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Lebanon (LeMSIC)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
Anonym

Motivation

Ich hatte vor meinem Austausch schon viel über den Libanon gehört und wollte das Land gerne einmal selbst bereisen. Da die American University of Beirut einen exzellenten Ruf hat und eine Freundin, die vor einigen Jahren einen Austausch gemacht hatte, immer davon schwärmte, bewarb ich mich und habe es nicht bereut.

Vorbereitung

Eine besondere Vorbereitung ist meiner Meinung nach nicht notwendig.
Ich persönlich hatte mich vor allem mit Freunden ausgetauscht, die den Libanon bereits bereist hatten. Es gibt außerdem einige Reiseberichte im Internet, die lesenswert sind. Es ist sicherlich gut, sich ein wenig über das Land zu informieren, insbesondere was die aktuelle politische Situation und Sicherheitslage angeht. Von den Informationen des auswärtigen Amtes sollte man sich jedoch nicht zu sehr abschrecken lassen.
Arabisch habe ich vorher nicht gelernt. Das war auch nicht notwendig. Wenn man einige Wörter spricht, kommt es aber sicherlich gut an.

Visum

Als deutscher Staatsbürger erhält man das Visum bei Ankunft am Flughafen.
Ich habe am Schalter meinen Invitation letter von der IFMSA vorgelegt und den Flughafenmitarbeiter gefragt, wie lange das Visum gültig ist. In meinem Fall galt das Visum für 3 Monate. Es gibt aber teilweise auch Visa, die nur für 30 Tage gültig sind. Ich würde empfehlen, dies immer zu erfragen, da die Gültigkeit nicht aus dem Stempel im Reisepass ersichtlich ist. Man kann das Visum jedoch auch beim General Security Office in Beirut verlängern lassen.
Wichtig ist, dass man keinen israelischen Stempel im Pass hat, sonst wird die Einreise verweigert.

Gesundheit

Die meisten aus unserer Austauschgruppe hatten mehr oder weniger ausgeprägte Magen-Darm-Probleme. Ich würde daher empfehlen, eine kleine Reiseapotheke mitzunehmen. Man bekommt vor Ort jedoch auch alles in der Apotheke. Vorbeugend ist es besonders wichtig, das Leitungswasser nicht zu trinken. Spezielle Impfungen sind nicht notwendig.

Sicherheit

Ich habe mich auch als Frau in Beirut zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt.
Es gibt Viertel, in die man besser mit jemandem gehen sollte, der arabisch spricht.
Das findet man aber vor Ort schnell heraus.
Entlang der Küste kann man die „öffentlichen Verkehrsmittel“ ohne Probleme benutzen. Für einen Ausflug nach Baalbek würde ich empfehlen, in der Gruppe zu reisen und möglichst eine geführte Tour zu machen. Bei uns war die Tour Teil des Social Programs.

Geld

Das libanesische Pfund ist fest an den Dollar gebunden. Das bedeutet, dass 1 USD immer 1500 libanesische Pfund sind. Man kann überall mit beiden Währungen bezahlen. Teilweise bekommt man auch die jeweils andere Währung als Wechselgeld zurück oder auch beide Währungen gemischt. Ich persönlich fand es praktischer, libanesische Pfund abzuheben. Bei einigen Banken kann man mit einer Kreditkarte kostenlos Geld abheben.

Sprache

Viele Menschen in Beirut sprechen neben Arabisch auch Englisch, Französisch oder sogar beides. Teilweise werden in einem Satz auch alle drei Sprachen gemischt.
Die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten ist meist auf Arabisch. Die Lehre in der AUB ist jedoch größtenteils auf Englisch und wenn man als ausländischer Student in der Visite dabei ist, sind die meisten Ärzte sehr bemüht, Englisch zu sprechen bzw. das Gespräch mit dem Patienten zu übersetzen. Ich persönlich kann ein chirurgisches Fach für die Famulatur empfehlen, da man in diesem Fall wenig direkten Patientenkontakt hat und daher mit Englisch sehr gut zurechtkommt.
Es gibt auch noch einige andere Krankenhäuser, an denen Französisch dominiert.

