Prof. Dr. med. Stefan Bösner

August 2018

BVMD: Können Sie uns mehr über Ihre Arbeit erzählen?

 

Prof. Bösner: Ich arbeite als Allgemeinarzt in einer niedergelassenen Praxis und unterrichte und forsche an der Abteilung für Allgemeinmedizin der Universität Marburg. Es war mir sehr wichtig, meine klinische Tätigkeit nicht aufzuopfern. Ich halte die Pflichtveranstaltungen zur Allgemeinmedizin und unterrichte seit längerer Zeit ein einwöchiges Wahlpflichtfach zum Thema Global Health.

 

BVMD: Was sind ihre Forschungsschwerpunkte?

 

Prof. Bösner: Ich habilitierte zum Thema klinische Entscheidungsfindung und entwickelte den Marburger Herz-Score, welcher das KHK Risiko von Brustschmerzpatienten evaluiert. Aktuell bin ich u.a. in ein Projekt zur Evaluation der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung involviert. Dazu kommt die Betreuung von Dissertationen zu verschiedenen Themen sowie auch Lehrforschung.

 

BVMD: Wann hatten Sie zum ersten Mal Kontakt mit humanitärer Hilfe?

 

Prof. Bösner: Meine erste Erfahrung sammelte ich während einer sechsmonatigen Famulatur in Uganda an einem kleinen Krankenhaus im Norden des Landes. Dort forschte ich auch teilweise für meine Doktorarbeit über das Burkitt-Lymphom.

Die dort gesammelten guten Erfahrungen motivierten mich, mich weiter in diese Richtung zu spezialisieren. Für eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin entschied ich mich neben inhaltlichen auch aus strategischen Gründen: Ein Wiedereinstieg nach längeren Auslandsaufenthalten ist da einfacher als in hoch spezialisierten Fachrichtungen. Weiterhin kann man die Fertigkeiten, die man in Auslandseinsätzen erlernt, und zwar mit wenig Mitteln die richtige Diagnose zu stellen, super in einer allgemeinmedizinischen Praxis gebrauchen.

 

BVMD: Können Sie uns mehr über ihren ersten Auslandseinsatz als Arzt erzählen?

 

 

Prof. Bösner: Nach meinem Medizinstudium absolvierte ich den Facharzt für Allgemeinmedizin und trat anschließend der NGO Medair bei. Mein erster Einsatz war im Südsudan, mitten im Krisengebiet. Ich war der einzige Arzt im Team und musste alles behandeln: Infektionskrankheiten, Kriegsverletzungen und vieles mehr. Auf das meiste war ich nicht gefasst, aber ich lernte zu improvisieren. Ich machte von der Anästhesie bis hin zu den kleineren chirurgischen Notfalleingriffen, alles selber. Teilweise orientierte ich mich dabei an Büchern wie zum Beispiel „Simple Surgery in Africa“, die ich zum Teil während der Operation neben mir aufgeschlagen hatte. Größere Verletzungen überwies ich nach Stabilisierung an das Zentrum für Kriegschirurgie des Roten Kreuzes.  Ich kann mich noch an ein Kind erinnern, dem eine Granate in den Händen explodiert war. Ich führte nur die Blutstillung durch und überwies das Kind per Flugzeug zum Roten Kreuz.

Nach zwei Jahren wurde mir von Medair ein Kurs an der Liverpool School of Tropical Medicine finanziert. Danach reiste ich mit Medair nach Nordsudan, wo ich überwiegend als Leiter von Gesundheitsprogrammen und Projektgestalter eingesetzt wurde.

Nach 7 Jahren kehrte ich nach Deutschland zurück. Ich wollte einen Master in Public Health im Fernstudium an der Universität London absolvieren und anschließend wieder zurück ins Ausland. Dazu kam es jedoch nicht, u.a. weil meine Frau und ich neben unseren beiden Töchtern, die im Sudan geboren sind, noch einmal Zwillinge bekamen.

 

BVMD: Welche Herausforderungen mussten Sie sich in Ihrem beruflichen Leben stellen?

 

Prof. Bösner: Die prekären Lebensbedingungen während den Einsätzen waren eine Herausforderung: wir hatten kein fließendes Wasser und mussten zum Teil bei 45°C arbeiten. Überraschenderweise war jedoch das Leben im internationalen Team fast die größere Herausforderung. Im Südsudan haben wir in 6 Wochen-Zyklen ohne Urlaubstage gearbeitet, als Team in einem ca. 100m2 großen Zeltlager gelebt und ab 19h war Ausgangssperre. Da kommt jeder mal an seine Grenzen.  Häufig waren kulturelle Unterschiede die Quelle des Konflikts.  Zum Beispiel tendieren wir Deutsche dazu Probleme direkt anzusprechen, was für unsere sudanesischen oder kenianischen KollegInnen ein sehr ungewohnter Kommunikationsstil war.

 

BVMD: Wie haben Sie es geschafft Familie mit Ihren Auslandsaufenthalten zu kombinieren?

