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India (MSAI-India)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Seit Beginn meines Studiums hatte ich den Wunsch, einen Teil davon im Ausland zu absolvieren. Nachdem ich die bvmd kennengelernt hatte stand für mich fest, dass es eine Famulatur sein würde.

Vorbereitung

Da ich mich auf einen Restplatz beworben habe, viel die Vorbereitung sehr knapp aus. Zum Glück gab es an keinem Punkt der Bewerbung irgendwelche Schwierigkeiten. Die endgültige Zusage kam einen Monat bevor es los gehen sollte. Es war trotzdem genug Zeit Visum und Flug zu organisieren.

Visum

Für Indien benötigt man ein Touristen-Visum, das man ganz einfach im Internet beantragen kann. Es ist für 60 Tage gültig und kostet um die 70 Euro. Bevor man den Antrag startet, sollte man seinen Pass und ein Passbild eingescannt haben :).

Gesundheit

Das Krankenhaus in Ludhiana wollte keinerlei Informationen über meinen Impf- oder Gesundheitszustand haben. Ich selbst habe mich auf der Seite des Auswärtigen Amtes informiert und mit meinem Hausarzt abgesprochen. Im Endeffekt bestand mein Impfschutz aus: Hepatitis A & B, Typhus, Tollwut, Meningokokken und Cholera-Schluckimpfung. In der Reiseapotheke: Anti-Malariamittel, Antibiotika, Imodium, Desinfektionsspray plus die üblichen Standardmedikamente.

Sicherheit

Vor der Abreise habe ich die Versicherung für Auslandsfamulaturen der Deutschen Ärzteversicherung abgeschlossen.
Bezüglich der Sicherheit hatte ich zu Beginn leichte Bedenken, die sich vor Ort aber sehr schnell verflüchtigt haben. Man sollte sich einfach vom Klamotten-Stil den Einheimischen anpassen: lange Hosen und einfach nicht zu freizügig. Die anderen Austauschstudenten und ich wurden trotzdem rund um die Uhr angestarrt, aber mehr in einer neugierigen Art und Weise. Oft wird man auch um ein Selfie gebeten, was zu Beginn sehr merkwürdig erscheint, aber man gewöhnt sich daran :D.

Geld

In Indien zahlt man mit den indischen Rupien. Bei den Einreise-Richtlinien steht, dass man sie nicht einführen darf, also habe ich mich daran gehalten. Es ist kein Problem Euro umzutauschen, nur Vorsicht beim Wechselkurs! Außerdem kann man mit seiner Kreditkarte ganz einfach Geld an ATMs rauslassen. Manchmal muss man etwas suchen, bis man einen Automaten findet, der funktioniert.

Sprache

Englisch ist in Indien völlig ausreichend, wenn man sich nur mit den Studenten und Ärzten unterhält. Möchte man selbst mit den Patienten sprechen braucht man in der Regel jemanden, der für einen übersetzt. Die meisten Inder sprechen Hindi und die jeweilige Sprache ihres Bundeslandes. In meinem Fall war das Punjabi. Wenn man also vor der Abreise genug Zeit und Lust hat, würde ich empfehlen, sich ein bisschen Hindi anzueignen. Schadet auf jeden Fall nicht :D.

Verkehrsbindungen

Nachdem ich meine vorläufige Zusage hatte, habe ich mich sofort um einen Fahrtkostenzuschuss bei der bvmd beworben und auch bekommen. Nach Indien geht es eben nur mit dem Flugzeug ;). Direktflüge sind relativ teuer, am besten durchforscht man einfach die verschiedene Fluganbieter. Ich bin am Ende über Amsterdam nach Delhi geflogen. Von Delhi aus geht einmal pro Tag ein Flug nach Ludhiana. Zur Sicherheit habe ich mich auch noch nach Bussen erkundigt.
In Ludhiana kann man entweder mit dem Tuktuk fahren (Vorsicht mit den Preisen! Erkundigt euch davor bei einem Inder wie teuer es sein sollte), oder man bestellt sich ein Uber. Uber ist natürlich super bequem und auch nicht allzu teuer. Der Fahrer ruft normalerweise immer an und kann dann auch oft kein englisch, aber wir sind immer überall angekommen :).

