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Chile (IFMSA-Chile)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Eva Rebecca, Düsseldorf

Motivation

Wie glaube ich fast jeder der das jetzt liest, reise ich sehr gerne und wollte die Chance nutzen, eine Famulatur abzuhaken und gleichzeitig in ein fremdes Land einzutauchen. Da ich ziemlich begeistert von Südamerika bin und gerne mein Spanisch verbessern wollte (auch auf fachlicher Ebene), war mir schnell klar, dass ich gerne meinen SCOPE in Süd-/ Mittelamerika machen würde.
Mexiko war meine erste Wahl, Chile meine zweite (was es dann ja final auch geworden ist), da beide Länder mir sehr ans Herz gelegt wurden und tolle Erfahrungsberichte hatten.
Erwartet habe ich, dass ich mich vermutlich auf ein komplett anderes Gesundheitssystem einstellen muss, man andere Fälle und Behandlungsweisen als in Deutschland sieht und vermutlich in manchen Situationen die Arzt-Patienten-Kommunikation aufgrund der Sprache erschwert sein wird.

Vorbereitung

Da ich vor meinem SCOPE ein Erasmus-Semester in Spanien gemacht habe, war ich schon im Spanischen drin und hatte vor allem den Vorteil, vieles an Fachvokabular schon zu kennen, was ich während der Famulatur sehr hilfreich fand. Bereits Spanisch zu sprechen erleichtert den SCOPE in Chile ungemein, da die wenigsten (auch wenige der Ärzte) wirklich gutes Englisch sprechen, von daher würde ich jedem empfehlen, vorher Spanisch zu lernen; Grundkenntnisse sind ja auch schonmal was!
Ich selber konnte leider nicht an den Vorbereitungsseminaren der bvmd teilnehmen, würde es aber als sinnvoll betrachten.
Bei den Formalitäten gab es leider ein ziemliches Durcheinander, da ich erst super spät meine Infos aus Chile bekommen habe und dadurch erst sehr spät wusste, in welcher Stadt ich bin, welche Fachrichtung, etc. Letztlich hat sich alles geklärt, war aber doch ein ziemliches Hin und Her (allerdings gab es in dieser Zeit anscheinend landesweit viele Streiks im medizinischen Sektor, vielleicht lag es daran).

Visum

Für Chile habe ich kein Visum gebraucht. Bei der Einreise bekommt man ein Touristen-Visum (das PDI) das 90 Tage gilt und kostenlos ist.

Gesundheit

Chile ist generell sehr gut entwickelt und kommt eigentlich an europäische Standards heran, deshalb musste ich keine speziellen Gesundheitsvorkehrungen treffen; Chile fordert auch keine bestimmten Nachweise oder Untersuchungen (auch Gelbfieberimpfung ist keine Pflicht).
Trotzdem muss man, wie in ganz Südamerika, vorsichtig sein bei Essen an Straßenständen, ungewaschenem Gemüse und Früchten usw. (das kann ich aus eigener leidvoller Erfahrung nochmal bestätigen ;) ). Das Leitungswasser dagegen ist fast immer trinkbar.

Tropische Krankheiten (wie z.B. Malaria) gibt es in Chile nicht, generell ist das Krankheitsspektrum ähnlich wie in Deutschland.

Sicherheit

Im Vorhinein habe ich eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen, was ja aber (glaube ich) auch verpflichtend ist.
Insgesamt ist Chile ein total sicheres Land, auch als Frau kann man sich sehr frei bewegen! Ich selber habe mich nie unwohl gefühlt, selbst nachts in den Straßen von Santiago. Nichtsdestotrotz sollte man sich immer bei Einheimischen erkundigen: einige Viertel sollte man als Tourist zu bestimmten Zeiten einfach meiden, aber wenn man sich daran hält, gibt es eigentlich keine Probleme. Im Nachhinein habe ich mich dort eigentlich genauso sicher gefühlt wie hier.

Geld

Die Währung in Chile ist der chilenische Peso (700-800 Peso sind ungefähr 1 Euro, je nach Wechselkurs). Dollar werden in manchen Restaurants/ Hostels aber auch akzeptiert. Generell sollte man in Hostels, wenn man mit Kreditkarte zahlt, nach Möglichkeit in DOLLAR zahlen, da so eine "Tourismus-Gebühr" wegfällt (die muss man nur zusätzlich zahlen, wenn man in chilenischen Peso zahlt. Ein bisschen seltsam, richtig erklären konnte mir das auch keiner).

