen Dokumente zugeschickt und ich konnte problemlos ein 3 Monate gültiges Business Visa (36€) beantragen. Die Botschaft hat sich sehr schnell und zuverlässig um mein Anliegen gekümmert.

Gesundheit

Durch meine zahlreichen Auslandsaufenthalte, hatte ich bereits einen sehr umfangreichen Impfschutz (Tollwut, japanische Enzephalitis, Meningokokken, usw.).
Ich habe mich zusätzlich noch gegen Gelbfieber impfen lassen, auch wenn Addis Abeba eigentlich kein Risiko dafür aufweist. Außerdem habe ich Antimalariamittel (Malarone) als Stand-By-Medikation mitgenommen.

In Äthiopien war ich mit vielen Fällen von Tuberkulose konfrontiert. Es gab keinerlei Vorkehrungen oder Isolation für diese Patienten. Man ist für seinen Schutz also selbst verantwortlich.

Sicherheit

Ich habe mich in Addis meist recht sicher gefühlt. Der Campus wurde rund um die Uhr von bewaffneten Sicherheitsbeamten bewacht. Bei Dunkelheit wurden wir dazu angehalten, den Campus nach Möglichkeit nicht zu verlassen (es wird allerdings schon um 18:30 dunkel). Die Hauptstadt soll aber im Vergleich zum Rest des Landes tatsächlich recht sicher sein.
Wir haben immer wieder von Überfällen und Trickbetrügern gehört, hatten aber dank unseres Grundverständnisses für Sicherheit nie selbst damit zu tun. Man wird lediglich ständig von Bettlern belagert; das ist aber eher nervig als gefährlich.

Geld

Die Währung in Äthiopien sind Birr. Man kann sehr leicht Dollar oder Euro in Birr umtauschen, andersherum ist es allerdings fast unmöglich.
Es wird fast überall nur Bargeld akzeptiert. Das Abheben mit Kreditkarte geht an den meisten Geldautomaten aber ohne Probleme.
Ich habe mir in Deutschland keine Birr besorgt, sondern direkt am Flughafen in Äthiopien Geld abgehoben. Das ging problemlos.

Die Lebenshaltungskosten sind deutlich günstiger als in Deutschland. Für Studenten und Famulanten gab es kostenlos 3 Mahlzeiten am Tag. Aber auch für eine Mahlzeit im Restaurant hat man selten mehr als 3€ gezahlt. Auch öffentliche Verkehrsmittel sind wahnsinnig günstig.

Sprache

In Äthiopien werden viele Sprachen gesprochen. Die offizielle Landessprache ist aber amharisch, was auch in Addis gesprochen wird.
Das Studium ist für die Medizinstudenten auf Englisch. Grundkenntnisse sind also sowohl bei Studenten, als auch bei Ärzten vorhanden. Die beiden Sprachen werden viel gemischt und der starke Akzent und das doch eher rudimentäre Englisch machen die Kommunikation trotzdem teilweise sehr schwierig. Patienten sprechen meist nur amharisch oder eine lokale Sprache; man ist also immer auf einen Übersetzer angewiesen.
Da die Leute vor Ort nur Grundkenntnisse in Englisch haben, halte ich das auch für internationale Studenten oder Famulanten für ausreichend. Man muss sich halt bewusst sein, dass die Verständigung so oder so schwer ist.

Verkehrsbindungen

Ich bin mit dem Flugzeug nach Äthiopien eingereist und auch wieder ausgereist. Wer das Land bereisen möchte, ist auch auf’s Flugzeug angewiesen. Als ich dort war, wurde mir aber eh davon abgeraten, die eigentlich interessanten Orte (Lalibela, Gondar, Danakil Senke, Simien Gebirge, etc.) weil die politische Situation aktuell zu unsicher sei und die Sicherheit aufgrund bewaffneter Aufstände immer wieder eingeschränkt war. Selbst die weniger unsicheren Orte des Landes dürfen meist nur mit einem offiziellen Guide besucht werden (ca. 600$/Tag).

Kommunikation

Internet und Strom fallen immer wieder aus. Die Kommunikation ist also zwar möglich, man muss sich aber darauf einstellen, auch mal ein paar Tage keinen Kontakt zur Außenwelt zu haben. Das ist besonders dann ärgerlich, da man wegen des schlechten Wetters, der früh einsetzenden Dunkelheit und der Tatsache, dass es auf dem Campus keinerlei Gemeinschaftsräume oder Beschäftigungsmöglichkeiten gibt, sehr, sehr wenig zu tun hat…

Unterkunft

Wir waren im Studentenwohnheim direkt neben dem Krankenhaus untergebracht. Ein kleiner schäbiger Raum ohne Heizung mit klapprigen Stockbetten wurde uns vom SCOPE-Team zu Verfügung gestellt. Es gab auf dem Flur ein Gemeinschaftsbad für die ganze Etage (squat toilets, Schimmel überall, nur die wenigsten Duschen funktionieren, Warmwasser war Glückssache). Aber es war in Ordnung.
Außerdem gab es eine Mensa direkt nebenan, in der man dreimal täglich kostenlos essen bekommen hat; mittags und abends allerdings fast immer Injera (fermentiertes Fladenbrot) mit Linsenbrei. Eine Möglichkeit, selbst zu kochen, gab es leider nicht. Nichtmals Wasserkocher waren im Zimmer erlaubt.
Bettwäsche und sogar Bettdecke und Kissen sollten wir eigentlich selbst mitbringen. Man hat mir aber freundlicherweise doch noch eine Decke organisiert.

