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Egypt (AECS)

Notfallmedizin - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Martha, Hamburg

Motivation

Es zieht mich schon seit meiner Jugend ins Ausland, neugierig andere Länder und Kulturen kennen zu lernen. Im Rahmen meines Studiums interessiert mich vor allem auch die gesundheitliche Versorgung in anderen Ländern. Letztes Jahr habe ich einen Monat in Malta famulieren dürfen. Nun wollte ich mir ein System außerhalb Europas ansehen.

Vorbereitung

Ägypten war ein Zufallsgriff, da ich bei meiner regulären Bewerbung für Ghana abgelehnt wurde und mir Ägypten als einziger Restplatz außerhalb Europas angeboten wurde.
Ehrlich gestanden habe ich mich kaum vorbereitet. In den provisorisch gekauften Reiseführer habe ich kaum hineingeschaut und bei dem arabischen Wörterbuch sah es ähnlich aus. Jedoch habe ich mich sehr schnell mit meiner Gastorganisation in Verbindung gesetzt, sowohl über Mail als auch über WhatsApp und konnte so alle Fragen klären.

Visum

Es gibt die Möglichkeit eines upon arrival Visums für 30 Tage oder die Beantragung eines elektronischen Visums für 3 Monate https://visa2egypt.gov.eg/. Die Beantragung ist einfach und geht super schnell. Die Gebühren belaufen sich bei 25 Dollar. Drei Tage später habe ich das Visum in elektronischer Form erhalten.

Gesundheit

An Reiseapotheke habe ich die üblichen Durchfallmittel, Schmerzmedikamente und Pflaster mitgenommen und kam damit sehr gut klar. Jeder von uns Austauschstudenten hat sich im Verlauf eine Magendarminfektion eingefangen. Ich persönlich bin meine bis zum Ende des Aufenthaltes nicht losgeworden. Eine entsprechende Lebensmittel- und Trinkwasserhygiene ist nicht gegeben.
Eine Auslandskrankenversicherung ist Pflicht und der Nachweis wird vor Reiseantritt eingefordert.
Es empfiehlt sich ausreichend Händedeinfektionsmittel mitzunehmen, da dieses selbst im Krankenhaus Mangelware ist, ebenso wie Handschuhe.

Sicherheit

Es besteht landesweit weiterhin ein erhöhtes Risiko terroristischer Anschläge und die Gefahr von Entführungen. Daher gibt es eine erhöhte Präsenz von Sicherheitskräfte und Militär, wie an Shoppingmalls, Krankenhäusern, Autobahnen etc. Im Allgemeinen gilt es als Tourist, vor allem als Frau, sich soweit wie möglich anzupassen (keine kurze Kleidung, keine Alleingänge, vor allem nicht im Dunkeln).

Geld

Die ägyptische Währung ist ägyptische Pfund. Damaliger Wechselkurs 1 Euro zu 20 Pfund. Ich hatte eine Kreditkarte mit der ich problemlos überall abheben konnte. Im Allgemeinen sind die Lebenshaltungskosten sehr viel geringer als in Deutschland, da wir aber sehr weit außerhalb und weit weg vom Krankenhaus gewohnt haben, die Küchen nicht in allen Appartements mit Kochmöglichkeit oder Geschirr bestückt, sowie die täglich vereinbarte Mahlzeit im Krankenhaus oft ausgefallen ist, habe ich letztendlich sehr viel mehr Geld für Transport- und Lebensmittel ausgegeben als in meinem Alltag in Deutschland.

Sprache

Die Landesprache in Ägypten ist Arabisch. Außer ein paar Brocken nach dem Austausch habe ich kaum etwas lernen können, weil die Sprache sehr schwierig ist und ich nebenbei mit sehr vielen anderen Schwierigkeiten konfrontiert und beschäftigt war.
Dies machte die Kommunikation mit den PatientInnen natürlich sehr schwierig und es musste beim Patientenkontakt immer ein Arzt übersetzen. Die Lehre erfolgt in Ägypten komplett auf Englisch, was ein sehr großer Vorteil ist, jedoch waren wegen des starken Akzents viele Ärzte kaum zu verstehen.

