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Guatemala (ASOCEM)

Notfallmedizin - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Ferdinand, Düsseldorf

Motivation

Mein Wunsch, eine Famulatur im Ausland zu machen, bestand schon lange Zeit vor dem eigentlichen Austausch. Da ich in dem vorangegangenen Semester über Erasmus in Spanien war und dort das Semester etwas früher endet, hatte ich lange Semesterferien, die perfekt geeignet waren für einen Austausch bzw. einen längeren Aufenthalt mit einer Kombination aus Famulatur und Reisen. Die Entscheidung für Lateinamerika ist mir nicht schwergefallen, da ich zum einen mein Spanisch weiter intensivieren wollte und zum anderen auf vorherigen Reisen (Argentinien, Kolumbien, Peru) schon gute Erfahrungen gemacht habe. Beworben hatte ich mich für Mexiko, Guatemala und Kolumbien. Am Ende ist es Guatemala geworden und ich bin sehr glücklich darüber.

Vorbereitung

Allgemein gilt, dass das geforderte B1-Niveau in Spanisch sehr niedrig angelegt ist, im Alltag sollte man meiner Meinung nach mindestens B2 haben, um sich im Krankenhaus gut zurechtzufinden, da Englisch nur kaum bis gar nicht gesprochen wird (zumindest in dem staatlichen Krankenhaus, in dem ich war). Ich kann daher nur empfehlen, die Sprache nochmals etwas aufzufrischen, wenn die letzte Klasse doch etwas länger her sein sollte. In meinem Fall habe ich für das Erasmus-Semester in Spanien Kurse in der Uni belegt und dort viel Spanisch gesprochen. Sonstige Formalitäten waren vor allem die durch IFMSA geforderten Impfnachweise, Studienbescheinigungen, Lebenslauf, Motivationsschreiben und Ähnliches, die man aber schnell zusammengetragen hatte.

Visum

Um ein Visum musste ich mich nicht kümmern, bei der Einreise wurden mir automatisch 90 Tage gewährt, absolut ausreichend, um die 45 Tage, die ich im Endeffekt hatte, abzudecken. Manche wurden wohl gefragt <,wie viel Zeit sie gedenken zu bleiben, es gab aber nie Probleme, wenn man doch noch etwas mehr gewünscht hat.

Gesundheit

Von IFMSA gefordert wurden Nachweise zu Hepatitis A und B (mit Titerangabe) und Tetanus. Mir wurde noch eine Tollwutimpfung empfohlen, die ich nach etwas Überlegen auch gemacht habe, wobei ich im Nachhinein unschlüssig bin, ob das wirklich nötig ist. Die von IFMSA zur Verfügung stehenden Krankenhäuser befinden sich alle in der Hauptstadt, wo das Risiko minimal ist. Es hängt also von der jeweiligen Person ab und davon, wie sehr man sich in ländliche Gebiete begibt.
Ein Tuberkulose Test wurde nicht gefordert, auch wenn die guatemaltekischen Studenten alle nachweisen müssen, dass sie keine aktive Tuberkulose haben.
Im Krankenhaus ist Tuberkulose definitiv eine allgegenwärtige Diagnose, bei der die Patienten aufgrund des Zustandes des Krankenhauses nicht immer adäquat isoliert wurden. Uns wurde gesagt, dass 70% der Bevölkerung latent infiziert sind und diese Zahl bei den Ärzten auch nicht viel geringer sein wird.
Wichtig ist in weniger hoch gelegenen Gebieten auf jeden Fall auch ein adäquater Mückenschutz aufgrund von Chagas und Dengue, Malaria ist meines Wissens kein Problem.

Sicherheit

Dies ist sicherlich ein zentrales Thema und gerade in Guatemala eine schwer zu beantwortende Frage. Die IFMSA-Krankenhäuser sind alle in Ciudad de Guatemala und das ist sicherlich die Stadt mit den höchsten Kriminalitätsraten. Mir selber ist nie etwas passiert und habe mich auch nie unsicher gefühlt, wenn man allerdings mit Einheimischen spricht, wird einem bewusst, wie viele Menschen von der Kriminalität betroffen sind, auch auf eine Art und Weise, die man sich als Europäer nicht vorstellen kann. Aus Sicherheitsgründen wurden daher alle Incomings von Ihren Gastfamilien zum Krankenhaus gebracht und auch dort wieder abgeholt. Auch im Krankenhaus selber lohnt es sich, immer ein Auge auf seine Wertsachen zu haben, besonders in dem Krankenhaus, in dem ich war, da dort die ärmste Bevölkerungsgruppe behandelt wurde. So tragen auch alle Ärzte Brustbeutel und lassen ihre Stethoskope nie unbeaufsichtigt, auch die Verbandsschränke und Ähnliches sind immer abgeschlossen gewesen.
Im Nachhinein kann ich sagen, dass es in der Hauptstadt definitiv Bereiche gibt, die auch am Tag gemieden werden sollten, im Zentrum kann man sich tagsüber aber relativ sicher bewegen. Außerhalb der Hauptstadt ist auch die allgemeine Lage etwas sicherer, bei Nacht gilt aber fast überall, Vorsicht walten zu lassen.

