Dr. med. Joost Butenop MPH

BVMD: Können Sie uns mehr über Ihre Arbeit erzählen?

 

Dr. Butenop: Ich arbeite im öffentlichen Gesundheitsdienst der Regierung von Unterfranken als Fachberater für Asyl- und Migrationsgesundheit. Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit umfasst die Beratung der Gesundheitsämter sowie anderen Institutionen der Regierung und Zivilgesellschaft. Ich verknüpfe die Behörden untereinander (v. a. Sozialämter, Jugendämter) und diese dann mit den AkteurInnen der Zivilgesellschaft (z.B. NGO, Kliniken, niedergelassene ÄrztInnen, Hochschulen). Meine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle zwischen dem präventiven und kurativen Bereich, was traditionell strikt getrennt ist. Dabei liegt mein besonderes Augenmerk auf allen vulnerablen Gruppen, wie Asylbewerbern mit mentalen Problemen, mit Behinderungen oder auf Menschen ohne Papiere. Und ich bekomme viele Vortragsanfragen zum Thema Flüchtlingsgesundheit.

Ich erledige also viel bürokratische Arbeit, aber nicht nur! Ich bin häufig unterwegs, besuche Asylunterkünfte, um unter anderem Problemfälle zu lösen. Zuletzt gab es zum Beispiel das Problem, dass Flüchtlinge sich aufgrund von Kakerlaken nicht mehr in ihre Zimmer trauten. Da galt es schnell pragmatische Lösungen zu finden.

Daneben habe ich hin und wieder nebenberufliche Tätigkeiten, z.B. als Berater für NGOs und als Gastdozent an einigen Hochschulen.

 

BVMD: Gibt es Momente, wo Ihre persönliche Ansicht zum Thema Migrationspolitik nicht mit den Forderungen der Regierung von Unterfranken übereinstimmt?

 

Dr. Butenop: Man steht kontinuierlich in einem Spannungsfeld zwischen der gesetzgebenden Landesregierung (aktuell die CSU), medizinischer Ethik und Menschenrechten. Aber genau das Navigieren innerhalb dieses Spannungsfeldes empfinde ich als extrem spannend und herausfordernd. Bezogen auf das Beispiel der Ankunfts- und Rückführungszentren hat jeder Mensch aus ethischer Sicht das Recht auf ein würdevolles Leben, egal welche Gründe ihn zur Flucht bewegten, ob ökonomischer Art oder aufgrund von Krieg. Dennoch müssen wir bei limitierten Ressourcen und den gegebenen Gesetzen Prioritäten setzen.

Wenn ich anderer Meinung bin, dann versuche ich meinen Standpunkt mit Evidenzen zu belegen.  Entscheidungsträger lassen sich mit Zahlen und Fakten überzeugen. Leider fehlt es im Bereich der Flüchtlingsversorgung oft an Daten. Ich versuche über Hochschulpartnerschaften Doktorarbeits- oder Masterarbeitsthemen vorzuschlagen und umzusetzen, sodass Fakten entstehen, die ich benutzen kann, um fundierte Entscheidungen zu treffen. Bisher habe ich sieben Masterarbeiten begleitet.

 

BVMD: Was gefällt Ihnen am meisten und wenigsten an Ihrer Arbeit? 

 

Dr. Butenop: Die Schnittstelle zwischen fachlichem Wissen, strategischer Planung und Politik empfinde ich als sehr spannend. Der Kontakt zu den unterschiedlichsten Interessensgruppen, sei es die Regierung, NGOs, die kassenärztliche Vereinigung, Ärztekammern, Krankenhäuser, niedergelassene ÄrztInnen oder AsylbewerberInnen, ermöglicht mir, die unterschiedlichen Perspektiven kennen zu lernen und zu verstehen. 

Des Weiteren ist durch mein nebenberufliches Engagement in Lehre und Forschung mein Alltag sehr vielfältig.

Frustrierend an meiner Arbeit ist, dass sich die Dinge häufig über Jahre hinweg nur sehr langsam verändern; ich bin leider nicht der geduldigste Mensch.  

 

BVMD: Wie schaffen Sie es, Ihre klinische Tätigkeit mit Ihrem Engagement außerhalb der Klinik zu vereinbaren?  

 

Dr. Butenop: Ich war noch nie rein klinisch tätig. Nach Abschluss meines Medizinstudiums war ich für einen kurzen Forschungsaufenthalt zum Thema Lepra in Indien, anschließend für fast ein Jahr am Robert-Koch-Institut und habe zum Thema HIV/AIDS geforscht. Dann fing auch schon meine Zeit bei „Ärzte ohne Grenzen“ und im Bereich Public Health an. Ich habe mich früh dafür entschieden, meine Karriere im Bereich Public Health zu verbringen, ein Spagat zwischen Klinik und Public Health gelingt nach meiner Meinung auf Dauer nicht. 

