zurück

Ukraine (UMSA)

Anästhesie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Verena, Greifswald

Motivation

Ich wollte heraus aus der mitteleuropäischen Komfortzone und in ein Land, das gravierende Problem im Gesundheitswesen hat. In der Ukraine sind das vor allem die Korruption, multiresistente Keime sowie der Krieg in den östlichen Landesteilen.

Vorbereitung

Für die Vorbereitung war vor allem ein riesiger Papierkrieg notwendig. Ich musste unter anderem einen Tuberkulose- und zwei MRSA-Tests einreichen. Insgesamt hat mich das um die 80 € gekostet und keiner der Tests wäre notwendig gewesen, da mein Krankenhaus (Center for Pediatric Cardiology and Cardiac Surgery, Kiew) alle Tests selbst durchführt und keine von außerhalb anerkennt.

Visum

Ein Visum ist für deutsche Staatsbürger nicht notwendig. Man braucht lediglich einen Reisepass.

Gesundheit

Ich habe mich im Vorfeld gegen Meningokokken impfen lassen (Serotypen A, C, W, W-135 und Y), was mich ca. 50 € gekostet hat. Eine Impfung gegen Hepatitis A bekam ich kostenlos vom Betriebsarzt. Auf eine Impfung gegen Typhus, wie sie für die Ukraine teilweise empfohlen wird, habe ich jedoch verzichtet. Über die aktuellen Impfempfehlungen könnt ihr euch auf diversen Internetseiten (z.B. auf der des Bernhard-Nocht-Instituts) informieren.
Eine Auslandskrankenversicherung habe ich abgeschlossen, diese wird aber auch bei der Bewerbung von der UMSA gefordert.
Ich musste außerdem einen Tuberkulose- und zwei MRSA-Tests einreichen. Insgesamt hat mich das um die 80 € gekostet und keiner der Tests wäre notwendig gewesen, da mein Krankenhaus (Center for Pediatric Cardiology and Cardiac Surgery, Kiew) alle Tests selbst durchführt und keine von außerhalb anerkennt.

Sicherheit

Zwar gibt es in der Ukraine seit fast 5 Jahren einen Krieg, jedoch ist die Lage in Kiew derzeit (Stand: September 2018) vollkommen friedlich. Sicherheitstechnisch hatte ich überhaupt keine Bedenken. Von den umkämpften Bereichen in der Ostukraine (Donezk, Luhansk etc.) sollte man sich jedoch tunlichst fernhalten.

Geld

Die Währung sind Grywna (UAH). Mein Versuch, mir bei meiner örtlichen Sparkasse welche zu besorgen, scheiterte kläglich – nicht beschaffbar. Also nahm ich mir großzügig Bargeld in Euro mit, um es notfalls zu wechseln, falls meine EC-Karte nicht funktioniert. Das war jedoch überhaupt kein Problem. Man kann an fast jeder Ecke Bargeld abheben. Außerdem wimmelt es nur so vor Wechselstuben, die ich jedoch nicht ausprobiert habe.
Die Kosten für Lebensmittel sind erschreckenderweise den Deutschen sehr ähnlich – zumindest, wenn man im Supermarkt einkauft. Wie es auf den kleinen Märkten aussieht, kann ich nicht beurteilen.
Die Kosten für den öffentlichen Personennahverkehr sind jedoch sehr gering (derzeit 8 UAH, das entpricht in etwa 25 Cent pro Fahrt).

Sprache

In der Ukraine werden Ukrainisch und Russisch gesprochen. Welche Sprache man sich aneignet, ist eigentlich egal – verstanden wird man mit beiden. Ich hatte in der Schule mal 3 Jahre Russisch als AG und war heilfroh um die paar traurigen Brocken, die davon noch übrig waren – selbst in Kiew spricht nämlich kaum jemand Englisch. Es ist meines Erachtens unbedingt erforderlich, Kyrillisch lesen zu können. Wer die Zeit hat, einen Russisch-Kurs zu besuchen, dem empfehle ich das wärmstens. Mein Sprachniveau liegt vielleich bei A1, wenn überhaupt. Der Rest geht mit Händen, Füßen und viel gutem Willen – von dem haben die Menschen in Kiew nämlich jede Menge.
Im Krankenhaus konnte ich Englisch reden, auch wenn es in meinem ersten Krankenhaus nicht jeder Arzt sprach. In meinem zweiten Krankenhaus war Englisch Einstellungsvoraussetzung für alle Ärzte. Die Kommunikation mit Schwestern und Reinigungskräften lief wie oben erwähnt.

