MD Hanna Kaade

Januar 2019

BVMD: Beginnend in Aleppo (Syrien) bis zur Spreewaldklinik in Lübben, erzählen Sie uns von Ihrem beruflichen Weg.

 

Dr. Kaade: Während des Medizinstudiums habe ich mich vor allem für die klinische Medizin interessiert, das heißt die Arbeit mit Patientinnen und Patienten. Insbesondere die Chirurgie hat mich begeistert und daher wurde es schnell mein erklärtes berufliches Ziel, als Chirurg zu arbeiten. In der Zeit vor dem Studium habe ich ehrenamtlich mit dem Syrian-Arab Red Crescent gearbeitet, vor allem in der Leistung und Koordination erster Hilfe. Das Red Crescent spielt in arabischen Ländern dieselbe Rolle wie in Deutschland das Rote Kreuz. Durch diese Arbeit gewann ich klinische Erfahrung und damit wuchs meine Leidenschaft für die Medizin.

 

Als der syrische Bürgerkrieg im Jahre 2012 auch Aleppo erreichte, hat mich das Syrian-Arab Red Crescent damit beauftragt, Erste-Hilfe-Maßnahmen in Aleppo zu koordinieren. Kurz vor meinem Abschluss im Jahre 2013 wurde ich dann von der WHO als „1st Public Health Officer“ meiner Region rekrutiert.

 

BVMD: Was genau haben Sie als Public Health Officer der WHO gemacht? 

 

Dr. Kaade: Ich habe im Rahmen dieser Berufung WHO-Projekte eingeführt, geplant und etabliert. Es handelte sich um ein breites Spektrum an Themen der öffentlichen Gesundheit: Ausbildung zum Thema Trauma und Advanced Trauma Life Support (ATLS), Durchführung von Impfprogrammen (Polio, Masern, etc.), Monitoring von Infektionserkrankungen, Entwicklung sogenannter „Early Warning and Response Systems“ für Epidemien. Es wurde zu einer besonderen Herausforderung, diese Projekte und Hilfemaßnahmen in besetzten oder nicht-zugänglichen Regionen einzuführen.

 

Wir haben sogar ein Projekt zu psychischer Gesundheit auf die Beine gestellt. Dabei ging es darum, medizinisches Personal besser auszubilden, sodass der hohe Bedarf an psychiatrischen Behandlungen zu Bürgerkriegszeiten auch von Hausärzten, Stationsärztinnen und Krankenpflegenden gedeckt werden kann.

 

Weiters habe ich mich an der regionalen Koordination von Gesundheitsmaßnahmen beteiligt.

 

BVMD: Und was wurde aus der großen Leidenschaft für die Chirurgie?

 

Dr. Kaade: Meine Leidenschaft für die Chirurgie habe ich weiterhin ausleben können. Nach meinem Abschluss habe ich nachmittags und abends als Assistenzarzt in der chirurgischen Abteilung des Unfallkrankenhauses Aleppo gearbeitet und habe auf diese Art und Weise meine Ausbildung für Allgemein- und Viszeralchirurgie weiterverfolgt. Vormittags habe ich bei der WHO in der oben beschriebenen Rolle gearbeitet. Zwischendurch habe ich es sogar geschafft, ehrenamtlich mit dem Syrian-Arab Red Crescent in der Koordination erster Hilfe zu arbeiten.

 

Allerdings stellte ich mir in meiner Freizeit die Frage, welche Berufsrichtung ich langfristig einschlagen möchte ¾ Public Health oder Chirurgie? Ich wollte unbedingt klinisch tätig sein und meiner Leidenschaft für die Chirurgie nachgehen. Dennoch faszinierte mich die Arbeit mit der WHO sowohl auf thematischer als auch auf praktischer Ebene. Ich konnte viele Menschen durch meine Arbeit in diesem Bereich erreichen. Außerdem habe ich viel gelernt über Themen, zu denen ich sonst nur wenig Zugang hatte. Alle paar Monate hatten wir eine neue Aufgabe oder ein neues Projekt. Beispiele sind die Bekämpfung der Mangelernährung sowie Projekte, die zur Sicherung der Wasserqualität und Hygiene in bestimmten Regionen dienten.

 

Nach zwei Jahren fasste ich letztendlich den Entschluss, Syrien zu verlassen und in Deutschland meine chirurgische Ausbildung fortzuführen.

 

BVMD: Wie kamen Sie zu „Global Surgery“?

 

Dr. Kaade: In Deutschland hat meine Leidenschaft für die Fächer der Chirurgie und der öffentlichen Gesundheit nicht nachgelassen. Ich habe mich gefragt, ob die Möglichkeit besteht, beide Disziplinen zu kombinieren. Eines Tages während einer Internetrecherche stieß ich auf den Begriff „Global Surgery“. Das Bestreben der globalen Chirurgie ist es, den Gesundheitszustand und die Gesundheitschancen derjenigen zu verbessen, die aufgrund verschiedenster Krankheitsbilder auf eine chirurgische Versorgung angewiesen sind. In diesem Zusammenhang gilt es, den Menschen zu helfen, die sich in Krisen- oder Kriegssituationen befinden, aber auch denjenigen, denen aus sozioökonomischen Gründen der Zugang zu einer chirurgischen Versorgung hoher Qualität verwehrt bleibt.

