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France (ANEMF)

Pädiatrie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Julia, Marburg

Motivation

Ich wollte gerne im Studium ins Ausland, weil ich bereits in der Schulzeit einen Austausch gemacht hatte und das als großartige Erfahrung erlebt habe. Neue Leute und deren Selbstverständlichkeiten kennenzulernen empfinde ich als großes Privileg.
Am liebsten hätte ich eine Famulatur in Island gemacht, weil ich die Mentalität der Menschen dort sehr sympathisch finde und das Land selbst landschaftlich auch unglaublich viel zu bieten hat.
Meine Zweit- und Drittwünsche waren Spanien und Frankreich. Bei beiden war mein Hintergedanke, dass ich gerne eine Chance hätte, meine Sprachkenntnisse in der Landessprache zu verbessern.

Vorbereitung

Die bvmd hat sich bei uns an der Uni jedes Jahr in der Einführungsveranstaltung vorgestellt. Daraufhin bin ich zu einem der beworbenen Infoabende gegangen. Die Zeit zwischen Zusage und Deadline für AF und CoD war sehr kurz. Der Zeitraum ist bei mir in die Weihnachtsferien gefallen und es war extrem viel Aufwand, in dieser Zeit die nötigen Dokumente und Bescheinigungen zu organisieren.

Visum

Für den Austausch nach Frankreich habe ich kein Visum gebraucht.

Gesundheit

Auch was Gesundheit angeht, habe ich keine speziellen Vorkehrungen getroffen bzw. treffen müssen. An Medikamenten habe ich nur das bisschen mitgenommen, was ich sonst auch in einen kurzen Urlaub mitnehmen würde (Halsbonbons und mal eine Schmerztablette zur Sicherheit).

Sicherheit

Ich habe eine Auslandskrankenversicherung für die Zeit der Famulatur abgeschlossen. Auf die Sicherheitslage im Land habe ich mich nicht speziell vorbereitet. Unsicher habe ich mich im Alltag nicht gefühlt, aber spätabends im Dunkeln alleine nach Hause zu laufen habe ich, auch auf Anraten meines LEOs, wann immer möglich vermieden.

Geld

In Frankreich wird wie bei uns in Deutschland mit Euro bezahlt, was mir die ganze Geschicht mit Geld tauschen erspart hat. Traveller Cheques hatte ich nicht und sie waren auch nicht nötig, akzeptiert werden sie aber an den meisten Orten. Selbst kleinste Beträge haben die Locals mit Karte bezahlt, eine Kreditkarte war daher praktisch. Wer Bargeld haben möchte, sollte sich vorher informieren, wo er kostenlos abheben kann, die Gebühren sind nämlich teilweise unverschämt hoch.

Sprache

Tours ist eine der wenigen Städte in Frankreich, die nicht zwingend Französischkenntnisse von den Incomings verlangen. Deshalb habe ich mich auf mein Englisch verlassen und gedacht, für den Notfall hatte ich ja einige Jahre Französisch in der Schule.
Mit dieser Einschätzung lag ich leider komplett falsch. Nicht einmal die Ärzte sprachen Englisch und ich hatte zu Beginn sehr große Probleme mit der Kommunikation. Die medizinischen Fachbegriffe waren noch das geringste Problem, da diese wie bei uns aus dem Latein oder Griechisch kommen, aber es werden unzählige Abkürzungen benutzt und die Alltagssprache hat wirklich wenig mit dem korrekten Schulfranzösisch zu tun.

Verkehrsbindungen

Ich habe mir einen Zug nach Tours gebucht: mit dem ICE nach Paris und von dort aus mit dem TGV nach Tours. Eigentlich eine sehr angenehme Art zu reisen. Man sollte allerdings wissen, dass die TGVs nicht von dem Bahnhof abfahren, an dem die ICEs ankommen und dementsprechend genug Umsteigezeit einplanen um mit der Metro durch die halbe Stadt zu fahren, sonst wird die Reise im Mittelteil sehr stressig.
Vor Ort habe ich mir ein Fahrrad gekauft und mich (abgesehen von einem Ausflug am Wochenende) ausschließlich damit fortbewegt. Alternativ gibt es auch ein bezahlbares Monatsticket für Bus und Tram.

