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Nepal (NMSS)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Luisa, Leipzig

Motivation

Für mich war vor allem das Kennenlernen einer fremden Kultur und eines anderen Gesundheitssystems der ausschlaggebende Punkt. Ich finde auch, dass es sich als Medizinstudent einfach anbietet mal ein Praktikum im Ausland zu machen. Für Nepal entschieden habe ich mich, weil ich sehr gerne wandere und klettere, somit ist der Himalaya natürlich eine besondere Faszination.

Vorbereitung

Die Bewerbung war für mich relativ unspektakulär, da ich mich im Vorjahr schon einmal beworben hatte und alle erforderlichen Dokumente noch gespeichert hatte. Die Zusage kam dann auch schon kurz vor Weihnachten. (Achtung, das war etwas schwierig, weil ich dann in 2 Wochen einen Letter of Recommendation und einen Scan meines Passes benötigt habe. Es ist also gut, wenn ihr euch vielleicht schon vorher überlegt, wen ihr für die Empfehlung ansprechen könnt. Ich war dann schon zuhause und hatte das Glück noch irgendwo einen Scan meines Passes zu haben.) Danach ist dann lange nichts passiert und so circa 8 Wochen vor Beginn kam dann die Card of Acceptance und ich habe meinen Flug gebucht (Turkish Airlines über Istanbul, ca 700 Euro). Ich habe mir ein Buch für Nepali und ein Medical English Buch von einer Freundin ausgeliehen und mich ein bisschen ins nepalesische Gesundheitsystem eingelesen.

Visum

Das Visum war sehr stressfrei einfach am Flughafen zu bekommen. Man benötigt Passfotos (dort stehen aber auch Automaten, mit denen man ein Foto machen kann) und man kann den Antrag auch schon vorher online ausfüllen. Ich weiß allerdings nicht, wie gut das funktioniert, bei meinem Freund hat es nicht geklappt. Das Visum für 90 Tage kostet 90 Euro.

Gesundheit

Ich habe mich vor dem Urlaub gegen Tollwut und Typhus impfen lassen. Der Rest meiner Impfungen war aktuell. Außerdem hatte ich eine Standby Malaria Prophylaxe dabei. Neben der normalen Reiseapotheke mit Schmerzmittel und Grippemedikamenten hatte ich noch ein Breitband Antibiotikum dabei und Durchfallmedikamente. Was ich auf jeden Fall empfehlen würde, wenn ihr wandern gehen wollt, wäre ein Antibiotikum gegen Durchfall. Außerdem würde ich empfehlen, Atemschutzmasken mitzunehmen (kriegt man auch dort, sogar die guten mit Filter).

Sicherheit

Nepal ist ein relativ sicheres Land. Laut meiner Gastfamilie ist es im Süden des Landes etwas gefährlicher als Frau, ich kann das aber selbst nicht beurteilen. Ich habe mich nie unsicher gefühlt, war aber nachts auch nie alleine draußen unterwegs. Die Nepalesen sind aber auch keine aufdringlichen Menschen, als Frau wird man außerhalb der Touristen Gebiete vielleicht mal beäugt aber eigentlich nicht angesprochen. Ansonsten würde ich empfehlen mit gesundem Menschenverstand rumzulaufen (also nicht mit seinen riesigen Geldscheinen rumwedeln und dergleichen) und in Touristen Gebieten sollte man auch aufzupassen wegen Taschendieben.

Geld

In Nepal gibt es Rupie, der Wechselkurs ist so ca. 1 zu 130. Es ist sehr günstig dort, vor allem Dinge wie Bus fahren und das Essen im Krankenhaus. Souvenirs und das Essen in Thamel kann dann schon etwas teurer sein, aber trotzdem kein Vergleich zu Deutschland. In Kathmandu bin ich mit 15 Euro pro Tag sehr gut zurechtgekommen (Eintritte, Souvenirs und auswärts essen ist mit eingerechnet). Man kann sicher auch mit der Hälfte zurechtkommen.

Sprache

In Nepal wird Nepali gesprochen, eine Sprache die für mich schwierig zu verstehen und zu lernen war. Wer möchte kann natürlich vorher etwas lernen, kommt immer gut an. Aber so richtig helfen im Krankenhaus tut das nicht. Die Ärzte können alle englisch, sprechen es aber nicht immer.