Verkehrsbindungen

Nach Ägypten kommt man eigentlich nur mit dem Flugzeug. Es fliegen zwar täglich mehre Flüge, jedoch sind die Verbindungen nach Kairo überraschend teuer. Ich habe beispielsweise 400€ für einen Flug mit Turkish Airlines und 4 Stunden Aufenthalt in Istanbul über Nacht gezahlt.

Kommunikation

Im Land selbst ist es ohne arabische Sprachkentnisse unmöglich öffentliche Verkehrsmittel wie Busse zu benutzen. Daher sind wir täglich mit Uber in Kairo unterwegs gewesen, was in der Summe sehr kostspielig war. Überland gibt es Busse und Züge die verkehren, Tickets dafür zu bekommen ist schon deutlich einfacher, aber auch nicht viel günstiger als in Deutschland.
Es empfiehlt sich eine ägyptische SIM-Karte zu besorgen, um innerhalb und außerhalb Ägyptens kommunizieren zu können. Die Unterkünfte waren sehr einfach und nicht mit WLAN ausgestattet. Auch sonst habe ich nirgends WIFI-Möglichkeiten gefunden.

Unterkunft

Ich kam mit drei anderen Austauschstudentinnen (einer Pakistanin, einer aus den Emiraten und einer Inderin) in einem "Appartement" unter. Dies befand sich im Keller ohne Fenster und Klimaanlage, die Ventialtoren waren an der Wand fixiert und haben kaum die Betten erreicht, daher haben wir dort mehr geschwitzt als draußen. Gerfühlt war es dort unten 50 Grad heiß. Das Appartement selbst war minimalistisch ausgestattet, hatte aber alles was man brauchte, Kühlschrank, Gasherd, Ofen, Waschmaschine. Jedoch nicht alle Appartements hatten die gleiche Ausstattung. Allgemein war es sehr staubig und voller Kakerlaken. Ich persönlich habe mich vor allem aufgrund der Kellerlage sehr unwohl und wenig heimisch gefühlt und habe daher im Prinzip nur dort geschlafen. Eigenes Bettlaken, Handtücher und auch sonstige Ausstattung sollte man mitbringen. Während meines Aufenthaltes hatten wir zweimal einen Wasserrohrbruch und einmal Stromausfall. Wichtig zu wissen ist auch, dass man die Appartements des anderen Geschlechts nicht betreten darf. So ist die Kultur.

Literatur

Vor Abreise habe ich mich über die Internetseite des Auswärtigen Amtes informiert und den Erfahrungsbericht meiner Vorgängerin gelesen, der mir aber einen ganz anderen Eindruck über das Land und die Leute vermittelt hat als ich bekommen habe. Ich vermute unsere Erfahrungen sind typmäßig sehr unterschiedlich gewesen. Außerdem habe ich mir vor Abreise den neusten Lonely Planet besorgt.

Mitzunehmen

Für das Praktikum im Speziellen habe ich zwei Monturen Scrubs, einen Kittel und krankenhaustaugliche Schuhe mitgenommen. Letztendlich hätten die Scrubs allein aber auch ausgereicht, da sich aufgrund der Unsauberkeit des Krankenhauses ein weißer Kittel nicht empfiehlt.
Ausreichend lange dünne Kleidung, ein Kopftuch, falls man Moscheen besichtigen möchte. Kurze Kleidung und Badesachen für Ausflüge ans Meer. Bettlaken. Handtuch. Kosmetikartikel, da diese eher teuer sind, Tampons, da diese vor Ort nicht käuflich erwerblich sind. Reiseapotheke. Eventuell Alkohol, da dieser vor Ort sehr teuer (80% Steuern) und nur in rar gesäten Bottleshops käuflich zu erwerben ist. Es gilt jedoch zu Bedenken, dass der öffentliche Genuss auf der Straße streng untersagt ist.

