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Brazil (DENEM)

Radiologie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Lena Maria, Voerde

Motivation

Ich habe eine Famulatur in Brasilien gemacht, weil mich Medizin in anderen Teilen der Welt sehr interessiert. Brasilien habe ich mir ausgesucht, weil ich wusste, dass sich die Medizin und auch das Gesundheitssystem sehr stark von dem hier in Deutschland unterscheidet. Ich erhoffte mir auch, Krankheitsbilder zu sehen, die man in Deutschland und Europa eigentlich gar nicht mehr oder nur sehr selten sieht, entweder weil sie hier nicht existieren oder weil sie schon in frühen Stadien therapiert werden und dann kein größeres Ausmaß annehmen. Oft ist es auch so, dass man in Ländern wie Brasilien viel mehr selbstständig machen darf und so viel mehr mitnehmen kann.
Natürlich war ich auch sehr neugierig auf das Land und die Leute und wollte auch meine Sprachkenntnisse auffrischen und ausweiten.

Vorbereitung

Die Einreise und Vorbereitung für Brasilien ist eigentlich ganz unkompliziert. Wenn man einen deutschen Pass hat, braucht man kein Visum. Ratsam ist es, einen Portugiesisch-Sprachkurs vorher zu machen. Die Ärzte sprechen zwar fast alle Englisch, allerdings kann man das von den Patienten nicht behaupten und auch die Ärzte trauen sich nicht immer einen auf Englisch anzusprechen. Es hilft auch schon, wenn man gutes Spanisch kann, damit kann man schon viel verstehen. Man muss sich auch daran gewöhnen, dass die Brasilianer etwas anders arbeiten als hier in Deutschland, d.h. wenn man eine Email hinschreibt kann es entweder mehrere Wochen dauern bis eine Antwort kommt, oder es kommt einfach gar keine ;-)

Visum

Mit einem deutschen Pass ist ein Visum für Brasilien nicht nötig.

Gesundheit

Für Brasilien braucht man eine Gelbfieberimpfung und je nachdem wo man landet oder wo man vielleicht vorher oder nachher rumreist, eine Malaria-Prophylaxe. Die üblichen Impfungen wie Hep A und Hep B sollte man natürlich auch haben.
Eine Auslandskrankenversicherung muss man auch vorher abschließen. Ich empfehle die Krankenversicherung bei der Apobank. Die ist für Studenten kostenlos und total unkompliziert.

Sicherheit

Wenn man an Brasilien denkt, kommen einem direkt Überfälle, bewaffnete Strassengangs und die Favelas in den Sinn. So habe ich auch gedacht und außer meiner Kamera und meinem Handy auch keine weiteren Wertsachen mitgenommen. Ich habe auch nie viel Bargeld mit mir rumgetragen, sondern alles mit Kreditkarte bezahlt, wobei ich zwei mitgenommen habe und eine immer bei mir getragen habe und eine dann Zuhause bzw. im Hostel gelassen, für den Fall, dass eine geklaut wird. Es empfiehlt sich auch, eine Bauchtasche zu kaufen, die eng anliegt und in der Platz für das Handy und die Kreditkarte ist. So hat man immer alles am Körper. Und falls man einen Rucksack trägt, würde ich auf jeden Fall ein kleines Vorhängeschloss anbringen.
Die Favelas würde ich auch unter allen Umständen meiden, gerade als Tourist würde ich kein Risiko eingehen. Falls ihr eine Kamera mitnehmen wollt, würde ich die nie sichtbar umhängen lassen, sondern unter dem Pulli tragen.
Wenn man sich an ein paar Regeln hält und seinen gesunden Menschenverstand einschaltet, passiert auch nichts, aber man sollte sich von der Vorstellung verabschieden, dass man sich frei bewegen kann wie in Deutschland. Einsame Orte meiden, nicht spät am Abend oder nach Mitternacht alleine durch die Straßen ziehen und keine wertvollen Gegenstände offen herumtragen. Ich war mit einer Freundin da, und wir wurden nicht ein einziges Mal beraubt oder waren gefährlichen Situationen ausgesetzt, haben uns aber klar an die o.g. Regeln gehalten.