Kommunikation

Ich hatte in meiner Unterkunft Zugang zum WLAN und habe mit meiner Familie und Freunden wie zu Hause auch übers Smartphone kommuniziert, einzelnen Personen Emails geschickt und ein paar Mal geskypet.

Unterkunft

Das Local Comittee hat mir eine Unterkunft organisiert. Ich habe mit einer anderen Medizinstudentin zusammen in ihrer Wohnung gewohnt. Sie war sehr nett und hat mir am Anfang viel geholfen. Die Wohnung war in einem einwandfreien Zustand, aber eigentlich deutlich zu klein für zwei Personen. Für diese begrenzte Zeit konnten wir uns aber ganz gut arrangieren.

Literatur

Abgesehen von den Informationen auf der Seite der Austausch Organisation habe ich vor Beginn des Aufenthaltes wenig gelesen. Als wir den ersten Entwurf des Social Programs bekommen haben, habe ich noch einige der Sehenswürdigkeiten gegoogelt, um mich entscheiden zu können, für welche Vorschläge ich abstimmen will.

Mitzunehmen

Angesehen von normaler Alltagskleidung habe ich vor allem darauf geachtet, dass ich genug lange Hosen dabei hatte, um ausreichend Kleidung für die Famulatur zu haben. Das stellte sich als komplett unnötig heraus, da die Angestellten in dem Krankenhaus sowieso alle kurze Hosen und offene Schuhe trugen. Auch den Kittel, den ich mitbringen sollte, habe ich nicht gebraucht, weil mir vom KKH einer gestellt wurde.

Reise und Ankunft

Meine Hinreise lief ziemlich problemlos. Am Bahnhof hat mich meine Mitbewohnerin/ Gastgeberin abgeholt. Ich kam freitagabends an und habe dann montags meine Famulatur begonnen. Einer der LEOs ist mit mir zum Krankenhaus gekommen und hat mir gezeigt, wo ich hin muss.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war zwei Wochen auf der pädiatrischen Normalstation eingeteilt und zwei Wochen auf einer Art IMC. Zusammen mit mir haben auch 11 französische StudentInnen am selben Tag ihr Praktikum in der Pädiatrie begonnen, sodass ich in der Menge etwas untergegangen bin. Es gab eine Einführung, bei der ich reichlich wenig verstanden habe und danach eine Führung durch alle Bereiche der Abteilung. Offizieller Arbeitsbeginn morgens war 8:30, aber oft waren die Ärzte erst später da. Morgens gab es eine Besprechung, an manchen Tagen nur von der Station, an bestimmten anderen Tagen mit allen Ärzten der Fachabteilung gemeinsam. Danach folgte die Visite, bei der alle Kinder besucht wurden, oft war es dann schon Zeit fürs Mittagessen, das dort eine extrem wichtige Sache war. Man isst gemeinsam, ausgiebig und entspannt. Dass die Mittagspause ausfallen gelassen wird, wie ich es in Deutschland aus Zeitmangel schon oft erlebt habe, stand dort nie auch nur annähernd zur Debatte. Nachmittags fanden Untersuchungen und Neuaufnahmen statt. Insgesamt waren die StudentInnen deutlich länger im Krankenhaus als ich das von meinen vorherigen Famulaturen kannte. Und das, obwohl es eigentlich nicht sehr viel zu tun gab. Oft mussten wir uns selbst irgendeine Beschäftigung suchen, zum Beispiel mit den fitteren Kindern etwas spielen oder malen. In der Beschreibung der IFSMA stand, dass es sich um ein „observational“ Praktikum handele und das traf es ziemlich gut. Ich habe viel zugeschaut und nur wenig selbst arbeiten können. Dafür bin ich jetzt relativ gut darin, französische Arztbriefe zu verfassen.
In Frankreich funktioniert die ärztliche Ausbildung bzw. das Studium anders als in Deutschland. Die ersten drei Jahre sind komplett an der Uni ohne jeglichen Praxisbezug. Auch ein praktisches Jahr am Ende Studiums gibt es nicht. Dafür haben die angehenden Ärzte und Ärztinnen in den letzten drei Jahren des Studiums (in dieser Zeit werden sie „externes“ genannt) immer abwechselnd sechs Wochen Vorlesungen an der Uni und dann 6 Wochen Praktikum im Krankenhaus. Je nachdem, an welcher Uni und in welcher Fachrichtung sie das Praktikum (das „Externat“) machen, kann es allerdings passieren, dass sie trotz dieses Konzepts nur wenig praktische Erfahrungen sammeln können und eher die Arbeit einer Sekretärin erledigen müssen. Auf das dreijährige Externat folgt dann ein großes nationales Examen und anhand der Ergebnisse dieses Examens werden landesweit die Plätze für das „Internat“ (vergleichbar mit unserer Facharztausbildung) vergeben.