Geld

Die guatemaltekische Währung ist der Quetzal, benannt nach dem Nationalvogel. Als ich dort war (August 2018) entsprach 1€=8,9 Q. Geldautomaten gibt es überall, viele haben aber ein Limit pro Tag von 3000Q. Als Kreditkarte hatte ich die DKB-Karte dabei, mit der ich schon in vielen Ländern der Welt unterwegs war und noch nie Probleme hatte, Orte zum kostenlosen Abheben zu finden. Guatemala allerdings ist das erste Land, in dem jeder Geldautomat, den ich gefunden habe, eine Extragebühr erhoben hat (zwischen 28 und 44Q). Daher lohnt es sich teilweise doch, hohe Beträge abzuheben und sicher bei der Gastfamilie zu verstauen.
Das Land selber ist deutlich günstiger als Deutschland, keine Frage. Hinzu kam, dass meine Gastfamilie mir immer mind. 2 Mahlzeiten am Tag zubereitet hat, weshalb ich gerade in der Woche eigentlich fast keine Ausgaben hatte.

Sprache

Wichtigste Sprache ist ohne Zweifel Spanisch, hinzu kommen verschiedene indigene, aber regional sehr unterschiedliche Sprachen. In den Städten spricht jeder Spanisch, in ändlichen Regionen eigentlich auch, nur vereinzelt stößt man auch damit an seine Grenzen.
Wie ich bereits weiter oben geschrieben habe, sollte man meiner Meinung nach B2-Niveau in Spanisch haben, um vor allem in den Praktika gut zurechtzukommen, auch wenn von IFMSA nur B1 gefordert wird. Da ich das Semester davor in Spanien ein Austauschsemester gemacht habe, konnte ich C1 nachweisen und bin auch sehr gut zurechtgekommen, auch wenn sich das Spanisch in Guatemala doch stark von dem in Spanien unterscheidet. Aufgrund der Unterbringung in einer Gastfamilie und der intensiven Zeit im Krankenhaus wird sich das Spanisch sehr schnell verbessern, trotzdem empfehle ich, das Spanisch in einem (Uni-)Kurs noch einmal aufzufrischen.

Verkehrsbindungen

Die einzigen Verkehrsmittel sind Busse, Züge gibt es nicht. Das Verkehrssystem in Guatemala ist definitiv in vielen Bereichen verbesserungswürdig und man muss teils viel Zeit für verhältnismäßig kurze Strecken aufbringen. Das schlichteste Transportmittel sind die sogenannten „Chicken buses“, alte Schulbusse aus den USA, die einen in jedes noch so abgelegene Teil des Landes bringen. Komfortabel sind sie nicht und man sollte auch ein Auge auf seine persönlichen Sachen haben, dafür sind sie ein ganz eigenes Erlebnis. Etwas zuverlässiger, dafür teurer, sind private Unternehmen, die auf bestimmten Strecken operieren. Da kann man kein bestimmtes nennen, da jede Verbindung ein eigenes Unternehmen hat. Sie sind sicherer, komfortabler und schneller.
In den Städten gibt es meistens „Mikrobusse“, die zwischen verschiedenen Orten verkehren. Einzig die Hauptstadt hat ein sehr gut ausgebautes System, allerdings ist da vor allem von der Benutzung der roten Stadtbusse aufgrund von Überfällen dringend abzuraten.
Anreise war mit Iberia, wurde am Flughafen von meiner Gastfamilie abgeholt.

Kommunikation

WLAN gibt es an vielen Orten, allen voran in Cafés, Restaurants, etc. Ich selber hatte mir eine SIM-Karte besorgt, mit der ich eigentlich im ganzen Land gutes Netz hatte. Mir wurde Tigo empfohlen, das war minimal teurer, aber die haben wohl besonders im Krankenhaus das beste Netz. Über Whatsapp und Mail konnte ich aufgrund meiner guten Anbindung an das Netz der mobilen Daten ganz einfach Kontakt halten. Die Zeitumstellung von 8h war da die größere Schwierigkeit.

