Dr. med. Peter Tinnemann MPH

April 2018

BVMD: Können Sie uns mehr über Ihre Arbeit erzählen?

 

Dr. Tinnemann: Ich habe zwei unterschiedliche Standbeine: Ich arbeite als Leiter des Projektbereichs Globale Gesundheitswissenschaften an der Charité-Universitätsmedizin Berlin und in der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf. 

An der Charité bin ich überwiegend in der Forschung und Lehre tätig. Meine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der vernachlässigten und armut-assoziierten Tropenkrankheiten, den sogenannten neglected tropical diseases, und der klassischen Sozialmedizin, aber ich beschäftige mich auch mit Impactforschung im Bereich humanitärer Medizin oder sozialen Netzwerkanalysen. In den letzten Jahren habe ich mich besonders mit Fragen zu geistigen Eigentumsrechten/Patenten auseinandergesetzt, die für viele Menschen den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten verhindern. Daraus entstand eine wichtige Kooperation mit der studentischen Organisation UAEM (Universities Allied for Essential medicines), die sich für den weltweiten Zugang von Medikamenten und die Forschung vernachlässigter Tropenkrankheiten engagiert.

Die Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf bietet Weiterbildungen für unterschiedliche Berufsgruppen (ÄrztInnen, ApothekerInnen, ZahnärztInnen, sozialmedizinische AssistentInnen…) und Ausbildungen (HygienekontrolleurInnen, LebensmittelkontrolleurInnen..) in verschiedenen Bereichen der öffentlichen Gesundheit an. Sie qualifiziert durch Fortbildungen Berufsgruppen spezifisch oder z.B. wenn neue Gesetze in Kraft treten und Mitarbeiter dazu besonders geschult werden müssen. Ich bin sowohl in der inhaltlichen Gestaltung der Seminare als auch aktiv in der Lehre beteiligt.

 

BVMD: Das klingt sehr spannend, wie sieht denn ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

 

Dr. Tinnemann: Ich arbeite schon seit längerem nicht mehr in einem klassischen Klinikalltag. Ich verbringe wohl die meiste Zeit damit Emails zu beantworten, an Meetings oder Telekonferenzen teilzunehmen, zu unterrichten aber auch Fachartikel zu lesen und zu schreiben. Ich bin innerhalb Deutschlands viel unterwegs, manchmal international, pendle zwischen Düsseldorf und Berlin und animiere regelmäßig Workshops in anderen deutschen Städten.

 

BVMD: Wie kamen sie von der Klinik zu ihrem aktuellen Beruf?

 

Dr. Tinnemann: Durch meine Auslandsaufenthalte lernte ich anderthalb Jahre nach meinem Staatsexamen die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ kennen, die damals in Deutschland nur aus einer Hand voll Mitarbeitenden bestand. Ich hatte bereits einen obligatorischen 3-monatigen Kurs in Tropenmedizin absolviert und entschied mich, mit MSF meine erste Mission in Somalia zu machen.  Ich habe insgesamt sechs Jahre für „Ärzte ohne Grenzen“ gearbeitet. Ich war zuerst klinisch tätig und nach und nach übernahm ich mehr Managementaufgaben zum Beispiel als Projekt Manager und Einsatzleiter. Irgendwann hatte ich genug von der Arbeit in der Humanitären Hilfe und ich entschloss mich, meine Facharztausbildung zum Consultant in Public Health in England zu beginnen. Diese Zeit war sehr spannend und lehrreich, auch weil dort ein Teil der theoretischen Facharztausbildung ein Studium zum Master in Public Health war – das ist genau das was ich jetzt an der Akademie mitunterrichte. Nach über drei Jahren leben und arbeiten in London kehrte ich nach Berlin zurück, wo ich seitdem weiterhin im Bereich Öffentlichen Gesundheit forsche und arbeite. Für mich ist Globale Gesundheit die Betrachtung von allen unterschiedlichen Bereichen der Öffentlichen Gesundheit im weltweiten Kontext.

 

BVMD: Was gefällt Ihnen am meisten und wenigsten an Ihrer Arbeit? 

 

Dr. Tinnemann: Global Health umfasst zahlreiche Gebiete. Die Möglichkeit sich immer wieder mit diversen Themen in unterschiedlicher Tiefe und Breite auseinandersetzen zu können, finde ich sehr spannend. Anfangs kann es einem überwältigend vorkommen, aber mit der Zeit findet man seine Nische, wo man sich einarbeiten kann.

Weiterhin gefällt mir das Lehren sehr gut. Junge Menschen hinterfragen durch ihre gewisse „Naivität“ viele Konzepte, sodass man die eigenen Vorstellungen und Ansichten immer wieder in Frage stellt.

Mit der Zeit sieht man, wie sich Dinge über die Jahre verändern, was mir sehr viel Freude bereitet. Am Anfang einer Karriere ist man häufig sehr ungeduldig und frustriert, weil man auf sofortige Erfolge hofft. Als ich zum Beispiel vor Jahren bei „Ärzte ohne Grenzen“ anfing zu arbeiten, hat sich keiner für vernachlässigte Tropenkrankheiten interessiert. Politiker denen ich das wichtige Thema näherbringen wollte, haben immer nur abgewunken mit der Antwort das man damit in Deutschland keine Wähler gewinnen könnte. Bis plötzlich Angela Merkel auf dem G7 Gipfel 2015 vernachlässigte Tropenkrankheiten zu einer Priorität machte.

