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Russia (HCCM)

Chirurgie - SCOPE (Famulaturaustausch)
von Sophie, Erfurt

Motivation

Ich dachte mir, warum soll ich alle meine Famulaturen in Deutschland machen, wenn ich die Möglichkeit habe, auch gleichzeitig ein neues Land kennenzulernen. Vor einem Jahr hatte ich aus Spaß angefangen, Russisch in der Uni zu lernen. Ich wusste, dass ich, um dranzubleiben auf jeden Fall mal nach Russland reisen müsste, um zu sehen, wie Land und Leute sind und natürlich, um der Sprache mal 24/7 ausgesetzt zu sein. Also habe ich mich beim bvmd für Russland beworben, quasi schon (zugegeben sehr naiv) mit Beginn des Sprachkurses.

Vorbereitung

Der Sprachkurs vorher war auf jeden Fall hilfreich - ein paar Semester länger hätte sicherlich auch nicht geschadet, so konnte ich wirklich nur sehr einfache Sachen sagen und minimal was verstehen. Einfach aus Respekt rate ich aber jedem zumindest mal Grundphrasen (Hallo, Danke, Bitte, Tschüss, Ich hätte gerne…) draufzuhaben. Außerordentlich praktisch ist es auch, das Alphabet vorher zu lernen - viele Wörter kann man dann aufgrund der überraschenden Ähnlichkeit (aber eben nur wenn ausgesprochen) zu manchen englischen/deutschen/französischen Wörtern doch erahnen, sobald man sie lesen kann. Ein bisschen unehrenhaft fand ich es aber eben, dass einige ohne ein Wort Russisch zu können, anreisten. Wenn es für ein Volk wahr ist, dass es es schätzt, wenn ein Ausländer ihre Sprache versucht zu lernen, dann für die Russen!
Zur Stadtauswahl: im September gab es nur sechs Städte in Russland zur Auswahl. Wie alle, habe ich an eins Moskau gesetzt, dann Nischni Nowgorod, und dann nicht mehr wirklich gut recherchiert und gedacht, wenn schon in eine Stadt, die mir gar nichts sagt, dann auch nicht zu nah und habe Tscheljabinsk hingeschrieben. Da gibts immerhin schöne Seen drumherum und da ist mal ein Meteorit eingeschlagen, also kann es nicht zu unspannend sein. Zugegeben habe ich auch darauf geachtet, eine Stadt zu nehmen, bei der man nicht seinen Reisepass oder sonstiges übersetzen lassen musste und die medizinischen Voruntersuchungen sich auf ein Minimum beschränkten. Die dritte Präferenz wurde es dann auch...
Ich hatte das Glück, vorher mit einer Ärztin aus Tscheljabinsk, die wir über ein paar Ecken kannten, reden zu können, Allerdings hat die mir auch nicht viel mehr sagen können als, “ist eine große Stadt mit Industrie und Smog, versuch mal rauszukommen zu den Seen und Bergen und mach das, was man in Russland eben machen sollte - ins Ballett gehen und Borschtsch essen!”
Praktisch war, dass ich so mit sehr geringen Erwartungen dahin flog.

Visum

Ja, für Russland muss man ein Visum beantragen und braucht dafür auch ein Einladungsschreiben, was der LEO (Ksenia) aber bei mir von sich aus ausgestellt hatte, sobald ich wusste, dass ich nach Tscheljabinsk komme - ungefähr sieben Wochen vor dem Austausch hatte ich dieses.
Das Visum direkt bei der Botschaft zu beantragen, ist möglich, empfiehlt sich aber wohl wegen unabsehbarer Zeiten nicht. Aber es gibt sowieso genug Agenturen, die sich darum kümmern und das auch schnell. Man kann ein Studentenvisum bekommen, ohne ein einziges Mal zu der Organisation oder der Botschaft zu fahren, das Zurückschicken des Reisepasses kostet dann allerdings auch 25 Euro.
Ich habe es über VFS Global in Frankfurt (gibt es in mehreren Städten) beantragt: http://vfsglobal.com/russia/germany/German/Student.html. Da steht auch welche Unterlagen man braucht. Schreibt denen aber auf jeden Fall vorher eine Email, damit sie euch den genauen Preis geben (waren schon um die 100 Euro) und wissen, dass sie einen Reisepass zugeschickt bekommen. Ich habe dann die Unterlagen und den Reisepass per Einschreiben hingeschickt, was zum Glück gut ging.
Ich hatte natürlich Bedenken, dass es alles zu knapp werden könnte, aber selbst ohne Expresszuschläge war es nach ca. 2 ½ Wochen wieder bei mir im Briefkasten!