Unterkunft

Aus Sicherheitsgründen werden alle Incomings in Guatemala in Gastfamilien untergebracht, die auch den Transport zum und vom Krankenhaus organisieren. Da das immer Familien sind, in denen mindestens ein Kind auch Medizin studiert, hat man immer einen Ansprechpartner vor Ort und kann viele Fragen ganz einfach klären. Hinzu kommt aber auch, dass Familien, deren Kinder Medizin studieren, im guatemaltekischen Schnitt wohlhabend sind und man in sehr guten Verhältnissen lebt.
Meine Gastfamilie war absolut liebenswert und hat sich hervorragend um mich gekümmert, selber kochen konnte ich, wenn ich wollte, allerdings gab es eine Haushälterin, die in den meisten Fällen das Essen zubereitet hat.

Literatur

Da ich eine stabile Internetverbindung auf meinem Handy hatte, konnte ich mit meinem Unizugang auch im Krankenhaus Dinge auf Amboss nachlesen. Fachliteratur hatte ich nicht dabei, in einigen Punkten hätte sie sich aber sowieso unterschieden, da die guatemaltekische Medizin noch viel mehr auf US-amerikanischen Leitlinien beruht als unsere.
Wenn ich mehr nachlesen wollte, gab es im Krankenhaus eine kleine Bibliothek und auch mein Gastbruder hatte eine stolze Sammlung an Literatur im Laufe des Studiums angehäuft.

Mitzunehmen

Guatemala ist ein sehr vielseitiges Land, daher sollte man für verschiedene Temperaturen gewappnet sein. Das beinhaltet z.B. aber auch Mückenschutz und Sonnencreme. Für das Krankenhaus hatte ich einen Kittel dabei, vor Ort stellte sich dieser aber als nutzlos heraus, gewünscht war ein Kasack, den mir meine Gastfamilie aber dann auf Kosten von IFMSA gekauft hat. Ein Stethoskop ist ohne Zweifel notwendig, theoretisch auch ein Sphygmometer, das konnte man sich bei Bedarf aber auch einfach bei den anderen Studenten ausleihen.

Reise und Ankunft

Angekommen bin ich am internationalen Flughafen von Ciudad de Guatemala, wo ich von meinem Gastbruder abgeholt wurde. Wir hatten vorher schon etwas Kontakt und da der Flughafen nicht allzu groß ist, verlief alles ohne Probleme. Zwischen Ankunft (Donnerstag, 26.07.) und Beginn (Mittwoch, 01.08), lag dann noch eine knappe Woche, in der ich auch nochmal mit einem anderen Incoming gereist bin. An meinem ersten Tag wurde ich im Büro des Chefs der Notaufnahme empfangen, nachdem ich von einem einheimischen Studenten dort hinbegleitet wurde- alles sehr unkompliziert und gut organisiert.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Die Station, der ich zugehörig war, war die Notaufnahme des Hospital San Juan de Dios. Diese ist noch einmal unterteilt in Ortho, Innere Medizin und Chirurgie, wobei ich die meiste Zeit (aus eigenem Interesse) in der internistischen Abteilung war.
In Guatemala ist es so, dass die Krankenhäuser zu einem großen Teil von den Studenten abhängen, die ab dem 4. Studienjahr dort 6 Tage die Woche arbeiten müssen und jeden 4. Tag zudem eine Nachtschicht haben. Das klingt viel, ist es auch, aber dadurch haben Studenten eine wichtige Rolle und dürfen auch sehr viel machen, was wiederum sehr positiv für mich war, da auch ich viel selbstständig machen durfte.
Das Hospital San Juan de Dios ist eines der beiden großen Krankenhäuser für Menschen ohne Versicherung und sicherlich anders, als man sich ein Krankenhaus aus deutscher Sicht vorstellt. So war die Notaufnahme mehr ein Geflecht aus großen Sälen, in denen die Menschen ohne Privatsphäre lagen, aber aufgrund von Überlastung der Stationen auch nicht verlegt werden konnten. Es kamen aber auch viele Patienten zu uns, die aufgrund ihrer fehlenden Versicherung nie zum Arzt gehen konnten und sich daher in einem Krankheitsstadium befanden, das man in Deutschland nur selten sieht.
Ich selber war einem Arzt zugeteilt, mit dem ich auch die meiste Zeit unterwegs war und der, wie die anderen Ärzte auch, ein unfassbares medizinisches Wissen aufweisen konnte. Mit ihm und meist 2 anderen Studenten bin ich fast täglich von Patient zu Patient gegangen und haben über Diagnose, Therapie und Behandlung gesprochen. Eine solch gute Lehre hatte ich bisher noch in keinem Krankenhaus in Deutschland erlebt. Da das alles viel chaotischer verläuft in einem großen Saal und viel auf einmal passiert, kann es sein, dass mal ein Notfall reinkommt, irgendwas passiert oder jemand etwas von einem will, aber die Lehre hat einen ganz großen Stellenwert.
Bei den von ihm in die Wege geleiteten Untersuchungen und Diagnostiken kommen dann auch wiederum die Studenten und so wiederum ich zum Einsatz, die dies umsetzen sollten. So kommt ein großer Mischmasch an Aufgaben zusammen, der von Nähen, ZVKs, Blutabnahmen, Katheter, Nasensonden, Reanimationen, Beatmungen, Aszitespunktionen und Lumbalpunktionen alles umfasst.
In meinen letzten Tagen bin ich noch etwas rotiert, um möglichst viele verschiedene Krankheiten zu sehen, so z.B. im in Mittelamerika größten Zentrum für Spina bifida, Operationen (bei denen man auch sehr viel machen darf), Infektiologie und mehr. Von den anderen Ärzten und Mitarbeitern des Krankenhausen wurde ich zu jeder Zeit gut behandelt und man hat versucht, mir jeden Wunsch zu erfüllen. Wichtig ist trotzdem, wie bei jeder anderen Famulatur auch, Interesse zu zeigen und manchmal auch etwas einzufordern, dann darf man sehr viel machen.

