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Bolivia (IFMSA-Bolivia)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Lukas Joachim, Düsseldorf

Motivation

Nachdem ich im Rahmen von verschiedenen Austauschprogrammen schon einige Länder in Lateinamerika kennengelernt hatte, wollte ich über die Famulatur nun in auch das Gesundheitssystem und die Ausbildung der Medizinstudenten in einem anderen Land reinschnuppern. Bolivien speziell reizte mich durch seine kulturelle Vielfalt der verschiedenen Regionen, die indigenen Einflüsse und seine atemberaubenden Landschaften. Ich war gespannt Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Deutschland und den mir bereits bekannten lateinamerikanischen Ländern zu entdecken.

Vorbereitung

Da ich zwei Jahre zuvor bereits einen Austausch mit der bvmd in Mexiko gemacht habe, war ich mit dem Bewerbungsverfahren schon vertraut. Auf der Internetseite der bvmd ist der gesamte Prozess sehr ausführlich und verständlich erklärt.
Für die Sprachzertifikate kann man an den meisten Unis in Deutschland eine Prüfung ablegen und eure Lokalvertretung hilft euch bei allen Fragen sicher gerne weiter.
Als Vorbereitung lohnt sich das PreDeparture-Training, welches die bvmd einmal jährlich anbietet. Hier verbringt mein Wochenende mit vielen Medizinstudierenden, die auch vorhaben ins Ausland zu gehen und bereitet sich gemeinsam auf den Umgang mit anderen Kulturen, sowie mögliche Probleme in den Praktika vor.

Visum

Für Bolivien gibt es unter anderem spezielle Visa für Studienaufenthalte, dies ist jedoch mit Kosten und Aufwand verbunden, so dass eigentlich jeder kostenlos und unkompliziert mit einem einfachen Touristenvisum einreist. Hier gibt es die Besonderheit, dass man nach jeweils 30 Tagen in einer Migrationsbehörde einen Stempel für weitere 30 Tage bekommt, andererseits muss man bei der Ausreise eine Strafe zahlen. Insgesamt darf man sich dann 90 Tage im Land aufhalten.

Gesundheit

Bei der Einreise ist eine Gelbfieberimpfung verpflichtend, auch wenn nur der tropische Osten des Landes Gelbfiebergebiet ist. Man kann sich auch gegen Tollwut impfen lassen, das Risiko einer Infektion ist allerdings quasi nichtexistent.
Eine Reiseapotheke hatte ich nicht mit, alles Wichtige bekommt man auch vor Ort in den Apotheken. Von der gefürchteten Reisediarrhoe wird wahrscheinlich jeder einmal heimgesucht, hier hilft dann meist nur abwarten und ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Wenn man in den tropischen Regionen unterwegs ist, lohnt es sich das Mückenspray in Deutschland zu holen, weil es etwas günstiger ist.

Sicherheit

Ich hatte im Vorhinein bereits eine passende Auslandskrankenversicherung, so dass ich keine zusätzliche Versicherung brauchte. Auf der Seite der bvmd gibt es sonst Angebote, die für die Famulaturen maßgeschneidert sind.
Die politische Lage in Bolivien ist momentan eher ruhig und abgesehen von einigen Streiks und Demos gegen den Präsidenten Evo Morales, der sich trotz eines gegen ihn ausgefallenen Referendums wieder zur Wahl stellen will, gibt es keine öffentlichen Unruhen.
Bolivien insgesamt gilt als sicherer als sein Nachbar Peru was Überfälle angeht, trotzdem sollte man natürlich in großen Städten vorsichtig sein, auf seine Wertsachen achten und nicht alleine nachts durch abseits der großen Straßen laufen.
In Cochabamba habe ich mich nie unsicher gefühlt, es ist eine sehr junge Stadt mit vielen Studenten und gilt als Wirtschaftsmotor der Region. Das einzig gefährliche sind wahrscheinlich die Autofahrer, die Fußgänger eher selten bevorzugen. Außerdem gilt es auch hier, dass man sich spät in der Nacht nicht mehr alleine herumtreiben sollte.
Deine Gastgeber beziehungsweise Kontaktpersonen sind dir bei all diesen Belangen gute Ratgeber.

