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Russia - Tartastan (TaMSA)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Felix Maximilian, Düsseldorf

Motivation

Ich wollte gerne eine Famulatur in Tatarstan machen, da ich so eine Famulatur mit Reisen verbinden kann und so nicht nur im Bereich der Medizin etwas von der Famulatur mitnehmen kann, sondern viel mehr: Eine andere Kultur, Sprache, Freunde, großartige Erlebnisse, ein anderes Gesundheitssystem sowie eine andere Art Medizin zu machen, die meinen Horizont erweitert.
Die Wahl fiel auf Tatarstan, da ich erstens einen Kulturkreis und einen Ort kennen lernen wollte, der nicht so touristisch erschlossen und bekannt ist, sondern einen mir gänzlich neuen und bisher gänzlich unbekannten Teil der Erde erkunden wollte. Zudem ist Tatarstan als Republik Teil der Russischen Föderation und damit ein Teil eines Landes, das ständig Thema in den Nachrichten ist und in der Vergangenheit, Gegenwart sowie Zukunft eine große Rolle in der Geschichte Europas gespielt, spielt und spielen wird. Da mir eben dieses Land, Russland, vornehmend nur aus dem Geschichtsunterricht und den Nachrichten ein Begriff war, wollte ich mir ein eigenes Bild machen.

Vorbereitung

Zur Vorbereitung gehört die Bewerbung bei der BVMD auf das Projekt.
Ansonsten muss man nicht viel organisieren, man bekommt ein Willkommensschreiben in dem der Ablauf grob geschildert wird und ich war direkt damit einverstanden und musste nichts nachorganisieren. Ich hatte außerdem im Voraus Kontakt mit meiner Kontaktperson, der sich hervorragend um mich gekümmert hat und zu einem Freund während des Austauschs wurde. Dann heißt es das Visum zu beantragen, Flugdaten mitteilen und Klamotten für das Krankenhaus besorgen(Kittel/Kasacks), Gastgeschenke und Rucksack packen und los geht es.
Man braucht nicht alles ganz genau im Voraus zu organisieren, es fügt sich alles vor Ort.

Visum

Für einen Aufenthalt in Russland benötigt man ein Visum, dafür ist ein Invitation Letter, den die Austauschorganisation vor Ort ausstellt, zwingend notwendig. Man kann nur exakt den im Invitationletter angegebenen Zeitraum in Russland verbringen, falls du vorher oder nachher in Russland reisen möchtest, erfrage einen neuen Invitationletter im Voraus mit einem längeren Zeitraum, das war bei anderen Incoming’s kein Problem
Ich habe in einer Visazentrale in Bonn mein Visum 5 Wochen vor dem Austausch beantragt und es hat 2 Wochen Bearbeitungszeit und 27€ Bearbeitungsgebühr für ein Studentenvisum benötigt.

Gesundheit

Das Leitungswasser sollte nicht getrunken werden, Trinkwasser sollte man kaufen.
Ansonsten reicht eine gewöhnliche Reiseapotheke, alles Nötige gibt es in zahlreichen sehr gut ausgestatteten Apotheken vor Ort, vieles ist nicht verschreibungspflichtig.
Zur Medikamenteneinfuhr habe ich gelesen, dass die Menge den Bedarf für eine Person nicht überschreiben sollte.
Ansonsten empfehle ich die Gesundheitshinweise auf der Website des Auswärtigen Amtes als gute Informationsquelle.

Sicherheit

In Kazan und auch in den von mir besuchten Städten, St. Petersburg und Moskau, habe ich mich zu jeder Uhrzeit und an jedem Ort sicher gefühlt.
Reisepass und Immigrationcard sowie Registrierungbescheinigung des Wohnortes sollte man immer bei sich führen, da eine Polizeikontrolle nichts Ungewöhnliches ist.

Geld

In Russland wird mit Rubel gezahlt, es gibt überall immer wieder einen Geldautomaten, an dem man problemlos Rubel abheben kann mit einer Kreditkarte.
Der Umrechnungskurs war im August 2018 72-79 Rubel für einen Euro.
Ein Essen im Restaurant kostet in Kazan um die 300 Rubel , ein Getränk um die 150 Rubel und ein Busfahrt 25 Rubel.
Moskau und St. Petersburg waren etwa zu einem Drittel teurer.

