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Chile (IFMSA-Chile)

Innere - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Julian, Hannover

Motivation

Ich habe bereits in meinem ERASMUS-Semester in Madrid sehr gute Erfahrungen gemacht, daher lag es für mich nahe, nun auch einmal Südamerika kennen zu lernen. Der BVMD-Austausch ist ein tolle Gelegenheit, nochmal für eine längere Zeit ins Ausland zu gehen und richtig in die dortige Kultur einzutauchen. Ich kann jedem nur empfehlen, diese einzigartige Gelegenheit wahrzunehmen.
Für Chile habe ich mich entschieden, weil dort die meisten Plätze angeboten werden und es den Ruf hat, eines der sichersten Länder in Südamerika zu sein. Santiago, Valparaiso und Concepcion sind sicherlich die interessantesten Städte für einen längeren Aufenthalt. Südlich von Concepcion regnet es im Winter wirklich täglich, das sollte man berücksichtigen. In Santiago hatte ich dagegen auch im September traumhaftes Wetter, wie im deutschen Sommer. Der September ist außerdem ein guter Monat, weil der 17.-19. Feiertage sind, in denen man reisen kann.

Vorbereitung

Zum Semesterbeginn im Oktober überlegte ich mir, mich für nächsten Sommer zu bewerben und begann, die nötigen Unterlagen zu organisieren, insbesondere die Sprachzertifikate in Englisch und Spanisch, wobei mir die lokale BVMD-Austauschgruppe sehr behilflich war. Schon Ende Dezember bekam ich dann auch die Zusage von der BVMD, dass es Chile werden würde. Nun gingen die Dokumente an die IFMSA Chile und ich hörte erstmal lange Zeit nichts. Im April habe ich mich für einen Fahrtkostenzuschuss beworben, der mir unkompliziert in Höhe von 738€ zugesagt wurde. In Chile gab es einige Probleme mit dem dortigen NEO, daher bekam ich die Card of Acceptance erst im August, 4 Wochen vor Praktikumsbeginn. Kurz darauf schrieb mir auch schon das International Office in Santiago, die mich baten, noch ein Formular auszufüllen (den Abschnitt „Institutional Support“ konnte man ohne Probleme offen lassen) und eine Woche vor Praktikumsbeginn erhielt ich dann eine Mail, wann ich mich wo einfinden sollte.
Vor der Abreise erstellte ich mir ein Google-Konto, um eine Offline-Karte von Santiago de Chile herunterzuladen.

Visum

Man darf bis zu 90 Tage ohne Visum in Chile bleiben. Bei der Einreise bekommt man einen Zettel, den man unbedingt aufbewahren muss, da man ihn beim Verlassen des Landes vorzeigen muss. Überquert man die Grenze und reist wieder ein, werden die 90 Tage erneuert.

Gesundheit

Ich habe mich im Voraus umfangreich impfen lassen, da ich wusste, dass ich auch etwas herumreisen wollte (Hep A, B, Pneumokokken). Auch die Tollwutimpfung habe ich machen lassen, was aber zumindest in Chile nicht nötig gewesen wäre, weil Tollwutfälle nur bei wilden Tieren dokumentiert sind.

Sicherheit

Ich habe im Voraus eine Auslandskrankenversicherung, eine kostenlose Berufshaftpflichtversicherung für Medizinstudenten und Reiserücktrittsversicherungen für die Flüge abgeschlossen. Später habe ich erfahren, dass eine Kreditkarte bei der Ärzte- und Apothekerbank nicht nur weltweit kostenloses Geldabheben ermöglicht, sondern auch eine Auslandskrankenversicherung beinhaltet.
Santiago de Chile ist sehr sicher. Dennoch sollte man in kein Taxi steigen, sondern stets Uber benutzen, und sich nachts möglichst nicht alleine im Stadtzentrum aufhalten. Wenn man aufmerksam ist und Wertsachen immer nah am Körper hat und auf seine Taschen aufpasst, passiert eigentlich nichts. Busterminals sind etwas kritische Orte, dort am besten ein Bein durch den Schulterriemen des Rucksacks stecken, dann kann man auch entspannt warten. Den Reisepass am besten bei der Gastfamilie lassen und nur mit einer Kopie herumlaufen.

