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Brazil (DENEM)

Verschiedene - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Elisabeth, Kiel

Motivation

Ich hatte mich für Famulaturen in Südamerika beworben, in Brasilien, Kolumbien und… tja das dritte Land ist mir schon wieder entfallen. Südamerika sollte es sein, weil ich sowohl Spanisch (seit einem FSJ in Peru), als auch Portugiesisch (dank 10 Monaten Erasmus in Portugal) einigermaßen fließend spreche, die Chance in diesen Ländern also hoch war, dass ich mich tatsächlich mit Patienten würde unterhalten können. Außerdem wollte ich wissen, wie Medizin in Ländern funktioniert, wo das Gesundheitssystem vergleichbar wenig Geld hat, gerade um komplizierte Krankheiten zu behandeln.

Vorbereitung

Eine echte Schwierigkeit ergab sich durch die 2 Wochen Zusagefrist der bvmd. Man sagt zu, indem man die Card of Documents mit allen Pflichdokumenten, die von brasilianischer Seite (das ist nicht aufeinander abgestimmt!) verlangt werden füllt und abschickt. Meine Zusage bekam ich kurz vor Weihnachten, eigentlich schon fast auf dem Sprung von Kiel nach Freiburg zu meinen Eltern, und zunächst funktionierte der login in die IFMSA-Datenbank 2 Tage nicht, sodass ich gar nicht sehen konnte, welche Dokumente verlangt werden.
Als es dann klappte die nächste Hürde: die Brasilianer verlangen unter Anderem einen negativen Tuberkulose-Test. Einfachste Möglichkeit: Gesundheitsamt, Tine-Test. Ging nicht, wegen einer Ablesezeit von 4 Tagen und den anstehenden Feiertagen.
Reisemedizin Uniklinik? Führt keine TB-Diagnostik durch.
Letzen Endes habe ich in einer privaten Praxis einen Quantiferontest selbst bezahlt. Auch dieser wurde nicht rechtzeitig fertig, weil im Labor die Maschine kaputt war (Pech muss man haben).
Schließlich habe ich einen Quantiferontest, den ich 2013 mal gemacht hatte, weil ich während meinem FSJ mit TB-Kranken zu tun hatte, als „Platzhalter“ hochgeladen und das Dokument in der Card of Documents ersetzt, sobald ich das Ergebnis des aktuellen Tests hatte. Wer sich also überlegt, nach Brasilien zu gehen – besorgt euch einfach schonmal einen TB-Test, bevor ihr den plötzlich innerhalb von 2 Wochen (oder weniger) herbeizaubern müsst.

Visum

Ich bin einfach mit meinem Reisepass und 90 Tage Touristenvisum eingereist. Kein Problem, und da man für das Praktikum kein Geld bekommt war auch kein anderes Visum nötig, soweit ich das verstanden habe.

Gesundheit

Meine Reiseapotheke umfasste das Übliche, Impfungen hatte ich dank vorherigem Südamerikaaufenthalt bereits komplett – die wichtigsten sind eigentlich Gelbfieber und komplette Hepatitisimpfungen. Vor meinem FSJ hatte ich außerdem Tollwut und Typhus impfen lassen, aber für kürzere Aufenthalte muss das evtl nicht unbedingt sein. Straßenhunde habe ich in BRasilien eher wenige gesehen.
Problematisch war der Tuberkulose Test (s.o.), allerdings nicht, weil er schwierig zu bekommen war, sondern weil ich ihn SCHNELL brauchte.

Sicherheit

Brasilien, und insbesondere die Region Rio de Janeiro, wo Niteroi dazugehört, ist leider sehr von Gewalt geplagt. Entsprechend ist die Stimmung der Brasilianer. Eigentlich verlässt niemand das Haus ohne Angst und die Erwartung jeden Moment überfallen werden zu können. Ich hatte mich darauf eingestellt, gewisse Vorsicht walten lassen zu müssen, aber das Ausmaß, in dem selbst die Einheimischen Angst hatten, auf die Straße zu gehen, hat mich überrascht.
Das liegt daran, dass sich in Rio die „Problemviertel“, die Favelas, in direkter Nachbarschaft zu „normalen“ Vierteln befinden. Die Angst, dass eine gewaltvolle Auseinandersetzung mal ins eigene Viertel schwappt, ist durchaus berechtigt. In anderen Städten, beispielsweise Sao Paulo, liegen die Favelas eher in der Peripherie, was dafür sorgt, dass die restlichen Viertel insgesamt sicherer bleiben.
Verhalten: möglichst keine Wertgegenstände dabei haben, möglichst wenig Bargeld, nicht mit dem Handy offen rumwedeln (oder zumindest nicht ohne sich vorher mal kritisch umgeschaut zu haben), und abends nicht allein weggehen. Um von A nach B zu kommen haben sowohl ich als auch die Brasilianischen Kommilitonen quasi immer uber benutzt.