Gesundheit

Ich habe eine kleine Reiseapotheke mit Schmerztabletten, Buscopan, Stretchbandage, Augentropfen und sowas mitgenommen - und zum Glück auch ganz banal Hustenbonbons und Nasenspray, ich habe mich dort nämlich ordentlich erkältet. Impfpass war eh schon vollständig, habe ich vorsichtshalber mitgenommen, aber wollte in meinem Krankenhaus keiner sehen. Auslandskrankenversicherung muss man für das Visum sowieso nachweisen. Auf der IFMSA Seite von HCCM steht, dass man manchmal ausführlichere Untersuchungsberichte vorlegen muss. Ich habe gewartet, bis mich jemand dazu auffordert, aber dazu kam es nie. Andere haben wohl alles über sich ergehen lassen von Stuhlprobe bis Röntgen-Thorax.
Durch Kälte und Schlafmangel erkältet man sich eben doch mal schnell, dazu kommt, dass man meist mit einem Zimmernachbarn in dem Studentenwohnheim wohnt und die Küche oder das Bad nicht die saubersten sind. Ansonsten waren wir ja die meisten Tage im Krankenhaus, wo es sauber ist und meist auch Desinfektionsmittel gibt (zumindest bei uns, da sehr modernes KH).
Bei einer Knieverletzung einer Mitstudentin hat der Tutor im Krankenhaus sich auch gekümmert und mal mit dem Ultraschall draufgeguckt. Also versorgungstechnisch muss man sich eher nicht so große Sorgen machen - und die meisten Apotheken sind rund um die Uhr offen.
Leitungswasser trinkt man in Russland offenbar nicht. Aber eine Flasche hat mich jetzt auch nicht umgebracht. Wir haben jedenfalls immer 5l-Behälter im Supermarkt gekauft und nach oben geschleppt...

Sicherheit

Ich habe eigentlich nur das gemacht, was einem bei Auslandsreisen auch geraten wird: kleine Handtasche mitgenommen, immer am Mann, nicht alle Kreditkarten/Bargeld in das Portemonnaie, was man überall hinträgt. Außerdem habe ich mal eine Reisepasskopie und eine vom Einladungsschreiben bei meinen Eltern gelassen, just in case. Es empfiehlt sich auch, eine Reisepasskopie mitzunehmen, damit man nicht immer seinen richtigen Pass mit rumtragen muss (einen Incoming hat sein Reisepass mit Visum gerettet, als er - nachts mit Kapuze Burger essend auf der Treppe auf sein Uber wartend - von der Polizei angesprochen wurde und nichts verstand).
Eine Erfahrung, die ich (leider) miterleben musste, hing mit dem Tragen eines Kopftuches zusammen - da sind die Russen noch etwas zurück in ihrer Akzeptanz.. Unsere muslimischen Mitautauschler wurden gebeten, sich wegen der Sicherheit besser nicht auf das Stadtfest zu begeben. Das war schon etwas traurig, aber man sollte es wissen, deshalb schreibe ich darüber.
Ansonsten erschien mir alles relativ sicher. Ein höheres Polizeiaufkommen gibt es natürlich in großen Städten wie Moskau, was erst mal einschüchtert, aber dann kriegt man mit, dass die Russen ein ganz zutrauliches Volk sind, solang man höflich ist und immer спасибо sagt.

Geld

Bezahlt wird mit Rubeln und nur Rubeln. Ich habe vorher schon 150€ getauscht, das war auch sehr praktisch. Ansonsten geht Kreditkarte aber auch überall außer natürlich auf Straßenmärkten und im Bus. Wenn diese noch die Wireless Funktion hat, kann man sie in der Metro in Moskau oder Ekaterinburg sogar einfach auflegen und durchgehen.
Geld abheben vor Ort ging auch ohne Probleme, immer unter der Voraussetzung, dass man in der Lage ist, richtig umzurechnen! ;D
Die Preise in Russland sind durch den abfallenden Rubel für uns Deutsche sehr niedrig. Also zum Beispiel kostet ein Metroticket in Moskau 50 Cent, ein Uber für zwanzig Minuten in Tscheljabinsk 2 Euro. Unterkunft und Mittagessen mussten wir nicht bezahlen, Lebensmittel waren auch günstig. Das meiste Geld geht dann für Flüge und Wochenendaktivitäten wie Wandern im Nationalpark (10 €), Ballett (5€), Trip nach Ekaterinburg (30€) drauf, ist aber verhältnismäßig immer noch sehr günstig.