Oft kann man nur bar zahlen (in Restaurants, manchen Hostels), deshalb sollte man immer Bargeld dabei haben. Kreditkarten sind auch ein gängiges Zahlungsmittel und werden fast immer akzeptiert. Wenn man mit der Kreditkarte Geld abheben möchte, kostet das allerdings unverschämte 5-10 Euro Gebühr, auch wenn man eine internationale Kreditkarte hat. Die einzige Bank die keine Gebühren erhebt, ist die Scotia-Bank (allerdings gibt es nicht an allen Orten in Chile Filialen, muss man vorher bei Google Maps oder so suchen).
Insgesamt kann man aber gut vor Ort abheben, ich selber habe mir kein Geld vor Reiseantritt besorgt.

Ein weiterer schmerzhafter Punkt: Die Preise sind extrem hoch für südamerikansiche Verhältnisse, umgerechnet so hoch wie in Deutschland (bei speziellen Lebensmitteln sogar noch teurer). Insgesamt waren meine Lebenshaltungskosten (vor allem weil man ja auch viele Ausflüge macht) etwas höher als in Deutschland.

Sprache

In Chile wird eigentlich nur Spanisch gesprochen (mit sehr eigenem Slang!), Englisch fast gar nicht. Dementsprechend sollte man Spanischkenntnisse mitbringen, einfach um sich vor Ort verständigen zu können.
Da ich, wie gesagt, vorher ein Eramus-Semester in Spanien gemacht habe, habe ich keine spezielle Vorbereitung gebraucht.
Ein B1 Niveau ist denke ich schon sinnvoll, um viel aus dem Praktikum mitzunehmen und um mit den Patienten kommunizieren zu können!

Verkehrsbindungen

Flüge nach Chile sind generell ziemlich teuer, ich habe um die 800-1000 Euro gezahlt (da lohnt es sich sehr, einen Fahrtkostenzuschuss zu beantragen, ohne den hätte ich mir das auch niemals leisten können!). Am besten so früh wie möglich nach guten Angeboten gucken!
In Chile selber gibt es ein super ausgebautes Busnetz, damit kann man sich sehr gut fortbewegen: Generell sind die Buse in gutem Zustand, fahren häufig und kommen meistens auch einigermaßen pünktlich (ein bisschen Puffer sollte man aber schon einplanen).

Kommunikation

Ich habe mir keine chilenische SIMkarte geholt, da ich fast immer WLAN hatte und ich so sehr einfach per Internet Kontakt halten konnte.
Chilenische Simkarten sind grundsätzlich nicht teuer und es gibt eine große Auswahl an Anbietern, allerdings braucht man für die Registrierung eine "RUT", das ist die persönliche ID-Nummer die jeder Chilene bekommt. Als Ausländer hat man natürlich keine, viele meiner Freunde haben aber einfach beispielsweise ihre Gasteltern gefragt und konnten dann deren RUT angeben und so die SIMkarte freischalten.

Unterkunft

Bei mir gab es ein ziemliches Hin und Her und ich bin dann letztendlich in einer WG mit 2 chilenischen Medizinstudenten gelandet und nicht in einer Gastfamilie wie vorher gedacht. Organisiert wurde meine Unterkunft vom IFMSA Chile, genauer gesagt meiner Contact Person.
Die Wohnung selber war leider ziemlich basic und extrem dreckig, aber insgesamt für einen Monat okay, vor allem weil meine Mitbewohner nett waren.
Kühlschrank und Herd gab es, beide leider nicht im besten Zustand. Bettwäsche und Kissen wurden gestellt.

Literatur

Ab und zu habe ich chilenische Nachrichten online geguckt, manchmal Radio gehört.
Literatur vom chilenischen Nobelpreisträger Pablo Neruda fand ich sehr schön, man muss aber seinen Stil mögen. Ansonsten gibt es fast in jeder Stadt kleine Flohmärkte wo man spanischsprachige Literatur günstig kaufen kann.
Mein betreuender Arzt hat mir netterweise eine Datei mit spanischer Fachliterartur geschickt, deshalb habe ich mir selber kein Fachbuch besorgt.