Geld

In Brasilien ist die gängige Währung der Real. Mit Dollar, der anderen in Südamerika weitläufig akzeptierten Währung habe ich es nie probiert, man kann Dollar und Euro aber mit Sicherheit wechseln. Ich habe mein Geld einfach mit Kreditkarte am Automaten gezogen, problemlos. In der Regel kann man auch überall einfach mit Kreditkarte bezahlen, außer die öffentlichen Verkehrsmittel. Da braucht man immer Bargeld.
Ich habe in dem Monat in Niteroi etwa gleich viel Geld ausgegeben, wie in Deutschland in der Zeit – nicht, weil es in Brasilien wahnsinnig teuer ist, sondern weil ich Rio auch sehen und genießen wollte. Für Essen habe ich sehr wenig ausgegeben, weil meine Mitbewohnerinnen mir jeden Tag mindestens einmal Essen gekocht haben.

Sprache

Am besten kommt man natürlich mit Portugiesisch zurecht, mitunter kann man sich auch über den einen oder anderen verdutzten Blick freuen, wenn man als offensichtlich nordeuropäische Person anfängt, jemanden auf Portugiesisch anzusprechen.
Englisch geht auch gut, die meisten Ärzte sprachen auch Englisch, wenn man sich aber mit Patienten selbst unterhalten will ist gerade im „servicio publico“ des Gesundheitssystems Portugiesisch auf einigermaßem gutem Niveau (B1? B2?) nötig. Der Hämatologieprofessor konnte auch Spanisch, aber da ich Portugiesisch spreche, habe ich die Sprache bei sonst niemandem ausprobiert. Um sich zu verständigen sollte man mit Spanisch bei jemandem, der eigentlich nur Portugiesisch kann aber weiter kommen, als mit Englisch.

Verkehrsbindungen

Flüge nach Brasilien gehen von Deutschland aus in der Regel nach Rio, Sao Paulo oder Salvador da Bahía im Norden. Von den großen internationalen Flughäfen kann man dann entweder per Inlandsflug weiter, oder mit dem Bus. Da ich in Sao Paulo einen Freund besuchen wollte, bin ich danach mit dem Bus nach Niteroi gefahren, gemeinsam mit einer der Organisatorinnen des Austauschs aus Niteroi, die aus Sao Paulo kommt und zu Semesterbeginn ebenfalls zurück musste nach Niteroi! Glück gehabt, aber auch alleine ist Bus fahren in Brasilien eigentlich easy und nicht teuer, wenn man die Entfernungen bedenkt.

Kommunikation

Ich habe mir eine Prepaid-SIM gekauft, Datenvolumen inklusive. Hat problemlos geklappt und war nicht teuer. Spezielle Vorkehrungen für Kontakt nach Hause habe ich nicht getroffen, whatsapp und skype. Allerdings habe ich mich beim Formular für Auslanddeutsche des Auswärtigen Amtes registriert (https://elefand.diplo.de). Wenn im betreffenden Land/ in der Region, wo man ist, ein Notfall passiert, weiß das auswärtige Amt, dass man vor Ort ist, und kann besser helfen/überhaupt nach einem suchen.

Unterkunft

Ich bin bei zwei Medizinstudentinnen untergekommen, eine war meine „Gastgeberin“, die andere meine „Patin“, zwei Rollen, die vom Austauschkomitee vergeben werden, damit man Anschluss findet. Ich habe im Wohnzimmer auf der Ausziehcouch geschlafen, Bettwäsche und Decke habe ich bekommen, genauso wie mindestens eine Mahlzeit pro Tag. Für den Rest konnte ich mir selbst Sachen kaufen und kochen, auswärts essen, oder man hat einfach mehrmal pro Tag gemeinsam gegessen. Ich fand es sehr schön mit den beiden.

Literatur

Ich bin eher unvorbereitet an die Sache rangegangen, und habe mir von den Brasilianern vor Ort viel erzählen und erklären lassen. Fachliteratur gab es auf Nachfrage beim Prof., ansonsten habe ich auch mal Sachen bei Amboss nachgelesen, wenn es mir auf portugiesisch/englisch zu anstrengend wurde.