Verkehrsbindungen

Für die Anreise nach Kiew habe ich das Flugzeug genutzt. Vom Flughafen Boryspil, der etwa 40 km außerhalb des Stadtzentrums liegt, geht es entweder mit dem Taxi weiter oder man nimmt den SkyBus (lila Bus, fährt alle 10 – 15 min vor Terminal D ab, einfach einsteigen, der Fahrer nimmt einem dann die 100 UAH für die Fahrkarte ab).
In Kiew kann ich die Nutzung von Elektrobussen oder Straßenbahnen (zweistellige Nummer) und Metro sehr empfehlen (jeweils 8 UAH pro Fahrt). Die Fahrkarte im Bus oder in der Straßenbahn kauft man beim „Kontrolleur-Kassierer“ im roten Overall. Manchmal hat er auch keinen Overall an, dann muss man eben dem Menschen die Scheine entgegenstrecken, der Fahrkarten ausgibt. Wenn kein Kassierer im Bus ist, kann man durch eine Klappe in der Tür zur Fahrerkabine bezahlen – funktioniert, macht aber kaum jemand. Wenn der Bus voll ist, kann man das Geld einfach im „Stille-Post-System“ durchgeben – man bekommt tatsächlich die Fahrkarte zurück. Und nicht vergessen, sie zu stempeln. Wenn kein Stempelgerät erreichbar ist, einfach die Fahrkarte dem geben, der näher daran steht, die Menschen verstehen das dann auch ohne Worte und man bekommt eine gestempelte Fahrkarte.
Einen Fahrplan gibt es nicht wirklich. Der Bus kommt eben, wenn er kommt. Und was das Streckennetz angeht, hilft eigentlich nur Google Maps.
Außerdem gibt es Kleinbusse, sogenannte Marshrutkas (dreistellige Nummer), die das Busnetz ergänzen. Das Routennetz hier ist allerdings so verworren, dass ich mich nie allein an die Nutzung herangetraut habe.

Kommunikation

Ich habe mit meinem Gastgeber eine ukrainische Prepaid-Karte gekauft (Vodafone, ca. 2,50€ für einen Monat mit 4 GB Datenvolumen und 75 Minuten Telefonie). Damit waren alle Handy-Probleme gelöst. Anrufe nach Hause liefen über WhatsApp, WLAN gab es bei meiner Gastfamilie.

Unterkunft

Ich wurde durch die UMSA bei einer Gastfamilie – einem Medizinstudenten-Pärchen untergebracht. Die beiden leben in einer einfachen Wohnung in einem Plattenbau in Kiew. Warmes Wasser gab es nicht – die zentrale Warmwasserversorgung in Kiew war wohl schon länger kaputt und halb Kiew duschte kalt. Bezeichnend ist die Aussage meines Gastgebers, als ich Angst hatte, zu grob zu der klemmenden Eingangstür zu sein: „Don‘t worry about breaking things in this house. Everything here is broken.“
Im Großen und Ganzen war aber alles da, was man braucht – vom eigenen Zimmer bis hin zur Waschmaschine und zum Familienanschluss. Mitbringen musste ich nichts, bis hin zu Handtüchern habe ich alles bekommen. Im Haushalt konnte ich alles nutzen und bekam eine Mahlzeit am Tag gestellt (theoretisch zumindest, wirklich Verlass war darauf allerdings nicht).

Literatur

Ich hatte einen Reiseführer für Kiew. Der war auch zumindest zum Sightseeing ganz gut. Sehr hilfreich ist auch TripAdvisor. Und ohne Google Maps auf dem Handy geht absolut gar nichts, deshalb sollte man sich unbedingt eine ukrainische SIM-Karte besorgen.

Mitzunehmen

Als unnötig herausgestellt haben sich die Kittel, die ich laut UMSA mitbringe sollte. Viel wichtiger ist kochfeste Krankenhauskleidung.
Unbedingt mitnehmen solltet ihr eine große Flasche Handdesinfektionsmittel. In meinem ersten Krankenhaus gab es kaum welches, da es schlicht und einfach zu teuer ist. Man kann sicherlich auch vor Ort welches kaufen, aber bei selbst mitgebrachtem könnt ihr euch sicher sein, dass es nicht z.B. mit Wasser verdünnt wurde.