Verkehrsbindungen

Um vom Flughafen in die Stadt zu kommen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum einen kann man mit dem Taxi fahren. Dabei kann ich nur empfehlen, vorher ein Taxi bestellen zu lassen (z.B. von der Kontaktperson vor Ort), ansonsten kann es sehr teuer werden. Ein Taxi vom Flughafen darf ca. 20 USD kosten. Es gibt auch die Möglichkeit, mit dem Bus für einen Dollar in die Stadt zu fahren. Dieser fährt meines Wissens nach außerhalb des Flughafengeländes ab. Ich habe diesen Bus selbst jedoch nicht benutzt.
Innerhalb Beiruts gibt es außerdem die Möglichkeit, die App Uber zu benutzen.
Die gängigste Fortbewegungsmethode ist in Beirut jedoch das Service. Es ist eine Art Sammeltaxi, in dem man pro Fahrt 2000 Libanesische Pfund zahlt. Der Fahrer kann dann unterwegs noch weitere Fahrgäste einsammeln. Erkennbar sind die Autos am roten Nummernschild. Man ruft das Auto heran, ruft „Service?“ und geht sicher, dass es pro Person 2000 LL kostet. Manchmal möchten die Fahrer einen nur für einen deutlich höheren Preis mitnehmen. Davon sollte man sich nicht beirren lassen und lieber auf das nächste Auto warten.
In Beirut gibt es außerdem sogenannte Minibusse. Diese fahren entlang bestimmter Routen (man findet diese online). Haltestellen gibt es nicht. Man stellt sich an den Straßenrand entlang der Route, fragt noch einmal nach, ob der Bus tatsächlich zum gewünschten Ort fährt und zahlt beim Verlassen des Busses 1000 LL.
Mit ähnlichen Bussen kommt man auch zu Orten entlang der Küste. Busse in Richtung Norden fahren von der Station Charles Helou (hier fährt auch ein sehr moderner Bus (Connexion)). Busse in Richtung Süden fahren von der Cola Station. Man fragt sich vor Ort einfach durch. Wichtig ist, dass man zugriff auf Offline Maps. So kann man die Route verfolgen und dem Fahrer Bescheid sagen, wenn er einen herauslassen soll. So sind wir zum Beispiel auch zu den Stränden in der Nähe von Batroun gefahren und sind den letzten Kilometer gelaufen.
Wenn man in die Berge fahren möchte, muss man sich entweder in einer größeren Gruppe einen Bus oder ein Auto mit Driver buchen, mit Taxi oder Uber fahren oder selbst ein Auto mieten. Der Verkehr im Libanon ist jedoch nicht ganz ohne.

Kommunikation

Im ersten Monat hatte ich keine libanesische SIM-Karte und kam damit auch gut zurecht, da es in der Unterkunft, in jedem Café und im Krankenhaus W-LAN gibt und ich mir vorher Offline-Maps heruntergeladen hatte (sehr zu empfehlen!).
Nach meiner Famulatur bin ich jedoch noch ein wenig gereist und habe dann doch Internet auf dem Handy benötigt. In den meisten Shops kostet eine SIM-Karte mindestens 30 Dollar. Es gibt in Downtown in der Nähe von der Moschee jedoch einen Alfa-Store, in dem man 3GB für 5000 Libanesische Pfund (ca 3 Euro) bekommt. Diese sind für 10 Tage gültig und können anschließend aufgestockt werden. Pro Reisepass (den man zum Telefonanbieter mitnehmen muss) kann man zwei SIM-Karten erhalten.

Unterkunft

Da die Unterkünfte, die sonst für die Austauschstudenten genutzt werden, renoviert wurden, haben wir in „Luna’s Village“ gewohnt. Dieses befindet sich in der Nähe der AUB in Hamra und ist damit sehr gut gelegen. Wir haben uns die Wohnung zu viert geteilt und jeweils zu weit in einem Zimmer geschlafen. Jede Wohnung hatte ein eigenes Badezimmer und eine kleine Küche mit Herd, Wasserkocher, Mikrowelle und Kühlschrank. Die Schlafzimmer sind einfach eingerichtet, haben jedoch eine Klimaanlage und einen Balkon. Außerdem wurde die Wohnung mehrmals in der Woche gereinigt und man konnte seine Wäsche gegen kleines Geld zum Wäscheservice geben. Bettwäsche und Handtücher wurden gestellt. Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich „Luna’s Kitchen“, ein veganes Café/Bistro/Bar, in dem man abends auch zusammensitzen, etwas essen oder trinken und auch Billiard, Tischtennis, Tischfußball etc. spielen kann.

Literatur

Wenn man einen Reiseführer kaufen möchte, kann ich „Beirut“ von The Monocle Travel Guide Series empfehlen. Für die Famulatur habe ich mir ein „Medizinisches Englisch pocket“ für die Kitteltasche gekauft. Das war teilweise ganz praktisch, unbedingt notwendig ist es jedoch nicht.

