Prof. Dr. med. Ralf Weigel

BVMD: Können Sie uns mehr über Ihre Arbeit erzählen?

 

Prof. Weigel: Ich habe seit Oktober 2017 die Professur für globale Kindergesundheit an der Universität Witten/Herdecke inne, die erste dieser Art in Deutschland. Das geht natürlich mit großer Verantwortung einher, globale Kindergesundheit zu lehren, zu entwickeln und sichtbar zu machen. Letztendlich definiert die Gesundheit unserer Kinder heute die Gesundheit der Erwachsenen von morgen! Unsere junge Arbeitsgruppe besteht derzeit aus zwei wissenschaftlichen MitarbeiterInnen und einer Assistentin.

 

BVMD: Was für Aufgaben gehen mit Ihrer Professur einher?

 

Prof. Weigel: Zurzeit erarbeiten wir unsere Schwerpunkte und schreiben Anträge. Wie möchten wir uns auf nationaler und internationaler Ebene aufstellen? Mit welchen Partnern möchten wir arbeiten? Was sind Prioritäten bezogen auf Kindergesundheit international?  Welche Interventionen sind am effektivsten und wo ist der Bedarf am größten? Das sind alles entscheidende Fragen, die wir uns bei der Ausarbeitung unserer Schwerpunkte stellen müssen.

 

BVMD: Haben Sie schon konkrete Schwerpunkte oder Vorstellungen?

 

Prof. Weigel: Wir wollen die Lehre zu unserem Fachgebiet entwickeln und fördern.  An der Universität Witten-Herdecke haben wir bereits ein Wahlfach in globaler Kindergesundheit entwickelt.  Außerdem können Studierende der klinischen Semester im Rahmen eines Wahlpflichtangebotes an einem 2-wöchigen Kurs in Malawi teilnehmen. Hier können sie sich mit den entsprechenden lokalen Gesundheitsstrukturen und dem theoretischen Hintergrund dazu vertraut machen. Viel Zeit beansprucht außerdem die Vorbereitung der jährlichen Tagung der Gesellschaft für Tropenpädiatrie und Internationale Kindergesundheit (GTP), die im Januar 2019 bei uns in Witten-Herdecke stattfindet (https://globalchildhealth.de). Dann möchte ich noch den ETAT Kurs erwähnen, den GTP Mitglieder gerade bei uns durchgeführt haben.

 

BVMD: Was sind ihre Forschungsschwerpunkte?

 

Prof. Weigel: Unser Schwerpunkt ist Implementierungs- oder sog. Operational Research. Haben implementierte Interventionen die gewünschten Effekte? Es geht darum, den Erfolg von evidenz-basierten Maßnahmen zu messen und Betreuungsprogramme zu evaluieren. Ein Projekt findet zum Beispiel im Kamuzu Central Hospital in Malawi statt. Mittels einer Mixed-Methods Studie, das heißt mittels qualitativer und quantitativer Methoden, schätzen wir die Qualität der Ausbildung lokaler pädiatrischer Gesundheitsarbeiter ein. Für ein weiteres Projekt, das auf die Evaluation von Interventionen zur Verbesserung des Kinderschutzes in Nordrhein-Westfalen abzielt,  warten wir noch auf eine Zusage. Wir hoffen auch, dass unser Antrag zur Unterstützung einer Partnerschaft für die medizinische Hochschule in Bhutan erfolgreich ist. Gute Forschung ist nur auf der Basis einer vertrauensvollen Partnerschaft möglich.

 

BVMD: Was gefällt Ihnen am meisten und am wenigsten an Ihrer Arbeit? 

 

Prof. Weigel: Durch unsere Pionierarbeit können wir eigene Schwerpunkte in Forschung und Lehre setzen. Die nationalen und internationalen Debatten zu verfolgen und zu beeinflussen ist sehr spannend. Wir haben motivierte Partner an der Uni und mit der GTP, und die Zusammenarbeit inspiriert uns.  Manchmal stört mich die Indifferenz zu globalen Gesundheitsfragen, die einem gelegentlich begegnet, aber ich konzentriere mich eigentlich nicht so sehr auf das Negative.

 

BVMD: Wann hatten Sie zum ersten Mal Kontakt mit globaler Gesundheit?

 

Prof. Weigel: Während meiner Ausbildung zum Facharzt für Kinderheilkunde reiste ich für 6 Wochen mit der Hilfsorganisation German Doctors nach Kalkutta, Indien. Dort leisteten wir allgemeinmedizinische Versorgung in einem Armenviertel. Das war prägend, da ich zum ersten Mal erlebte, was Armut bedeutet. Die Menschen dort waren sehr offen und sehr gastfreundlich.

 

BVMD: Sie arbeiteten 8 Jahre in Malawi, wie kam es dazu?

