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Korea (South) (KMSA)

Anästhesie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Friedrich, Halle

Motivation

Ich wollte eine Famulatur in der Anästhesie machen, um die Arbeit der späteren Kollegen besser verstehen und einschätzen zu können. Eigentlich hatte ich schon vorher die nötigen Famulaturzeiten geschafft, dann habe ich über Freunde 2 Wochen vor der Bewerbungsdeadline von dem Austauschprogramm gehört und mich eher überstürzt beworben und mich auch über die Länder nicht wirklich informiert.
Mein Ziel war, ein nicht-europäisches Gesundheitssystem zu erleben und nach Möglichkeit auch Kontakte für zukünftige Zusammenarbeit zu knüpfen.

Vorbereitung

Eigentlich musste ich nur Flüge buchen und touristische Pläne für die ersten Tage machen. Eine ausreichende Auslandskrankenversicherung hatte ich bereits für andere Reisen.
Ich habe es vorher geschafft, Hangul (koreanisches Alphabet) lesen zu können ohne es zu verstehen. Außerdem habe ich “Guten Tag” und “Danke” gelernt, aber nicht viel mehr.
Die KMSA hatte eine Incoming-Facebookgruppe, wo ein paar Basisinformationen zum Gesundheitssystem, Verhalten und Reiseempfehlungen gegeben wurden. Die KMSA ist die bestorganisierte studentische Organisation, die ich je gesehen habe. Die CA habe ich 4 Monate vor dem Austausch bekommen und ab dann regelmäßig mit meinen Contact Persons geschrieben.

Visum

braucht man nicht, bis 90 Tage sind visafrei möglich

Gesundheit

Man braucht keine zusätzlichen Impfungen, aber die empfohlenen für Deutschland sollte man mitbringen. In Grenzgebieten zu Nordkorea gibt es im Sommer wohl ab und zu Fälle von Malaria, aber das ist eher zu vernachlässigen. Die Prävalenz an HepB/C ist deutlich höher als in Deutschland, ohne Impfung hätte ich mich im Krankenhaus unsicher gefühlt.
Dafür gibt es dort quasi keine Masern und ich scherzhaft gefragt, ob das nicht diese Erkrankung ist, die gemeinsam mit Pest vor Jahrhunderten ausgerottet wurde.

Sicherheit

Top! Man kann auch Dinge unbeaufsichtigt stehen lassen, es wird nichts gestohlen. Die Nähe zu Nordkorea ist unproblematisch und der Konflikt erscheint mindestens genauso weit weg wie in Deutschland. Ein Eintrag in der ELEFAND-Liste des Auswärtigen Amts ist immer sinnvoll im Ausland.

Geld

Die Währung ist der Südkoreanische Won (KRW). Der Kurs ist aktuell etwa bei 1€=1300KRW. Man kann mit einer normalen Kreditkarte Geld abheben, muss aber nach Global ATMs schauen. Das kann manchmal nervig sein, aber sonst kann man auch immer mit VISA oder Mastercard bezahlen. Teuer oder nicht so teuer wird es dann jenachdem, was man alles machen will. Relativ teuer sind beispielsweise Cafes (6000-8000KRW für Kuchen, 5000KRW für Kaffee), VR-gaming (30,000 Won/h) oder 4D-Kinos (20,000KRW). Zugtickets haben unabhängig vom Buchungszeitpunkt immer den gleichen Preis, durch Wahl der Schnelligkeit kann man aber den Preis beeinflussen. Für die Strecke Seoul-Daegu kostet der KTX etwa 45,000KRW, mit dem Bummel-Mugunghwa zahlt man nur 21,000KRW.
Es lohnt sich in jedem Fall, auch teurere Sachen zu probieren, man ist schließlich nicht jeden Tag in Korea.

Sprache

Junge Menschen können oft richtig gut Englisch, allerdings wird in der Schule mehr Wert auf schreiben/hören gelegt, als auf Sprechen. Viele von ihnen haben deshalb am Anfang Hemmungen, aber das legt sich schnell. Ältere Menschen, Professoren… sind oft schwer zu verstehen, aber man kann immer mit Gesten und “Guten Tag” auf koreanisch überleben, Essen bestellen und so weiter.
Insgesamt muss ich sagen, dass ich in Korea die bisher besten Erklärungen im Krankenhaus bekommen habe und der großzügige Einsatz von Gestik hat dazu viel beigetragen.