Mitzunehmen

Vor allem Klamotten, Handtücher, Badezeug. Ein Tablet, sowie einen Reseführer speziell über Rio de Janeiro. Wenn ich danach nicht noch weitergereist wäre, hätte das völlig ausgereicht. Sehr praktisch und vor Ort zu finden waren dünne Bauchtaschen, die man versteckt unter den Klamotten tragen kann (nicht die fetten Teile, mit denen Touris immer rumrennen).

Reise und Ankunft

Alles Problemlos. Wie gesagt habe ich in Sao Paulo erst einen Freund besucht, bin dann gemeinsam mit einer Organisatorin aus Niteroi von SP nach Niteroi gefahren, und wurde dort von meiner „Patin“ abgeholt und in die WG gebracht. Wäre ich in Rio am Flughafen angekommen, hätte sie mich dort abgeholt. Ich hatte insgesamt eine knappe Woche zwischen Ankunft in Brasilien und Praktikumsbeginn. Am ersten Tag hat mich die Organisatorin auf die Station gebracht, dort vorgestellt und mir angeboten, mich hinterher wieder abzuholen. Da ich super nah am Krankenhaus gewohnt habe, war das aber nicht nötig.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war auf der Hämatologie. Der Ablauf war jeden Tag gleich: Ich und die brasilianischen Studenten, die zum Praktikum da waren, bekamen einen Patienten (die ersten Tage war ich gemeinsam mit einem der Brasilianer unterwegs), jeder hat seinen Patienten untersucht, Befunde aufgeschrieben und gemeinsam mit einem der Profs die aktuellen Medikamente überprüft, um zu schauen, ob da irgendwas geändert werden musste. Am Ende des Vormittags wurden alle Patienten vorgestellt und besprochen, dabei deren Krankheitsbilder und Besonderheiten erklärt.
Aufnahmen und Entlassungen fielen außerdem (unter Aufsicht) in unseren Zuständigkeitsbereich, das heißt bei Aufnahmen eine sehr ausführliche Anamnese und Vorbefunde zusammenzustellen oder im Falle von Entlassungen eine Zusammenfassung des stationären Aufenthalts zu schreiben und Rezepte für Medikamente, die zuhause weiter genommen werden sollten, fertig zu machen.
Je nachdem, ob Knochenmarkspunktionen oder Liquorpunktionen zu machen waren, konnte dabei zugeschaut werden. Ich habe also im Grunde genau das gleiche gemacht, wie die brasilianischen Studenten auch, gleichzeitig wurde immer Rücksicht auf sprachliche Barrieren genommen, sodass ich mich sehr willkommen und wohl gefühlt habe. Insgesamt habe viel körperlich untersucht, getastet, angeschaut, was bei fortgeschrittenen Lymphomen teilweise wirklich beeindruckend war. Außerdem habe ich meine erste Reanimation bei einer Patientin im septischen Schock erlebt.
Das Universitätkrankenhaus in Niteroi gehört zum sogenannten „sector público“ des brasilianischen Gesundheitssystem, wird also staatlich und nicht privat finanziert. Gerade bei Chemotherapien fiel das auf, weil die Professoren immer wieder die Möglichkeit nutzten, ihre Therapiemöglichkeiten mit denen in Deutschland zu vergleichen, über die sie überraschend gut informiert waren – gerade teure Therapien werden in Brasilien einfach nicht bezahlt. Wer eine teure Therapie möchte, muss diese privat bezahlen – für eine Mehrheit in Brasilien einfach nicht machbar. Auffällig auch, dass bei Anamnese immer der höchste erreichte Schulabschluss erfragt wird, bzw. ob die Patienten überhaupt zur Schule gegangen sind.
Ich hätte gerne mehr praktisch gemacht, außer körperlicher Untersuchung - Zugänge, Blutabnahmen etc, die in Deutschland üblichen Famulantentätigkeiten. Die schiere Menge an unterschiedlich spezialisiertem Pflegepersonal, die dort auf der Station rumlief, machte das allerdings unnötig, sodass ich mich auf den für die Studenten üblichen Ablauf beschränkt habe.