Mitzunehmen

Notfalls kann man in Beirut alles kaufen. Allerdings sind einige Artikel sehr teuer. Ein Beispiel dafür ist Sonnencreme (ab ca. 20 USD) und auch andere Hygieneartikel und Kosmetika. Für Ausflüge zu religiösen Stätten würde ich luftige Kleidung mit langen Armen und Beinen mitnehmen. Wichtig ist auch, dass die Schultern bedeckt sind. Dafür reicht meist auch ein Tuch oder ein Schal. In Beirut kann man alles tragen. Im Krankenhaus verlangen einige Abteilungen formelle Kleidung. In der Chirurgie kann man alternativ jedoch auch einen (selbst mitgebrachten) Kasack unter dem Kittel tragen.

Reise und Ankunft

Die meisten Austauschstudenten kommen einige Tage vor Beginn des Austauschmonats an. Am Flughafen hat man 30 Minuten kostenlos WLAN. Ich wurde von meiner Kontaktperson vom Flughafen abgeholt und wir sind dann gleich mit allen Incomings essen gegangen. Am nächsten Tag musste zunächst der Papierkram erledigt werden. Dabei hilft einem die Kontaktperson. Bei mir hat es zwei Tage gedauert, bis ich meine ID-Card für die Klinik und die Cafeteria hatte. Dort hat man dann drei freie Mahlzeiten am Tag.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

An meinem ersten Tag in der „Cardiovascular Surgery“ wurde ich einem „Resident“ zugeteilt. Dieser war dann für den gesamten Monat mein Ansprechpartner und hat am Ende auch das Zertifikat unterschrieben. Er zeigte mir den OP, erklärte mir den Wäscheautomaten und die Kleiderordnung und stellte mich dem gesamten Team der Abteilung vor. Alle waren sehr freundlich und hilfsbereit und freuten sich über uns Austauschstudenten. Besonders die Atmosphäre im OP fand ich viel angenehmer als ich es bisher in Deutschland erlebt habe. Theoretisch hätte ich jeden Tag um 6.30 Uhr zur Visite kommen müssen. Dies wurde jedoch nicht so eng gesehen, sodass ich meist zwischen 8 und 9 Uhr morgens kam. An manchen Tagen hatten wir Ausflüge mit der Austauschgruppe geplant. Dann meldete ich mich einfach bei meinem Resident ab, der mir schon anfangs gesagt hatte, dass es ihm wichtig ist, dass ich Zeit habe, um das Land zu erkunden. Montags war ich mit einem der Oberärzte in der gefäßchirurgischen Ambulanz. An den anderen Tagen gab es Konferenzen, Seminare und in der restlichen Zeit war ich im OP. Wenn es in einer anderen chirurgischen Fachrichtung einen Eingriff gab, der mich interessierte, konnte ich auch dort zuschauen. Die Ärzte waren alle sehr freundlich und haben auch im OP sehr viel erklärt. Einwaschen durfte man sich in meiner Abteilung als Student nicht, man konnte das OP-Feld aber trotzdem gut sehen.

In den Seminaren habe ich viele libanesische Medizinstudenten kennengelernt. Viele von ihnen wollten nach dem Studium nach Amerika oder Europa, um dort ihre Weiterbildung zu machen und anschließend bessere Chancen auf eine gute Anstellung im Libanon zu haben. Viele wollten jedoch auch anschließend im Ausland bleiben. Das Medizinstudium kostet 40.000 USD jährlich und ist damit nicht jedem zugänglich. Die Seminare, die ich besucht habe, waren sehr gut strukturiert. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass die libanesischen Studenten wenig praktischen Unterricht hatten und ihr theoretisches Wissen dadurch häufig nicht auf den individuellen Patienten anwenden konnten. Insgesamt war sowohl im Studium als auch in der Klinik spürbar, dass Geld im libanesischen Gesundheitssystem eine große Rolle spielt. Je nach Versicherung bzw. Vermögen des Patienten wurden unterschiedlich teure Untersuchungen durchgeführt, die Ärzte in der Ambulanz wurden außerdem pro Patient bezahlt. In der AUB sieht man dadurch hauptsächlich wohlhabende Patienten. Das ist teilweise schade, da es hauptsächlich elektive OPs gibt und viele Notfälle eher in staatliche Krankenhäuser gebracht werden.