Kommunikation

Die Kontaktpersonen haben uns gleich am ersten Tag mit indischen SIM-Karten versorgt. Die sind für 90 Tage gültig und haben pro Tag 1,5 GB. Leider hatte ich ein Handy dabei, bei dem die regionale SIM-Lock noch aktiviert war und habe mir am Ende ein billiges indisches Handy gekauft. Man benötigt definitiv eine indische Telefonnummer. Zusätzlich gibt es in dem Hostel noch freies WLAN mit 1 GB pro Tag.

Unterkunft

Wir sind alle in dem Mädchen Hostel des Colleges untergebracht worden. Jeder hatte sein eigenes Zimmer mit Klimaanlage. Bett, Schreibtisch, Stuhl und Schrank sind vorhanden. Pro Gang gibt es ein Gemeinschaftsbad. Außerdem gibt es eine Kantine, in der man dreimal am Tag kostenlos essen kann.
Eine Decke kann man sich besorgen bei den Wächterinnen. Es gibt 24/7 Sicherheitsschutz am Eingang des Gebäudes. Wir mussten uns auch jedesmal, wenn wir raus wollten, in ein Buch eintragen und bei Rückkehr wieder zurückmelden. Es gibt auch die Regel, dass man nach 9 Uhr abends nicht mehr nach draußen darf, aber keine Regel, wann man wieder zurück sein muss.

Literatur

Zuerst habe ich die Berichte auf der bvmd-Seite gelesen. Dann habe ich noch das Internet ein bisschen durchforstet nach Berichten über die Stadt und Region im Allgemein und Reiseberichte gelesen. Speziell für die Famulatur habe ich nichts gelesen. Im Nachhinein wäre das Aneignen von englischer Fachsprache nicht schlecht gewesen, aber man lernt das auch schnell nebenher.

Mitzunehmen

Ich hatte eine Menge langer luftiger Hosen dabei und 2 Jeans für die Famulatur. Außerdem eine Menge T-shirts und einen dicken Pulli, den ich im Nachhinein nicht gebraucht habe. Man hat seinen eigenen Kittel mitbringen müssen. Ein paar Halbschuhe und Sandalen, zur Not hätte man im Krankenhaus aber auch auf Flipflops kommen können. Was man auf keinen Fall vergessen sollte, ist immer Toilettenpapier mit sich zu tragen. Ansonsten braucht man noch seine eigenen Handtücher. Ich hatte auch immer einen dünnen Schal dabei, da die Klimaanlagen oft auf arktische Temperaturen eingestellt sind.