Geld

Die Währung in Bolivien sind Bolivianos, wobei zurzeit ein Euro acht Bolivianos wert sind. Fast überall kann man problemlos und ohne Gebühren der bolivianischen Banken mit der Kreditkarte Geld abheben. Einige Automaten geben auch zusätzlich Dollar aus. An jeder Ecke kann man auch Dollar oder meist auch Euro tauschen. In den Supermärkten, gehobenen Restaurants und schicken Läden kann man auch mit der Kreditkarte zahlen, auf den Märkten ist natürlich Bargeld gefragt.
Ich hatte noch Dollar in Bargeld, weil ich zuvor in den USA war, man kann aber wie gesagt
seinen Sicherheitspuffer auch in Euro mitbringen.
Als Kreditkarten lohnen sich die Angebote von der DKB oder der ApoBank, die einen fast überall kostenlos abheben lassen.
Die Lebenshaltungskosten in Bolivien sind deutlich geringer als in Deutschland, so ist Essen gehen schon für umgerechnet 2-4€ möglich und eine Taxifahrt ist selten teurer als 1,50€.

Sprache

Unter dem aktuellen Präsidenten wurde Bolivien 2009 durch die Verfassung zum Estado Plurinacionál, um die mehr als 40 indigenen Gruppen zu stärken. Dementsprechend viele offizielle Sprachen existieren nun auch im Land, trotzdem ist Spanisch Hauptverkehrssprache. Das Spanisch der Bolivianer ist sehr langsam und deutlich und dadurch deutlich leichter zu verstehen als beispielsweise in Spanien oder Chile.
Da ich zuvor schon Spanisch gesprochen habe, brauchte ich keine spezielle Vorbereitung. Das medizinische Vokabular kann man sich natürlich vorher anschauen, im Praktikum, wenn man tagtäglich damit konfrontiert geht es aber auch fast von alleine.
In den öffentlichen Krankenhäusern kommt es auch immer wieder vor, dass Patienten kein Spanisch sprechen, weswegen viele Ärzte zumindest die Grundlagen in Quechua, der am meisten verbreiteten indigenen Sprache, beherrschen. So findet die Anamnese in diesen Fällen auch meist in Quechuañol, einer Mischung aus Quechua und Spanisch, statt.

Verkehrsbindungen

Die Flüge nach Bolivien sind recht teuer, innerhalb des Landes kann man hingegen sehr günstig mit der staatlichen Airline BoA fliegen. So ist es klug nach Flugverbindungen nach Santa Cruz oder La Paz zu schauen und von dort aus direkt oder nach 1-2 Tagen mit einem Inlandsflug weiterzureisen.
Ich persönlich hatte durch ein vorangegangenes Auslandssemester schon ab Mitte Juni Zeit und bin daher nach Peru geflogen und von Chile aus zurück, was manchmal deutlich günstiger sein kann, aber nur Sinn macht, wenn man länger reisen kann und möchte.
In Bolivien kann man sich von Stadt zu Stadt sehr günstig mit dem Bus fortbewegen, hier empfiehlt es sich einen Tag vor Abfahrt das Ticket am Busbahnhof zu holen, weil es dann meist am günstigsten ist. Die Nachtbusse sind meist auch sehr komfortabel, allerdings ist es empfehlenswert einen Pullover und eine Decke mitzunehmen, weil nicht immer angenehme Temperaturen zum Schlafen herrschen.
In Cochabamba selbst kann man mit dem Taxi und noch günstiger mit den trufis, kleinen Minibussen von A nach B kommen. Das ist am Anfang etwas unübersichtlich, wenn einem die Straßennamen noch fremd sind, aber die Bolivianer sind immer froh zu helfen.

Kommunikation

Da ich bei meiner Gastgeberin kein WLAN hatte, habe ich mir gleich zu Beginn eine SIM-Karte geholt. Es gibt drei große Anbieter (Tigo, Entel und Viva) die preislich alle sehr ähnlich sind. An jeder Straßenecke kann man sich dann Karten holen, um sein Prepaid-Guthaben aufzuladen.
In den meisten Cafes und Restaurants und in der Uni gibt es auch WLAN. Die anderen Austauschstudenten hatten alle bei ihren Gastgebern Internet.

Unterkunft

Ich habe den Monat über bei einer sehr herzlichen Medizinstudentin in einem kleinen Haus im Zentrum der Stadt und in Fußnähe der beiden Krankenhäuser, in denen ich war, gewohnt. Ihre Familie lebte etwas außerhalb der Stadt, die Mutter kam dann einige Male zum Mittagessen vorbei. Ich hatte ein eigenes Zimmer mit Gemeinschaftsbad. Außerdem gab es eine recht gut ausgestattete Küche, sodass wir das ein oder andere Mal auch zusammen gekocht haben.

