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Hungary (HuRMSIC)

Radiologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Susann, Dresden

Motivation

Meine Motivation für eine Famulatur im Ausland lag hauptsächlich in dem Wunsch, ganz klassisch „etwas Neues“ kennenzulernen. Während des Medizinstudiums bieten sich viele Gelegenheiten, Erfahrungen im Klinikalltag in Krankenhäusern des deutschen Gesundheitssystems zu sammeln. Mir ist es wichtig, diese durch Vergleiche mit Eindrücken aus anderen Systemen besser bewerten zu können.

Vorbereitung

Von der Möglichkeit Auslandsfamulaturen über die bvmd zu machen, habe ich in der Uni gehört und besuchte daraufhin einen Info-Abend. Ich entschied mich dafür, mich - trotz geringer Chancen auf einen Platz aufgrund einer geringen Bewerbungs-Punktzahl - für eine Famulatur nach dem 6. Semester zu bewerben.
Daraufhin absolvierte ich über die Hochschule eine Sprachprüfung für ein Sprach-Zertifikat, da dieses bereits Voraussetzung für die Bewerbung ist. Außerdem setzte ich mich mit der bvmd-Studenten-AG unserer Uni in Verbindung.
Wie erwartet, erhielt ich vorerst keine Zusage in meinen drei angegebenen Ländern und bewarb mich daher erneut auf einen Restplatz und bekam schließlich einen Platz in Ungarn.
Danach kümmerte ich mich um Versicherungen (wobei ich mich an die Empfehlung der bvmd gehalten habe), ließ den Impfnachweis von meinem Hausarzt ausfüllen, besorgte mir einen Termin zum Thorax Röntgen und suchte nach passender Literatur.
Ich würde empfehlen, alle Unterlagen bezüglich des eigenen Gesundheitsstatus rechtzeitig zu besorgen – bei mir wurde das am Ende leider etwas knapp und stressig.

Visum

Da Ungarn Mitglied der EU ist, war kein Visum nötig.

Gesundheit

Ich habe generell keine speziellen Vorkehrungen hinsichtlich meiner Gesundheit getroffen. Allerdings wird für eine Famulatur in Ungarn ein negativer Tuberkulose-Test (ein Thorax-Röntgen ist highly recommended), sowie ein Impf-Nachweis verlangt. Beides habe ich über meinen Hausarzt im Vorfeld besorgen können, der mich schließlich zum Radiologen überwiesen hat. (Unter der Angabe von „anhaltendem Husten“ war das Röntgen kostenlos, ansonsten hätte es ca. 35€ gekostet.)

Sicherheit

Auch bezüglich meiner Sicherheit habe ich keine speziellen Vorbereitungen getroffen. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicherer als in Deutschland gefühlt und habe mich dementsprechend verhalten (dass man durch touristische Orte nicht mit offenen Taschen schlendern oder nachts alleine durch einsame Parks streunern sollte, sollte ja selbstverständlich sein).

Geld

In Ungarn wird mit Forint gezahlt, was teilweise gar nicht so leicht umzurechnen ist (1000 HUF sind ca. 3 €). Das Geld habe ich einfach mit einer Visa-Card am Automaten am Flughafen sowie später in Szeged selbst abgehoben. Die Automaten zeigen jeweils den Wechselkurs an, der natürlich etwas schlechter ist, als der, der man offiziell im Internet findet, aber dafür fallen an den meisten Automaten keine Extragebühren an. Außerdem gibt es die Möglichkeit, in Wechselstuben Euro gegen HUF einzutauschen, was ich selbst aber nicht ausprobiert habe. Ich hatte den Eindruck, dass Kartenzahlungen ähnlich verbreitet sind, wie in Deutschland – prinzipiell ohne Probleme möglich, allerdings nicht in kleinen Läden.
Die Lebenshaltungskosten sind allgemein etwas niedriger als in Deutschland.

Sprache

In Ungarn wird (surprise surprise) Ungarisch gesprochen. Ich habe im Vorfeld keine Zeit gehabt, einige Phrasen zu lernen und habe mich daher darauf verlassen, mich mit Englisch, Deutsch, Händen und Füßen verständigen zu können. Das hat im Alltag zum größten Teil auch ganz gut geklappt. Besonders unter jungen Leuten kann man gut auf Englisch kommunizieren. Unter Älteren ist das schwieriger, aber meist nehmen sie es einem nicht übel, wenn man kein Ungarisch kann und versuchen bestmöglich Zeichensprache zu verstehen (vielleicht, weil sie wissen, dass Ungarisch eine schwere Sprache ist).
Im Krankenhaus war das Ganze etwas schwieriger, da tatsächlich weniger Ärzte Englisch oder Deutsch sprechen konnten, als ich erwartet hatte. Ich habe schließlich einen jungen Facharzt gefunden, der fließend Englisch sprechen konnte und einen anderen, mit dem ich mich auf Deutsch verständigt habe. Darüber hinaus war die Kommunikation schwierig.