Sprache

Wie oben schon erwähnt habe ich zuvor zwei Semesterkurse Russisch gemacht (an je zwei Nachmittagen in der Woche 90 Minuten), die dann effektiv natürlich nur jeweils drei Monate gingen. Ein Tandempartner wäre natürlich noch besser gewesen, um vor Ort dann gleich etwas zu verstehen. Die Russen sprechen immer schnell, langsam geht irgendwie nicht. Das war für mich dann oft frustrierend, wenn ich mir zehn Minuten lang eine Frage im Kopf zurechtgelegt hatte, die sogar verstanden wird, aber die Antwort dann so schnell war, dass ich gerade mal das erste Wort erfassen konnte. Dank der medizinischen Terminologie, die sich wunderschön durch fast alle Sprachen dieser Welt zieht, konnte ich mit viel Geduld dann doch meist die Antwort herausfinden.
Die anderen haben gar kein Russisch gekonnt - da die LC Leute meist Englisch konnten, funktionierte das auch, allerdings ist im OP dann halt Stille, wenn der Operateur kein Englisch und die Studenten kein Russisch können. Darauf sollte man gefasst sein. In unserem sehr neuen Krankenhaus mit einigen jüngeren Ärzten war es allerdings weniger ein Problem. Kommunikation mit Patienten ist ohne Russisch aber eben gar nicht möglich, da dies natürlich meist ältere, nicht englischsprechende Menschen sind. Die Studenten in anderen Krankenhäusern dort hatten dafür aber einen englischsprechenden Tutor, der sie meist verlässlich mitnahm.

Verkehrsbindungen

Die einzig praktikable Möglichkeit, nach Russland zu kommen, ist wohl das Flugzeug. Wenn man in Russland Zeit hat, kann man sich sicher auch mal den Zug gönnen, weil das ein Erlebnis sein soll, aber es dauert eben.
Nach Tscheljabinsk fliegt man über Moskau, also zwei mal etwa drei Stunden. Ich habe zunächst ein paar Tage in Moskau verbracht. Roundtrip Moskau mit Lufthansa und nicht allzu früh gebucht 270 €, nach Tscheljabinsk dann so 80 €.
Den Zug habe ich leider nie so richtig benutzt, nach Ekaterinburg und in den Ural sind wir mit dem öffentlichen Langstreckenbus gefahren. In Tscheljabinsk kann man vom Dorm in die Stadt laufen oder nimmt ein Uber (App vorher laden und am besten auch ausprobieren! Mit den Fahrern muss man ja theoretisch nicht sprechen, also geht das auch gut für Ausländer), Busse gibt es auch für 30 ct, bei denen man rechtzeitig rufen muss, dass man raus will - das bringen einem die engagierten russischen Studenten aber am Anfang gleich bei.
Am Flughafen wurde ich abgeholt, da kommt man aber auch leicht mit einem Yandex Taxi oder Uber hin, kostet dann halt etwas mehr weil außerhalb, aber ist immer noch günstig, wenn man es mit deutschen Preisen vergleicht.

Kommunikation

Beides war tatsächlich etwas unerwartet: kein WLAN im Dorm, aber dafür SIM-Karten für drei Euro mit 15 GB oder unbegrenzt Daten. Die SIM-Karte kann man am besten gleich am ersten Tag mit seiner Contact Person (CP) bei MTC oder TELE2 kaufen. Für’s Auslandstelefonieren muss man da Geld drauf laden, was aber sogar am Handy einer russischen Person geht.
Für Internet am Computer hat man sich dann eben einen Hotspot gelegt oder ist ins Café mit Wifi in der Nähe des Dorms gegangen.
Viele hingen nur auf Whatsapp rum oder haben jeden Abend mit ihrer Familie gefacetimed - kann man machen, muss man aber nicht. ;)
Postkarten aus Russland kommen auch an: da müsst ihr euch aber bei der Post durchfuchsen, also am besten vorher schon mal in den Übersetzer eingeben, was genau ihr wollt. Die richtigen Briefmarken sollten 46 Rubel kosten.

