Zukunftsforum Public Health des Robert-Koch-Instituts

November 2016

Hintergrund des Treffens

Die Idee für das Zukunftsforum entstand aus einem Leopoldina-Treffen „Global und Public Health in Deutschland“ Anfang Juli 2016, bei dem das RKI sich bereit erklärte die Federführung für eine Tagung zu übernehmen, bei der konkrete Maßnahmen und Schritte entworfen werden sollten, um die Situation von Public Health in Deutschland zu verbessern. Die Leopoldina-Initiative war nach der 2015 erschienen Stellungnahme „Public Health in Deutschland – Strukturen, Entwicklungen und globale Herausforderungen.“ ins Leben gerufen worden. Die Stellungnahme hat viel Resonanz und Kritik hervorgerufen, u.a. auch eine Stellungnahme von GandHI.

1. Tag

Das Treffen begann mit einführenden Worten von der Organisation, welche die Entstehungsgeschichte hinter dem Treffen erklärten und auch ihre Hoffnungen für die kommenden zwei Tage formulierten. So wurde beispielsweise der Wunsch geäußert gemeinsam und gemeinschaftlich an neuen Konzepten zu arbeiten und nicht alle Grabenkämpfe neu aufleben zu lassen.

Herr Brand bot einen kurzen Überblick auf die PH-Situation in Deutschland von außen, da er derzeit an der Universität Maastricht lehrt. Neben einer kurzen Skizzierung der geschichtlichen Entwicklung von Public Health, zeigte er vor auch internationale Referenzen auf, die in Deutschland stärker genutzt werden sollten: Beispielsweise die European Core Competencies for Public Health Professionals von ASPHEA. Als Definition wurde „Public Health ist die öffentliche Sorge um die Gesundheit aller“ vorgeschlagen.

Anschließend folgte eine Bestandsaufnahme aus den verschiedenen Blickwinkeln von Strukturen, Forschung, Lehre, Fort- und Weiterbildung und Praxis. Bei den Strukturen ging es vor allem um die Dreiteilung der Akteure in Staatliche Institutionen, Selbstverwaltungskörperschaften und NGOs/private Akteure. Herr Wildner betonte, dass viele Karrieren im Bereich PH oft über alle drei Bereiche gingen, wobei die ÄrztInnen noch die größten Schwierigkeiten hätten, „klassische“ PH-Karrieren einzuschlagen. Herr Kurth, der die Forschung vorstellte, beschrieb Stärken und Defizite der PH-Forschung in Deutschland. Dabei erwähnte beispielsweise die mangelnde Datenlage von Interventionen und eine nicht-ausreichende Internationalisierung. Er plädierte dafür den Fokus der Forschung nicht nur auf Erkrankungen, sondern auch auf Gesundheit zu legen. Bei dem Punkt Lehre, Fort- und Weiterbildung zeichnete Frau Dierks einen histrorischen Abriss seit den 70er Jahren auf und beschrieb eine gewisse Stagnation seit den 2000ern. Zwar gebe es derzeit über 400 Studiengänge, doch deren Kompetenzen kenne niemand genau. Sie forderte mehr PH/ÖGD im Medizinstudium beispielsweise durch Lehrstühle und plädierte für mehr Netzwerke, Kooperationen und neue Qualifizierungsmodelle. Für die Praxis sprach Herr Altgeld sich aus, dass das vorhandene Geld im System anders zugewiesen werden müsse und von den von oben zugeschriebenen Bedarfen es sich zu zielgruppenorientierten Bedarfen ändern müsse.

In der AG „Globalisierung“ diskutierten 25 Teilnehmende über vorgegebenen Fragen nach wesentlichen Herausforderungen, Zielen, Verantwortlichkeiten und konkreten Maßnahmen der PH Community im Hinblick auf die Globalisierung von PH in Deutschland. Grundlagen für die Arbeit war das Papier des Bundesministeriums für Gesundheit „Globale Gesundheitspolitik gestalten - gemeinsam handeln - Verantwortung wahrnehmen. Konzept der Bundesregierung.“, die Lancet-Veröffentlichung „Germany and global health: an unfinished agenda?“ und das Papier der Deutschen Plattform Globale Gesundheit „Globale Gesundheitspolitik - für alle Menschen an jedem Ort. Grundlagen für eine künftige ressortübergreifende Strategie für globale Gesundheit.“. Da die Herausforderungen in den Papieren bereits ausführlich erklärt wurden, konzentrierte sich die Arbeit der AG eher auf die Frage nach konkreten Zielen und Verantwortlichkeiten insbesondere im Hinblick auf die Arbeit in den AGs im nächsten Zeitblock.