Sprache

In Russland wird Russisch gesprochen und in Tatartstan noch zusätzlich Tatarisch. Englisch ist nicht sehr verbreitet, deswegen empfehle ich einen chirurgischen Austausch. Ich habe keine Russischkenntnisse gehabt und bin dennoch gut zurecht gekommen, mir wäre es jedoch sicherlich um einiges einfacher gewesen.

Verkehrsbindungen

Nach Kazan kommt man gut mit dem Flugzeug über Moskau. Innerhalb der Stadt gibt es einen sehr gut aufgeschlossenen öffentlichen Verkehr mit Bussen, Bahnen und U-Bahnen.
Mit UBER kann man hervorragend durch die Stadt kommen, es ist günstiger als Taxis.
Der Straßenverkehr ist verrückt und wenn man innerhalb Russlands reisen möchte bieten sich Flugzeuge und die Bahn an mit Schlafabteil und Betten (Kazan-Moskau 13h 30-40€).

Kommunikation

Für umgerechnet 10€ habe ich eine Simkarte gekauft mit 24 GB Internet für einen Monat und Freiminuten, damit bin ich problemlos ausgekommen.
Man sollte darauf achten, dass man einen Vertrag für ganz Russland und nicht nur Tatarstan bekommt, wenn man innerhalb Russlands noch reisen will.

Unterkunft

Die Unterkunft in dem Hostel wurde kostenlos von der Tamsa Organisation gestellt.
Es handelte sich um 3 Bettzimmer mit Bad zusammen mit anderen Austauschstudenten. Es gab eine Gemeinschaftsküche, die Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Gruppenaktivität war.
Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt.

Literatur

Ich habe die App 2GIS installiert, dort gibt es super offline Karten für Russland.
Ansonsten habe ich keine spezifische Literatur gelesen, sondern drauf los gegoogelt.
Ich empfehle den Participants Guide von TAMSA zu lesen im Voraus

Mitzunehmen

• Gastgeschenk für die contact Person
• Geschenk für den Tutor/ das Krankenhaus
• Kittel/Kasacks
• Sonnenschutz
• Warme Jacke und Regenfeste Klamotten
• Und was ihr sonst auch zum Reisen und Leben braucht.

Reise und Ankunft

Ich kam mitten in der Nacht um 3.55 am Flughafen an und wurde von einem Tamsa Mitglied (contact person) empfangen worden und zum Hostel begleitet worden, genauso wurde ich zum ersten Praktikumstag begleitet. Alles war sehr herzlich und gut organisiert.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Meine Famulatur fand im Republic Clinical Hospital (RCH) in Kazan statt.
Das Haus ist ein maximal Versorger Krankenhaus mit allen Fachrichtungen, somit ist es ein sehr großes Haus mit einem überregionalen Versorgungsauftrag gerade für viele seltenere Fachrichtungen.
Ich war dort mit einer anderen Austauschstudentin in der Inneren Medizin-General untergekommen zum Famulieren, dies entsprach auch meinem Wunsch, den ich bei Bewerbung äußerte. Unsere Tutorin war in der Rheumatologie zuhause, dennoch habe ich nahezu alle Departements der dortigen Inneren Medizin kennen gelernt. Unsere Tutorin war unsere Ansprechpartnerin, die sich sehr viel Zeit mit uns nahm, um uns zu zeigen was wir gerne sehen wollten. Neben der Famulatur in der Rheumatologie war es Ihr ein Anliegen uns das russische Gesundheitssystem näher zu bringen und den Ablauf in einem russischen Krankenhaus zu erklären und auch die Arbeitsweise der anderen Fachrichtungen zu erklären. Am Morgen nach dem Tagesgeschäft haben wir eine Runde durch das Krankenhaus gemacht und die spannendsten neuen und seltenen Fälle uns angesehen und untersucht sowie deren Behandlung besprochen und auch viel über die Unterschiede in unseren jeweiligen Ländern bezüglich medizinischer Aspekte uns ausgetauscht. So hatte ich zum Beispiel die Gelegenheiten in der Kardiologie Einblicke in Angiographien, ins Herzkatheter Labor zu erlangen oder in der Gastroenterologie bei Gastroskopien und Koloskopien beizuwohnen oder mir die Versorgung in der Nephrologie anzuschauen. Zudem durfte ich mir auch Kaiserschnitte in der Gynäkologie und die Erstversorgung der Neugeborenen ansehen. Da ich in diesem Bereich selbst schon einige Erfahrungen gesammelt hatte war der Vergleich sehr interessant. Die Erstversorgung der Babies entsprach dem, was ich bereits aus Deutschland kannte. Mich irritierten jedoch die Hygienestandards. So wurde z.B. mit sauberen bzw. benutzten Handschuhen das Iphone bedient um Fotos vom Baby zu machen und diese danach für die weitere Versorgung nicht gewechselt. Insgesamt habe ich somit einen breiten Eindruck auch fernab der Rheumatologie gewonnen.
Dieses Angebot bestand vor allem, weil viele unserer Patienten in der Rheumatologie meist Dauerlieger waren und uns somit bereits bekannt waren.
Der fachliche Schwerpunkt saß hier in der Entscheidung der richtigen Medikamentenwahl. Diese Entspricht mit Methotrexat als Basistherapie den deutschen Standards.
Darüber hinaus war ein großer Bestandteil der Visite die Überlegung welche unnötigen Medikamente zum Beispiel aufgrund von Nebenwirkung abgesetzt werden könnten.
Interessant war für mich das lockere Miteinander der Ärzte. Man begrüßt sich herzlich und quatscht über sein Wochenende. Viele Ärzte waren bemüht uns etwas über Ihre jeweiligen Fachrichtungen zu erklären. Einfachste Fragen konnten meist gut beantwortet werden, für tiefer gehende Fragen fehlte jedoch manchmal das Sprachverständnis. Daher würde ich eher, falls keine guten Russischkenntnisse vorliegen, bei der Wahl eine chirurgische Famulatur empfehlen, da hier die Patientenkommunikation viel weniger eine Rolle spielt.