Unterkunft

Untergekommen bin ich im von den Studenten vor Ort organisierten Studentenwohnheim, was natürlich einen anderen Standard pflegt als in Deutschland, aber wo man durchaus mal einen Monat leben kann. Wir waren in vier Zimmern zu acht untergebracht in einer Art Maisonette mit zwei Bädern, einer Dusche und einem Gemeinschaftsraum. Dort gab es nur einen Kühlschrank, einen Wasserkocher und eine Mikrowelle. Wenn wir etwas kochen wollten, sollten wir runter gehen in die Küche der “Dorm Lady” (in Russland gibt es egal wo, oft eine “24h-Rezeption”, die meist aufgrund der spärlichen Renten eben von älteren Damen besetzt wird), wo es eine mobile Herdplatte gab. Mittagessen haben wir aber eh im “Café People” bekommen - Suppe, Hauptspeise und manchmal sogar noch Nachtisch - sodass wir die gar nicht so oft brauchten. Bettwäsche wurde gestellt, Waschmaschine gab es, wenn auch alt, Supermarkt ist über die Straße.
Es war schon alles sehr einfach, die Dusche undicht, der Fehlfeueralarm gruselig, aber da wir eine bunte internationale Truppe mit mehr oder weniger ähnlicher positiver Einstellung waren, haben wir es locker hingenommen und hatten eine mordsmäßige Zeit so eng beieinander für einen Monat!

Literatur

Russlandjournal.de wurde mir schon von meiner Russischlehrerin empfohlen, um die Kultur und Sprache ein bisschen besser kennenzulernen. Dann war es natürlich das Jahr der WM in Russland, also war sowieso vorausgesetzt, dass man wusste, welche Stadt ein Stadion hatte. :D
Ich habe hauptsächlich nur den Wikipediaartikel und ein paar Reiseberichte gelesen. Außerdem hatte die Ärztin aus Tscheljabinsk ein medizinisches Wörterbuch für mich, aus dem ich mir mal ein paar relevante Begriffe rausgeschrieben habe, aber wenn man ehrlich ist - Google Translator und leo.org sind hier die Gewinner. Dafür würde ich mir vorher für beides die App herunterladen, testen könnte man auch noch iTranslate. Bei Google Translate gibt es eine Kamerafunktion, aber nur für Russisch/Englisch, die sich vor allem für Speisekarten als außerordentlich hilfreich erwies. Mit dem von da übersetzten broken english haben wir zum Beispiel auch das richtige Programm der Waschmaschine gefunden, also ja, sehr hilfreich. ;)

Mitzunehmen

Warme Klamotten! Im September war man über einen dicken Pullover dann doch ganz froh. Ein paar halbhohe Stiefel (auch gut wegen Ballettbesuch zum Beispiel), ein paar Rumlaufturnschuhe und ein Paar Klinikschuhe (saubere Turnschuhe gehen genauso wie Crocs). Weiße Klamotten brauchten wir nicht, dafür aber eigene Kassacks und Hosen! Entweder bei Ärztefreunden ausleihen, teuer kaufen oder OP-Klamotten im Krankenhaus “ausleihen”. Dort hatte jeder seinen eigenen Kassack egal von welcher Farbe, auch die Medizinstudentin, und darüber den Kittel an.
Sehr empfehlenswert ist ein Namensschild, auf dem auch “Medical student” draufsteht - die Leute sind sehr viel zutraulicher, wenn sie wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Der halbe Koffer war sowieso mit Gastgeschenken (hauptsächlich Schokolade und Mitbringsel aus der eigenen Region) gefüllt. Außerdem sollten wir zur National Food and Drink Party etwas landestypisches mitbringen. Da man Rouladen oder Bratwurst eben schlecht im Flugzeug befördern kann, habe ich Deutschlandedition-Gummibärchen mitgenommen und vor Ort einen einfachen Kartoffelsalat gemacht. Aber unser Italiener hat zum Beispiel besondere Pasta und eine spezielle Soße im Glas mitgebracht oder die Indonesier einen Erdnusssnack und Nudeln mit einem bestimmten Gewürz.
Achtung Klischee: frisches Brot hat natürlich gefehlt. Das Weißbrot war okay, aber wir hatten keinen Toaster.
Was könnte man noch mitnehmen? Man sollte an Ohropax denken, da man ja unter Umständen einen Zimmernachbarn mit einem anderen Schlafrhythmus hat. Hausschuhe oder ähnliches wären praktisch gewesen, Flip Flops für’s Duschen reichen auch. Eine Powerbank für’s Handy, weil das für Uber und Translator einfach essentiell dort ist und bei der Kälte aber schnell mal den Geist aufgibt. Ein paar festere Turnschuhe für’s Wandern - ich habe meine Laufschuhe genommen (nein, keine Flyknit oder andere Stoffschuhe!), was gut ging, aber die mussten danach natürlich erst mal geschrubbt werden. Ansonsten kann ich vielleicht noch ein Portemonnaie empfehlen, was in die Jackentasche passt, dann muss man sich über die Handtaschen/Klauproblematik keine Sorgen machen, wenn man mal kurz rausgeht (das gilt jetzt eher für die Städteausflüge).

