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Bosnia (BoHeMSA)

Anästhesie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Franca, Düsseldorf

Motivation

Am Austauschprogramm der BVMD habe ich teilgenommen, um Einblick in den Krankenhausalltag in einem anderen Land zu gewinnen. Ich war gespannt Medizinstudenten vor Ort kennen zu lernen und ein Land gemeinsam mit anderen internationalen Studenten zu entdecken. Zudem wollte diese Möglichkeit nutzen, um eine längere Zeit im Ausland zu verbringen, Sprachpraxis in Englisch zu gewinnen, auch im medizinischen Bereich.
Besonders zur Bewerbung motiviert haben mich positive Berichte von Freunden über ihre Auslandsaufenthalte mit der BVMD.
Für ein Land in Osteuropa entschieden habe ich mich, weil mich diese Region kulturell und geschichtlich interessiert. Dass es letztlich nach Bosnien ging, war eher ein Zufall – ein glücklicher!

Vorbereitung

Da meine Universität einen Bosnischkurs anbietet, habe ich diesen besucht. Es ist aber nicht nötig, die Sprache zu sprechen! Wirklich Bosnisch sprechen konnte ich nach dem Kurs nicht. Ich fand es jedoch sehr hilfreich Floskeln für den Alltag (Begrüßung, Vorstellen, einzelne Worte zum Einkaufen) zu kennen. Zudem hatte ich den Eindruck, dass eine kurze Vorstellung auf Bosnisch das Eis bricht und alle Bosnier freuen sich sehr, wenn man versucht ein bisschen Bosnisch zu sprechen.
„Ja se zovem… = Ich heiße…, Ja sam iz Njemacke…= Ich komme aus Deutschland, Ja studiram medicinu = Ich studiere Medizin“ – das hat gereicht um in Gespräch (englisch/deutsch) zu kommen.

Visum

Für deutsche Staatsbürger ist kein Visum nötig. Der Personalausweis reicht nur Einreise aus.

Gesundheit

Ich habe eine Auslandskrankenversicherung für das außereuropäische Ausland über die Apobank abgeschlossen. Das war problemlos. Man sollte aber nachschauen, ob diese Versicherung auch den Zeitraum nach der Famulatur abdeckt, solltet ihr noch weiter im Land bleiben wollen oder herumreisen.
In Tuzla wird in den ersten Tagen ein Nasen-Rachen-Abstich gemacht. Ich vermute, dass MRSA getestet wird, konnte das aber letztendlich nicht herausfinden. Den Test musste ich selbst bezahlen (10 €). Der Test wird in einem Gesundheitszentrum in der Innenstadt durchgeführt. Die Kontaktpersonen haben sich um die gesamte Organisation gekümmert.

Sicherheit

Im Vorfeld habe ich die Berufshaftpflichtversicherung über den Marburger Bund abgeschlossen.
In Tuzla habe ich mich immer sicher gefühlt, auch nachts unterwegs zu sein, war kein Problem.
Bosnien und Herzegowina habe ich als sicheres Reiseland wahrgenommen. Ich habe in der gesamten Zeit keine schlechten Erfahrungen diesbezüglich gemacht.

Geld

Landeswährung ist die Konvertible Mark (KM). Ich konnte mit meiner Kreditkarte (VISA und MasterCard) problemlos am Geldautomaten abheben. Auch das bezahlen mit Karte im Geschäft, Bar oder Cafe ist kein Problem.
Bosnien ist im Vergleich zu Deutschland sehr günstig! Besonders Dienstleistungen wie Taxifahren, Cafes und Restaurants sind deutlich günstiger (Kaffee ca. 0,70-1,50€). Lebensmittel im Supermarkt haben etwa den gleichen Preis. Kosmetikprodukte können etwas teurer sein. Obst und Gemüse auf dem Markt ist sehr günstig.

Sprache

Mit Englisch kam ich während des Praktikums gut zurecht. Die bosnischen Medizinstudenten sprechen gut bis sehr gut Englisch und haben mir im Krankenhaus oft geholfen. Aber auch die Ärzte konnten alle soweit Englisch, dass eine Unterhaltung über das wichtigste möglich war.
Ich halte meine Englischkenntnisse für ausbaufähig und bin besonders im medizinischen Bereich ungeübt, hatte aber unter den Incomings das Gefühl im Mittelfeld zu liegen. Ihr braucht also überhaupt keine Bedenken haben, wenn euer Englisch nicht perfekt ist.
Es ist nicht nötig Bosnisch zu sprechen. Keiner der Incomings konnte mehr als ein paar Floskeln. Ich empfand es als sehr hilfreich einige Worte zur Begrüßung, zum Einkaufen und ein paar Zahlen zu kennen. Das kommt auch bei Patienten und dem Personal im Krankenhaus gut an!
Im Krankenhaus und unter den bosnischen Studenten konnte einige sehr gut Deutsch und viele sprechen ein paar Worte und freuen sich über small talk auf Deutsch.