Verkehrsbindungen

Ich habe mich dafür entschieden, nach Budapest zu fliegen und von dort mit dem Zug nach Szeged zu fahren, was sehr gut gepasst hat. Der Hinflug hat mich von Berlin nach Budapest inklusive Gepäck bei RyanAir ca. 55€ gekostet. Vom Flughafen bin ich dann mit dem Bus 200E für 300HUF (Einzelfahrt) Zum Bahnhof Köbanya-Kispest gefahren. Dort war es gar nicht so einfach, den eigentlichen Bahnhof zu finden, der sich ein Stück entfernt von der Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite befindet. Nachdem ich dort mithilfe von Durchfragen angekommen war, habe ich am Schalter ein Zugticket nach Szeged gekauft (ca. 5000 HUF) und konnte dann bequem ohne Umstieg durchfahren. Der Zug fährt ca. einmal pro Stunde. Genauere Informationen könnt ihr hier finden: https://www.mavcsoport.hu/de
Für den Rückweg habe ich mich der Umwelt zuliebe für das Zugfahren entschieden und habe über die Deutsche Bahn ein Ticket für einen EC von Szeged nach Dresden bestellt (ca. 50€), das mir in das Wohnheim nach Szeged geschickt wurde. Insgesamt war ich damit zwar gut 10 Stunden unterwegs, fand diese Reisemöglichkeit jedoch entspannter.
In Ungarn selbst habe ich an öffentlichen Verkehrsmitteln nur die Züge für Ausflüge nach Budapest und zum Balaton genutzt und war damit sehr zufrieden. Zugtickets werden am Schalter gekauft und sind wesentlich günstiger als in Deutschland (3000-5000HUF) Die Züge sind recht verlässlich und können über die oben angegebene Internetseite verfolgt werden.

Kommunikation

In Zeiten des kostenlosen Roamings innerhalb der EU ist dieser Punkt eher hinfällig. Via mobiler Daten konnte ich uneingeschränkt nach Hause kommunizieren. Außerdem gab es sowohl im Wohnheim als auch den Kliniken, sowie weiteren Universitätsgebäuden freies WLAN über Eduroam.

Unterkunft

Gemeinsam mit einer anderen IFMSA-Austauschstudentin aus der Tschechischen Republik bin ich im Gastraum des Jancsó Miklós Kollégium, einem Wohnheim für Medizinstudierende direkt am Klinikum, untergekommen. Darum hatte sich im Vorfeld die Organisation gekümmert, sodass wir ohne Probleme direkt unser Zimmer beziehen konnten.
Wir hatten ein 2-Bettzimmer mit eigenem Bad und separater Toilette, sowie einem Kühlschrank im Wohnraum. Außerdem hätten wir eine Gemeinschaftsküche, welche mit Herd, Backofen, Mikrowelle, Toaster und Waschbecken (also keinem Wasserkocher) ausgestattet war, nutzen können. Leider war dies kaum möglich, da dafür eigene Kochutensilien wie Töpfe nötig gewesen wären, die wir nicht mitgebracht hatten. Im Zimmer befanden sich auch nur 2 Tassen, 2 Teller sowie eine kleine Schüssel, sodass man eventuell auch Geschirr mitbringen sollte.
Das Wohnheim ist definitiv nicht modern und es ist alles andere als ruhig dort, aber für die Zeit von einem Monat fand ich die Unterkunft sehr in Ordnung – hatte irgendwie Jugendherbergs-Charme.

Literatur

Für den Aufenthalt in Ungarn hatte ich mir aus der Bibliothek einen Ungarn Reiseführer ausgeliehen und würde das definitiv jedem empfehlen, da dieser sehr praktisch für die Planung von Wochenendausflügen war und auch darüber hinaus einige wertvolle Tipps enthielt. Zusätzlich hatte ich mir Fachbücher ausgeliehen, in denen ich lesen konnte, wenn es im Krankenhaus gerade nichts zu tun gab. Ein Wörterbuch ist meiner Meinung nach nicht notwendig, allerdings fand ich das deutsch-ungarisch Wörterbuch der App dict.cc hin und wieder ganz hilfreich.