Reise und Ankunft

Bei meiner Anreise wurde ich am Flughafen von einer der russischen Studenten abgeholt - wir hatten vorher geschrieben und das sollte man auch wirklich vorher machen, denn mein Handynetz ging dort nicht so richtig. Aber das Ankunftsterminal ist klein, notfalls findet man sich auch so. Zwischen Ankunft und Praktikumsbeginn ist halt so viel Zeit wie man sich selber einbaut, ich war nach drei Tagen Moskau an einem Samstag da und habe Montag angefangen. Einen Tag zum Einleben und in der Stadt initial orientieren würde ich empfehlen. Grundsätzlich gibt es aber eine eher lockere Fehlzeitenregelung.
Am Sonntag habe ich dann die SIM-Karte geholt, war einkaufen und wir sind die Hauptstraße entlang gelaufen. Wenn man erst kurz vor Beginn des Praktikums anreisen kann, geht das auch gut, da es noch eine Stadtralley unter der Woche gibt, aber man ist dann nicht sonderlich ausgeschlafen.
Am ersten Tag kam eine unserer CPs mit ins Krankenhaus und hat nach unserem betreuenden Arzt gefragt. Dem sind wir dann kurze Zeit später in den OP gefolgt. Gut Englisch konnte er nicht, dafür aber die anderen Chirurgen.

Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke

Ich dachte, ich bekomme hinter dem Ural in Russland noch eher einfache Medizin zu sehen. Stellt sich heraus, dass wir (drei von uns Austauschstudenten) unser Praktikum in einem herzchirurgischen Zentrum machen, was 2011 mit von deutschen Firmen aufgebaut wurde... Die Geräte und der Arbeitsablauf glichen daher ziemlich unserem. Am ersten Tag durften wir uns auf der Anästhesistenseite hinter dem sterilen Tuch positionieren und man hat sogar Englisch mit uns gesprochen und uns die OP erklärt. Mittags durften wir auch schon wieder gehen. Meistens sind wir dann für mehrere oder manchmal auch längere OPs bis 15 oder 16 Uhr geblieben, aber das war uns selbst überlassen.

Da wir immer erst gegen 9 Uhr da sein mussten, entstand der Eindruck, dass die Herzchirurgen nie auf Station bei den Patienten sind. Wahrscheinlich haben sie da mal ganz früh und am späten Nachmittag vorbeigeschaut, aber das haben wir nie so richtig mitbekommen. Wir waren einfach immer im OP. Die Intensivstation wurde uns auch mal gezeigt.
Also jeden Morgen durch die Schleuse, Fußbank holen, gucken. Das war schon eine Menge einfach nur Rumstehen im kalten OP, aber wir hatten unseren Spaß dann damit, herauszufinden, wie die Herz-Lungen-Maschine genau funktioniert und die verschiedenen Herz-OPs kennenzulernen. Jeden Tag gab es Bypässe, die uns irgendwann tatsächlich schon langweilten, immer mal ein Klappenersatz, der dort aber auch viel endovaskulär gemacht wurde und dann seltenere Dinge wie Ventrikelaneurysmen, Klappenplastiken und ein Aorta ascendens Aneurysma. “Highlight” war eine intraoperative Reanimation am offenen Herzen bei einem Notfallpatienten.