Land und Leute

Guatemala ist was Landschaft und Leute angeht definitiv eines der schönsten Länder, in denen ich bisher war. Es mag manchmal etwas frustrierend sein, wenn bei dem Transport nicht alles so klappt, wie man es möchte, aber wenn man sich darauf einlässt hat man sehr viel Spaß, sieht wunderschöne Natur und lernt tolle Menschen kennen. Das Land ist super vielseitig, sodass von Wanderungen, Vulkanbesteigungen (Guatemala hat 38 Vulkane), Meer und Wellen, Karibik, Hitze und Kälte, Städten und historischen Ruinen alles dabei ist. Gerade auch durch den starken Kontakt zu Einheimischen im Krankenhaus und meiner Gastfamilie, haben wir tolle Trips unternehmen und gute Empfehlungen bekommen. Ich selber habe mich auch auf Reisen eigentlich nie unsicher gefühlt, man sollte sich allerdings an ein paar Spielregeln halten, die allerdings auf jeder Reise gelten.
Ein paar Tips, die man zumeist aber auch in den Reiseführern (apropos: ich hatte einen Reise-Know-How Guatemala) findet, sind der Lago Atitlán, Cemuc Champey, Tikal, Río dulce, Monterrico y el pacifico, Quetzaltenango, Antigua und die Cenotes bei Huehuetenango.
Die politische und wirtschaftliche Situation ist sicherlich schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzenten, sehr schwierig, allem voran aufgrund der Korruption und Armut, unter der viele Menschen leiden. Der Tourismus hat sich trotzdem gut entwickelt und man findet eigentlich immer Hostels, Hotels oder sonstige Unterkünfte jeglichen Budgets, in denen man schlafen kann und auch andere Reisende trifft.
Da die einheimischen Studenten wie oben geschrieben 6 Tage die Woche arbeiten müssen, hatten sie am Wochenende nie Zeit für längere Trips und so habe ich mit ihnen vor allem unter der Woche mal etwas gemacht. Am Wochenende selber war ich meist mit den anderen Incomings aus Europa (insgesamt waren wir 5, bei den Reisen meisten 3 oder 4) unterwegs, mit ihnen habe ich mich auch super verstanden und da zwei Spanier dabei waren, auch gleichzeitig weiter Spanisch gesprochen.
Ein richtiges Social Programm hatten wir doch eher selten, besonders wenn ich das mit anderen Famulaturaustauschen vergleiche. Das lag einerseits daran, dass das Orga-Team die ersten beiden Wochen in Kanada bei dem IFMSA-Treffen war, aber im August auch Klausurenphase bei vielen war. Mich persönlich hat das jedoch gar nicht weiter gestört, wir haben uns immer selber etwas gesucht, was wir zusammen machen können, auch mit den anderen Guatemalteken, und wenn die anderen mal keine Zeit hatten, bin ich bereitwillig länger im Krankenhaus geblieben (auch mal über Nacht).

Fazit

Mein Aufenthalt in Guatemala war sicherlich einer meiner schönsten Auslandserfahrungen. Besonders die Kombination aus einem super lehrreichen und beeindruckendem (in vielerlei Hinsicht) Praktikum und wahnsinnig schöner Natur zum Reisen hat mir sehr gut gefallen. Ich hoffe sehr, dass ich bald wieder zurückkehren kann, da ich doch einige enge Freunde dazugewonnen habe, die mich hoffentlich noch lange begleiten werden.
Für mein späteres Leben kann ich mir glaube ich trotzdem nicht vorstellen, dort zu leben, zumindest in der aktuellen Situation nicht, da ich ein sehr freiheitsliebender Mensch bin und dafür die Sicherheitslage doch noch nicht genug ist, besonders in der Hauptstadt, wo sich die großen Krankenhäuser befinden.

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