Geld

Die Währung in Brasilien ist der brasilianische Real. Verglichen mit dem Euro ist das super, da 1 Euro ungefähr 4 Real sind und somit dort für uns alles ziemlich günstig ist. Wie oben erwähnt, würde ich alles mit Kreditkarte bezahlen, damit man nicht mit viel Geld herumlaufen muss. Anders als in Deutschland kann man wirklich überall mit Kreditkarte bezahlen, auch die kleinsten Beträge. Essen konnte man umgerechnet schon so ab 2-3 Euro.

Sprache

In Brasilien wird Portugiesisch gesprochen und die Allgemeinbevölkerung spricht auch eigentlich ausschließlich Portugiesisch. Daher empfiehlt es sich schon einen Portugiesisch-Sprachkurs zu machen. Auch in der Klinik bekommt man einfach mehr mit, wenn man die Sprache versteht. Die Ärzte sprechen aber fast alle Englisch und erklären auch relativ viel.

Verkehrsbindungen

Um nach Brasilien zu gelangen muss man natürlich fliegen. Wenn man frühzeitig bucht, kann man ungefähr mit 700 Euro für Hin- und Rückflug rechnen. Da man seinen Famulaturort erst sehr spät genannt bekommt, haben wir uns dafür entschieden, erst einmal Flüge nach Rio de Janeiro zu buchen, da dies eh auf unserer Sightseeing-Liste stand. Den Flug nach Joao Pessoa haben wir dann später für ca. 100 Euro gebucht.
In Joao Pessoa selbst kann man gut die Fahrer-Vermittlung Uber nutzen, eine super günstige und sichere Alternative zu Bus oder Taxi. Ansonsten sieht es mit öffentlichen Verkehrsmitteln eher schwierig aus, da diese sehr unübersichtlich und gefährlicher sind. Die Studenten vor Ort fahren meistens in Fahrgemeinschaften oder mit ihrem eigenen Auto.
Für Ausflüge kann man allerdings gut offizielle Reisebusse oder Flüge nutzen.

Kommunikation

Die Studenten haben mir direkt am ersten Tag geholfen eine Sim-Karte für mein Handy zu besorgen, ich habe ca. 10 Real pro Woche für eine Telefon-Flat und Internet bezahlt, was super ausgereicht hat. Ansonsten gab es bei meiner Gastfamilie, im Institut oder auch in Geschäften/Restaurants freies WLAN.

Unterkunft

Ich hatte mich zusammen mit einer Freundin für die Famulatur beworben und wir wurden auch dem gleichen Krankenhaus in der gleichen Stadt zugeteilt. Wir waren in verschiedenen Gastfamilien untergebracht, was wirklich super war. Man kam direkt mit Einheimischen in Kontakt und es sind wunderbare Freundschaften dadurch entstanden. Ich hatte mein eigenes kleines Zimmer plus Bad, aber das kommt natürlich auf die jeweilige Gastfamilie an. Ansonsten wurde mir dort alles gestellt (Bettwäsche, Handtücher etc.), allerdings hatte ich mir dennoch alles selbst mitgebracht, da ich dies vorher nicht wusste. Ich wurde in meiner Gastfamilie auch komplett verpflegt, die Brasilianer sind was das angeht unheimlich zuvorkommend und gastfreundlich.

Literatur

In dem radiologischen Institut gab es eine Bibliothek, die wir nutzen durften. Ansonsten haben wir auch einfach viel gegoogelt, wenn wir etwas nachschlagen wollten.
Wenn man noch herumreisen möchte, kann ich den Lonely Planet Brasilien empfehlen, da findet man viele gute Tipps.

Mitzunehmen

Ich habe mein Gepäck ziemlich minimiert, da ich nach der Famulatur noch mit meinem Backpacker-Rucksack herumgereist bin. Was ich auf jeden Fall empfehlen kann, ist ein Schlafsackinlay mitzunehmen. Man weiß nie vorher wie der Aufenthaltsort letztendlich aussieht und so ist man auf der sicheren Seite was die Hygiene angeht. Ich hatte außerdem noch ein Mückennetz dabei, das ich nicht unbedingt gebraucht hätte. Zu der Jahreszeit waren kaum Mücken unterwegs.