Kurz gesagt, wir haben eine Menge allein vom Beobachten und Fragen stellen gelernt, aber wir haben fast nie etwas hands-on gemacht, nicht mal steril am Tisch stehen durften wir. Dort haben sogar die fortgeschritteneren Ärzte genäht, anstatt es die gerade anfangenden Assistenzärzte machen zu lassen.
Was wir außer OPs beobachten noch gemacht haben ist wirklich nicht sehr viel, aber der Vollständigkeit halber: die ICU besucht und ein paar Patienten besprochen, eine Nachtschicht, bei der nicht wirklich was passiert ist, auf eigene Faust in die Kinder-ICU gegangen und Kinderherzen abgehört. Die Kinder-OPs, die in einem der OP-Säle jeden Morgen stattfanden, waren wirklich hochinteressant! Insgesamt hätte ich mir natürlich mehr tatsächliches Praktikum als nur Beobachtung gewünscht. Herzoperationstechniken kann ich jetzt beschreiben, aber wer Flexülen legen üben möchte, sollte lieber in Deutschland bleiben.

Sprachprobleme gab es dadurch, dass die Chirurgen meist Englisch sprachen nicht so dramatische. Mit dem Anästhesisten konnte man sich dann mit Händen, Füßen und lateinischen Fachtermini auch irgendwie verständigen und im Endo-Lab, wo im Vorraum meist nur russischsprechende Helfer saßen, hat man eben einfach die Röntgensequenzen angeguckt. Mit dem Pflegepersonal kamen wir auch durch die Sprachbarriere so gut wie nie in Kontakt - man dachte wohl auch, dass wir an deren Job (eben zum Beispiel Nadeln legen) eh nicht interessiert seien.

Besonders einprägsam war sicherlich die Reanimation am offenen Herzen, aber kulturell/gesellschaftlich auch noch ein anderer Moment. Ein Arzt mit mittelmäßigem aber verständlichen Englisch zu dem wir uns an den OP-Tisch stellten, fragte mich nachdem ich auf Nachfrage mein Interesse an der Chirurgie bekundet hatte, ob ich denke, dass ebendieser ein Beruf für Frauen sei. Ich sagte, dass jeder diesen Job machen kann, wenn er/sie genug Leidenschaft und Willensstärke hineinstecke. Ich dachte mir, wenn ich schon so gefragt werde, kann ich auch mal zurückfragen. Antwort: “ I think surgery is a job for men.” Da bricht schon einiges in einem zusammen bzw. baut sich gleichzeitig wütend auf bis man sich besinnt und das alles erst mal in Perspektive setzt. Rein physisch/biologisch kann es natürlich sein, dass Frauen sich bezüglich der körperlichen und mentalen Fitness mehr vom Durchschnitt abheben müssen, um in diesem Fach “durchzuhalten”, aber in Deutschland hätte diesen Satz so einfach keiner mehr verlieren können, ohne der Frauenfeindlichkeit bezichtigt zu werden. Man kann den Arzt nun auch nicht zu sehr auseinandernehmen, da er das Modell “Frau in der Chirurgie” einfach nie zu Gesicht bekommt. In diesem Krankenhaus und ich vermute auch in vielen anderen in Russland gab es nur männliche Chirurgen. Wenn man eine Frau sah, konnte man sich zu 90 Prozent sicher sein, dass sie entweder eine Pflegerin oder eine Ärztin für Innere Medizin war.

Zur medizinischen Ausbildung: Soweit wir erfahren konnten, geht das theoretische Studium sechs Jahre, bevor man eine zweijährige Facharztausbildung beginnt. Danach ist man formell wohl schon Facharzt, aber lernt natürlich immer noch weiter. In Deutschland gibt es manchmal einen technischen Assistenten für die Herz-Lungen-Maschine, in Russland macht dies der Anästhesist. Dafür kommt für die prä- und postoperativen transösophageale Herzechografie eine Internistin mit Weiterbildung in technischer Medizin in den OP, was in Deutschland die Anästhesie übernimmt..
Studentenunterricht haben wir ein mal erlebt. Es war wie in einem Seminar in Deutschland und es ging um angeborene Herzfehler. Es wurden sogar Operationen live per Kamera gezeigt. Aufgefallen ist uns, dass der Arzt sich tatsächlich Notizen zu den Beiträgen der Studenten machte und die, die noch nichts gesagt hatten, dazu konkret aufforderte.