Mitzunehmen

Mitgenommen habe ich: Kleidung, Hygieneartikel, meine Sachen für das Praktikum (Kittel, Stethoskop, usw.), Schlafsack, ein Buch, Handy, Portemonnaie, Reisepass, Medikamente, Gastgeschenke.
Alles habe ich gebraucht, Wanderschuhe wären im Nachhinein praktisch gewesen, weil die Natur das absolute Highlight in Chile ist und wir doch viel wandern waren.

Woran man unbedingt denken sollte: Seine Dokumente, benötigte Sachen für das Praktikum, Sonnencreme (man unterschätzt die Sonne, also ich zumindestens), warme Kleidung wenn man im Winter dort ist.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief ohne Probleme! Ich habe vor Praktikumsbeginn ca eine Woche erstmal in Santiago und Valparaíso verbracht und bin dann am Tag vor Praktikumsbeginn nach Linares gefahren, wo ich meinen SCOPE gemacht habe. Dort haben mich mein Mitbewohner und seine Freundin am Busbahnhof abgeholt. Nach der Ankunft haben wir den Abend in der WG verbracht und ich konnte mein Zimmer beziehen und mich ein bisschen einrichten.
Am nächsten Tag habe ich mich im Krankenhaus mit meinem betreuenden Arzt getroffen, mit dem ich vorher schon in Kontakt stand. Er hat mich dann allen weiteren Personen vorgestellt und mir das Krankenhaus gezeigt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich habe in der Allgemeinchirurgie gearbeitet, wobei der Fokus aber stark auf Abdomenchirurgie lag. Der erste Tag war sofort gut, mein betreuender Arzt war super nett, hat mich allen vorgestellt, mir gezeigt wo ich was im Krankenhaus finde und hat mir die ganzen Abläufe erklärt.
Jeden Morgen musste ich um 8:00 auf Station sein, ich und die anderen "internos" haben bei der Visite mitgemacht, danach haben wir einen OP-Plan erstellt, dann haben wir die von uns betreuten Patienten auf der Intensiv- und IC-Station angeschaut und den Rest des Tages waren wir im OP oder teilweise auch in der Ambulanz.

Behandelt wurde ähnllich wie in Deutschland, der Wissenstand ist eigentlich der gleiche. Manchmal hat es an technischer Ausstattung gemangelt oder bestimmte Utensilien z.B. eine VAC standen nicht zur Verfügung, aber da wurden immer kreative Lösungen gefunden.
Meine Aufgabe war, die Visite mitzumachen, Patienten zu beurteilen und generell viel assistieren im OP und bei kleineren ambulanten Eingriffen. Da ich super viel selber machen durfte und mein Arzt richtig engagiert war und mir viel erklärt hat, habe ich unglaublich viel gelernt in diesen 4 Wochen und konnte viel für mich persönlich mitnehmen.
Rückblickend hätte ich gerne noch mehr Verantwortung bei der Visite übernommen, eine Sache die ich lieber nicht gemacht hätte, gibt es nicht.
Das Personal hat mich total herzlich aufgenommen!! Alle waren super nett und haben mir direkt das Gefühl gegeben, dazu zu gehören, sowohl das Pflegepersonal, als auch Ärzte und andere Studenten. Ab und zu war es schwer den Konversationen zu folgen, vor allem wenn ältere Patienten da waren, die undeutlich und mit sehr starkem Akzent gesprochen haben. Ansonsten konnte ich mich immer besser ausdrücken im Laufe der Zeit.
Ein Patient auf der Intensiv ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Er ist schon seit 3 Monaten dort, hat eine sehr große offene Wunde die langsam zuheilt und bei der regelmäßig die VAC-gewechselt werden muss. Trotz der Strapazen war immer fröhlich, hatte einen Scherz auf Lager und hat immer gute Laune verbreitet, wirklich beeindruckend!
Das Gesundheitssystem in Chile ist ähnlich wie in Deutschland: Es wird auch unterteilt in private und gesetzliche Krankenversicherung (FONASA), wobei die Unterschiede noch extremer sind als hier. Der Standard des Krankenhauses war schon deutlich unter deutschem Niveau, allerdings lag das glaube ich eher daran, dass es so ein kleines Krankenhaus in einer kleinen Stadt war. Die Behandlungen laufen eigentlich genau wie in Deutschland ab, insbesondere in der Chirurgie werden genau die gleichen Methoden angewandt, manchmal mangelt es leider an technischen Geräten. Das Fachwissen meines betreuenden Arztes war enorm, obwohl er erst Ende 20 ist; auch absolut auf dem aktuellsten Stand. Insgesamt ist der Standard der Behandlungen in Chile schon hoch.