Reise und Ankunft

Meine Anreise war leider super lang. Das lag aber daran, dass ich auf meinen Anschlussflug in Delhi 10 Stunden warten musste. Dort gibt es in der Abflughalle an den Gates aber zum Glück Liegen zum Schlafen, die ich dann auch genutzt habe. Meine Kontaktperson hat arrangiert, dass ich vom Flughafen abgeholt werde. Mein Flug hatte dann noch eine Stunde Verspätung, aber ich wurde wie abgesprochen am Flughafen abgeholt. Zuerst wurde ich dann noch zum Mittagessen eingeladen, bevor wir dann zum Hostel gefahren sind und meine Kontaktperson mich in Empfang genommen hat.
Ich bin schon 2 Tage vor Praktikumsbeginn gekommen und bin dann auch schon einen Tag zuvor in das Krankenhaus gegangen, um mich vorzustellen und mir die Station anzuschauen. Auch hier hat mich meine Kontaktperson begleitet und mir alles gezeigt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Eigentlich hätte ich auf der Inneren sein sollen. Nach meiner Ankunft wurde mir aber freigestellt, wechseln zu können, da Innere anscheinend für die vorherigen Austauschstudenten nicht besonders spannend gewesen sein soll. Innerhalb von 5 Minuten sollte ich mich dann entscheiden und habe auf den Rat meiner Kontaktperson hin die plastische Chirurgie gewählt. Im Nachhinein betrachtet war das von meiner Seite aus nicht die intelligenteste Entscheidung, da ich im Studium noch kaum Chirurgie im Allgemeinen hatte, aber es war auf jeden Fall eine super Erfahrung. Die Station besteht aus einem großem Raum mit 32 Betten plus Einzelzimmer. Jeden Morgen gab es eine "Class" für eine Stunde von 8:15 (wurde immer mindestens 8:30) bis 9:15. Dabei stellt einer der Residents zB ein Paper vor oder einen Patienten. Ich habe diese Stunde immer sehr hilfreich gefunden, da ausnahmslos auf Englisch gesprochen wurde und ich einiges lernen konnte. Danach gingen meist 2 Residents in den OP und 2 in die Ambulanz (OPD - out patient department) und 2 blieben auf Station. Von den 4 Professoren waren auch meist 2 im OP. Die ersten 2 Tage habe ich mich hauptsächlich auf Station aufgehalten und bei den "dressings" (Verbandswechsel) zugeschaut und geholfen. Dabei habe ich schon sehr viele für mich neue Dinge sehen dürfen, die ich bis jetzt nur in Büchern gesehen habe. Der große Teil der Patienten sind Trauma-Patienten, meist Verkehrsunfälle. Außerdem gibt es sehr viele Verbrennungen, Verätzungen und auch Stromunfälle. Es wurde sehr viel mit skin graft und flap surgery gearbeitet, was ich zuvor noch nie gesehen habe. Am dritten Tag habe ich mir die Ambulanz angeschaut, aber dort war nicht besonders viel los. Die Ärzte nehmen sich auch maximal 5 Minuten pro Patient und meistens stand nach einer Minute schon die Diagnose fest. Hier wurde auch fast ausschließlich auf Hindi gesprochen und ich musste immer nachfragen, wenn ich eine Übersetzung wollte. Die Tage darauf bin ich meistens in den OP gegangen. An manchen Tagen gab es aber keine OP's oder nur eine, dann war ich meist wieder auf Station. Im OP durfte ich mich eigentlich bei jeder Operation einwaschen und mit am Tisch stehen. Meistens konnte ich dann auch am Ende nähen oder durfte währenddessen auch mal bohren. Einer der Professoren hat mich ein skin graft nehmen lassen. Manchmal konnte ich auch einfach nur zuschauen, wenn der Platz um den Tisch etwas eng wurde.
Die meiste Zeit bin ich mit einer der Residents unterwegs gewesen. Hauptsächlich, weil sie am ehesten gewillt war, mir englische Übersetzungen zu geben und sich mit mir auf Englisch zu unterhalten. Die Schwestern waren auch alle super lieb und nett zu mir. Da ich in einem privaten Krankenhaus war, das anscheinend auch nicht zu den günstigeren gehört hat, waren die Standards sehr nah an deutschen Verhältnissen. Was mir besonders aufgefallen ist, ist das es nicht besonders viel Pflegepersonal gibt, da jeder Patient rund um die Uhr Verwandschaft/ Freunde bei sich hat, die sich um ihn kümmern.
Gelernt habe ich definitiv etwas, es hätte sicher mehr sein können, wenn ich mich zuvor schon mit einem rein chirurgischen Fach auseinandergesetzt hätte :). Das Bildungssystem besteht aus Bachelor und Master. Nach dem Studium macht man entweder 3 Jahre Innere oder Chirurgie und darauf kommt dann die Super-Spezialisierung mit nochmal 3 Jahren zB. in der plastischen Chirurgie.
Als Fazit kann ich sagen, dass ich einiges gelernt habe und mich die meiste Zeit gut aufgehoben gefühlt habe.