 

Leider gab es im deutschsprachigen Raum zu jenem Zeitpunkt nur wenige Experten, die sich mit diesem Thema auseinandersetzten. Ich habe mich gefragt, ob es für mich als syrischen Arzt überhaupt möglich wäre, ein neues Arbeits- und Forschungsfeld aufzubauen, wo ich doch erst seit Kurzem in Deutschland arbeitete. Dann dachte ich, es wäre doch auf jeden Fall einen Versuch wert. Ich habe mich mit interessierten Menschen in Kontakt gesetzt und daraus entstand die GGSA – die German Global Surgery Alliance/Association.

 

BVMD: Was würden Sie mit einem freien bezahlten Jahr machen?

 

Dr. Kaade: Ich würde alle Kongresse und Seminare besuchen und versuchen von dem Wissen und den Erfahrungen anderer zu schöpfen! Überall auf der Welt! Ich würde versuchen meine Erfahrungen, so oft wie möglich mit interessierten Menschen zu teilen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, voneinander zu lernen.

 

Ebenfalls würde ich gerne die Arbeit der lokalen NGOs in Syrien, beispielsweise des Syrian-Arab Red Crescent während des Bürgerkrieges dokumentieren und zusammenfassen. Ich finde es wichtig, von ihren Erfahrungen zu lernen, sodass zukünftig die lokalen NGOs während einer Kriegssituation in ihrer Arbeit unterstützt und gefördert werden können. Ich denke, dass die regionalen NGOs während des syrischen Bürgerkrieges insgesamt sehr gute Arbeit geleistet haben. Davon sollten wir als Global-Health-Gemeinschaft lernen. Natürlich sind auch Fehler passiert und es gab sicherlich Aspekte, die man hätte verbessern können. Auch diese gilt es zu identifizieren.  

 

BVMD: Wie schaffen Sie es, Ihre klinische Tätigkeit mit Ihrem Engagement zu vereinbaren?  

 

Dr. Kaade: Ich nutze meine Freizeit dafür, meiner Leidenschaft für Global Surgery nachzugehen. Ich besuche Kongresse und Seminare und versuche so viel wie möglich über dieses Thema zu reden. Es ist für mich zum Lifestyle geworden, ehrenamtliche Arbeit zu leisten. Wer eine Leidenschaft hat, schaufelt sich die Zeit frei. Neulich bin ich zum International Delegate für das Deutsche Rote Kreuz ernannt worden; in dieser Funktion setzte ich mich für Consultancy und Capacity Building im Gesundheitsbereich ein.

Vielleicht ergibt sich nach Abschluss meiner Weiterbildung die Möglichkeit, meine chirurgische Tätigkeit mit Global Surgery zu verbinden über einen Teilzeitvertrag.

 

BVMD: Welche Ratschläge haben Sie an MedizinstudentInnen, die sich in diesem Bereich engagieren möchten?

 

Dr. Kaade: Für Medizinstudierende, die sich für Global Health interessieren, würde ich Folgendes vorschlagen:

Schritt 1: Informationen sammeln. Was ist Global Health? Was interessiert dich besonders im Feld der globalen Gesundheit? Wer arbeitet in diesem Bereich? Geh zu Kongressen, Kolloquien, Seminaren, etc. Als StudentIn wird einem die Teilnahme an diesen Events oft erleichtert. Sei nicht scheu und sprich Experten an.

Schritt 2: Misch dich ein! Es gibt viele Organisationen, die sich mit diesen Themen beschäftigen, sei es auf regionalem, sei es auf internationalem Niveau. Schau dir an, was für Projekte es in deiner direkten Umgebung gibt und fang auf dieser Ebene an mitzumischen.

Ebenfalls plädiere ich dafür, sich als MedizinstudentIn über Menschenrechtsthemen zu belesen.

Wenn du es dir leisten kannst und Lust darauf hast, nimm dir ein freies Semester oder ein freies Jahr, um an bestimmten Projekten teilzunehmen. Auch ein „Master of Public Health“ kann auch ein guter Weg sein, deinen Horizont zu erweitern. Als Fernkurs lässt sich dieser mit dem Studium oder der klinischen Tätigkeit gut kombinieren.

 

BVMD: Gibt es eine Art Dachverband oder eine Vernetzung zwischen und für ÄrztInnen, die sich im Bereich Global Surgery engagiert?

 

Dr. Kaade: An dieser Stelle würde ich gerne zwei Verbände vorstellen:

1.     GGSA – German Global Surgery Alliance/Association

http://www.germanglobalsurgeryalliance.org/

2.     Deutsche Gesellschaft für Tropenchirurgie

http://www.tropenchirurgie.org/

3.     Incision Network -  International Student Surgical Network

https://incisionetwork.org/

4.     Programme for Global Surgery and Social Change Harvard

https://www.pgssc.org

5.     Lancet Commission for Global Surgery

http://www.lancetglobalsurgery.org/

 

Falls ihr Fragen habt, Informationen sucht, Gedanken teilen wollt…schreibt mir eine Mail! Nicht zögern, einfach machen!

„Es ist für mich zum Lifestyle geworden, ehrenamtliche Arbeit zu leisten. Wer eine Leidenschaft hat, schaufelt sich die Zeit frei.“