Literatur

Abgesehen von einigen Wikipedia-Artikeln und dem Reiseführer habe ich vorher nicht allzu viel über Bolivien gelesen. Über Lateinamerika generell, aber auch über Bolivien ist eventuell „La venas abiertas de America Latina“ von Eduardo Galeano zu empfehlen. Auch wenn seine ökonomischen Thesen heute eher überholt sind, zeichnet er ein sehr interessantes Bild von der Geschichte der spanischen Kolonien. Besonders empfehlenswert für Bolivien sind die Kapitel über den Silberabbau in Potosi.

Mitzunehmen

Es ist natürlich immer eine schöne Geste Gastgeschenke mitzubringen, wenn man schon für einen Monat aufgenommen wird. Das kann von typischen Süßigkeiten, Getränken oder kleinen Souvenirs (Schlüsselanhänger, Schneekugel, Magnete, denn die meisten Bolivianer stehen auf Kitsch) eigentlich alles sein.
Für das Krankenhaus lohnt es sich vorher zu informieren, welche Kleidung im Krankenhaus gebraucht wird. Meist sind das weißer Kittel, weiße Kleidung, im manchen Fächern OP-Kleidung und natürlich alle Utensilien für die körperliche Untersuchung. All diese Sachen bekommt ihr im Notfall natürlich auch günstig vor Ort, die Bolivianer müssen sich ja schließlich auch irgendwo eindecken.
Je nach Reiseplänen muss man die Tasche natürlich auch mit Schlafsack und Trekkingsachen füllen.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief problemlos im Nachtbus von La Paz nach Cochabamba. Man kann auch für etwas mehr Geld fliegen. Am Busbahnhof wurde ich von einer großen Gruppe (Gastfamilie, Kontaktpersonen und andere Austauschstudentin) herzlich empfangen und bekam direkt erstmal eine Bolivienflagge in die Hand gedrückt. Anschließend durfte ich meine Sachen abladen und wurde groß zum Essen eingeladen, über mangelnde Gastfreundschaft konnte ich mich also nicht beschweren. Zwei Tage später ging es dann mit meiner Gastgeberin zum ersten Tag im Krankenhaus.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

An meinem ersten Tag wurde ich von meiner Gastgeberin ins Krankenhaus begleitet, ich war in einer kleineren Klinik mit einer pädiatrischen Ambulanz. Leider hatte die Ärztin nicht wirklich viel Zeit und wirkte auch nicht sonderlich begeistert, dass noch ein weiterer Student bei ihr sein sollte. Nachdem ich von meinem mittelmäßigen ersten Tag berichtete, waren aber alle Kontaktpersonen sofort eifrig dabei Ärzte anzufragen, bei denen sie selbst ihr Praktikum absolviert hatten. So landete ich schon am zweiten Tag bei einer tollen und motivierten Ärztin, Dr. Cossio, wo ich mit einer weiteren Studentin zum Praxisunterricht ging. Sie arbeitete an den beiden großen Kinderkrankenhäusern (eines privat, das andere öffentlich) Cochabambas und als ausgebildete Intensivmedizinerin übernahm sie auch wöchentlich Dienste auf der Kinderintensivstation. Ich wurde direkt sehr herzlich aufgenommen und vor allem von den anderen Medizinstudenten überall herumgeführt. Insgesamt herrschte auch eine sehr angenehme und kollegiale Stimmung zwischen dem gesamten Personal. Im Laufe einer Woche rotierten wir mit der Ärztin durch die Ambulanz, in der es vor allem natürlich um respiratorische Infekte ging, über die Normal- und über die Intensivstation. Außerdem war es möglich einige Nachtschichten mitzumachen, sowie einen Tag im Kreißsaal zu verbringen. Normalerweise ging ein Tag dann von 8:30 morgens bis 15:00 am Nachmittag, einige Male durften wir auch früher nach Hause, weil es noch Studentenkurse gab. Die bolivianischen Studenten wechselten im 2 Wochen-Rhythmus die Fachrichtung, so dass ich in der zweiten Hälfte der Famulatur mit anderen Studenten war.
In der Ambulanz durften wir im Wechsel mituntersuchen, dokumentieren und wurden zwischen zwei Patienten immer zum vorherigen Fall befragt. Im öffentlichen Krankenhaus blieb dazu allerdings deutlich weniger Zeit. Auf der Station mussten wir normalerweise Anamnese und klinische Untersuchung bei einem Patienten machen und diesen dann in der Gruppe vorstellen, bei mangelhaftem Vorwissen bekamen wir einen Themenbereich dann zur Vorbereitung auf den nächsten Tag auf. Die bolivianischen Studenten waren bezogen auf das theoretische Wissen sehr fit, was die Praxis angeht im Vergleich mit anderen südamerikanischen Ländern jedoch eher hintenan.
Bei der Behandlung gab es im Vergleich zu Deutschland natürlich einige neuere oder teurere Medikamente nicht, außerdem gab es auch bei der Bildgebung kostentechnisch Einschränkungen. Generell wurde aber nach amerikanischen Leitlinien therapiert und die Ärzte in den großen Krankenhäusern der Stadt waren alle sehr kompetent. Leider kam es relativ häufig vor, dass Kinder nach Behandlungsfehlern in der Peripherie mit schwerwiegenden Komplikationen geschickt wurden.