Reise und Ankunft

Ungefähr 6 Wochen vor Beginn meines Austauschs bekam ich die Information, dass ich nach Odessa gehen würde. 4 Wochen vor Beginn wurde ich informiert, dass es in meinem Krankenhaus in Odessa „unvorhersehbare Ereignisse“ gegeben hätte und keine Studenten mehr angenommen werden könnten. Man suche einen neuen Platz für mich. Ca. 3 Wochen vor Beginn hieß es dann, ich komme nach Kiew. Bis ich meine neue Card of Acceptance bekam, vergingen allerdings noch einmal mehrere Tage. Zu meinem Krankenhaus hatte ich nur den Namen – keine Adresse (es hat zwei Teil-Standorte), keine weiteren Informationen. Meine beiden Kontaktpersonen waren mehrere Tage nicht erreichbar, dann meldete sich wenigstens meine Gastgeberin. Kurz vor knapp konnte ich dann den Flug buchen – zu einem entsprechenden Preis.
Aber auch vor Ort nahmen die Probleme kein Ende. Zwar holte mich mein Gastgeber (der Freund der oben erwähnten Gastgeberin) wie geplant vom Flughafen ab, jedoch wusste keiner etwas über das Krankenhaus, in dem ich zwei Tage später anfangen sollte. Mein Tutor war angeblich nicht erreichbar und immer sehr beschäftigt. Nachdem ich mehrere Tage lang sämtliche Leute, die ich erreichen konnte, genervt hatte – der LEO war natürlich gerade im Ausland, außerdem hatte ich von ihm weder Name noch Telefonnummer -, wurde ich für 2 Tage in einem anderen Krankenhaus untergebracht, bevor ich mit einer Woche Verspätung im ursprünglich Vorgesehenen anfangen konnte, wohin ich auch begleitet wurde. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die UMSA meinem Tutor einen falschen Zeitraum gesagt hatte. Das erklärt auch, warum niemand wollte, dass ich einfach direkt zum Krankenhaus gehe.
Nach all meinen Erfahrungen kann ich nur davon abraten, über die UMSA in die Ukraine zu gehen. Ich würde hier nicht von Organisation, sondern von Desorganisation sprechen.
Wer eine Famulatur im Center for Pediatric Cardiology and Cardiac Surgery machen möchte, kann mich gerne unter verena.degen@online.de kontaktieren, dann stelle ich den Kontakt her. Zwar müsstet ihr dann eure Unterkunft selbst bezahlen, aber bei mir wäre das vermutlich sogar billiger gewesen als über die UMSA (Bewerbungsgebühr, späte Flugbuchung, unnötige Tests).

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Das „Center for Pediatric Cardiology and Cardiac Surgery“ ist DAS Kinderherzzentrum der Ukraine. Hier werden Kinder mit angeborenen Herzfehlern kostenlos operiert. Normalerweise sollte zwar das gesamte Geundheitssystem in der Ukraine kostenlos sein, jedoch geht in den allermeisten Krankenhäusern und Praxen ohne Schmiergeld kaum etwas.
Im Gegensatz zu den meisten Krankenhäusern in der Ukraine ist dieses Haus hervorragend und modern ausgestattet. Trotzdem werden hier sogar Spritzen und Kanülen wiederverwendet. Einwegmaterialien werden wiederaufbereitet, bis es gar nicht mehr geht und einen Kanülenabwurf sucht man meist vergeblich.
Ich war in der Anästhesie und die meiste Zeit mit im OP. Zwar durfte ich kaum etwas Praktisches machen, jedoch konnte ich immer Fragen stellen und bekam – je nach Englisch-Niveau des Arztes – mehr oder weniger ausführliche Antworten. So bekam ich diverse Operationen zu sehen – bei fast allen mit Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine.
Da in unserem Krankenhaus keine Geburten möglich waren, mussten wir die Neugeborenen, bei denen bekannt war, dass sie einen angeborenen Herzfehler haben, mit einer Art Intensivtransport (eine Art Krankenwagen fast ohne Ausstattung) aus den Geburtskrankenhäusern abholen. Ich fand es immer wieder erstaunlich, wie gesund Kinder auch mit schwersten Herzfehlern erscheinen können. Wir hatten Kinder mit einem APGAR von 10, die ohne OP die ersten paar Tage nicht überlebt hätten. Außerdem war immer wieder erstaunlich, wie gut man in Kiew unter Blaulicht durch den meist extrem dichten Verkehr kommt.
Im Krankenhaus fiel immer wieder auf, wie viele Fragen ich beantworten konnte – meist deutlich mehr als die sogenannten „Interns“ (eine Art Mischung aus PJler und Assistenzarzt), was mich ein wenig an der medizinischen Ausbildung in der Ukraine zweifeln lässt.
Das Gesundheitssystem selbst wurde seit Sowjetzeiten nicht mehr reformiert – zu viele Ärzte verdienen zu gut an der Korruption. Nimmt man kein Schmiergeld an, kann es sein, dass man nur 100 € im Monat verdient – bei Wohnungskosten von 100– 200€. Daher haben die meisten Ärzte mehrere Jobs, einen Teil davon in aller Regel in einem privaten Krankenhaus. Allerdings soll in den nächsten Jahren eine Reform kommen, die sich am britischen Gesundheitswesen orientiert. Ob das die gewünschten Verbesserungen für Patienten und Personal bringt, wage ich zu bezweifeln.
Bewundernswert finde ich aber, mit wie viel Hingabe und Enthusiasmus die Ärzte in der Ukraine ihren Beruf ausüben. Hier arbeiten größtenteils Idealisten. Und wer in der Lage wäre, einen Aufstand gegen die teils katastrophalen Bedingungen anzuzetteln, geht in aller Regel ins Ausland. Ich sehe daher in den nächsten Jahren keine großen Verbesserungen.