Verkehrsbindungen

Ich bin mit Turkish Airlines geflogen, der Flug ging über Istanbul und war sowohl im hin als auch im zurück sehr entspannt. Der Hinflug ging 12 h, der Rückflug 14 h . In Kathmandu selber gibt es Busse und Taxis, ich bin meist Bus gefahren. Einer der Studenten hat mir das erklärt (es ist ziemlich chaotisch). Die Busse kostet so 10-20 Rupie pro Fahrt mit nepalesischem Studi Ausweis. Man muss beim „Schaffner“ fragen ob der Bus die gewollte Haltestelle anfährt und dann hoffen, dass man nicht angelogen wurde. Meistens hat das geklappt. Taxis sind auch recht günstig (Innenstadt zum Krankenhaus ca 300 Rupie) , man sollte vorher immer aushandeln was bezahlt wird. Für lange Strecken kann man fliegen oder einfach Bus fahren (zB nach Pokhara). Die Busse brauchen sehr lange und sind eher ungemütlich. Es gibt auch Touristen Busse, die die längeren Strecken fahren, aber auch die sind alles andere als bequem. Hier hat man aber sicher einen Sitzplatz.

Kommunikation

Der Kontakt nach Hause hat sich sehr einfach per WhatsApp gestaltet. Ich habe mir eine nepalesische Sim Karte am Flughafen besorgt und hatte in meiner Familie Wifi. Falls ihr in die Berge wollt würde ich euch Ncell nicht empfehlen, ich hatte eigentlich nie Netz. Ich habe einige Leute getroffen, die Namaste hatten, die hatten im Gebirge mehr Netz. In den meisten Restaurants gibt es kostenloses Wifi und auch im Studentenbüro im Klinikum.

Unterkunft

Ich war ein einer Gastfamilie. Die Eltern sind bereits in Rente, der ältere Sohn betreibt ein Fitnessstudio und der jüngere Sohn studiert noch, sie sprechen aber alle Englisch. Außerdem waren noch zwei weitere Studentinnen mit mir in der Gastfamilie. Ich habe mich immer gut aufgehoben gefühlt. Wir haben dort Frühstück und Abendessen bekommen. Es gab eigentlich immer nepalesisches Essen. Da der Vater aus Südnepal und die Mutter aus der Mount Everest Region kommt, gab es auch tibetisches und indisches Essen. Wir hatten jede einen Schlüssel für die Wohnungstür, leider wurde aber das Eingangstor meist verschlossen. Wenn wir mal länger unterwegs waren, mussten wir deswegen anrufen damit uns jemand aufmacht. Von der Unterkunft in Sukedhara waren es mit dem Bus ca 15 min zum Krankenhaus und mit dem Taxi ca 20 min in die Innenstadt.

Literatur

Ich habe mich auf Wikipedia über das Gesundheitssystem informiert. Ansonsten habe ich dort viel über Amboss gelernt und nachgelesen (gibt es auch auf Englisch). Mein Reiseführer war von Stefan Lohse und auch ganz gut. Der Lonely Planet ist aktuell leider nicht so gut. Außerdem hatte ich den Kauderwelsch Nepali, der auch ganz gut war.

Mitzunehmen

Ich musste meinen Kittel und OP Kleidung mitnehmen. Es gibt dort zwar auch Kittel, die sind aber alle durchweg ungewaschen. Das gleiche gilt für OP Kleidung. Die kann man aber auch dort besorgen. Ich würde außerdem Atemmasken und Händedesinfektion empfehlen. Für den OP braucht man dann noch Schlappen. Mein Stethoskop hat sich als unnötig herausgestellt