Land und Leute

Auch wenn die Bolivianer im Vergleich zu den Leuten in der Karibik und beispielswiese Kolumbien als etwas distanzierter gelten, wird man dennoch mit großer Herzlichkeit aufgenommen. Man kann immer auf der Straße Leute nach Hilfe fragen und einem wird stets mit großem Interesse begegnet, weil man aus einem fernen Land kommt.
In Cochabamba gab es eine riesige Gruppe an Kontaktpersonen, die ständig dafür gesorgt haben, dass man etwas unternimmt. So waren wir im Museum, wandern in den Bergen, auf Konzerten, sehr häufig essen und natürlich den ein oder anderen Abend feiern. Man bewegt sich meist in einem Freundeskreis von eher wohlhabenden Bolivianern, da vor allem diese sich ein Medizinstudium leisten können.
Insgesamt geht es den Bolivianern über die letzten Jahre gesehen besser, auch wenn sich unter dem aktuellen Präsidenten die Auslandsschulden deutlich vergrößert haben. Hauptwirtschaftszweig ist nach wie vor die Landwirtschaft und der Bergbau, der Tourismus gewinnt allerdings auch immer mehr Bedeutung.
Beeindruckend ist, wie die Wertschätzung von vielen jungen Bolivianern für traditionelle Feste, Tänze und Musik in den letzten Jahren gewachsen ist. Viele Studenten aus dem Freundeskreis haben auch bei den Feiertagen in Tanzgruppen mitgetanzt.
An lateinamerikanische Spontaneität muss man sich allerdings zuerst etwas gewöhnen. Meist gibt es eine Fülle an Plänen und jeder sagt für alles zu, davon findet letztendlich aber nur die Hälfte statt und das auch nicht immer unbedingt zur geplanten Zeit. Hier hilft es mit ausreichend Gelassenheit an die Sache heranzugehen und am besten für den Notfall auch immer einen Alternativplan in der Hand zu haben. Nichtsdestotrotz wurden natürlich viele tolle Unternehmungen gemacht, unter anderem auch Wochenendausflüge nach Villa Tunari, ein tropisches Dorf mit mehreren Naturparks, nach Sucre, die verfassungsmäßige Hauptstadt mit wunderschönem Kolonialzentrum, oder in den Nationalpark Torotoro mit atemberaubenden Schluchten.
Eine große Rolle spielt auch das Essen, auch wenn die bolivianische Küche nicht durch besondere Raffinesse oder große Vielfalt beeindruckt, so gibt es ein paar Sachen, die man sich nicht entgehen lassen sollte. In den höheren Lagen wird vor allem morgens oder abends in der Kälte ein warmes Getränk (Api) mit Zimt und Zucker auf der Basis von Maismehl getrunken, ähnlich den empanadas gibt es auch salteñas, ein Gebäck gefüllt mit Fleisch oder Hähnchen, Oliven, Rosinen und eventuell Gemüse. Die Mittagsmahlzeiten kommen meist mit einer Fülle an Fleisch und Kartoffeln daher, meist ist man für den Rest des Tages danach gesättigt.

Fazit

Ich bin nach diesem Monat mit einem sehr schönen Eindruck von Bolivien und dem Ziel, bald wieder zurückzukehren nach Deutschland aufgebrochen. Im Allgemeinen kann ich jedem ans Herz legen, zumindest für die kurze Zeit einer Famulatur mal in ein fremdes Land einzutauchen, auch wenn man nicht unbedingt im Ausland arbeiten möchte, ist es eine lehrreiche Erfahrung.

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