Geld

In Chile zahlt man mit chilenischen Pesos (1000 Pesos sind ungefähr 1,30€). Ich hatte mir vorher eine DKB-Kreditkarte besorgt, mit der ich an den meisten Banken auch Geld bekommen habe. Allerdings berechnen einige Banken bis zu 8€ für eine Geldentnahme. Bei der ScotiaBank habe ich kostenfrei abheben können. Mit der VISA kam man in Chile überall durch. In Argentinien wird sie manchmal nicht akzeptiert, da sollte man etwas mehr Bargeld dabeihaben.
Chile ist bekannt als die „Schweiz Südamerikas“, das Preisniveau ist vergleichbar mit Deutschland. Das Mittagessen im Krankenhaus war relativ teuer, aber dafür auch sehr gut und gelegentlich wurde ich von den Kollegen eingeladen.

Sprache

Das chilenische Spanisch ist eigenartig. Es wird schnell gesprochen und es gibt viele Begriffe, die nur in Chile verwendet werden. Die IFMSA Chile hat eine Liste mit wichtigen Wörtern zusammengestellt, die mir sehr geholfen hat. (besonders häufig: „Cachai?“ - Verstehst du? „Weon“ – Kumpel und „bacán“ – cool, entspannt). Zwei der internationalen Studenten konnten gar kein Spanisch, kamen aber im Forschungsaustausch trotzdem ganz gut durch. Nach einigen Wochen gewöhnt man sich an den Dialekt.

Verkehrsbindungen

Ich bin von Madrid aus mit Iberia direkt nach Santiago geflogen, das war äußerst bequem. (Zweiersitze, individueller Monitor, gute Mahlzeiten). Auch von Frankfurt gibt es (etwas teurere) Direktflüge. Innerhalb Chiles kann man sich sehr gut mit Fernbussen bewegen, die sehr bequeme Sitze haben und oft sogar Mahlzeiten anbieten. Unglücklich ist, dass zumindest mit meiner Kreditkarte eine Buchung von Bussen nur direkt am Busterminal möglich war. Vor Ort findet man oft aber noch mehr Busverbindungen als im Internet angegeben sind.
Auch mit dem Flugzeug kann man sich in Chile zu günstigen Preisen bewegen. Ein Zug existiert faktisch nicht. Die Metro innerhalb Santiagos funktioniert bis ca 23:00, man muss sich eine Chipkarte besorgen (die sogenannte „BIP“), mit der man die Metro und die Busse nutzen kann. Eine Fahrt kostet ca. 1€, egal wohin man fährt.

Kommunikation

Ich habe mir am ersten Tag eine Simkarte von Claro geholt. Das hat super funktioniert. In einer Apotheke oder einem Supermarkt kann man Geld darauf laden. Für 7000 Pesos (ca. 9€) hatte ich für einen Monat 5GB und 200 Freiminuten. Würde ich mir unbedingt holen, weil es die Kommunikation sehr erleichtert. Einziger Nachteil war, dass sie nicht in anderen Ländern gilt, dort muss man sich eine neue Karte holen, was aber auch für wenige Tage kein Problem ist (in Argentinien muss man dafür einen Reisepass vorlegen).
Zum Ende des Aufenthalts ist mir mein Handy kaputtgegangen und es war ein großes Glück, dass ich ein zweites Handy dabeihatte und automatische Backups aktiviert hatte, sodass ich alle Kontakte und Bilder auf mein Zweithandy übertragen konnte.

Unterkunft

Ich habe in einer sehr netten Gastfamilie im Stadtteil Las Condes gewohnt, einem wohlhabenden Stadtteil Santiagos. Dort gibt es große Apartment-Hochhäuser mit Concierge und privatem Sicherheitsdienst auf der Straße, sodass ich auch nachts stets sicher nach Hause gehen konnte. Von meiner Haustür bis zum Krankenhaus brauchte ich 40 Minuten, was für mich völlig ok war. Nach dem Praktikum bin ich dann meistens gleich in der Stadt geblieben. Meine Familie hat von der BVMD Geld bekommen, um mir Frühstück zu stellen, aber auch für andere Mahlzeiten konnte ich mich jederzeit am Kühlschrank bedienen. Ich wurde wie ein Teil der Familie aufgenommen.
In den Hostels in Chile herrscht ein sehr offenes Klima, sodass ich bei jedem Stop mit vielen Einheimischen in Kontakt gekommen bin.

Literatur

1) Ihr solltet vorher unbedingt einen Reiseführer durchlesen, zum Beispiel Lonely Planet. Ich habe es nicht gemacht und habe dadurch von einigen Reisezielen erst vor Ort erfahren. Die schönen Orte in Chile sind in Deutschland nicht wirklich bekannt

Mitzunehmen

Eine eigene Händedesinfektion oder ein Spray wäre hilfreich gewesen, da im Krankenhaus nur so ein klebriges Gel verwendet wird, was zum Beispiel für das Stethoskop nicht so gut geeignet ist.
Steckdosenadapter und Reisehandtuch sind sehr nützlich, ebenso ein Backpack, da die Straßen und der Nahverkehr nicht ganz so gut für Rollkoffer geeignet sind.
Chile ist ein sehr vielseitiges Land, daher hatte ich sowohl Wanderschuhe und Skisachen als auch Sommer- und Badebekleidung dabei und es kam alles zum Einsatz.