Reise und Ankunft

Die Anreise mit dem Flieger lief problemlos. Wir wurden direkt am Flughafen von einem brasilianischen Studenten empfangen. Jeder Austauschstudent bekommt eine/n „godfather/godmother“, der einen vom Flughafen abholt, einem am ersten Tag zum Famulaturort bringt und primäre Ansprechpartner vor Ort ist. Meine „godmother“ war leider im Urlaub als ich ankam und hatte mich eine Woche später erwartet. Die Brasilianer sind leider was das angeht ziemlich unorganisiert. Ein Glück war der „godfather“ meiner Freundin da, der mich dann auch vom Flughafen mitgenommen hatte. Dieser hat uns dann zu unseren Gastfamilien gebracht, die uns allerdings auch erst zu einem späteren Zeitpunkt erwartet hätten. Südamerika halt :D Sehr unorganisiert, aber auch sehr spontan. War für unsere Gastfamilien überhaupt kein Problem, das wir plötzlich vor deren Türen standen. Sie haben uns herzlich empfangen, alles also gut gegangen.
Direkt am nächsten Tag startete unsere Famulatur, wir wurden von dem „godfather“ meiner Freundin zum Institut gebracht und dort dem für uns verantwortlichen Arzt vorgestellt. Dieser erklärte uns die Abläufe, wann wir wo sein sollten und stellte uns den anderen Mitarbeitern vor.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Wir haben unsere Famulatur im radiologischen Institut CETRAS gemacht. Am ersten Tag wurden wir von dem Institutsleiter sehr nett begrüßt und über alle Dinge informiert, wie zum Beispiel die Arbeitszeiten oder Arbeitsabläufe. Er war sehr daran interessiert, uns alles zu zeigen, uns herzlich Willkommen zu heißen und unsere Erwartungen und Vorstellungen von dem Praktikum zu besprechen. Vormittags waren wir immer im Sao Vicente Hospital und liefen dort mit den Ärzten mit, hauptsächlich bei den Ultraschalluntersuchungen, die Sache der Radiologen in Brasilien sind. Jeden Tag waren sozusagen andere Fachbereiche dran, wie zum Beispiel gynäkologische, unfallchirurgische oder orthopädische Ultraschalluntersuchungen. Am Nachmittag waren wir dann im Institut selbst, wo wir uns entweder Vorträge angehört haben oder verschiedene Fälle besprochen und uns dazu die Röntgen/CT/MRT-Bilder angeschaut haben.
Es kam immer stark darauf an, welcher Arzt gerade vor Ort war. Manche waren sehr motiviert und haben viel erklärt, manche eher weniger. Manchmal saßen wir am Nachmittag alleine mit einem Oberarzt zusammen, der sich extra Zeit genommen hatte, Fälle mit uns durchzusprechen, was super interessant war. Manche Ärzte konnten super Englisch, manche nur Portugiesisch, was es für uns dann manchmal schwer gemacht hat ihnen zu folgen. Trotzdem konnte man jederzeit Fragen stellen und alle waren sehr bemüht diese dann auch zu beantworten, notfalls auch mit google translate.

Uns ist aufgefallen, dass die Ärzte dort weniger zu tun hatten, als wir es aus Deutschland kannten. Teilweise haben wir nur 3-4 Patienten am Vormittag gesehen. Dafür haben sich die Ärzte aber auch für die Patienten immer sehr viel Zeit genommen und auch die Ärzte untereinander haben sich viel gezeigt und erklärt. Auch die hierarchischen Strukturen unter den Ärzten war weniger stark ausgeprägt als in Deutschland. Zumindest machte es so den Anschein, wenn die Chefärzte sich mit den Assistenzärzten berieten. Allerdings waren wir auch in einem privaten Krankenhaus eingeteilt gewesen, das sich nur die reichere Bevölkerung Brasiliens leisten kann. Uns haben die Ärzte erklärt, dass der Zustand in den öffentlichen Krankenhäusern sich stark von dem in den Privaten unterscheidet. Die Kluft zwischen Arm und Reich macht sich also auch stark in dem Gesundheits- und Versorgungssektor bemerkbar. Was wirklich sehr spannend und interessant war, waren die verschiedenen Krankheitsbilder die wir gesehen haben, die man sonst so nie in Deutschland zu sehen bekommen würde. Zum Beispiel haben wir einen Lepra-Kranken mit ausgeprägtem Hautbefund gesehen.