Um Medizin zu studieren muss man in Chile einen bestimmten Test schreiben, je nach erreichter Punktzahl kann man die Unis auswählen. Das Studium läuft ähnlich ab wie hier, allerdings müssen die Studenten sehr früh als "internos" Schichten mitmachen und übernehmen viel früher Verantwortung für Patienten. Abschließend haben sie eine Zeit in der sie in einer Klinik arbeiten müssen, ähnlich unserem PJ. Im Vergleich zum deutschen Medizinstudium iwird hier aber der Arzt-Patienten-Kommunikation wenig Beachtung geschenkt, das hat mir ein bisschen gefehlt.
Trotzdem ist die Hierarchie im Krankenhaus viel flacher und der Ton zwischen Arzt und Patient viel freundschaftlicher als bei uns.

Land und Leute

Chile hat unglaublich viel zu bieten, landschaftlich findet man fast alles in diesem Land! Ich selber habe viele Touren und Wanderungen gemacht, habe mir die großen Städte Santiago, Valparaíso etc. angeguckt, war im Süden in Pucón und anschließend im Norden Chiles reisen.
Insgesamt ist Chile ziemlich stabil, da es das reichste Land Südamerikas ist, ist die wirtschaftliche Situation relativ gut und extreme Armut, wie sie es in umliegenden Ländern gibt, sieht man kaum. Kulturell ist das Angebot ebenfalls groß: In Santiago gibt es etliche Museen und Ausstellungen, unglaublich schöne Streetart in Valparaíso, Mapuche-Kultur im Süden des Landes, Bibliotheken in fast jeder Stadt, Konzerte,... Politisch ist die Lage zwar stabil, aber gerade in der jungen Bevölkerung regt sich Unmut wegen einschneidender Bildungsreformen, der kapitalistischen Marktwirtschaft. Die Pinochet-Diktatur wurde nie richtig aufgearbeitet und hat große Narben in der Bevölkerung hinterlassen. Aus mir unverständlichen Gründen wird dieses Thema aber nicht in der Schule in Chile behandelt, man hat den Eindruck, dass Chile seine dunkle Geschichte manchmal totschweigen möchte.
Trotzdem gibt es auch viel Bewegung in der Gesellschaft, vor allem die Jugendlichen haben viel Energie und Änderungswillen!

Die Chilenen habe ich als super warmherziges, aufgeschlossenes, interessiertes Volk erlebt. Ich hatte nicht ein schlechtes Erlebnis, immer wurde mir geholfen, immer wurde ich nett empfangen, das ist mit der Hauptgrund, warum ich so begeistert von dem Land bin! Mein Arzt war unglaublich nett, mittlerweile sind wir eigentlich Freunde geworden, trotzdem war er immer super professionell, hat mir fachlich viel erklärt, viel gefordert und gefördert, besser hätte ich es nicht antreffen können! Meine Mitbewohner waren auch nett und haben mir viele typische Dinge gezeigt.
Was ich gerne noch gemacht hätte: Länger in Chile zu bleiben, die Zeit verfliegt so schnell! Auch hätte ich gerne den Süden gesehen, alle haben mir immer von Patagonien vorgeschwärmt. Da Chile so unfassbar lang ist, sind die Distanzen aber auch immer sehr weit, um ganz in den Süden zu kommen, muss man eigentlich fliegen.
Zum Essen: Es wird viel Fleisch gegessen, leider auch viel Fastfood und Softdrinks kauft man in 3l Flaschen, was die entsprechenden gesundheitlichen Probleme mit sich bringt. Chile hat aber auch viele landestypische Spezialitäten die eigentlich immer sehr lecker sind, sich durch die Küche zu probieren hat mir viel Spaß gemacht (probier zum Beispiel mal Mote con huesillo ;) )

Fazit

Meine Erwartungen wurden weit übertroffen, ich habe mich so in Chile, Land und Leute verliebt, ich würde auf jeden Fall nochmal in dieses Land reisen! Man entdeckt so viel Neues, so viel Anderes, richtig fremd fühlt man sich aber trotzdem nie, weil der westliche Einfluss doch sehr stark ist und man vieles auch wiedererkennt.
Ich könnte mir sogar vorstellen dort zu arbeiten, aber vermutlich nur in den größeren Städten.
Insgesamt war meine Zeit dort wunderschön, ich kann jedem dieses Land wärmstens empfehlen!

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