Land und Leute

Ich hatte einen Reiseführer für Kiew, den ich mehr oder weniger abgearbeitet habe. Besonders sehenswert ist das Höhlenkloster. Generell sollte man als Frau beim Besuch der orthodoxen Kirchen ein Kopftuch tragen. Zur Not geht aber auch ein um den Kopf gewickelter Pullover, wie ich es bei einem Kirchenbesuch gesehen habe. Beim Besuch der Höhlen im Höhlenkloster muss man außerdem die Arme bedecken und einen Rock tragen. Trägt man eine Hose, kriegt man ein tischtuchartiges Etwas, das man sich umwickeln muss.
Äußerst sehenswert fand ich das Tschernobyl-Museum – hierzu eine klare Empfehlung! Zwar arbeitet die Ausstellung größtenteils mit russischsprachigen Dokumenten und anderen Exponaten, es gibt jedoch einen sehr guten Audioguide auch auf Deutsch. Vor allem geht es um die Zeit nach der Katastrophe und weniger um den Unfall selbst.
Immer wieder schockierend ist, wie präsent auch in Kiew der Krieg in der Ostukraine ist. Zwar kann man heute über den Maidan spazieren, ohne Angst vor Scharfschützen haben zu müssen wie im Winter 2013, aber man wird an jeder Ecke und in jedem zweiten Museum an den Krieg erinnert. In Kiew geht das Leben wieder seinen normalen Gang, aber das Land an sich ist noch sehr weit von der Normalität entfernt.
Die Menschen in Kiew habe ich als sehr aufgeschlossen und hilfsbereit kennengelernt. Auch wenn man ein Problem nur mit Händen und Füßen erklären kann – in aller Regel wird es gelöst werden.
Das Essen in der Ukraine ist meist recht einfach, dafür aber sehr sättigend und fettreich. Als Beilage werden gerne gekochtes Getreide verwendet – sehr einfach, aber auch sehr lecker. Als Vegetarier wird man hier echte Schwierigkeiten haben, auswärts zu essen. Fleisch gehört hier einfach dazu. Was man unbedingt probieren muss: Borschtsch, Wareniki und Salo (Schweinefett). Sehr empfehlen kann ich die Selbstbedienungs-Restaurant-Kette Puzata Hata, die traditonelle ukrainische Gerichte anbietet. Hier kommt man auch ohne große Ukrainisch-Kenntnisse an sein Essen, es ist bezahlbar und die Qualität ist auch in Ordnung. Zu finden ist Puzata Hata meist in der Nähe von Metro-Stationen. Und auch, wenn mal eine Schabe vorbeihuscht – eine Lebensmittelvergiftung oder dergleichen habe ich in meiner Zeit in Kiew nie bekommen. Vom einen oder anderen Imbissstand sollte man allerdings meines Erachtens lieber die Finger lassen - die Lebensmittelhygiene scheint in der Ukraine nicht ganz den gleichen Standards wie in Deutschland zu entsprechen. Und auch bei Eis hatte ich immer meine Bedenken – man sieht schließlich, wenn die Kühlkette unterbrochen war.

Fazit

Ich möchte sehr gerne nach Kiew zurückkehren, jedoch nicht über diese Organisation.
Außerdem wurde ich gebeten, eine Kooperation zwischen meiner Uni und dem Krankenhaus herzustellen- mal sehen, ob das klappt.

zurück