Land und Leute

Wir waren unheimlich von der Mentalität und der Gastfreundschaft in Brasilien begeistert. Wir wurden mit offenen Armen empfangen und die Studenten haben sich toll um uns gekümmert. Wir haben viel in unserer Freizeit zusammen unternommen, haben die Stadt erkundigt, Ausflüge gemacht und es sind über die 4 Wochen wirklich tolle Freundschaften entstanden. Wir werden auf jeden Fall wieder hinfahren und alle besuchen! Meistens sind wir unter der Woche abends etwas Essen gegangen oder haben uns zum Spieleabend verabredet. Oder waren auch mal zwischendurch zusammen Kochen. An den Wochenenden sind wir dann mal zum Strand mit allen gefahren oder einzelne Studenten haben uns zu sich nach Hause eingeladen und wir haben uns einfach nett unterhalten. Es gibt auch tolle Shopping-Malls und Antiquitätengeschäfte, die sich auf jeden Fall einen Besuch Wert sind, auch wenn man nicht unbedingt etwas kaufen möchte.
Unser Famulaturort Joao Pessoa war im Nord-Osten Brasiliens, genauer liegt es am östlichsten Punkt von ganz Lateinamerika. Deswegen haben wir dort auch diesen Punkt besucht. Dort geht die Sonne als Erstes auf. Einen tollen Blick auf den Sonnenuntergang hat man in der Stadt auch und auf einem Fluß spielt ausnahmslos jeden Tag ein Saxophonspieler zu Beginn des Sonnenuntergangs seine Songs bis zum Ende des Sonnenuntergangs. Große Wochenendausflüge bieten sich in Joao Pessoa nicht unbedingt an, da die meisten Sehenswürdigkeiten im Süden sind. Wir sind aber eine Woche vor Famulaturbeginn nach Rio de Janeiro geflogen, was ich nur empfehlen kann! Von Joao Pessoa kann man gut für ein Wochenende nach Pipa fahren, mit einer Mitfahrgelegenheit sind das nur 2 Stunden Autofahrt entfernt und man hat traumhafte Strände vor Ort. Delphine schwimmen ganz nah am Strand und man kann diese ganz einfach vom Strand aus beobachten und mit etwas Glück sogar mit ihnen schwimmen. Das Essen in ganz Brasilien war unglaublich lecker und ziemlich günstig. Es gab eigentlich alles, was man auch in Deutschland kennt, von Aufläufen über Fischgerichte bis hin zu Sushi. Am besten geschmeckt hat uns Moqueqa, ein Nationalgericht in Brasilien mit Fisch in Kokossauce und verschiedenen Beilagen. Was uns aber unglaublich süchtig gemacht hat war Acai! Das ist eine Beere aus dem Amazonas und wird in Form von Eis verkauft. Es gab kaum einen Tag an dem wir nicht Acai gegessen haben . Was wir nicht gemacht haben, war eine Insel zu besuchen die vor Joao Pessoa liegt: Fernando do Noronha. Die soll wohl einen Ausflug wert sein, allerdings hatten wir dafür leider nicht das nötige Kleingeld, da die Flüge dahin schon relativ teuer waren und ein Wochenende auch nicht ausgereicht hätte. Aber wenn man das vorher weiß und das vielleicht im Anschluss an die Famulatur macht, lässt sich das sicher gut organisieren. Da soll es eine tolle Natur und viele Tiere geben, die man beim Schnorcheln beobachten kann.

Fazit

Meine Erwartungen wurden was die Famulatur angeht nicht ganz erfüllt. Es war stark von dem jeweiligen Arzt abhängig, ob viel erklärt wurde oder nicht. Allerdings ist das ja kein neues Problem, dem muss man sich in Deutschland ja auch stellen. Organisatorisch war es vor Ort manchmal schwierig, da die Brasilianer Verabredungen und Zeitangaben nur bedingt ernst nehmen. So musste man manchmal auch über eine Stunde morgens auf den Arzt warten, weil dieser dann doch erst später kam und man selbst nicht informiert wurde. Oder eine Besprechung am Nachmittag fiel aus und man war umsonst dorthin gefahren. Da merkt man dann schon, wie deutsch man mit der Pünktlichkeit ist :D Deswegen könnte ich mir auch nicht vorstellen, dort langfristig zu arbeiten.

Was allerdings die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit der Brasilianer angeht, wurden meine Erwartungen weit übertroffen. Ich hätte nicht damit gerechnet, wie gut und wie schnell man sich Vorort mit den Studenten und der Gastfamilie angefreundet hatte.

Alles in allem hat sich die Famulatur in Brasilien auf jeden Fall gelohnt und ich kann sie auch nur weiter empfehlen. Man bekommt einen super Einblick in die Tätigkeit eines Arztes in Brasilien und man lernt unheimlich viele, wunderbare Leute vor Ort kennen.

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