Reise und Ankunft

Meine Anreise verlief problemlos, ich wurde von den ägyptischen Studenten persönlich vom Flughafen abgeholt und durch die 20 Millionen Metrople und damit größten Stadt Afrikas zum Appartement gefahren. Die erste Woche konnte ich noch nicht ins Krankenhaus, da die Notaufnahme in dem Krankenhaus, in dem ich eigentllich eingeteilt war, aufgrund eines Feuers geschlossen wurde. Leider habe ich dies erst nach meiner Ankunft auf Nachfrage herausfinden können. Eine Woche später wurden wir den Internisten in einem anderen Krankenhaus zugeteilt. Diese haben uns über die typischen Notfälle unterrichtet, allerdings nur theoretisch ohne Patientenkontakt. Nach Beschwerde unsererseits wurde eine weitere Woche später Beispielpatienten zum Unterricht dazugeholt. Da auch dies für uns als Famulanten nicht zufriedenstellend war, sind wir die nächsten zwei Wochen selbstständig in die Notaufnahme gegangen, ohne Supervisor. Auch das Ergebnis war sehr unbefriedigend, da die Ärzte kein besonderes Interesse an uns zeigten, trotz unserer immer wiederkehrenden Versuche in die Patientenversorgung mit einbezogen zu werden.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Eigentlich sollte ich mein Praktikum in der Notaufnahme des Al Hussein Hospital in Kairo absolvieren. Da diese aber geschlossen wurde, wurden wir mit einer Woche Verzögerung ins Al Sayed Galal Hospital verlagert. Ein öffentliches staatlich finanziertes Krankenhaus mit freiem Zugang. Daher war das Patientenklientel ausschließlich aus der sehr armen unteren sozialen Schicht. Ein Wartezimmer gab es nicht, also haben wir täglich eine große Menschentraube vor den Toren des Krankenhauses angetroffen, durch die wir uns hindurchkämpfen mussten.
Angestellt waren nur männliche Ärzte und ich fühlte mich als Frau nicht sehr willkommen. Oberflächlich waren die meisten Ärzte zwar immer sehr höflich, aber oft wurden nur unsere männlichen Kollgegen mit Handschlag begrüßt oder angesprochen. Wir als Frauen standen immer in der zweiten Reihe.
Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit einem der ägyptischen Medizinstudenten und seiner Schwester. Auf meine Frage, ob sie auch in die Fußstapfen ihres Bruders treten und Medizin studieren wolle, antwortete dieser für sie, das wäre keine adäquate Studienwahl für Frauen.
Die Notaufnahme selbst war in eine Frauen- und eine Männerabteilung getrennt. Allgemein war es dort sehr dreckig, überall wurde geraucht, es gab kaum oder gar kein Desinfektionmittel oder Handschuhe. Auch im OP gab es selten genug Material für ein steriles Arbeiten. Auch Schmerzmittel waren Mangelware. Jeder Patient hat prophylaktisch Antibiotika verordnet bekommen, die in den Apotheken frei verkäuflich zu erhalten sind. Allgemein waren die Möglichkeiten der Behandlung sehr begrenzt und oft hat man die Patienten nur mit einer schwerwiegenden Diagnose, wie einer akuten Hirnblutung, an ein weiteres Krankenhaus verwiesen.
Mittagessen wurde geliefert, jedoch jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten, sodass wir mit den Ärzten oft gemeinsam in der Cafeteria saßen und auf das Essen gewartet haben. Dabei sind jedoch häufig interessante Gespräche entstanden. Viele der dort angestellten Ärzte waren verständlicherweise von ihren begrenzten Möglichkeiten in der Patientenbehandlung frustiert und hatten sich zum Ziel gesetzt, in ihrem weiteren Karriereverlauf an ein europäisches Krankenhaus zu wechseln.
Um das Essen selbst mussten wir uns schließlich mit den daher gelaufenen Straßenkatzen streiten. Allgemein würde ich empfehlen die Rohkostbeilage wegzulassen, um mögliche Enteritiden zu umgehen.
Einen Supervisor hatten wir, wie schon vorher erwähnt, nicht. Dementsprechend war unsere Eigeninitiative gefragt, Ärzte anzusprechen und Ihnen zu folgen.

