Helen Keller

„Ich bin blind, aber ich sehe; ich bin taub, aber ich höre“

Stelle dir vor, du stehst mit verbundenen Augen irgendwo, mitten auf dieser Welt. Um dich herum ist alles dunkel, verborgen. Du weißt nicht, wo du bist; weißt nur, dass du nicht ewig hier stehen kannst. Du lauschst. Hörst du irgendetwas? Vielleicht ein Rascheln von Blättern, ein Auto oder andere Menschen, die sich unterhalten? Läuft dort hinten Musik? Oder bellt da ein Hund? Nein, da ist nichts. Du hörst absolut nichts. Totale Stille ist um dich herum. Ist das nicht ein wenig gruselig? Was könnte bei einem einzelnen Schritt passieren? Man könnte in Menschen hinein laufen, auf Straßen rennen oder Klippen hinabstürzen. Wie also orientieren? Du atmest ein, schnupperst ein wenig umher. Riecht es nach Regen oder dem Meer? Oder doch eher nach Heizungsluft und chinesischem Essen? Wo könntest du sein? Du kniest dich hin und wanderst mit deinen Fingern über den Boden. Ist es Asphalt oder ein weicher Teppichboden, ein Sandweg oder vielleicht der Linoleumboden einer Turnhalle? Du stehst wieder auf und blickst nach oben. Spürst du Sonnenstrahlen in deinem Gesicht oder lässt der Wind deine Ohren kalt werden? Langsam entwickelt sich in deinem Kopf ein Bild von dem Ort, an dem du bist, noch ist es ganz verschwommen und du weißt nicht, ob es an diesem Ort wirklich so aussieht wie in deinem Kopf. Vorsichtig gehst du kleine Schritte nach vorne, die Hände immer ausgestreckt für den Fall, dass sich etwas vor dir befindet. So gehst du umher, vielleicht kannst du dir Stühle erfühlen oder Blumen oder sogar andere Menschen. Das Bild in deinem Kopf wird langsam klarer, doch wird es je ganz der Realität entsprechen? Wirst du das je feststellen können ohne die beiden Sinne, die man doch am meisten benutzt, das Sehen und das Hören?

In Deutschland leben im Moment schätzungsweise 9000 taubblinde Menschen, die jeden Tag auf unterschiedlichste Arten und Weisen meistern. Eine der bekanntesten taubblinden Personen ist Helen Keller, die vom 27.06.1880 bis zum 01.06.1968 in den USA lebte. Infolge einer Hirnhautentzündung verlor Keller im Alter von nur 19 Monaten ihr Seh- und Hörvermögen. Mithilfe der eigens für sie engagierten Lehrerin Anne Sullivan-Macy lernte sie, trotz dieser erheblichen Einschränkung, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. Hierbei spielte das Fingeralphabet, welches auch Gehörlose heute teilweise benutzen, ein große Rolle. Keller lernte die Wörter, indem ihr ihre Lehrerin diese mit dem Fingeralphabet in die Hand buchstabierte, sie also die Gebärden an der Handfläche spüren konnte.

Ein kurzes Gedankenspiel zwischendurch: Wie schafft man es, die Verknüpfung zwischen irgendetwas, was man an der Hand spürt, und einem Gegenstand oder einer Sache zu erkennen? Helen Keller soll es bei dem Wort „Wasser“ verstanden haben. Sie soll erst das Wasser auf ihrer Haut gespürt haben, dann das, was ihr in die Hand buchstabiert worden ist. Soweit komme ich noch mit: Man versteht, dass diese beiden Sachen einen Zusammenhang haben könnten. Aber wusste Helen Keller wirklich, dass es Wasser ist? Oder hatte „Wasser“ in ihrem Kopf einen anderen Namen? Wusste sie (und wenn ja, woher?), dass die eine Gebärde ein „W“ ist, die nächste ein „A“ u.s.w.? Oder hat sie das ganze Wort an sich mit dem nassen Gefühl auf ihrer Haut verbunden?

Jedenfalls lernte Keller ihre Welt auf diese Art und Weise kennen. Sie lernte außerdem die Brailleschrift, also die „Standard-Blindenschrift“ mit ihren kleinen Erhebungen an unterschiedlichen Stellen, je nach Buchstabe.

Hier geht das Gedankenspiel weiter: Denn spätestens hier musste Keller ja ein Gespür für den einzelnen Buchstaben bekommen haben, also einen Buchstaben des Fingeralphabets mit einem Buchstaben der Brailleschrift verbunden haben. Aber auch hier frage ich mich, ob z.B. der Buchstabe „A“ in ihrem Kopf auch ein „A“ war, wie wir ihn als sehende und hörende Menschen betrachten, also wie er aussieht und wie er sich für uns anhört. Oder hatte Keller ihre ganz eigene Sprache in ihrem Kopf, bestehend aus einer Mischung aus Gebärden und Blindenschrift? Vielleicht sogar ohne Klang? Einen Bestandteil, ohne den ich mir eine Sprache schwer vorstellen kann.

Helen Keller besuchte trotz ihrer Behinderung und mithilfe ihrer Lehrerin Anne Sullivan, die sie ihr Leben über begleitete, das Radcliffe-College, wo sie Französisch und Deutsch lernte und 1904 ihren Bachelor mit summa cum laude abschloss. Sie versuchte auch, trotz der Gehörlosigkeit das Sprechen wieder zu erlernen, nachdem sie im Alter von knapp zwei Jahren damit aufgehört hatte.

Jetzt frage ich mich, wie es jemand schafft sprechen zu lernen, wenn er weder die anderen hört, noch deren Lippenbewegungen sieht. Helen Keller lernte vermutlich die Lippenbewegungen, indem sie ihre Hand auf die Lippen einer sprechenden Person legte und dann versuchte, sie nachzubilden. Denn auf diese Art und Weise konnte sie die einzelnen Gebärden oder Buchstaben der Blindenschrift mit Lippenbewegungen verknüpfen und versuchen daraus Worte zu formen. Erst jetzt konnte also eine Verknüpfung zwischen ihrer Sprache und den verschiedenen Lauten der Sprache der Sehenden und Hörenden zustande kommen.

Im Laufe ihres Lebens setzte sich Helen Keller sehr für die Belange von anderen taubblinden Menschen ein, forderte eine gleichwertige Behandlung und kämpfte gegen das Gerücht behinderte Menschen seien weniger intelligent. Außerdem engagierte sie sich für Frauenrechte, genauso wie für Rechte farbiger Menschen. Sie gründete den Helen Keller Endowment Fund, in dem sie sowohl national als auch international beratend tätig war und war darüber hinaus Mitglied der Amercian Foundation for the Blind. Hier machte sie sich stark für die Verbreitung der Brailleschrift. Auch schrieb sie viele Bücher, die zum Teil sehr autobiographisch geprägt waren und von ihrem Leben und ihrer Lehrerin handelten. Die bekanntesten Bücher sind „Out of the dark“ und „The story of my life“.

Auch nach ihrem Tod blieb Helen Keller eine sehr bekannte Person in den USA. Es gab Serien und Filme über ihr Leben, Gedenkmünzen und auch heute sind noch zahlreiche Schulen auf der ganzen Welt nach ihr benannt. Nach einer Frau, die sich wahrscheinlich in manchen Momenten in ihrer Welt sehr einsam gefühlt haben muss, die aber dennoch nicht aufgegeben hat zu versuchen, auf jegliche Art und Weise mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren und ihren Standpunkt klar zu machen. Wie Helen Keller es kurz vor ihrem Tod gesagt haben soll: Ich bin blind, aber ich sehe; ich bin taub, aber ich höre.