 

Prof. Bösner: Bei Medair kam man sich als Paar bewerben, sodass meine Frau und ich gemeinsam ins Ausland reisten. Sie ist Erzieherin und lehrte überwiegend Englisch. Unsere ersten zwei Kinder kamen im Nordsudan auf die Welt. Die Älteste war drei Jahre alt als wir nach Deutschland zurückkehrten.

 

BVMD: Wie gelang ihnen der Wiedereinstieg in Deutschland?

 

Prof. Bösner: Es war nicht einfach nach 7 Jahren Auslandsarbeit wieder zurück in die klinische Tätigkeit überzugehen. Ich kann deswegen jedem nur empfehlen erstmal einen Facharzt zu machen, sodass man zumindest selbständig arbeiten kann. Im Nordsudan hatte ich sehr viel Verantwortung. Ich habe bis zu 100 Leute geleitet und mit dem Gesundheitsminister direkt verhandelt. Plötzlich muss man im eigenen Land von neu anfangen und die Arbeit übernehmen, die keiner machen möchte. Ich kehrte nach Marburg zurück und arbeitete für kurze Zeit in der Allgemeinarztpraxis von ehemaligen Kollegen und dann zwei Jahre in der Notfallmedizin, wo ich überwiegend nachts und an Wochenenden arbeitete. Gleichzeitig studierte ich im Fernstudium Public Health an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Der dort erworbene Master in Public Health hat mir, als es klar war, dass wir nicht mehr ins Ausland gehen, dann auch den Einstieg in meine aktuelle akademische Arbeit geebnet.

Ich musste mich auch emotional umstellen. Ich hatte initial Schwierigkeiten, die PatientInnen, die wegen einer Nichtigkeit zu mir kamen ernst zu nehmen. Der Unterschied zu den PatientInnen im Sudan war einfach immens.

Insgesamt würde ich sagen habe ich 6-7 Jahre gebraucht um mich wieder einzuleben. Das ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wir haben Kollegen, denen der Wiedereinstieg sofort gelang. 7 Jahre im Ausland ist auch ein kritischer Zeitpunkt, nach dem man zumindest wieder einmal länger in seinem ursprünglichen Job arbeite sollte. Wir lernten auch Ärzte kennen, die im Ausland wie gefangen waren, weil sie keinen für sie geeigneten Arbeitsplatz mehr zu Hause fanden. Damals gab es noch keinen so großen Ärztemangel.

 

BVMD: Wenn Sie auf Ihren bisherigen Karriereweg zurückblicken, gibt es etwas was Sie anders gemacht hätten?

 

Prof. Bösner: Ich hätte die Ausbildung in Tropenmedizin und den Master in Public Health zeitlich eher absolviert. Sonst bin ich mit meiner aktuellen Position sehr zufrieden insbesondere, aufgrund der bereits erwähnten Schwierigkeiten. Weiter im Ausland zu arbeiten wäre mit vier Kindern sehr schwierig geworden. Natürlich taucht immer wieder der Gedanke in mir auf, was ich mit der Zeit vergleichsweise im Ausland hätte machen können. Aber ich mag die Tätigkeit in der Allgemeinmedizin und die Verbindung aus Praxistätigkeit und den „Public Health“ Aspekten der Uni Arbeit.

 

BVMD: Wenn man Ihnen ein bezahltes freies Jahr schenken würde, was würden Sie tun?

 

Prof. Bösner: Ich würde in ein ‚Low income‘-Land reisen, am liebsten in ein arabisches Land, als Gastprofessor arbeiten und versuchen die medizinische Grundversorgung zu verbessern.

 

BVMD: Welche Ratschläge haben Sie an Medizinstudierende, die sich in diesem Bereich engagieren möchten?

 

Prof. Bösner: Ich denke zu weit im Voraus zu planen bringt nicht viel, ich glaube vielmehr an eine stufenweise Entscheidungsfindung. Bereits im Studium gibt es viele Möglichkeiten, sein Interesse über Famulaturen oder BVMD-Projekte auszutesten. Ich kann empfehlen bei Auslandsaufenthalten eher in ländliche Gebiete zu gehen, weil mittlerweile die Großstädte wie z.B. Nairobi sehr moderne Einrichtungen besitzen, die sich nicht sehr von der hiesigen Infrastruktur unterscheiden. Es ist ebenfalls wichtig sich zu vernetzen z. B. über die Gandhi Initiative.

 

BVMD: Welche Botschaft haben Sie an Medizinstudierende?

 

Prof. Bösner: Wir sollten alle für die Privilegien, die wir haben, dankbar sein, insbesondere wir Mediziner. Unser Beruf ist interessant, international, erlaubt uns weltweit zu arbeiten und wird gesellschaftlich sehr geschätzt. Sich dieser Privilegien bewusst zu werden, wäre der erste Schritt, die Verantwortung dafür zu übernehmen und sie zu teilen, der zweite.

"Wir sollten alle für die Privilegien, die wir haben, dankbar sein […]. Sich dieser Privilegien bewusst zu werden, wäre der erste Schritt, die Verantwortung dafür zu übernehmen und sie zu teilen, der zweite."