Insgesamt habe ich den Klinikalltag als sehr entspannt erlebt. Es war ausreichend Zeit für Kaffe- und Mittagspausen. Die Ärzte machten nur selten einen gehetzten Eindruck auf mich.
Das Ärzteteam war sehr freundlich und interessierte sich neben meinen Eindrücken über Russland auch sehr für die deutschen medizinischen Standards. In Russland gelten unsere Standards als Richtmaß und erstrebenswert. Viele Ärzte waren sogar schon für Fortbildungen und Ausbildungen in deutschen Krankenhäusern. Stolz wurden mir neue Geräte und Therapieoptionen präsentiert. Einige Medikamente, die in Russland entwickelt worden sind und sich auf dem russischen Markt beweisen und als gut wirksam bewährt haben sind in Deutschland nicht erhältlich. An die Vorgaben vom jeweiligen "Head of the Department", auch wenn sie wissenschaftlich nicht bewiesen waren wurde, wurde festgehalten und interne Leitlinien waren Standard für manche Behandlungen aufgrund persönlicher Expertise.

Auch auffällig war für mich, dass die Ärzte manches an Gebrauchsmaterialien, wie Mundschutz und Hauben, selbst erwerben müssen. Diese werden nicht vom Krankenhaus gestellt, und können unter anderem durchaus auf dem schmalen Portemonnaie der jungen Ärzte lasten. Generell war ich überrascht über den geringen Verdienst der Ärzte dort.

Land und Leute

Außerhalb des Krankenhauses habe ich viel in Kazan unternommen. Außerdem bin ich jeweils ein Wochenende nach Moskau und St. Petersburg gefahren, beziehungsweise geflogen.

In Kombination mit den anderen Incomings, den russischen Contact Persons sowie den engagierten Tamsamitgliedern kam eine Menge spannender Ausflüge und Unternehmungen zustande. Tamsa hat ein umfasendes Sociel Programm angeboten. Die meisten Incomings waren oft dabei, man konnte mitkommen oder problemlos absagen, wenn man eigene Pläne hatte. Etwa zwei- bis dreimal die Woche und an den Wochenenden haben wir Ausflüge gemacht. Dazu gehörten Ausflüge in interessante, kulturell und historisch wichtige Ziele aus dem benachbarten Tatarstan oder Unternehmungen in Kazan, wie zum Beispiel Bummeln durch die Stadt, Stadtführungen, Museumsbesuche, abendliches Ausgehen in Bars und Clubs oder gemütliches Abendprogramm sowie sportliche Aktivitäten und Freizeitaktivitäten waren dabei. Insgesamt kann ich sagen, dass die Tamsacrew sich sehr viel Mühe gibt dir Tatarstan und den tatarischen und russischen Lifesyle näher zu bringen. Außerdem ist das Programm vor allen Dingen am Anfang perfekt dafür geeignet alle anderen Incomings kennen zu lernen.