Verkehrsbindungen

Ziemlich gut, man sollte sich aber eine T-Money-Transportation-Card besorgen (gibts an vielen Automaten und in Convenience Stores rund um die Uhr für etwa 5000KRW). Damit kann man landesweit Bus/Metro/Taxis… bezahlen und sie kann problemlos immer wieder aufgeladen werden. Es gibt in vielen Städten ein sehr dichtes Busnetz, teilweise sind die Anzeigen dann auch nur auf koreanisch und Google Maps ist in Korea absolut nicht geeignet, um ÖPNV-Verbindungen wiederzugeben. Ich habe dafür KakaoMap genutzt, Naver ist wohl ähnlich gut geeignet und erlaubt intuitive Findung von Verbindungen.
Taxis sind in Korea günstig und wenn man zu dritt/viert unterwegs ist, wird es häufig auf kurzen Strecken sogar günstiger als ein Bus (Bus/Metro: je nach Stadt geht es ab 1250KRW los, ein Taxi kostet für die ersten 3km 2850KRW).
Zum Reisen zwischen Städten gibt es zwei gute Möglichkeiten: Zug oder Bus.
(1) Zugverbindungen kann man sich auf letskorail.com anzeigen lassen, aber ich bin einfach immer zum Bahnhof gefahren und habe spontan geschaut, was demnächst gefahren ist. Es gibt verschiedene Zugklassen: KTX und KTX-Sancheon sind die Expresszüge und entsprechend nicht ganz günstig (41000KRW für Daegu-Seoul in etwa 2 Stunden). Mugunghwa ist der Bummelzug, der für die gleiche Strecke die Hälfte kostet und doppelt so lange braucht. Es gibt keinen Vorverkaufsrabatt oder Sparpreise.
(2) Bustickets kann man direkt auf www.kobus.co.kr buchen und mit üblichen Kreditkarten bezahlen. Deutlich günstiger ist es, über txbuse.t-money.co.kr zu buchen, man braucht allerdings eine koreanische Bankkarte dafür und muss sie auch für die Busfahrt mitbringen. Direkte Buchung im Busterminal bietet die günstigen Preise, ist aber mit dem Fahrtaufwand dorthin verbunden.
Im Terminal kann man entweder am Schalter Tickets kaufen oder an den CashBee-Automaten, die man auf Englisch umstellen kann (Empfehlung!)

Kommunikation

Auch hier hat sich ein anderes System zu sonst verbreiteten Messengern durchgesetzt: KakaoTalk. Darüber läuft oft auch die Kommunikation mit Professoren und die Emojis sind unheimlich sind, aber kosten leider. Kostenloses WLAN gibt es an vielen Stellen.
Es ist günstig, mobiles Internet zu haben (egal ob über eine SIM-Karte oder ein WiFi-Egg), für Verkehrsverbindungen…
Eine Prepaid-Sim-Karte mit 40,000KRW Guthaben kostet 24,000KRW und ist maximal 90 Tage gültig (Durch das gute WLAN habe ich insgesamt nur etwa 7,000KRW genutzt). Übriges Guthaben kann leider nicht ausgezahlt werden, aber vielleicht kann man die Karte ja weitergeben ;)

Unterkunft

Üblicherweise hat man ein Zimmer im Wohnheim, in Daegu Catholic teilt man bisher die Wohnung mit der Contact Person und kann dadurch viel koreanischen Alltag erleben. Ich musste nichts mitbringen und auch die anderen Incomings mussten nichts mitbringen und hatten in Wohnheimen die Möglichkeit zur Selbstverpflegung.
In Daegu Catholic wird aktuell ein Wohnheim gebaut und demnächst werden Incomings dort wohnen (etwa 100m vom KH entfernt)

Literatur

ich habe mir einen üblichen Reiseführer besorgt und die KMSA hat vorher in der Facebookgruppe für Incomings ein paar nützliche Informationen über das Gesundheitssystem und Reisetipps geteilt. Tipps von koreanischen Studierenden sollte man annehmen, um möglichst authentische Erfahrungen sammeln zu können. Bücher können dagegen nicht ankommen.