Literatur

Ich habe mich mit dem “Lonely Planet” über das Land informiert, was ich auch jedem empfehlen würde.
Fremdsprachige medizinische Literatur macht in Äthiopien nur bedingt Sinn. Das Studium ist (offiziell) auf Englisch und die Bücher, mit der die winzige Bibliothek der Fakultät ausgestattet ist, sind ebenfalls alle auf Englisch.

Mitzunehmen

Ich kann nur jedem empfehlen, sich umfangreich mit Handschuhen, Mundschutz, Desinfektionsmittel und allem, was man sonst im Krankenhaus brauchen könnte, auszustatten. Im Krankenhaus fehlt es wirklich an allem.
Kittel, Stethoskop, Reflexhammer, Maßband, Pupillenleuchte usw. sollten auch mitgenommen werden.
Ich hätte mir definitiv mehr dicke Kleidung mitnehmen sollen. Ich wusste zwar von der Regenzeit, war aber doch unausreichend auf die Kälte, die klammen, unbeheizten Räume und den Regen vorbereitet. In dieser Zeit sind Regenschirm, Regenjacke und ggf. sogar Gummistiefel essenziell!
Außerdem ist das Essen sehr einseitig (Fladenbrot und Linsenbrei) und es ist schwer, europäische Produkte zu kaufen. Ich empfehle also, einen kleinen Vorrat Schokolade oder Snacks mitzubringen, um sich die langen, langweiligen Abende ein wenig zu versüßen.

Reise und Ankunft

Dadurch, dass ich mich bereits vorab um ein Visum gekümmert hatte, war die Einreise unproblematisch. Ich wurde von einem SCOPE-Mitglied abgeholt und zum Campus gefahren.
Ich bin ein paar Tage vorher angereist, durfte aber netterweise auch mein Praktikum schon einige Tage früher beginnen. Ich habe vor Ort eine andere Famulantin kennengelernt, die mich herumgeführt und mir alles erklärt hat. Meine SCOPE-Kontaktperson habe ich nach meiner Ankunft erst ein paar Wochen später wiedergesehen.
Im Krankenhaus habe ich mich zum vorgezogenen Praktikumsbeginn vorgestellt. Mir wurde eine neue Kontaktperson (meine vierte) an die Seite gestellt, die sich seitdem auch wirklich rührend um mich gekümmert hat. Sie selbst war Amerikanerin, was der Kommunikation sehr geholfen hat.
Sie hat mich auch meinem supervisor vorgestellt, der pro forma für meine Famulatur verantwortlich war.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Fachlich war ich von meinem Aufenthalt wahnsinnig enttäuscht. Das Prinzip der Famulatur ist dort nicht bekannt, weshalb ich zu den anderen Studenten eingeteilt wurde. Ich durfte keinerlei praktische Tätigkeiten ausführen, sondern habe die Studenten zu ihren Vorlesungen, Seminaren und bed side teachings begleitet. Trotz viel Bitten und Betteln wurde es mir verwehrt, mich auch nur im geringsten Maße praktisch einzubringen. Auch habe ich gebeten, mir andere Fachbereiche (Neurologie, Psychiatrie) ansehen zu dürfen. Nach mehrfacher Rückfrage wurde mir zugesagt, ich dürfe meine letzte Woche in der Neurologie verbringen; letztlich ist es aber nie dazu gekommen und ich war bis zuletzt nur in der Pädiatrie.
Selbst die theoretischen Inhalte, die im Studentenunterricht gelehrt werden, entsprechen nicht dem, was wir in Deutschland lernen. Einige Inhalte sind schlichtweg falsch oder überholt. Ich musste jedoch schnell die Erfahrung machen, dass kritisches Nachfragen nicht nur ungewöhnlich, sondern gänzlich unerwünscht ist.
Die Ärzte waren mir gegenüber größtenteils deutlich freundlicher gesinnt,als den anderen Studenten. Auch wurde von mir nicht sonderlich viel erwartet; in Fragerunden wurde ich meist übergangen, und das selbst dann, wenn ich darum gebeten hatte, mich mit einzubeziehen.
Mein Tag bestand aus morgendlichen Fallvorstellungen, Seminaren, Vorlesungen und bed side teachings, die je ein bis zwei Stunden dauerten. Der Stundenplan blieb mir bis zuletzt ein Rätsel und ich wurde immer erst unmittelbar vorher über die folgende Veranstaltung informiert. Die Studenten haben nachmittags frei und so wurde auch von mir nicht verlangt, dass ich mich länger im Krankenhaus aufhalte. Anfangs habe ich versucht, mich nachmittags selbst auf den Stationen einzubringen. Da aber das Prinzip der Famulatur bzw. eines Praktikums unbekannt war, wusste man mit mir nichts anzufangen und niemand fühlte sich für mich zuständig. Ich musste mir also selbst meine Aufgaben suchen, stand aber oft stundenlang einfach nur rum. Da nur die wenigsten Menschen in Äthiopien Englisch sprechen, war ich für jegliche Aktionen, die eine Interaktion mit den Patienten erfordert hätte, ohnehin auf einen Übersetzer angewiesen; eine Aufgabe die auf den Stationen nicht besonders hoch im Kurs stand. Statt Arbeit abzunehmen hatte ich also teilweise eher das Gefühl, einen zusätzlichen Arbeitsaufwand für das Personal darzustellen.
Wie bei einem armen Land wie Äthiopien sicherlich nicht überraschend, ist das Gesundheitssystem des Landes die reinste Katastrophe. Es fehlt an absolut allem: von medizinischen Hilfsmitteln über Medikamente, bis hin zu einfachen Dingen wie Betten (es mussten sich jeweils 3 Frühchen einen Brutkasten teilen). So gut wie jeder Infekt, egal ob bakteriell oder viral, wird mit Antibiotika behandelt, aber da es meist weder Erst- noch Zweitlinienmedikamente gibt, bedient man sich einer Kombination verschiedener Breitbandantibiotika.
Unter- bzw. Mangelernährung sind auch weit verbreitete Probleme, selbst in der Hauptstadt.
Das Krankenhaus selbst ist in Teilen neu saniert und so relativ in Ordnung, andere Teile, wie auch die Pädiatrie, sind aber massiv beschädigt, teilweise sogar einsturzgefährdet. In der Mitte der pädiatrischen Notaufnahme steht ein Eimer, in dem Tag und Nacht Wasser aus der gebrochenen Decke tropft. Ich habe außerdem mehrfach Mäuse auf den Stationen herumlaufen sehen.