Land und Leute

Die LEOs hatten ein wirklich tolles und abwechslungsreiches Social Programm für uns zusammengestellt. Das Loire Tal rund um Tours ist vor allem für seine vielen tollen Schlösser bekannt, also haben wir natürlich einige davon besichtigt. Außerdem waren wir mindestens einmal pro Woche zusammen in der Stadt etwas essen und /oder trinken. Ein persönliches Highlight für mich war die National Food and Drink Party, bei der jeder von uns Incomings ein Gericht aus seinem Heimatland gekocht hat. Grade weil die anderen aus Marokko, Zypern und Taiwan kamen, entstand ein wirklich sehr buntes Buffet, voll mit unglaublich vielen leckeren Hauptspeisen und Nachtischen.
Ganz am Anfang haben wir eine kleine Stadtführung bekommen, an einem anderen Tag haben wir die Lichtshow an der Kathedrale bewundert. Im Laufe des Monats waren wir Kanu fahren, im einem Kletterwald und schwimmen. Den Besuch des Schlosses Villandry und der dazugehörigen Gärten haben wir mit einer Fahrradtour verbunden. Drei von uns haben außerdem einen Tagestrip nach Paris gemacht. Objektiv gesehen war das Verhältnis von Zeit im (leider ziemlich unzuverlässigen) Flixbus und Zeit vor Ort alles andere als gut, aber für mich hat es trotzdem gelohnt und wir haben so viele Sehenswürdigkeiten wie möglich in die verfügbare Zeit gepackt. Das Wetter war, wie fast überall in Europa diesen Sommer sehr warm und sonnig und ich habe überhaupt nur ein einziges Mal einige wenige Regentropfen gesehen. Für die vielen Outdoor Aktivitäten, die wir geplant hatten, war das natürlich von Vorteil.
Außerhalb vom Krankenhaus und dem Social Programm hatte ich eher wenig Kontakt mit den Einheimischen, von meiner Mitbewohnerin einmal abgesehen. Wirklich unangenehme Erfahrungen habe ich glücklicherweise nicht gemacht, allerdings war ich abends und nachts, wenn ich in der Stadt unterwegs war, jedes Mal froh, mein Fahrrad zu haben und nicht zu Fuß zu sein, spätestens nachdem mir meine Kollegen dringend davon abgeraten hatten, nachts alleine in der Stadt zu sein.
Mit Abstand die angenehmste Erfahrung war definitiv zu merken, wie ich wirklich von Tag zu Tag mehr von der Sprache verstanden habe und langsam auch mutig genug wurde, um selbst etwas auf Französisch zu sagen. Es war ein gutes Gefühl, mit immer weniger Problemen mit den Menschen kommunizieren zu können und außerdem zu merken, dass 7 Jahre Französischunterricht und Vokabeln pauken in der Schule nicht umsonst gewesen sind.
Natürlich war es auch jedes Mal schön, zu beobachten, wie es den Kindern auf der Station immer besser ging, sodass viele von ihnen bald wieder nach Hause durften. Aber auch die Kinder, die wirklich lange Zeit auf der Station waren und bei denen keine baldige Entlassung absehbar war, waren fast immer gut gelaunt und ihrer Erkrankung oft unglaublich positiv gegenüber eingestellt.

Fazit

Der Austausch war im Endeffekt sehr anders, als ich es erwartet hatte, aber ich bin trotzdem sehr froh, diese Erfahrung gemacht zu haben. Prinzipiell kann ich kann mir gut vorstellen, noch einen weiteren Auslandaufenthalt zu absolvieren, um ein weiteres Land kennenzulernen oder eine weitere Sprache zu lernen.
Neben den erworbenen Sprachkenntnissen ist ein weiterer positiver Effekt der Zeit im Ausland, dass mir deutlich vor Augen geführt wurde, dass unser Studium in Deutschland gar nicht so schlecht ist.

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