Mitzunehmen

Generell habe ich für ca. 10 Tage gepackt, was völlig ausreichend war, da ich im Wohnheim die Möglichkeit hatte zu waschen. Angemessene Kleidung für die Klinik sowie Kittel sollte man nicht vergessen. Außerdem würde ich empfehlen, ein paar wichtige Küchenutensilien mitzunehmen, da praktisch nichts vor Ort ist und sich die Selbstversorgung ansonsten schwierig gestaltet.

Reise und Ankunft

Da meine Famulatur am Montag beginnen sollte, entschied ich mich dafür, am Sonntagmorgen anzureisen. Die Anreise (die bereits bei „Verkehrsanbindung“ beschrieben ist) verlief reibungslos. Ich hatte keine Probleme, nach Szeged zu kommen und wurde dort am Bahnhof von einer Kontaktperson, die sogar deutsch sprach, abgeholt. Dann wurde mir das Wohnheim gezeigt und ich bekam etwas Hilfe beim „check-in“, was sehr nett war, da die Sprachbarriere den Prozess sonst definitiv komplizierter gemacht hätte. Danach haben wir einen kleinen Spaziergang durch die Stadt gemacht und sind Mittag essen gegangen, bevor ich am Nachmittag dann mein Zimmer bezogen und meine Mitbewohnerin kennengelernt habe. Am nächsten Morgen sollten wir von einer anderen Kontaktperson im Wohnheim abgeholt werden, um auf die entsprechenden Stationen gebracht und dort vorgestellt zu werden. Leider kam Kontaktperson Nummer 2 komplett verkatert eine Stunde zu spät, jedoch war unsere Verspätung im Krankenhaus kein Problem. Wir wurden jeweils einem Arzt vorgestellt und dann uns selbst überlassen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Für die Famulatur hatte ich mir als Fachgebiet die Radiologie ausgesucht, da ich nach einer Richtung gesucht habe, in der die Kommunikation mit den Patienten nicht essentiell ist und ich im vorherigen Semester den Kurs Radiologie abgeschlossen hatte, sodass ich in der Famulatur eine gute Möglichkeit für die Wiederholung der Lerninhalte sah.
An meinem ersten Tag wurde ich an einen etwas gestressten jungen Facharzt übergeben, der offensichtlich nicht begeistert davon war, sich jetzt um mich kümmern zu dürfen. Allerdings hat er sich seinem Schicksal relativ schnell ergeben und sich mit der Rolle, mein Mentor sein zu dürfen, angefreundet. Dieser Arzt war einer der wenigen Radiologen, die sowohl Englisch sprachen als auch das fachliche Wissen hatten, um Studenten zu betreuen – ansonsten gab es zwar die jungen Assistenzärzte, die Englisch sprachen, aber bereits mit ihrer eigen Arbeit gut ausgelastet waren oder aber die erfahrenen Ärzte, die weder englisch noch deutsch sprachen.
Generell hatte ich das Gefühl, dass sich außer meinem Mentor und einem deutsch sprechenden Radiologen niemand so richtig für mich interessiert hat und alle recht fokussiert auf ihre eigene Arbeit (die Lehre wohl nicht miteinschließt) waren.
So hielt ich mich an die beiden Ärzte und folgte ihnen während meines Aufenthaltes an verschiedene Stationen. Die Radiologen des Klinikums waren nach einem Rotationssystem jeden Tag anderen Bereichen zugeordnet, sodass ich mich in der Sonografie, der Notfall-Sonografie, der Röntgen-Abteilung und der CT-/MRT-Auswertung aufhielt.
Meistens saß ich neben dem jeweiligen Arzt und habe mir erklären lassen, nach welchen Gesichtspunkten die Bilder ausgewertet werden und Fragen zu den zugrundeliegenden Krankheiten gestellt. Generell war das Ganze also sehr theoretisch. Nur gelegentlich konnte ich bei kleinen Eingriffen, wie Sonografie-gestützten Biopsien zuschauen. Es scheint außerdem üblich zu sein, dass Studenten ausschließlich hospitieren und nicht praktisch angeleitet werden (so durfte ich beispielsweise in der gesamten Zeit nur einen Ultraschall selbst machen), aber damit hatte ich nach dem Lesen anderer Erfahrungsberichte gerechnet. In Phasen, in denen die Ärzte keine Zeit für mich hatten, las ich in meinen Fachbüchern oder habe einfach Feierabend gemacht. Im Allgemeinen konnte ich meine Arbeitszeiten komplett frei gestalten und kommen und gehen, wann ich wollte – da waren alle sehr entspannt. Da ich aber schon ein wenig lernen wollte, bin ich meistens von 8:30 bis 15:30 Uhr geblieben.
Über das ungarische Gesundheitssystem habe ich viel in Gesprächen mit meinem Mentor erfahren, der mir sowohl die krankenhausinterne Organisation als auch generelle Aspekte erklärt hat, worüber wir anschließend viel diskutiert haben. Wie man das System am Ende bewertet, würde ich jedem selbst überlassen. Was mir jedoch sehr prägend in Erinnerung geblieben ist, war die anhaltende große Bedeutung der Korruption und die Einstellung von Politik, Ärzten und Patienten dazu.