Verkehrsbindungen

Das Verkehrsmittel der Wahl ist in Bosnien und Herzegowina der Bus! Zwischen den größeren Städten gibt es mehrere Verbindungen täglich. Aufgrund der Straßenverhältnisse dauert das Reisen recht lang. Man kann währenddessen die Landschaft genießen und einiges erleben! Die Busse waren zwar oft alt, aber immer mit Klimaanlage und ziemlich pünktlich. Tickets kauft man kurz vorher oder am Vortag am Schalte im Busbahnhof. Die Preise sind günstig. Manchmal bekommt man auch als internationaler Student einen Rabatt.
Zwar gibt es in Bosnien und Herzegowina auch einige wenige Zugstrecken, allerdings nur wenige Züge pro Tag und es ist keine nennenswerte Zeitersparnis. Allerdings sind die Zugfahrten noch günstiger als der Bus.
Zur Anreise konnte ich direkt nach Tuzla fliegen. Ansonsten kann man nach Sarajevo oder Belgrad fliegen und von dort mit dem Bus weiterfahren.
Innerhalb Tuzlas bin ich fast immer gelaufen. Die Strecken sind zu Fuß gut machbar und auch abends und nachts habe ich mich sicher gefühlt. Es gibt auch Busse in der Stadt und Taxifahren ist günstig.

Kommunikation

In der Wohnung, in der wir untergebracht waren, gabe es WLAN. Zudem haben wir zu Beginn eine bosnische Simkarte geschenkt bekommen. Man kann an jedem Kiosk das Guthaben aufladen. Die Internetpakete sind günstiger als in Deutschland.

Unterkunft

Wir Incomings waren alle zusammen in zwei benachbarten Häusern untergebracht, Frauen und Männer in getrennten Wohnungen. Die Zimmer haben wir uns zu zweit oder dritt geteilt.
Das Haus lag recht zentral, fußläufig zum Zentrum mit Einkaufsmöglichkeiten und zur Klinik.
In der einfach ausgestatteten Küche konnte ich mich gut selbst versorgen.
Bettwäsche- und decken sind vorhanden, Handtücher musste ich selber mitbringen.

Literatur

BoHeMSA hat viele gute Informationen über das Land, Kultur und Geschichte in der Database.
Vor der Reise habe ich einige Dokumentationen über die Geschichte Jugoslawiens in den 90er Jahren angeschaut.

Mitzunehmen

Es war wichtig wirklich komplett in weiß gekleidet zu sein, inklusive Schuhe. Es reichte nicht nur einen Kittel zu tragen. Da es vor Ort schwieriger sein könnte etwas passendes zu finden, empfehle ich passende Kleidung mitzunehmen.

Reise und Ankunft

Ich bin einen Tag vor Famulaturbeginn in Tuzla angekommen. Mich hat ein Taxifahrer von Flughafen abgeholt und zur Wohnung gefahren. Dort war meine Kontaktperson um mir alles zu zeigen!
Am ersten Tag der Famulatur sind alle Incomings mit einer contact person zum Klinik gegangen und jeder wurde bei seinem Mentor vorgestellt. Die Kontaktpersonen waren sehr hilfsbereit!

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich war in der Anästhesie eingeteilt. Zunächst war ich 2 Wochen auf der Intensivstation. Dort war ich zusammen mit einer Gruppe bosnischer Studenten, die ihre Praktisches Jahr absolviert haben. Sie haben mir viel übersetzt, von Bosnien erzählt und waren sehr hilfsbereit. Wir haben zusammen die Patienten untersucht, ein paar kleine Dokumentationsarbeiten erledigt und den Ärztinnen und Ärzten bei Untersuchungen zugeschaut. Da auf der Intensivstation recht viel apparative Diagnostik anfiel, konnte ich einige Sonos, Bronchographien und ZVK-Anlagen beobachten. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Studenten auf der Intensivstation wenig praktisch eingesetzt und angeleitet werden. Die Ärzte waren aber immer bereit etwas zu erklären. Obwohl wenn es einigen Ärzten auf Englisch etwas schwerfiel, waren sie stets bemüht und interessiert mir etwas zu erklären.
Auch andere Mitarbeiter waren hilfsbereit und haben wenn nötig versucht mit Händen und Füßen Wege zu erklären oder mir anderweitig geholfen. Es gab einen Raum zum Umziehen und Ablegen meiner Sachen. Auf dem Weg dorthin habe ich mit der Sekretärin täglich ein nettes Gespräch mit Händen und Füßen geführt. Denn sie sprach nur Bosnisch, hatte mir aber eine Menge zu berichten.
Die Arbeitsatmosphäre im Krankenhaus würde ich als etwas entspannter als in Deutschland beschreiben. So gehört es für Studenten dazu regelmäßig eine Kaffeepause im Park vor der Klinik einzulegen. Dabei haben mir die bosnischen Studenten viel über ihr Studium, die Schwierigkeiten des Berufseinstiegs in Bosnien und Herzegowina und das Gesundheitssystem erzählt. Es waren sehr interessante Gespräche bei denen ich viel über die aktuelle Lage in Bosnien und Herzegowina und in der Stadt erfahren habe.
Für die letzten zwei Wochen war ich im OP. Dort haben mir die Ärzte viel gezeigt und ich durfte oft selber intubieren, Kanülen legen und mit der Maske beatmen. Auch die Chirurgen haben mir viel gezeigt und erklärt. Während der Operationen habe ich mit den Ärzten über ihren Beruf und das Leben in Bosnien sprechen können. Da einige Pfleger schon einmal in Deutschland gearbeitet haben oder planen auszuwandern, habe ich oft small talk auf Deutsch geführt. Es war sehr interessant zu erfahren, wie sie das deutsche Gesundheitssystem erlebt haben.
In Bosnien wird viel mehr improvisiert. Für mich war es spannend zu sehen, wie die Ärzte und Pfleger fehlende Materialien ersetzen, und über Handschuhmangel schmunzeln können. Im OP wurden viele Materialien sterilisiert und mehrfach verwendet, die ich aus Deutschland nur als Einwegprodukte kenne.