 

Prof. Weigel: Während meiner Weiterbildung zum Kinderarzt an der Charité arbeitete ich in der HIV-Kindertagesklinik. Viele der Familien stammten aus anderen Ländern und Kulturen. Auch auf internationalen Konferenzen wurde mir bewusst, wie global und umfassend die HIV Problematik ist, sodass mein Interesse für einen Auslandseinsatz geweckt wurde. Ich bewarb mich für eine Stelle als klinischer Berater in Malawi, die vom malawischen und deutschen Gesundheitsministerium finanziert wurde. Neben klinischer Arbeit ging es auch um Gesundheits- und Qualitätsmanagement in Einrichtungen für Menschen mit HIV Infektion. Zum Beispiel bemühten wir uns Abläufe zu optimieren um Wartezeiten zu reduzieren, die Dokumentation zu verbessern, Umfragen durchzuführen und so die Qualität der Versorgung zu erhöhen. Über die Zeit vergrößerte sich die Klinik von anfangs 25 auf mehr als 100 Mitarbeiter und die Zahl der Patienten stieg von anfangs 500 auf mehr als 10000.

 

BVMD: Nach Malawi, Liverpool… was brachte Sie dorthin?

 

Prof. Weigel: In Liverpool war ich 7 Jahre lang Dozent an der „Liverpool School of Tropical Medicine“ (LSTM) und arbeitete am Liverpooler Kinderkrankenhaus als Consultant. An der LSTM leitete ich die beiden Postgraduierten Kurse „Masters of Tropical and Infectious Diseases“ und „Masters of Tropical Pediatrics“. Zu den Kursen kamen Studierende aus aller Welt, sowohl aus westlichen Ländern als auch aus Entwicklungsländern, was den Austausch sehr bereicherte.  Wir beschäftigten uns nicht nur mit klinischen Problemen, sondern diskutierten auch andere Fragen. Wie kann Forschung besser helfen dringende Gesundheitsprobleme zu lösen? Wie entwickle ich ein Krankheitskontrollprogramm? Ich hatte das Gefühl, die Erfahrungen aus Malawi weitergeben zu können.

 

BVMD: Wie schaffen Sie es Ihre klinische Tätigkeit mit Ihrem Engagement zu vereinbaren?

 

Prof. Weigel: Seit meiner Ankunft in Witten habe ich mit der Klinik aufgehört. Gerade am Anfang ist hier einfach zu viel zu tun. Lehre, Forschung und Klinik unter einen Hut zu bringen und gut zu machen ist sehr schwierig.

 

BVMD: Welche Herausforderungen mussten Sie sich in Ihrem beruflichen oder persönlichen Leben stellen?

 

Prof. Weigel: Das richtige Gleichgewicht zwischen privatem Leben und Beruf zu finden. Was trägt, was verkraftet eine Familie? Zeit mit der Familie ist mir wichtig und diese will ich gut nutzen.  Der Länderwechsel und die vielen Reisen müssen eine Chance für alle FamilienmitgliederInnen darstellen.

 

BVMD: Wenn man Ihnen ein bezahltes freies Jahr schenken würde, was würden Sie tun?

 

Prof. Weigel: Weiter machen! Meine Arbeit erfüllt mich sehr.

 

BVMD: Welche Ratschläge haben Sie an Medizinstudierende, die sich in diesem Bereich engagieren möchten?

 

Prof. Weigel: Sich entscheiden und „rausgehen“, wenn die Karten gut sind und es passt. Für uns war es wichtig, dass wir die Facharztprüfung hinter uns und schon einige klinische Erfahrung hatten. Nebenberuflich absolvierte ich ein Fernstudium in Infectious Diseases - das vermittelte mir das Rüstzeug vor allem in Public Health. Ich denke auch immer wieder an die vielen Kollegen aus den unterschiedlichsten Ländern und Bereichen deren Wege ich kreuzen durfte.  Diese Bekanntschaften und Freundschaften brauchen Pflege. Auslandserfahrung ist wichtig, wenn man sich Global Health verschreibt. Viele Themen finden sich jedoch auch direkt vor unserer Haustür.

 

BVMD: Gibt es die Möglichkeit bei Ihnen zu promovieren?

 

Prof. Weigel: Ja, definitiv! Interessierte können sich melden, möglichst schon mit Ideen.

 

BVMD: Wenn Sie den Medizinstudierenden noch eine Botschaft mitgeben könnten, welche wäre Sie?

 

Prof. Weigel: Empathie im Kontakt zu anderen ist der Beginn von allem!

"Auslandserfahrung ist wichtig, wenn man sich Global Health verschreibt. Viele Themen finden sich jedoch auch direkt vor unserer Haustür.“