Global Health gewinnt mehr und mehr an öffentliche Aufmerksamkeit, was ich sehr begrüße. Aber leider behandeln viele das Thema wie eine Religion, sie haben eine Meinung und Überzeugung zu Global Health, ohne sich mit dem Thema in der Tiefe beschäftigt, ein Buch oder Fachartikel dazu studiert zu haben.

 

BVMD: Wie schaffen Sie es Ihre klinische Tätigkeit mit Ihrem Engagement zu vereinbaren?  

 

Dr. Tinnemann: Leider lässt sich meine derzeitige Arbeit in Forschung und Lehre nicht mit einer klinischen Tätigkeit vereinbaren. In Deutschland muss man sich noch entscheiden, welchen Karriereweg man einschlagen möchte. Das ist in anderen Ländern, wie z.B. England anders. Dort kenne ich Kollegen, die zwei Tage in der Woche in einer Allgemeinarztpraxis arbeiten, einen Tag an der Universität unterrichten und einen Tag in der Gesundheitsverwaltung arbeiten. So hätte ich es mir auch gewünscht.

 

BVMD: Wann hatten Sie zum ersten Mal Kontakt mit humanitärer Hilfe?

 

Dr. Tinnemann: Bereits im Studium hat mich das Ausland angezogen. Meine ersten Erfahrungen in einem Entwicklungsland sammelte ich während einer Famulatur in den Philippinen. Danach arbeitete ich 12 Monate als Arzt im Praktikum, damals noch Pflicht nach dem Praktischen Jahr, in einem Kinderkrankenhaus in Haiti. Ich betreute viele HIV-positive Kinder. Die wenigsten erhielten eine adäquate medikamentöse Therapie, was mich sehr erschütterte. Ich lernte dort die Hilfsorganisation „unsere kleinen Schwestern und Brüder“ kennen, die verlassene und verwaiste Kinder mit Unterkunft und medizinischer Betreuung versorgt.  So baute ich nach und nach ein Netzwerk an gleichgesinnten Menschen auf.

Ich machte eine ähnliche frustrierende Erfahrung als ich mit „Ärzte Ohne Grenzen“ im Süd-Sudan arbeitete, wo ich aufgrund fehlenden Zugangs zu lebenswichtigen Medikamenten meine Patienten mit Schlafkrankheit nicht behandeln konnte. Man muss sich vorstellen, dass wir damals die letzten Ampullen von Medikamenten benutzten. Keiner wollte die Medikamente mehr herstellen, weil die Menschen, für die diese Medikamente lebenswichtig waren, kein Geld dafür bezahlen konnten.

 

 BVMD: Wenn Sie auf Ihren bisherigen Karriereweg zurückblicken, gibt es etwas was Sie anders gemacht hätten?

 

Dr. Tinnemann: Ich wäre gerne länger bei „Ärzte ohne Grenzen“ geblieben. Damit gingen jedoch viele Nachteile einher. Damals wurde zum Beispiel nicht in die Rentenversicherung eingezahlt und es war schwierig die Arbeit mit einer Familie zu vereinbaren.

Weiterhin habe ich erst nach über 15 Jahren Arbeitserfahrung als Arzt meine Weiterbildung in Public Health in England und Deutschland absolviert, wo ich sehr nützliche neue Fertigkeiten erlernte. Ich wünschte ich hätte meine formelle Facharztweiterbildung schneller vorangetrieben und vor allem früher von der Möglichkeit einen Facharzt im Bereich Öffentliche Gesundheit zu absolvieren erfahren.

 

BVMD: Welche Ratschläge haben Sie an MedizinstudentInnen, die sich in diesem Bereich engagieren möchten?

 

Dr. Tinnemann: Heutzutage sind viele junge Menschen sehr gut ausgebildet und mit den unterschiedlichsten akademischen Ausbildungen gewappnet. Die wenigsten wissen jedoch, was sie damit anfangen können oder sollen, weil ihnen berufliche Erfahrung fehlt. Ich denke junge Menschen sollten erst konkret in einem Gebiet Erfahrungen sammeln, sich engagieren und dabei herausfinden, was sie wirklich interessiert. Erst im Verlauf macht es Sinn sich weiterzubilden.

 

BVMD: Gibt es eine Art Dachverband oder eine Vernetzung zwischen und für ÄrztInnen, die sich im Bereich Global Health engagiert?

 

Dr. Tinnemann: In Deutschland haben wir die Global Health Alliance mit Lehrenden und Studierenden gegründet und versuchen damit das Thema Global Health an den medizinischen Fakultäten zu stärken. Eine deutsche Gesellschaft für Global Health gibt es noch nicht – vielleicht sollten wir sie gründen? In Berlin haben wir ein interdisziplinäres Netzwerk für Global Health Verrückte gegründet – da treffen sich unterschiedlichste Berufsgruppen auf unterschiedlichen Erfahrungsebenen und mit völlig unterschiedlichen Lebenswegen.

 

BVMD: Kann man als Medizinstudent bei Ihnen eine Doktorarbeit absolvieren?  

 

Dr. Tinnemann: Ich betreue derzeit nur wenige medizinische Doktoranden. Generell ist es durchaus möglich, aber ich erwarte von meinen Doktoranden, dass sie bereits eine Vorstellung zu ihrem Forschungsthema haben und sehr motiviert sind. Da meine Forschung jedoch sehr theoretisch ist, ist es für Mediziner manchmal schwer ein passendes Thema zu finden, das sie wirklich interessiert.

„Am Anfang einer Karriere ist man häufig sehr ungeduldig und frustriert, weil man auf sofortige Erfolge hofft. Aber über die Jahre sieht man, wie sich Dinge doch langsam verändern.“