Reise und Ankunft

Die Flugreise lief sehr gut und ohne Probleme. Leider hat dann der für mich zuständige Student vergessen mich abzuholen. Also habe ich ziemlich lange am Flughafen gewartet und versucht ihn zu erreichen. Da es Samstagmorgen um 7 war, hatte er noch geschlafen und es ging 3 Stunden, bis er dann wach genug war um am Telefon zu verstehen, wer ich eigentlich bin und was ich möchte. Alleine losziehen war leider auch keine Option, da ich keine genaue Adresse meiner Familie hatte. Als ich dann endlich abgeholt und mit Entschuldigungen überschüttet wurde, ging es zur Gastfamilie. Ich weiß aber auch von den anderen Studenten die da waren, dass das Abholen bei ihnen sehr gut geklappt hat, also war es wahrscheinlich eine Ausnahme. Trotzdem würde ich empfehlen, sich die Handynummern vorher aufzuschreiben. Das Praktikum ging dann am nächsten Tag los.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Am ersten Tag sollte ich abgeholt und zum Klinikum gebracht werden. Mir wurde leider eine falsche Zeit gesagt, deswegen bin ich dann irgendwann alleine mit dem Taxi zum Klinikum. Nach etwas Telefoniererei hat mich dann ein Student dort getroffen und zum Deans Office gebracht. Dort habe ich dann meinen Pass und wieder Passfotos gebraucht für meinen Studentenausweis. Danach hat mich dann jemand auf Station gebracht. In Nepal gibt es eine 6-Tageswoche, von Sonntag bis Freitag. Die ersten zwei Wochen war ich in der GI Chirurgie. An meinem ersten Tag war ich ziemlich überfordert mit den Abläufen und der Station. Einer der Studenten dort hat mich dann rumgeführt und mir alles erklärt. Ich bin dann gegen Mittag auch schon nachhause gegangen. Die Abteilung hat sich in 4 „Units“ aufgeteilt, jede Unit hatte an zwei Tagen Operationen, an drei Tagen Ambulanz und dann noch an einem Tag Endoskopie. Meine Tage starteten um 7:30 mit der Visite. Zuerst bin ich mit den Assistenten die Patienten abgegangen. Dann kamen um 8 die Oberärzte und meist auch der Chefarzt der Unit dazu. Der Chef war sehr fordernd und wollte immer, dass ich weiß welcher Patient welche Diagnose hat. Außerdem hat er mich oft Zugangswege und chirurgische Verfahren aufzeichnen lassen. Das war zwar vor allem am Anfang anstrengend, aber eigentlich auch ganz gut um was zu lernen. Es wurde immer viel Nepali gesprochen und ich musste meist fragen, was gerade besprochen wird. Danach kamen dann die jeweiligen Tagesaufgaben. Ich hatte leider keinen festen Ansprechpartner und so kam es oft vor, dass alle irgendwohin gerannt sind und ich dann alleine dastand. Nach der Visite waren oft Vorträge der Assistenten oder Studenten, die meist mäßig gut waren (einfach, weil es sprachlich schwer zu verstehen war). Die Ambulanz (OPD) war immer sehr sehr chaotisch mit einem großen Raum, in dem vier Ärzte sitzen und Patienten behandeln. Für etwas Privatsphäre hat ein Vorhang, hinter dem untersucht werden konnte, gesorgt. Ansonsten haben es die Nepalesen nicht so mit Privatsphäre und Datenschutz. Die Familien sind fast immer mit dabei und der nächste Patient setzt sich, wenn man ihn nicht abhält, auch mal mit an den Schreibtisch und hört zu. Das war für mich schon ziemlich befremdlich. Außerdem wird hier natürlich nur Nepali gesprochen und man muss immer wieder fragen, was denn jetzt die Diagnose ist und was gemacht wird. Im OP hat sich mein Job auf das Zuschauen beschränkt. Meist standen vier Leute am Tisch und ich war dann auch nicht scharf drauf, mich noch dazu zu stellen. Der Chef hatte zwar in der Visite gesagt, dass ich mich einwaschen soll, war aber nie im Saal und als ich gefragt habe kam zur Antwort, dass kein Platz sei. Bei den kleinen Eingriffen in der Ambulanz habe ich manchmal assistiert.
Nach zwei Wochen habe ich dann in die Neurochirurgie gewechselt. Hier haben sich zwei Ärzte verantwortlich gefühlt und mich etwas mehr an die Hand genommen. Mein Tag hat um 8:45 mit der Frühbesprechung gestartet. Danach war meist Visite und dann waren auch hier ambulante Sprechstunden oder OP Tage. In der Neurochirurgie gab es nur zwei Units, dementsprechend hatte man öfter die Möglichkeit auch zu Notfällen in den OP zu gehen. Außerdem waren die Visiten wesentlich entspannter und mir wurde mehr erklärt. Im OP wurde ich dann auch aufgefordert, mich einzuwaschen und durfte ziemlich viel machen am Tisch (Bohren, Nähen, Schrauben). Insgesamt habe ich diese zwei Wochen als lehrreicher empfunden. Im Nachhinein hätte ich gerne mehr Zeit in der Neurochirurgie verbracht.
Zum Klinikum an sich muss man sagen, dass die medizinischen Standards recht hoch sind. Die großen Mängel sind in meinen Augen die Hygiene und die Struktur. Die Ärzte arbeiten sehr viel und haben viele Dienste. In Nepal gibt es ein Bachelor Master System mit einem Praktischen Jahr, danach fängt der Facharzt an, für den man aber nicht so einfach eine Stelle bekommt. In der Chirurgie macht man dann drei Jahre General Surgery und dann die weiteren drei Jahre seine Spezialisierung für z.B. Neurochirurgie. In dieser Zeit müssen meist 3-4 Dienste pro Woche abgeleistet werden. Die Bezahlung ist dafür vergleichsweise schlecht. Es gibt keine Versicherungen und so ziemliche alle Materialien müssen von den Patienten selber aus der Apotheke geholt werden (Heißt auch, wenn die OP erweitert werden muss, wird pausiert bis die Angehörigen mehr Material aus der Apotheke geholt haben). Das Teaching Hospital ist ein staatliches Haus und deswegen vergleichsweise günstig, doch trotzdem für viele noch unbezahlbar.