Land und Leute

In Ungarn und Szeged habe ich mich generell sehr wohl gefühlt. Die Stadt kann man ganz gut als kleine gemütliche Studentenstadt bezeichnen. Es gibt eine schöne Innenstadt mit vielen tollen Cafés, einigen Parks und verschiedensten Einkaufsmöglichkeiten, aber an sich steppt dort auch nicht unbedingt der Bär. In meiner Freizeit habe ich viel mit meiner Mitbewohnerin gemacht. Gemeinsam sind wir durch die Stadt geschlendert, waren im Anna-Thermalbad, haben den Dom besichtigt und waren sehr viel Eis essen. Außerdem waren hin und wieder Events der Medizinstudierenden, wie eine Kneipentour oder Dorm-Partys, an denen wir teilgenommen haben. Im September findet außerdem jährlich das Wein-Festival in Szeged statt, das wir besuchten.
Für die Wochenenden hatten wir zu zweit Ausflüge geplant (da es im September leider kein offizielles Social-Program durch die LOREs/LEOs vor Ort gab).
An unserem ersten gemeinsamen Wochenende sind wir nach Budapest gefahren. Mit dem Zug, der ganz unkompliziert durchfährt, und einer AirBnb-Unterkunft war das bezahlbar und hat sich definitiv gelohnt. Besonders dank einer FreeWalking-Tour bekamen wir einen guten Eindruck von der Stadt und haben die restliche Zeit genutzt, um uns einfach etwas treiben zu lassen.
Für das zweite Wochenende entschieden wir uns für einen Ausflug zum Balaton, das Urlaubsziel schlechthin in Ungarn. Die Anreise dorthin war etwas komplizierter und beschwerlicher, war es jedoch vollkommen wert. Wir haben uns eine AirBnb-Unterkunft am Nordufer des Sees nahe der Halbinsel Tihany mitten in den Weinbergen genommen und waren von dort aus wandern. Die Umgebung ist traumhaft und ich würde es auf jeden Fall empfehlen, zum Balaton zu fahren, obwohl sich das vermutlich eher für ein verlängertes Wochenende eignet.
Wäre noch mehr Zeit gewesen, hätte ich außerdem gerne Pecs besucht, da diese Stadt ebenfalls sehr schön sein soll.

Generell habe ich mich recht wohl in der ungarischen Bevölkerung gefühlt. Zwar stößt man relativ schnell auf Sprachbarrieren, da Englisch besonders ab einem bestimmten Alter nicht so verbreitet ist, aber trotzdem geben sich die Menschen meistens größte Mühe, weiterzuhelfen. Eventuell liegt das in Szeged auch einfach daran, dass die Menschen internationale Studenten gewöhnt sind. Generell habe ich die Ungaren als sehr freundlich und hilfsbereit wahrgenommen. Es fällt aber auch auf, dass sich der Lebensstandard ein wenig von unserem unterscheidet. So werden beispielsweise öffentliche Verkehrsmittel viel stärker genutzt und viele Menschen haben mehr als einen Job, um sich einen gewissen Lebensstandard leisten zu können.
Die politischen und wirtschaftlichen Probleme des Landes sind mir während meines Aufenthaltes im Alltag nicht aufgefallen, jedoch habe ich wahrgenommen, dass sich die Menschen sehr vorsichtig und zurückhaltend sind, sich kritisch über die Politik zu äußern.

Fazit

Abschließend würde ich sagen, dass die Famulatur ziemlich genau meinen Erwartungen entsprochen hat. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass mir die Zeit in Szeged großartigen medizinischen Wissenszuwachs bringen würde oder ich mit einer engen Betreuung rechnen könnte, sodass ich letztendlich auch nicht enttäuscht war, als genau das eingetreten ist. Mir war es wichtig, etwas Neues kennenzulernen und viele Eindrücke in einem anderen Land, mit anderer Studentenkultur und anderem Krankenhausalltag zu sammeln und das hat gut geklappt. Außerdem hatte ich generell einen sehr entspannten Monat mit vielen Nachmittagen mit Eis und Sonnenschein im Café und schönen Ausflügen.
Ich würde allerdings empfehlen, eine Famulatur in Szeged im Juli oder August zu machen, da in diesen Zeiträumen ein Social-Program angeboten wird und viel mehr internationale Studenten vor Ort sind.

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