Mitzunehmen

Kittel, Hemd, Stethoskop sollte man für das Krankenhaus dabeihaben. Ansonsten kann man für neue Bekanntschaften Kleinigkeiten mitbringen ("Geschenke sollten nicht zu nützlich sein, sonst würde man sie sich ja selbst kaufen. Allerdings sollten sie auch nicht zu sinnlos sein, damit sie auch behalten werden"). Geeignet ist Schokolade, die dort teuer und nicht soooo gut ist und Alkohol (Hochprozentiger Alkohol hat etwa 20% und sowas wie Kräuterliköre sind sehr gut angekommen).
Ansonsten sollte man nicht zu viel mitnehmen, damit man am Ende Sachen zurückbringen kann.

Reise und Ankunft

Die Anreise verlief problemlos und die Immigration nach Korea ist simpel. Zwischen Ankunft und Praktikumsbeginn hatte ich etwa eine Woche Zeit und habe davon 5 Tage in Seoul verbracht und bin dann nach Daegu gefahren. Zufällig hat die Familie meines CP bei Seoul gewohnt und er hat mir ein paar Dinge in Seoul zeigen können. In Korea hat man immer 2 CPs je Incoming, den Zweiten habe ich dann in Daegu getroffen.
Eigentlich war geplant, am Freitag vor Praktikumsbeginn den Chefarzt der Abteilung zu treffen und eine Einführung in das Krankenhaus zu bekommen, allerdings hatte er kurzfristig keine Zeit. Am ersten Tag hat mein CP mich ins Krankenhaus gebracht und der Chefarzt hat mir die Abteilung und den OP-Bereich gezeigt.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Die medizinische Versorgung ist auf einem sehr hohen Niveau.
In Korea beobachten Studenten üblicherweise und dürfen kaum etwas machen. Blockpraktikanten werden "PK" für Polyklinik oder unter Studierenden "Patient Killer" genannt. Wenn jemand fragt, ob man PK ist, dann kann man einfach "ja" sagen.
Die Erklärungen der Professoren (jeder Facharzt war mindestens Assistant Professor) und Assistenten waren dafür richtig gut. Nach zwei Wochen durfte ich dann (auf Nachfragen) auch ein paar Sachen machen, anfangs Flexülen legen, dann aber auch intubieren, arterielle Zugänge stechen und am Ende einen ZVK legen. Das ist in Korea wirklich unüblich und ich habe lange dafür gearbeitet und jeden Tag die Besonderheiten des Anästhesiemanagements der Operationen des nächsten Tages vorbereitet.
Dadurch und durch die exzellenten Erklärungen konnte ich richtig viel mitnehmen und auch die Eingriffe waren interessant: Lebertransplantationen, ausgedehnte neurochirurgische Eingriffe, Hirntoduntersuchung und die folgende Multiorganentnahme waren die großen Maßnahmen, die ich sehen konnte. Dazu gab es jeweils großartige Erklärungen.
Es wird unglaublich viel Forschung betrieben, in die ich auch Einblicke bekommen habe. Forschung hat generell einen höheren Stellenwert und es ist selbstverständlich, dass jeder in der Abteilung forscht. Eine Professorin meinte, man solle immer 6 Forschungsprojekte haben: 2 Humanstudien, 2 Grundlagenprojekte und 2 Paper, die man gerade zusammenschreibt. Die Selbstverständlichkeit, mit der Forschung betrieben wird, ist beeindruckend und inspirierend.
Die Epidemiologie unterscheidet sich bei einigen Erkrankungen sehr sehr deutlich von Deutschland: viel weniger Schilddrüsenerkrankungen, bessere Durchimpfungsraten, höhere HepB/C-Prävalenz.
Vergleichend zu Deutschland werden einige Medikamente mehr oder weniger gerne genutzt, ohne dass ich einen der beiden Wege als überlegen bezeichnen würde.
Auch Ärzte anderer Fachrichtungen haben mich zur Teilnahme an Operationen eingeladen, besonders die Urologie und HNO war da sehr gut.