Land und Leute

Ich habe in Kathmandu so ziemlich alles angeschaut was es zu sehen gibt. Leider bezahlt man mittlerweile als Nicht-Asiate je nach Sehenswürdigkeit 200-1000 Rupie Eintritt. Ich fand vor allem die buddhistischen Klöster und Tempelanlagen sehr schön. Am Wochenende, das ja nur aus dem Samstag besteht, haben wir meist Tagesausflüge ins Umland gemacht. Einen Samstag war ein kleiner Hindernislauf am Stadtrand an dem ich mit drei nepalesischen Studenten teilgenommen habe. Am Ende des Praktikums bin ich dann noch vier Wochen Trekken gewesen und das war wirklich ein tolles Erlebnis und wenn man genug Zeit hat, sollte man das auf jeden Fall machen.
Das Leben in Kathmandu ist schon sehr chaotisch und ich habe die erste Woche ziemlich gekämpft, um mich an alles zu gewöhnen. Die Stadt ist staubig und überall liegt Müll, außerdem ist es extrem laut. Ohne Atemmaske kriegt man schnell Halsschmerzen und mir ist auch teilweise schlecht geworden durch die vielen Abgase. Davon sollte man sich aber trotzdem nicht abschrecken lassen, nach einer Eingewöhnung hat mir die Stadt dann sehr gut gefallen und sie hat auch sehr viel zu bieten. Nach einer Woche sind dann drei weitere Studenten nach Nepal gekommen und so haben wir sehr viel zusammen unternommen.
Die Nepalesen sind sehr offene und freundliche Menschen und mich hat vor allem das friedliche Zusammenleben vieler verschiedener Kulturen und Religionen fasziniert. Ich wurde nie unhöflich behandelt und habe mich auch alleine nie unsicher gefühlt.
Letztes Jahr wurde eine neue Regierung gebildet und seitdem gibt es weniger Stromausfälle (kommt aber immer noch regelmäßig vor). Dafür gibt es andere politische Probleme, die Regierung hat zum Beispiel ein Gesetz erlassen, dass niemand Bilder von ihnen veröffentlichen darf und dass sich keine Zeitung über sie lustig machen darf. In meiner Zeit in Nepal gab es zudem Streiks im Krankenhaus, da ein neues Gesetz erlassen wurde, dass es für Patienten möglich macht, leichter wegen Behandlungsfehlern zu klagen. Die Ärzte können dann sofort ins Gefängnis gebracht werden, ohne eine Möglichkeit zu haben ihre Unschuld zu beweisen. Auch wirtschaftlich gibt es einige Probleme in Nepal. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt von weniger als einem Dollar pro Tag und viele auf dem Land besuchen keine Schule. In Kathmandu sieht man viele westliche gekleidete Nepalesen, auf dem Land merkt man dann schon, dass das viel weniger wird. Hier wird man dann sicher auch mal komisch beäugt, wenn man sich in kurzen Hotpants präsentiert, die Nepalesen würden aber niemals etwas sagen.

Fazit

Ich würde den Austausch auf jeden Fall wieder machen und kann es jedem empfehlen, mal eine Famulatur im Ausland zu machen. In Nepal zu leben kann ich mir nicht vorstellen, ich werde aber ziemlich sicher zum Wandern und Reisen zurückkommen. Wer viel Wert darauf legt, praktische Fähigkeiten zu erlernen, dem würde ich vielleicht ein anderes Land als Nepal empfehlen oder zumindest eine andere Abteilung als die GI Chirurgie.

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