Land und Leute

Leider gab es im September kein organisiertes Programm für uns. Ursprünglich hätten wir 4 Austauschstundeten sein sollen. Einer von uns hat jedoch nach einer Woche beschlossen abzubrechen und nur noch zu reisen, und eine weitere war nur da zum Lernen und Tag und Nacht im Krankenhaus. Hinzu kam, dass die meisten Inder im Oktober ihre großen Examen haben und deswegen rund um die Uhr am Lernen waren. Sie haben sich trotzdem bemüht, so viel wie möglich zu unternehmen. Ich hatte gleich zu Beginn Geburtstag und habe einen Kuchen bekommen und wir wurden zum Essen eingeladen und waren etwas trinken :).
Unter der Woche ist meistens nicht viel los gewesen. Die meiste Zeit war ich im Hostel oder wir sind einkaufen gegangen oder shoppen/essen in den großen Malls. Leider gibt Ludhiana nicht besonders viel her- es steht auch in keinem Touristenführer. Es wurde uns erzählt, dass man hier hauptsächlich essen und shoppen kann, also haben wir das getan.
Indisches Essen ist an sich super lecker, nur leider immer scharf. Selbst Pizza und Burger sind scharf :D. Es gibt hauptsächlich vegetarisch und als Fleisch eigentlich nur Hühnchen. Die Süßigkeiten sind mega lecker ;). Man kann aber, wenn man einmal Pause braucht von indischem Essen, in den Malls auch KFC und andere Fastfood-Ketten finden und die meisten Inder haben auch ein/zwei Pasta-Gerichte auf der Karte (Vorsicht: auch scharf!).
Das erste Wochenende waren nur 2 von uns schon da, und so hat uns ein Student zu sich nach Hause eingeladen. Also sind wir über das Wochenende in die Hauptstadt von Punjab, Chandigarh, gefahren. Diese Stadt war total unterschiedlich von Ludhiana. Viel grüner und geordneter. Wir wurden dann von zwei der Studenten herumgeführt und haben die Touristen Attraktionen angeschaut. Außerdem gab es das erste Mal "Street food" und traditionelles indisches Eis. Abends sind wir in eine Bar gegangen mit einer Life-Band und haben uns in die indische Musik einführen lassen.
Das nächste Wochenende hat uns ein Inder für einen Tag mit nach Amritsar genommen. Wir haben uns den goldenen Tempel der Sikhs angeschaut und weitere Sehenswürdigkeiten. Leider waren wir nicht mehr an der indisch-pakistanischen Grenze, um die tägliche Parade, die dort stattfindet, zu sehen.
Den Tag darauf sind wir shoppen gegangen mit einer Inderin, und haben uns mit traditionellen indischen Klamotten eingedeckt :).
Das dritte Wochenende ging dann in den Himalaya, zum Wandern und den Tempel des Dalai Lamas zu besichtigen. Das letzte Wochenende ist leider wortwörtlich ins Wasser gefallen. Wir hatten das erste Mal richtig schlechtes Wetter für zwei Tage.
Indien ist natürlich komplett unterschiedlich von Deutschland. Es gibt einfach überall und rund um die Uhr Menschen. Man wird ununterbrochen beschallt, wenn man sich draußen aufhält :D. Im Straßenverkehr, zumindest in Ludhiana, werden keine Regeln befolgt und non-stop gehupt. Eine der ersten Fähigkeiten die man sich aneignet, ist sich über befahrene Straßen zu schlängeln.
Die Menschen in Ludhiana waren alle super nett und das einzige Unangenehme war, dass man die ganze Zeit angestarrt wurde. Ansonsten gab es keinerlei Probleme und wir haben uns die ganze Zeit sicher gefühlt. Inder haben eine sehr offene Art und sind sehr gastfreundlich.

Fazit

Im Nachhinein betrachtet kann ich sagen, dass Indien eine super Erfahrung für mich war.
Sowohl das Land und die Leute, als auch die Famulatur haben mich so viele neue Eindrücke sammeln lassen, dass ich sehr froh darum bin dieses Abenteuer gewagt zu haben. Natürlich hat es auch Lust auf mehr gemacht und ich kann es einfach nur jedem empfehlen :).

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