An sich war es also schon cool, dass wir mitten in Russland cutting edge heart surgery nach deutsch-amerikanischem Vorbild zu sehen bekommen haben! Und der Austausch mit den Chirurgen und Anästhesisten war zum Teil wirklich sehr interessant, da die ja oft auch schon einiges von der Welt gesehen haben.

Land und Leute

Das LC in Tscheljabinsk ist wirklich sehr engagiert. Wenn man will, kann man also von ihnen auch eine Menge über Russland und die Gewohnheiten lernen bei so vielen Gelegenheiten (also auf Englisch)!
Erst mal in Kurzform: in dem einen Monat waren wir auf Stadtrallye, im Zoo (jep, sogar im Streichelzoo hatten wir die Zeit unseres Lebens), im Regionalen Museum, auf dem Riesenrad, beim Eishockey, ein Wochenende in Ekaterinburg, im Ural wandern, hatten eine National Food and Drink Party, haben Schweinehaxen genäht, Ballett geschaut und Karaoke gesungen… Ich habe bestimmt noch einiges vergessen, aber die Tutoren haben sogar einen Übersichtsplan mit Aktivitäten für den Monat aufgestellt und da standen jede Woche mindestens drei Events drin. Also wenn ihr vorhabt, zu lernen oder eine Doktorarbeit zu schreiben währenddessen - eher nicht zu viele Hoffnungen machen.. ;D

Meine Lieblingsevents waren vor allem der Trip nach Ekaterinburg, das Wandern im Ural und das Ballett war sicherlich auch ein Highlight - wann sieht man schon mal Schwanensee im prunkvollen russischen Theater! Die Trips wurden für uns immer von einer Contact person organisiert, die auch mitkam, und wir mussten dann Bus oder Unterkunft nur noch bezahlen. Hierbei würde ich also einfach sagen, lasst euch überraschen - soll ja noch ein Erlebnis sein oder schreibt mir, wenn ihr genaueres wissen wollt.

Um mal ein bisschen von der wirtschaftlichen Lage zu erzählen - die ist in Tscheljabinsk eher suboptimal. Der Rubel hat eine Menge an Wert verloren, weshalb für uns alles sehr günstig war. Da muss man natürlich aufpassen, dass man nicht arrogant rüberkommt, weil man im Restaurant drei Gänge bestellt oder jeden Tag mit dem Uber zum Krankenhaus fährt. Im Wohnheim merkt man auch gleich, dass alles eben etwas einfacher ist und nicht sofort Geld für die Renovierung des Badezimmers da ist, wenn Wasser nach unten durchtropft.. Allein der Fakt, dass eine Dame, die längst im Rentenalter war, immer im Wohnheim war und uns die Schlüssel ausgehändigt hat, zeigt, dass die Rente nicht allzu üppig ist bzw. eben nicht mal zum Auskommen reicht, sodass viele Menschen weiter arbeiten müssen. Zu unserer Überraschung verdienen nicht mal die Ärzte so wirklich viel Geld. Überstunden können nicht angerechnet werden und werden nicht bezahlt, sind aber Routine. Nachtdienste sind wie früher in Deutschland: Tagsüber Arbeit, dann Nachtdienst, dann noch ein Tag Arbeit.

Das Essen in Russland ist nichts für Vegetarier, im Café People war eigentlich jeden Tag zumindest in einem der Gänge irgendeine Form von Fleisch dabei. Gemüse habe ich wenig zu Gesicht bekommen, aber wenn man mal selber kochen will, ist die Auswahl kein Problem, da es einen Markt um die Ecke gibt. Nur die Kochmöglichkeiten sind eben das Problem, da muss man sich mit den zwei Platten und beuligen Alutöpfen drei Etagen weiter unten zufrieden geben. Das Gute ist einfach, dass einem das zum Glück alles so egal ist, weil man eine lustige 8er WG mit offenen, interessanten Menschen hat, mit denen man jederzeit zusammen über die Verhältnisse lachen kann. Außerdem hatten wir mit der Maisonette mit Balkon und einem kostenlosen 3-Gänge Mittagessen ja alles, was man braucht und noch mehr.