Land und Leute

Die Zeit in Ägypten wird mir immer in Erinnerung bleiben, vor allem die Armut, begrenzten Möglichkeiten und Unfreiheiten, die in großen Teilen Kairos vorherrscht. Die sozialen Schichten sind klar in Vierteln getrennt und es gibt kaum Durchmischungen. Viele der Studenten haben Ägypten oder gar Kairo noch nie verlassen. Dementsprechend begrenzt war auch das Verständis gegenüber unserer westlichen Kultur. Ich selbst war schockiert, wie konservativ selbst die jungen Menschen in Kairo leben. Die meisten Mädchen werden beschnitten, müssen sich bei über 40 Grad im Schatten verhüllen, werden nach ihrem Studium verheiratet, bekommen Kinder und werden vermutlich niemals als Ärztinnen arbeiten.
Eine der ägyptischen Medizinstudentinnen meinte zu mir, nur Frauen hätten die Courage sich bei solch hohen Temperaturen zu verhüllen.
Ein anderes Thema ist der Organhandel. Viele Menschen glauben, dass ihr Körper nach dem Tod noch Schmerz empfindet und daher sind Organentnahmen post mortem nicht möglich. Trotzdem werden Organtransplantationen durchgeführt. Die Frage ist, woher kommen diese Organe?!
Viele Fragen, unagenehme Wahrheiten.
Ich persönlich habe mich weder frei noch wohl gefühlt. Die Gastgeber waren zwar oberflächlich freundlich und höflich, dennoch habe ich mich überwacht und in meinen Entscheidungen beeinflusst und überstimmt gefühlt. Die Tage nach dem Krankenhaus wurden von den ägyptischen Studenten mit Sightseeing verplant, was sicher gut gemeint, mir aber das Gefühl von ständiger Kontrolle und Überwachung vermittelt hat, wie auch die Wochenendtrips nach Alexandria, Dahab und Aswan unter ständiger Begleitung der ägyptischen Studenten. Mir als zur Selbständigkeit erzogenen europäische jungen Frau viel es schwer Verständnis für die Unterordnung in einem solch patriarchischen System zu haben. Jeder Tag war ein Kampf für mich, den ich ohne die Unterstützung der anderen Austauschstudenten wohl kaum durchgehalten hätte, wie bei der Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit beim gemeinsamen Fußballspiel mit Männern und Frauen.
Ein Satz einer ägyptischen Medizinstudentinnen ist mir besonders hängen geblieben: "Es ist nur Zeit. Nur Lebenszeit".
In meinen letzten Tagen habe ich noch die andere Seite von Ägypten kennengelernt und ein Wochenende am Roten Meer auf der Halbinsel Sinai mit Studenten von Privatuniversitäten verbracht, deren Leben sich nicht großartig von dem unseren unterscheidet. Auch sie waren erschüttert von meinem Leben in Kairo und betroffen von den Erfahrungen, die ich in meiner Zeit des Austausches gemacht habe.

Fazit

Ich hatte keine großen Erwartungen an den Austausch. Mein Ziel war es, zu sehen, wie das Leben und die Arbeit in einem Krankenhaus außerhalb Europas funktioniert. Das habe ich, auch wenn es für mich persönlich eine sehr erschütternde Erfahrung war. Ich bin froh, Ägypten nicht nur von der touristischen Seite kennengelernt zu haben. Für mich ist klar, dass ich unter diesen Umständen niemals in so einem Land arbeiten könnte, da das System zu rigide ist, um es als Einzelperson verändern zu können. Im Rahmen eines größeren Projektes, um Gesundheitssysteme und -zustände zu verbessern, könnte ich mir jedoch durchaus vorstellen eines Tages zurückzukehren.
Ich bin froh über die Freundschaften, die sich unter uns Austauschstudenten geschlossen haben. Unsere gemeinsame Erfahrung hat uns alle zusammengeschweißt.

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