Land und Leute

Die Libanesen sind unglaublich gastfreundlich. Man lernt jeden Tag neue Leute kennen, die einem das Land zeigen möchten, einen zum Essen einladen oder Tipps für die besten Ausflugsziele geben. Ich habe mich dadurch zu keinem Zeitpunkt alleine oder hilflos gefühlt.
Das Land hat außerdem sowohl landschaftlich als auch kulturell sehr viel zu bieten. Unbedingt sehenswert sind Jeitta Grotto (eine wunderschöne Tropfsteinhöhle), Baalbek (beeindruckende römische Tempelanlagen, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehören), Harissa (eine christliche Pilgerstätte mit toller Aussicht über die Küste vor Jounieh), Tripoli (eine Stadt im Norden des Libanons, mit ihren Märkten, Hammams und der alten Seifenfabrik), Byblos (einer der ältesten besiedelten Orte der Welt), Cedars of God (einer der letzten Bestände der Libanon-Zeder) und Beit ed-Din (ein wunderschöner osmanischer Palast). Sehr empfehlenswert sind außerdem Ausflüge nach Arz Tannourine, wo man sehr gut wandern kann, Chouwen Lake zum Wandern und Schwimmen oder nach Faraya, wo man wunderschöne Sonnenuntergänge erleben kann. Für Strandtage kann ich besonders die zahlreichen Beachclubs vor Batroun empfehlen. Außerdem gibt es im Norden eine Insel namens Palm Island (auch Rabbit Island genannt), zu der von Tripoli aus regelmäßig Boote fahren. Wenn man nicht so weit fahren möchte, bieten sich natürlich der AUB Beach oder die Rooftop-Pools in Beirut (z.B. Pool d’Etat) an.
Durch das Social Program werden viele Sehenswürdigkeiten abgedeckt. Es lohnt sich also, den Austausch im Juli oder August zu machen, da es sonst sehr umständlich und auch teuer werden kann, die Orte zu besuchen. Neben dem Social Program haben wir eigene Ausflüge organisiert, indem wir die öffentlichen Verkehrsmittel genutzt, den Bus des Social Programs gemietet oder uns ein Auto geliehen haben.
Da es nicht immer einfach ist, die Startpunkte der Wanderungen zu finden, sollte man sich vorher z.B. auf living-lebanon.com informieren. Es lohnt sich definitiv, in die Berge zu fahren. Man sollte jedoch nicht vergessen, wärmere Kleidung mitzunehmen, da es oft deutlich kälter ist als an der Küste.
Auch in Beirut gibt es natürlich sehr viel zu entdecken. In der Hauptstadt des Libanons lebt fast die Hälfte der libanesischen Bevölkerung. Hier treffen Armut und Reichtum, verschiedene Religionen, ein pulsierendes Nachtleben, Museen, und Ausstellungen aufeinander. Während man im reichen Downtown die Beiruter Upperclass beim Shoppen sehen kann und in Gemmayzeh viele Kunstgalerien und tolle Bars zu finden sind, befindet sich nur wenige Kilometer weiter das ehemalige palästinensiche Flüchtlingscamp Chatila, das mittlerweile zu einem durch Armut gekennzeichneten Stadtviertel geworden ist. Hier stapelt sich der Müll am Straßenrand, Kinder laufen barfuß durch die dreckigen und engen Straßen zwischen heruntergekommenen Häusern und klapprigen Marktständen. Auch die Folgen des Bürgerkriegs sind in der ganzen Stadt in Form von leerstehenden Häuserruinen präsent. Die Viertel, die man unbedingt erkunden sollte sind Hamra, Gemmayzeh, Downtown, Saifi Village, Mar Mikhael, Badaro, Bourj Hammoud und Chatila. Alles in allem kann man in Beirut eine tolle Zeit haben. Das Nachtleben steht dem in Europa in nichts nach, überall sprießen neue Cafés, Bars, Clubs und hippe Boutiquen aus dem Boden. Man sollte dabei aber bedenken, dass auch die Preise denen in Europa ähneln, sie teilweise sogar übertreffen.

Fazit

Ich kann einen Aufenthalt im Libanon nur empfehlen. Neben der spannenden Famulatur, bei der man auch viel über das libanesische Gesundheitssystem lernt, erhält man einen Einblick in die libanesische Kultur, trifft viele interessante Menschen und kann innerhalb eines Monats den Großteil des Landes bereisen. Ich kann mir gut vorstellen, in ein paar Jahren noch einmal in den Libanon zu reisen.

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