Die Leute im Krankenhaus sind definitiv netter, wenn sie merken, dass man es auf Russisch probiert, aber lachen dann irgendwie auch und winken manchmal ab, wenn Du es dreimal probiert hast und sie immer noch nichts verstehen, oder umgekehrt. Da ist es wichtig, nicht die Fassung zu verlieren, sich trotzdem zu bedanken ODER eben kreativ zu werden. In der Medizin in das relativ einfach: Herz aufmalen, auf Klappe/Gefäß zeigen, was man meint oder den Arzt richtig langsam reden lassen - kommt auch im Russischen alles noch aus dem Lateinischen oder Griechischen, kann man also manchmal entziffern und so ein Erfolgsmoment tut gerade am Anfang echt gut!
Respekt und Höflichkeit ist wirklich alles, zumal am Anfang ja keiner im Krankenhaus weiß, wer man ist und wie lang man bleibt. Wenn sie nachfragen, umso besser, wenn nicht, merken sie irgendwann, dass man länger da ist und lassen einen dann automatisch auf das Bänkchen zum Zugucken, ohne dass man fragt.
Die Russischen Studenten hatten gut zu tun mit der Uni, aber waren super freundlich. Das Englischniveau variiert sehr, meist haben die vom LC aber ja selbst schon einen Austausch gemacht, sodass sie gut Englisch können. Es schadet nicht, die Mühe der Studenten auch wertzuschätzen!

Fazit

Ich bin mit sehr niedrigen Erwartungen nach Tscheljabinsk gefahren, weil mir jeder gesagt hat, da gibt es nicht viel. Kann ja sein, dass es nicht DIE Sehenswürdigkeit da gibt, aber ich habe gelernt, dass genau das nicht ausschlaggebend ist. Überraschung - die Menschen machen den Unterschied und ich glaube, eine motiviertere LC und freundlichere Chirurgen gibt es nirgendwo in Russland! Ich hätte nie gedacht, dass man in einem Monat so gut befreundet werden und so viel Quatsch machen kann in einer WG mit Menschen von so weit weg. Aber man muss sich eben vor Augen halten, dass man mit diesen Menschen jeden Tag und jeden Abend verbringt, also ist ein Monat Intensivkontakt am Ende wie ein halbes Jahr “reguläre Freundschaft”. Was ist, wenn man überhaupt nicht kompatibel ist? Denkt man am Anfang auch, aber ist nicht so. Wer fährt nach Tscheljabinsk für einen Monat im Krankenhaus? Eben - Leute, die genauso aufgeschlossen und neugierig und bodenständig und trotzdem tiefsinning sind wie du! Und selbst wenn einer ruhiger als der andere ist - man ist dort in so einem geschützten, zum Teil isolierten Umfeld und jeder macht neue Erfahrungen, dass man sich einfach kennenlernt und an jedem eine gute Seite entdeckt. Man glaubt es kaum, aber man gewinnt ein großes Stück an Menschenkenntnis.

Ich möchte auf jeden Fall wieder nach Russland reisen. Vorher kannte ich zwei Städte, jetzt weiß ich, dass es noch so viel mehr in diesem riesigen Land zu entdecken gibt! Außerdem muss ich mein Russisch ja noch weiter verbessern. Ich hätte erwartet, mehr Russisch zu lernen durch den täglichen Kontakt, aber durch die internationale WG (die ich trotzdem nicht eintauschen möchte) kam das etwas kurz.
Arbeiten in Russland kann ich mir im Moment allerdings nicht vorstellen, dazu geht es uns zu gut in Deutschland. Aber ein längerer Aufenthalt steht bezüglich persönlichem Erlebniswert definitiv über der Urlaubsreise.

Ich bin sehr froh, meine Famulatur in Russland gemacht zu haben, da man wirklich mal einen Eindruck von einem ganz anderen Land bekommt, deren Kultur uns aber doch nicht so fern ist, dass man sie gar nicht versteht. Die russischen Ärzte haben große Augen bekommen, wenn man erzählte, dass man aus Deutschland kommt. Somit lernt man auch sein Land noch einmal mehr zu schätzen. Die brutale Ernsthaftigkeit der Russen auf der einen und die Gastfreundschaft über alles Erwartete hinaus auf der anderen Seite werde ich nie vergessen und freue mich schon, Russland mal wieder zu besuchen.

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