Die Arbeitszeiten sind üblicherweise extrem hart (kürzlich wurde die maximale wöchentliche Arbeitszeit auf 68h begrenzt, Ärzte sind aber davon ausgenommen). Während meines Aufenthalts hat gerade das Pflegepersonal gestreikt, sodass alles ein bisschen entspannter war und viel Zeit für Erklärung da war.
Der Professor der Urologie hat mich mehrfach zum Essen mit seinen PKs eingeladen ("I have the money and now, due to the strike I have the time to invite you"). Außerdem war ich einmal zum Mittagessen mit den Professoren meiner Abteilung eingeladen und mit Assistenzärzten bei einem Baseballspiel.

Land und Leute

Großartig. Wenn man alleine reist, wird man immer wieder von Koreanern zum Essen eingeladen, damit man einen möglichst guten Eindruck des Landes bekommt. Das Essen ist übrigens auch großartig, allerdings muss man sich ab und zu überwinden. Als Vegetarier ist es allerdings wirklich schwer und man sollte eventuell ein anderes Land oder eine temporäre Umstellung der Essgewohnheiten in Betracht ziehen.
Die Hierarchien sind strikt, auch wenn man als Ausländer davon fast komplett ausgenommen ist. Der größte Fehler, den man machen kann, ist die Wichtigkeit von Altersunterschieden zu unterschätzen. Ungefähr im ersten Satz wird das Alter angegeben und die Ansprache der anderen Person unterscheidet sich je nach Alter und dem jeweiligen Geschlecht. Es gibt dabei nicht nur einen Unterschied zwischen Professoren und Studierenden, sondern auch sehr deutlich zwischen zwei Studierenden, von denen einer ein Jahr länger studiert hat.
Ein paar Tipps, zum Erleben koreanischer Kultur sind: PC-Bang (großer Raum mit etwa 30-50 Computern zum spielen, ist immer brechend voll), Jjimjilbang (koreanische Sauna, wo man auch übernachten, Essen und an Spieleautomaten versacken kann), Seafood (besonders am Meer, etwa in Busan oder auf Jeju), ChiMak (Chicken+Beer, wird häufig im Park gegessen), Makgeolli (Reiswein), Korean BBQ (vielleicht das beste Essen für den Anfang), VR-Gaming, 4D-Kino, K-Pop-Tanzgruppen (als Wahlpflichtclub an der Uni oder auf der Straße in Hongdae(Seoul)), Streichelzoo-Cafes(mit Katzen oder Hasen), ...
Zeit zusätzlich zum Austausch lohnt sich in jedem Fall und man kann jede beliebige Zeitdauer sinnvoll verbringen.
Ich habe leider zu wenig Zeit gehabt, um alle Dinge zu machen, die ich mir gewünscht hätte. Pflichtziele sind aber in jedem Fall Seoul, Busan und Jeju (gerade für Jeju sollte man mehr Zeit einplanen und auf der Insel reisen)
Je nach persönlichen Vorlieben kann man die restlichen Ziele frei planen: der Südwesten ist für Essen bekannt, der Nordosten soll zum wandern sehr gut geeignet sein, Historisch bedeutend ist besonders Gyeonju.

Speziell und bisher im Bericht ausgeklammert sind die Beziehungen zu Nordkorea: das Verhältnis ist ambivalent und historisch bedingt nicht einfach. Der Vergleich zur deutschen Teilung hinkt ganz gewaltig, weil es hier keinen Krieg der beiden Staaten gegeneinander gab und nicht Millionen Menschen dadurch gestorben sind. Kriegsverbrechen und Massaker gab es von beiden Seiten und die Aufarbeitung im Süden nimmt erst seit ein paar Jahren Fahrt auf.
Vor dem Kontext des Konflikts und der lange aufflammenden Auseinandersetzungen lohnt sich ein Besuch in der DMZ am Ende des Aufenthalts, wenn man schon Bezüge zum Hintergrund hat. Die Erfahrung ist absurd, aber das kommt in Berichten nicht ausreichend gut rüber.

Wenn man mehr als Korea erkunden möchte, liegen außerdem Japan, China und Taiwan quasi vor der Tür und bieten sicher lohnende Erfahrungen.

Fazit

Ein ziemlich gutes Erlebnis in jeder Hinsicht und ich werde in jedem Fall wieder nach Korea fliegen, schon um Freunde zu treffen und wieder in ein Katzencafe zu gehen.

Dort zu arbeiten, kann ich mir bisher noch nicht wirklich vorstellen, aber für Forschungsaufenthalte würde ich gerne zurückkehren.

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