 

BVMD: Können Sie uns mehr über Ihre Arbeit bei Arzte ohne Grenzen (MSF) erzählen?

 

Dr. Butenop: Ich arbeitete insgesamt fünf Jahre für „Ärzte ohne Grenzen“, zuerst als Arzt in der Grundversorgung in Afghanistan und dann als Projektkoordinator in Angola. Damit ist man ein Projekt- und Teamverantwortlicher und muss zum Beispiel Basisgesundheitsstationen oder Apotheken verwalten, Statistiken auswerten und analysieren,  Programme planen und implementieren, Budgets konzipieren und verwalten. Ein hohes Maß an sozialen Fertigkeiten, Anpassungsfähigkeit und interkultureller Kompetenz wird gefordert und spielt neben fachlichem Wissen eine ebenso wichtige Rolle. Man muss andere organisieren und koordinieren können, Teamkonflikte lösen und vor allem mit schwierigen Rahmenbedingungen klarkommen, sei es das Klima, die prekären Lebensumstände, sei es die fremde Kultur.

Ein Projekt in Pakistan prägte mich besonders. Wir wollten dort ein neues Projekt in Mohammed Kheil nahe der afghanischen Grenze aufbauen, wofür wir von allen politischen Gruppierungen, von der Regierung bis hin zu den Milizen, das Einverständnis brauchten. Das war ein sehr langer Verhandlungsprozess, der mir „The Art of Drinking Green Tea“ näher brachte : Jedes Verhandlungstreffen begann mit einer Tasse grünen Tees. Und da Ärzte ohne Grenzen sehr strikte Prinzipien hat und auf wenig Kompromisse eingeht, kam es zu vielen Verhandlungssitzungen, die immer mit dem gleichen Teeritual begannen und sich so in die Länge zogen. Gleichzeitig wird aber so soziale Akzeptanz bei den VerhandlungspartnerInnen aufgebaut, was sich langfristig auszahlt.

 

BVMD: Sie sind Gründer der Medbox; um was handelt es sich genau?

 

Dr. Butenop: Ich gründete die Medbox im Jahr 2012. Es handelt sich um eine Online-Bibliothek, die die Qualität  medizinischer Versorgung weltweit verbessern soll. Sie trägt Dokumente zusammen, die für den praktischen Alltag im Einsatz relevant sind, wie Lehrbücher, Richtlinien, Poster, Checklisten, klinische Guidelines. Alle Dokumente sind auch über eine App offline zugänglich. Primär soll es humanitären Helfern und Entwicklungshelferinnen in ihrer Tätigkeit durch einen einfachen Zugang zu relevanter, aktueller Literatur helfen. Es wird von internationalen Organisationen und wissenschaftlichen Institutionen unterstützt, die in der humanitären Hilfe oder Entwicklungszusammenarbeit tätig sind und ist unter www.medbox.org leicht zu finden.

 

BVMD: Welchen Herausforderungen mussten Sie sich in Ihrem beruflichen oder persönlichen Leben stellen?

 

Dr. Butenop: Am Anfang meiner Karriere war es eine Herausforderung, den Entschluss zu fassen, mich komplett von der klinischen Tätigkeit abzuwenden. Irgendwann gibt es nämlich kein Zurück mehr. So schien es damals.

Persönlich hatte ich das Glück, dass meine Frau in der Entwicklungszusammenarbeit tätig war, sodass sie viel Verständnis zeigte. Einige Auslandsaufenthalte konnten wir zusammen bestreiten. Natürlich blieb es eine Herausforderung, Auslandseinsätze mit einer Familie zu kombinieren. Im Rahmen meiner Arbeit am Missionsärztlichen Institut in Würzburg ging das trotzdem ganz gut.

Denn: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

 

BVMD: Was war Ihre Motivation und Inspiration, sich in diese Richtung zu engagieren?

 

Dr. Butenop: Meine Motivation für das Medizinstudium entdeckte ich mit Albert Schweitzer. Zur gleichen Zeit gab es in den 80/90er Jahren große Flüchtlingsbewegungen in Äthiopien und Rwanda, was mich noch mehr sensibilisierte und motivierte. Von Anfang an war also der Wille da, humanitäre Hilfe zu leisten. Im Studium war ich beim Vorläufer der BVMD (Deutscher Famulantenaustausch) und der IFMSA engagiert und reiste mehrfach ins Ausland. 1994 absolvierte ich eine Famulatur in Zimbabwe, 1995 nahm ich an einen IFMSA-Projekt in Ghana teil und 2000 an einem IFMSA-Projekt im Sudan, wo ich am Aufbau essentieller Infrastruktur und an der Lehre von hygienischem und medizinischem Grundwissen mitwirkte.