Land und Leute

Niteroi selbst hat nicht wahnsinnig viel zu bieten, es hat ein modernes Kunstmuseum, gebaut vom Architekt Oscar Niemeyer, das von außen interessanter ist, als von innen, einen schönen Aussichtspunkt im Stadtpark, einen ganz hübschen Strand mit einer wunderschönen Sicht auf Rio, an dem man allerdings nicht baden sollte, weil das Wasser der Bucht extrem dreckig ist. Wer aus Rio kommt scherzt, die Aussicht auf Rio sei das Beste an Niteroi.
Sehr schöne Badestrände gibt es, wenn man von Niteroi ein Stück nach Norden fährt, an die Praias ozeánicas, also Strände am offenen Meer. Hier kann man baden, sogar seine Wertsachen unbeaufsichtigt lassen, allerdings kann die Strömung extrem tückisch sein, es empfiehlt sich also, nur dort zu baden, wo Rettungsschwimmer ein Auge auf die Badenden haben.
30min entfernt, auf der anderen Seite der Bucht liegt Rio mit seinen Stränden, Attraktionen und dem (durch die Entfernung aber etwas komplizierter zu organisierenden) Nachtleben! Zuckerhut (wunderschön!), Christo (gehört irendwie dazu), Ipanema (nur bei gutem Wetter schön, dann aber spektakulär), Copacabana (etwas weniger piekfein als Ipanema, ich fand es schön da), zwischen den beiden Stränden der Fels Arporador, wo jeden Abend die Menschen dem Sonnenuntergang applaudieren (muss ich noch erwähnen... wunderschön!!!), das alte Stadtzentrum (das war mal schön, insbesondere am Wochenende ist es heutzutage ausgestorben und eher traurig anzusehen. Aber das alte Theater ist sehr schön und Tickets sind billig!), Santa Terez, ein zunehmend hippes Künstlerviertel, das mir sehr gefallen hat, der Parque Lage, wenn man einfach mal ein bisschen rumspazieren will, Museen etc etc. Vieles davon habe ich mit Brasilianern gemacht, Portugiesischen Freunden, die auch Praktika in Rio gemacht haben, der anderen Italienischen Austauschstudentin aus Niteroi und Freunden von Freunden, deren Kontakte ich im Vorfeld bekommen hatte. Das hat prima funktioniert, alle waren super lieb und hilfsbereit, gelegentlich unzuverlässig, aber hey – es ist Brasilien.
Kulturell, wirtschaftlich und politisch ist Brasilien zutiefst gespalten. Es gibt furchtbare Armut, die in Rio sehr sichtbar ist, dadurch dass die Stadt ein Flickenteppich ist aus reicheren Stadtvierteln und invasiv gewachsenen, eigentlich illegalen Armensiedlungen. Kürzlich bei den Präsidentschaftswahlen hat knapp die Hälfte für einen extrem rechten Kandidaten gestimmt, eine Mischung aus Trump und Hitler, während viele andere jeden Kandidaten nehmen würden, nur nicht diesen.
Brasilien hat tausend eigene Musikstile, die Bossa Nova des letzten Jahrhunderts, Musica popular brasileira, moderne Popmusik, Bluesbands, die live in Bars in Santa Tereza spielen, Samba-Bars in Lapa, dem Ausgehviertel von Rio, Rapper und nicht zuletzt brasilianischen Funk, der Sound der Favelas, mit teilweise gesellschaftskritischen, teilweise durchweg sexistischen Texten, auf die man mit möglichst viel Bewegung in der Hüfte tanzt. Und wenn ich "man" sage, dann meine ich die Brasilianer, ich bin mir sicher, dass mir mindestens 3 Gelenke fehlen, um mich auch nur ansatzweise so bewegen zu können.

Fazit

Ich fand den Aufenthalt insgesamt großartig. Die Sicherheitslage ist etwas, mit dem man klarkommen muss. Letzten Endes ist nie etwas passiert, auch vielen Brasilianern ist noch nie etwas passiert, zumindest nichts Ernsthaftes. Brasilien hat mich definitiv nicht zum letzten Mal gesehen, das Land ist riesig, vielfältig und die Leute viel zu herzlich und charmant, als dass ich jemals das Gefühl haben könnte, genug davon zu haben. Dort arbeiten… puh, gerade aus Deutschland kommend, wo unser Gesundheitssystem trotz aller Schwierigkeiten genug Geld hat, um alle sinnvollen Therapien zu bezahlen, in ein Land zu gehen, in dem das nicht so ist, stelle ich mir frustrierend vor. Vielleicht. Für einige Zeit. Aber wenn dann eher nicht in der Onkologie.

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