Reise und Ankunft

Ich kam 2 Wochen vor Praktikumsbeginn in Santiago an. Am nächsten Tag besorgte ich mir eine SIM- und eine Metrokarte und reiste danach Richtung Norden nach La Serena und San Pedro de Atacama. Ich kann nur empfehlen, so früh wie möglich anzureisen und so lange wie möglich zu bleiben, da es so viel zu entdecken gibt. Das Reisen vor dem Praktikum gefiel mir besonders gut, weil man es viel mehr genießt als wenn man nach dem Abschied von Gastfamilie und Freunden auf Reisen geht.
Nach dem ersten Tag des Praktikums gab es gleich ein Kennenlerntreffen, an dem ich die anderen internationalen Studenten kennenlernte, mit denen ich von da an fast täglich unterwegs war und auch gereist bin.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war im Hospital Clínico der Universidad Católica im Bereich Lungenheilkunde eingeteilt worden. Dort waren noch vier weitere Austauschstudenten in unterschiedlichen Bereichen eingeteilt, was ganz angenehm war. Am ersten Tag gab man mir einen Plan mit Seminaren, an denen ich teilnehmen kann, und eine Übersicht der Besprechungen. Leider gibt es keinen Arzt, der konkret zuständig ist für Austauschstudenten und von der IFMSA haben die wenigsten etwas gehört, aber die Ärzte waren alle freundlich und offen für Fragen, es herrschte eine gute Stimmung. Beginn des Praktikums war immer um 8:30 und ich konnte meist zwischen 15:00 und 17:00 gehen, je nach dem ob noch etwas Interessantes stattfand. Die Ärzte dort machten hauptsächlich Konsile, das heißt wir wurden von den Ärzten der Inneren Medizin zu Rate gezogen, wenn Patienten komplexere pneumologische Erkrankungen hatten. Selten gab es auch mal Patienten, für die wir alleine verantwortlich waren. Alle Studenten sind in privaten Krankenhäusern untergebracht, wo die Standards mit Deutschland vergleichbar sind – allerdings mit deutlich mehr Personal. So viel Personal, dass pro Arzt in der Lungenheilkunde meist nur 1-2 Patienten vorgesehen waren. Meistens ging ich mit einem der Ärzte mit, um diese Patienten zu visitieren, danach wurden die Befunde handschriftlich festgehalten. Im Anschluss trafen wir uns wieder mit allen Ärzten, um gemeinsam mit einem Oberarzt nochmal alle Patienten zusammen anzugucken. An einigen Tagen gab es Seminare für Assistenzärzte (sogenannte „Becarios“), an denen ich teilnehmen konnte, ich durfte auch am Studentenunterricht teilnehmen. Insgesamt war es für mich ein rein beobachtendes Praktikum, wobei es bei der geringen Anzahl an Patienten auch schwierig war, selbst tätig zu werden. Erschwerend hinzu kam, dass die Büros der Ärzte sich in einem anderen Gebäude befanden als die Patienten und man ständig innerhalb des Krankenhauses und zwischen den Gebäuden umherlief – ich hielt mich also in der Regel an einen Arzt, um mich nicht in den verwinkelten Fluren zu verlieren.
Ich habe einen guten Einblick in die Lungenheilkunde bekommen können, aber den Wissensfortschritt kann man nicht mit einer Famulatur in Deutschland vergleichen. Es gab viele Pausen und manchmal passierte auch mal einen ganzen Vormittag über nichts bis eine Whatsapp-Nachricht reinkommt, dass ein neues Konsil angefordert wurde. Es war nie jemand böse, wenn ich mal früher gegangen bin, allerdings musste ich das zumindest in den ersten Wochen noch selbst einfordern. Wenn ihr wirklich etwas lernen wollt, ist eine chirurgische Famulatur eventuell interessanter. Dafür hatte ich viel Zeit, mich mit den Ärzten zu unterhalten und Fragen über das Gesundheitssystem, Land und Leute zu stellen.
Zum Ende des Praktikums erfuhr ich, dass es einen Simulator für Bronchoskopien gibt in einem gut ausgestatteten Skills Lab. Wenn ihr aktiv nachfragt, dürft ihr dort bestimmt üben.
Fragt euch mal rum, ob jemand euch in ein öffentliches Krankenhaus mitnehmen kann. Ich hatte das Glück, einmal in einem herumgeführt zu werden, der Unterschied zum privaten Krankenhaus ist immens.