Ich merkte, wie sehr mir Management, strategische Entwicklung und vor allem interdisziplinäre Teamarbeit Spaß macht. Ich wollte mit meiner Tätigkeit den größtmöglichen Impakt haben, was aus meiner Sicht mit Individualmedizin nicht zu erreichen war.

 

BVMD: Wenn Sie auf Ihren bisherigen Karriereweg zurückblicken, gibt es etwas, was Sie anders gemacht hätten?

 

Dr. Butenop: Für mich geht es nicht darum, ein gewisses Ziel zu erreichen, sondern der Weg dahin ist das Ziel. Somit gibt es keine Rückschritte, alles trägt zum Karriereweg bei, der im Nachhinein zwar geradlinig aussieht, sich aber eher zufällig ergeben hat, als dass ich ihn systematisch geplant hätte.

Ich wäre gerne bei Arzte ohne Grenzen geblieben, aber ich musste meinen Ehrgeiz zwischen Beruf und Familie aufteilen. Ich hätte auch bei einigen Organisationen in Genf arbeiten können, aber ich entschied mich bewusst gegen diese Option. Zum Einen habe ich eine Familie, um die ich mich kümmern möchte, zum Anderen gefällt mir das „operative Geschäft“, also meine Hände „schmutzig zu halten“ und aktiv am Geschehen zu bleiben.

 

BVMD: Wenn man Ihnen ein bezahltes freies Jahr schenken würde, was würden Sie tun?

 

Dr. Butenop: Ich würde nach Nordamerika reisen und ein Jahr in der Wildnis leben fern von jeglicher Zivilisation, das sog. „year long“. Es gibt dort die Möglichkeit, mit einem nordamerikanischen, indigenen Trainer und einer Gruppe von Gleichgesinnten selbstständig zu leben. Eine solche Erfahrung verbindet einen zur Natur, zu sich selbst und zu anderen.

 

BVMD: Welche Ratschläge haben Sie an Medizinstudierende, die sich in diesem Bereich engagieren möchten?

 

Dr. Butenop: Ich denke, dass man 2-3 Jahre Klinikerfahrung sammeln sollte, bevor man sich außerklinisch engagiert. Zum Einen ist es die Mindestanforderung für fast alle ausgeschriebenen Stellen in der humanitären Hilfe. Zum Anderen trägt etwas klinische Berufserfahrung zur sozialen Anerkennung bei und man kann in der Zeit über kürzere humanitäre Einsätze, wie zum Beispiel mit German Doctors, erfahren, ob es einem wirklich liegt. 

Alle Studierenden sollten die Frage für sich beantworten: Wo möchte ich in 10 Jahren sein? Das hilft herauszufinden, was man wirklich möchte und wie stark die innere Unruhe ist. Soll es klinisch weiter gehen oder kann man sich vorstellen, in Public Health zu arbeiten?

Nach etwas Berufserfahrung kann ich ein Masterstudium empfehlen, wenn man weiß, in welche Richtung man sich orientieren möchte. Ich absolvierte 2004/2005 einen Master in Malaysia in Public Health. Ich lernte viel nützliches Wissen über Bevölkerungsmedizin, Epidemiologie (beispielsweise wie man eine Studie richtig konzipiert), auf das ich heute noch zurückgreife.

Und natürlich: Füße dreckig machen! Ins Ausland gehen, sich aktiv am Geschehen beteiligen. Das geht gut über Famulaturen und PJ, ggf. ein Praktikum im Sektor Public Health, z.B. auch über die IFMSA.

 

BVMD: Haben Sie bestimmte Vereine im Auge, die für Studierende mit Interesse an Global Health von Relevanz sein könnten?

 

Dr. Butenop: Davon gibt es eine Vielzahl, angefangen natürlich mit der BVMD, dem GandHi-Projekt, der IFMSA oder der Sommerakademie in Würzburg zur Tropenmedizin und globaler Gesundheit. Weitere Optionen: jährliche Sommerakademie in Berlin an der Charité oder die Sommerakademie zu Katastrophenmedizin und humanitären Hilfe in Ulm.

 

Hier noch weitere Lesetipps:

-          Go international, Elgin Hackenbruch

-           Im Zentrum der Katastrophe, Richard Munz

-          Barmherzigkeit braucht Qualität, Caritas international – schräger Titel, gutes Buch!

"Es geht nicht darum, ein gewisses Ziel zu erreichen, sondern der Weg dahin ist das Ziel. Somit gibt es keine Rückschritte, alles trägt zum Karriereweg bei."