Es war sicherlich interessant, ein Gesundheitssystem kennenzulernen, das ferner dem deutschen nicht sein könnte.
Fachlich habe ich allerdings in der ganzen Zeit meines Aufenthaltes trotz fortwährender Bemühungen nicht das Geringste dazugelernt.

Land und Leute

Land und Leute haben sich stark von dem unterschieden, was ich von Reisen in andere afrikanische Länder kannte. Die Lebensfreude, Offenheit und Aufgeschlossenheit, die man von Afrika gewöhnt ist, habe ich in Äthiopien sehr vermisst. Die
Menschen waren höflich und freundlich, aber eher distanziert, was sicherlich teilweise auf das vorherrschende strenge orthodoxe Christentum vor Ort zurückzuführen ist.
Als Ausnahme stellten sich hier jedoch junge äthiopische Männer dar, denen jedes Mittel Recht war, um sich ausländischen Frauen zu nähern. Viel ungefragter Körperkontakt und der ein oder andere unangebrachte Kommentar waren an der Tagesordnung. Selbst die männlichen Medizinstudenten verhielten sich uns gegenüber teilweise so.
Die weiblichen Studenten waren hingegen sehr höflich, hilfsbereit und freundlich.
Leider war zur Zeit meines Aufenthaltes Regenzeit, was Unternehmungen generell etwas erschwert bzw. weniger attraktiv gemacht hat. Zudem wurde uns von Reisen in einige Teile des Landes wegen politischer Unruhen abgeraten. Aber wir haben uns die Sehenswürdigkeiten in und um Addis angesehen und konnten uns so wenigstens einen guten Eindruck von der Region verschaffen.




























































































































































































































































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Fazit

Mein Fazit fällt leider recht negativ aus. Meine Erwartungen wurden leider nicht erfüllt und ich wurde vor allem fachlich sehr enttäuscht, da ich keinerlei praktische Tätigkeiten ausführen durfte.
Addis ist die einzige Stadt, die Medizinstudenten aufnimmt (entgegen der Informationen im Internet), die allgemeine Organisation lässt zu wünschen übrig und man wird als ausländischer Student eher als ungeliebter zusätzlicher Aufwand angesehen, anstatt als helfende Hand.
Einzig positiv sehe ich, dass ich die Möglichkeit hatte, ein anderes Gesundheitssystem zu sehen.
Ich würde Äthiopien für eine Auslandsfamulatur nicht weiterempfehlen, sondern mich zum Beispiel auf Kenia, Tansania oder Simbabwe bewerben. Von dort habe ich sehr viel Positives gehört.

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