Mit den 16 anderen Incomings aus aller Welt habe ich mich super verstanden und auch einige neue Freundschaften geschlossen. Ich war oft noch nach dem Praktikum direkt in der Stadt. Kazan hat einen wunderschönen Kreml und ansonsten sehr viel zu bieten. Der August war ein sehr sonnenreicher und wunderschöner Monat, sodass sehr viel draußen stattfand. Die Stadt wirkt auf mich sehr offen und entspannt, eines Abends hat eine andere Incoming gesagt, so wie es hier ist, so stelle sie sich die 80er in Deutschland vor. Die Leute, auf die ich traf, waren sehr offen und interessiert. Die Russen, die ich traf, haben sehr oft gefragt, was ich über Russland denken würde und wie ich es jetzt hier empfinden und erleben würde und inwieweit meine Vorurteile, auch die Erwartungen an Russland aus dem Eindruck, den man aus den Medien gewinnt, bestätigt bzw.überschrieben worden sind. Es war ihnen ein großes Anliegen ein modernes Bild von Russland zu repräsentieren und zu zeigen, auf einer authentischen und ehrlichen Art und Weise. Zwei unangenehme Momente erlebte ich auch. Nachdem ich jeweils interessierten Leuten auf der Straße erzählte ich sei aus Deutschland, wurde ich beleidigt aufgrund historischer Ereignisse. Aber das waren absolute Einzelfälle, die Menschen in Tatarstan sind mir sehr herzlich offen und warm entgegen gekommen. Ich habe unzählige Äpfel und Snacks im Krankenhaus geschenkt bekommen, generell ist das einladen zu und präsentieren von heimischer Kulinarik und Nationalgerichten eine große Sache in Tatarstan und eine tolle Gelegenheit zum Kulturaustausch und zum einander kennenlernen.

Man sollte sich nicht darüber wundern, wenn ein Tatar in einer gemischte Gruppe Männer und Frauen gezielt nur den Männern zur Begrüßung und Verabschiedung die Hand reicht, das hat bei uns für Verwirrung gesorgt, sollte aber gelassen genommen werden und keinesfalls als Affront gewertet werden.

Am dritten Wochenende bin ich mit 10 anderen Incomings nach Moskau gefahren. Wir haben alle den Freitag problemlos auf Nachfrage frei bekommen und sind über Nacht mit einem Nachtzug nach Moskau gefahren, ich kann das sehr empfehlen, da es günstiger als Fliegen ist und ein wahres Erlebnis, so kann man einen Hauch von dem Erlebnis einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn zu Reisen, auch noch mitnehmen. Einen Beusch des Kreml kann ich trotz der Menge an Touristen dort empfehlen.

Über das vierte Wochenende bin ich nach St. Petersburg geflogen, bei der Distanz ist es kaum anders möglich dorthin zukommen. Die Stadt hat mich einfach nur begeistert.

Ich empfehle eine Reise nach St. Petersburg sehr, die Stadt zeigt die russische Geschichte am eindrucksvollsten. Der Wechsel von Prachtbauten wunderschöner Architektur des europäischen 18. Jahrhunderts stehen in starkem Kontrast zur brutalen Architektur des Stalinismus. Somit steht St. Petersburg als Hauptstadt des Zarenreichs, als Stadt in der die Oktoberrevolution begann und mit der darauffolgenden Degradierung zu Leningrad und als nicht mehr Hauptstadt der Sowjets, wie kaum eine andere Stadt für die Geschichte Russlands. Sollte es zeittechnisch hart auf hart kommen und es steht St. Petersburg versus Moskau zur Debatte würde ich nach St. Petersburg reisen.

Fazit

Für mich war der Austausch in Kazan auf jeden Fall eine sehr bereichernde und wertvolle Erfahrung, da ich ganz viele neue Eindrücke über Osteuropa, Russland und der Kultur auch der anderen Incomings gewonnen habe. Ich könnte mir nicht vorstellen dort zu arbeiten aber ich würde erneut nach Russland reisen.

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