Land und Leute

Chile ist ein sehr schönes und vielseitiges Land. An jedem Punkt im Land sieht man die gewaltigen Anden am Horizont und die Küste ist nie weiter als 3 Stunden entfernt. Von Santiago aus kann man gut in den Bergen wandern gehen oder für Wochenendausflüge nach Valparaiso oder La Serena fahren. Mit ein paar Tagen mehr Zeit kann man nach San Pedro de Atacama in die Wüste fahren und sogar noch hoch bis nach Peru. Oder in die Seeregionen im Süden, wo Pucón, Puerto Varas und die Isla de Chiloé eine Reise wert sind. Mit dem Flugzeug erreichbar ist außerdem der Nationalpark Torres del Paine, für den ich eines Tages auf jeden Fall zurückkehren werde. Auch Patagonien auf der argentinischen Seite muss unglaublich sein. Buenos Aires ist mit dem Flugzeug ca. 2,5 Stunden entfernt, das habe ich genutzt, um nach meiner Zeit in Chile noch ein paar Tage dort zu verbringen. Die Landschaften in Chile waren atemberaubend. Sehr interessant waren auch die stilvollen Häuser des Dichters Pablo Neruda in Santiago, Valparaiso und Isla Negra.
Die Chilenen sind ein hilfsbereites und fröhliches Volk, dass sich immer freut, dass aus dem fernen Deutschland Menschen nach Chile kommen. Die Studenten der IFMSA Chile sind sehr bemüht und stellen viel für die Studenten auf die Beine. Man bekommt kurz vor Praktikumsbeginn ein ausführliches Social Program zugeschickt, das alle Sehenswürdigkeiten in Santiago abdeckt. Ohnehin wird es nie langweilig, jeden Tag gibt es Tanzkurse auf der Straße und es gibt einige sehenswerte Museen wie das Museo de la Historia und das Museo del Arte Precolombino. Während der Nationalfeiertage war das ganze Land für 5 Tage im Feiermodus, überall gab es „Fondas“, kleine Jahrmärkte mit Grillständen und Spielen.
Wirtschaftlich steht Chile im südamerikanischen Vergleich sehr gut da, aber die Diktatur ging erst im Jahre 1990 zu Ende und ist in vielen Köpfen auch noch präsent. Man kann sich durchaus mit den Menschen vorsichtig über diese Zeit unterhalten und wird sehr unterschiedliche Sichtweisen erleben. Daher lohnt es sich, im Voraus etwas über die Geschichte Chiles zu lesen.
Kulinarisch sind die Spezialitäten Empanadas (gefüllte Teigtaschen), Italianos (Hotdogs mit Tomaten und Avocado) und es gibt eine Vielzahl an Fischen und Meeresfrüchten. Leider gibt es auf der Straße vor allem Fast Food Läden und man braucht eine Weile, um die guten Spots zu finden. Im Patio Bellavista findet man einige Restaurants mit Mittagsmenüs in schönem Ambiente. Im Mercado Central kann man gut Fisch und Cazuela probieren, eine sehr leckere Suppe mit allen möglichen Zutaten. Die Stadtteile Italia und Lastarria bieten ebenfalls nette Bars und Restaurants. An Getränken müsste ihr unbedingt das Nationalgetränk Pisco probieren, eine Art Wein, den man auf jeder Feier als Pisco Sour oder Piscola trinken kann. Sehr lecker war das Terremoto („Erdbeben“), eine Wein-Mischgetränk mit Ananas-Eis. Im Sommer trinkt man auch „Melvin“, Weißwein aus Honigmelonen.

Fazit

Ich hatte eine wunderbare Zeit in Chile, habe sehr viel von dem schönen Land gesehen und viele Freunde aus aller Welt gefunden. Das Praktikum war nicht ganz so spannend, aber gut organisiert, und die chilenischen Studenten haben sich gut gekümmert. Die Organisation im Vorfeld läuft schleppend, aber lasst euch nicht davon verunsichern, wenn ihr 6 Wochen vor Praktikumsbeginn noch keine Zusage habt, das klappt schon alles. Wenn ihr die Chance habt, nochmal mit der BVMD für ein paar Monate in einem fernen Land zu leben – macht es! Es war eine unvergessliche Zeit.

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