Land und Leute

Tuzla ist eine eher kleine Stadt, es gibt aber viele Cafes und Restaurants. Dort haben ich gemeinsam mit den anderen incomings häufig den Nachmittag oder Abend verbracht. Cafebesuche sind ein wichtiger Teil der bosnischen Kultur. Es wird viel Kaffee getrunken, der nach bosnischer Art zubereitet wird. Im August war abends auf den Straßen und Plätzen der Stadt viel los. Manchmal haben auch unsere Kontaktpersonen oder andere bosnische Studenten einen gemeinsamen Abend organisiert. In Tuzla gibt es 3 Salzseen in der Stadt, die bei gutem Wetter picke packe voll sind. Es ist eine super Möglichkeit das bosnische Freizeitleben kennenzulernen!
Am Wochenende sind wir mit der gesamten Gruppe der Incomings in Bosnien gereist. Wir haben Sarajevo, Mostar und Banja Luka besucht. Sarajevo ist eine wunderschöne Stadt und ganz anders als Tuzla! In Banja Luka haben wir ein Raftingtour gemacht. Dabei ist mir bewusst geworden wie viel Natur Bosnien zu bieten hat. Das habe ich vorher unterschätzt! Es gibt sehr viel Wald, große Flüsse und sogar heiße Quellen, in denen man baden kann!
Das national program fand im August nicht statt. Deshalb haben wir die Wochenendtrips selbst organisiert. Dadurch war das Reisen ziemlich günstig und bei der gemeinsamen Planung habe ich einiges gelernt. Es war eine tolle Erfahrung das Land gemeinsam mit den anderen Incomings zu entdecken und auch ihre Sicht auf Traditionen und Kultur kennezulernen.
Bosnien ist ein landschaftlich wunderschönes Land, mit interessanten Orten, sehr gutem Essen und interessanten Menschen. Manchmal braucht es eine kurze Aufwärmphase, dann jedoch sind die Menschen sehr herzlich. Viele Bosnier haben Verwandte in Deutschland. Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen gerne von ihrer Familie erzählen und von den Besuchen in Deutschland. Viele Bosnier lernen Deutsch oder haben mal in Deutschland gearbeitet. Deshalb wurde ich häufig auf Deutsch angesprochen. Dann habe ich ein paar Worte gewechselt und viele Bosnier haben sich über diesen small talk gefreut. Die Menschen sind sehr interessiert an Deutschland, freuen sich aber auch ihr Land und ihre Stadt zeigen zu können.
Das Essen hat viele türkische Einflüsse. Es gibt viel Paprika, das Nationalgericht Cevapi, Baklava und sehr viel bosnischen Kaffee. Da Essen im Cafe und Restaurant sehr günstig ist, habe ich viele bosnische Spezialitäten probieren können. An jeder Ecke gibt es eine kleine Bäckerei mit Burek (Blätterteig mit verschiedenen Füllungen).
Von Tuzla aus kann man am Wochenende auch nach Belgrad in Serbien, Kroatien und Montenegro fahren. Es gibt also viel zu entdecken!

Fazit

Der Monat in Tuzla war eine tolle Erfahrung! Es war sehr interessant in das Alltagsleben der Stadt einzutauchen, die Arbeit im Krankenhaus mitzuerleben und viele nette Bekanntschaften in der Klinik zu machen. Ich erinnere mich gerne an das allmorgendliche Gespräch mit der Sekretärin, die kein Englisch sprach, also auf Bosnisch und mit Händen und Füßen etwas erzählte und mir Wege erklärte.
Bosnien ist ein landschaftlich wunderschönes Land, mit interessanten Orten, sehr gutem Essen und interessanten Menschen. Manchmal braucht es eine kurze Aufwärmphase, dann jedoch sind die Menschen sehr herzlich.
Besonders schön und interessant war für mich das Zusammenleben mit den anderen Incomings! Wir haben durch das Wohnen unter einem Dach sehr viel Zeit miteinander verbraucht. Ich habe viel über die Sprachen, das Essen und die vielen Gemeinsamkeiten, die wir teilen gelernt.
Das Austauschprogramm der bvmd hat mir viele Einblicke ins Krankenhaus und hinter andere Türen ermöglicht, die einem sonst verschlossen geblieben wären!

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