Die AG „Lehre, Fort- und Weiterbildung“ diskutierte mit einer ähnlichen TeilnehmerInnenzahl vor allem über konkrete Maßnahmen. Dabei wurde, angelehnt an ASPHER, zwischen PH-Experts, Gesundheitsberufe und den „restlichen“ oder auch „Health in all Policies“-Berufen, also Berufe, die nicht direkt mit PH zu tun haben, aber durchaus einen Einfluss darauf nehmen, wie beispielsweise JuristInnen oder Landwirte, unterschieden. Für die bvmd besonders interessant war die Diskussion über die „Gesundheitsberufe“, bei der wir uns vor allem auf die Medizinstudierenden konzentrierten, da andere VertreterInnen nicht anwesend waren. Es gab verschiedene Argumente, ob bereits im Medizinstudium, oder erst n der Weiterbildung mehr PH-Elemente eingebaut werden sollten. Alle Anwesenden waren sich aber einig, dass die Bedeutung von PH im Studium durch bessere Lehre dringend verbessert werden müsse. Ein grundsätzliches Verständnis von Gesundheit und dem deutschen Gesundheitssystem erfordert auch ein Grundverständnis von Public Health. Es gab die Anregung einen „Best Practice“-Katalog von guten und bewährten Lehr- und Lernelementen zu machen.

2. Tag

Am Mittwoch bekam ich spontan die Gelegenheit an der Podiumsdiskussion als Vertreterin der Studierenden teilzunehmen. Die Teilnehmenden diskutierten u.a. über die derzeit schwache Rolle des ÖGDs in der öffentlichen Wahrnehmung und Gestaltung von PH in Deutschland. Die Politikerin Helga Kühn-Mengel forderte ein ressortübergreifendes politisches Handeln, um Gesundheitsprobleme in Deutschland anzugehen. Herr Ganten sprach sich mehrmals für eine starke Führungsstruktur aus, die der PH-Community ein Gesicht und eine Identität geben solle. Mehrmals wurde über das Versagen der PH-Gemeinschaft im Hinblick auf die Vermittlung von PH-Themen für die allgemeine Bevölkerung gesprochen. Ich konnte unter anderem darüber berichten, mit welchen Themen Medizinstudierende für PH begeistert werden könnten (z.B. aktuelle Themen zu Migration & Flucht, soziale Ungleichheit) und welche Ansprüche unsere Generation an eine spätere Arbeit habe (z.B. ausgeglichene Work-Life-Balance). Im Abschlussstatement konnte ich noch einmal die Bedeutung der Mitsprache der Studierenden betonen und sprach auch den Wunsch aus in Zukunft mit Studierender anderer Fachrichtungen auf diesem Kongress zusammentreffen zu können.

Nachdem die Ergebnisse der Arbeitsgruppen zusammengetragen wurden, ging es um die konkrete weitere Arbeit: Das RKI erklärte sich bereit für die nächsten zwei Jahren in eine Geschäftsstelle zu investieren, damit weitere Zukunftsforen gestaltet und die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Akteuren weiter gestärkt werden könne. Dazu sollen die Ergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen und alle Beiträge zentral gesammelt und veröffentlich werden, in welcher Form genau ist allerdings noch unklar. Herr Wieler betonte die Verantwortung des RKIs, diesen Anschub zu übernehmen, ohne sich zentral in den Mittelpunkt stellen zu wollen. Offen blieb die Frage nach der Rolle der DGPH, was unter anderem auch mit deren Reform in der nächsten Woche zusammenhängt.

Das Zukunftssymposium endete mit einem positiven Fazit aus der produktiven Zusammenarbeit der letzten zwei Tage, sowie einem vorsichtig optimistischen Ausblick für die nächsten Jahre. Gleichzeitig mahnten alle RednerInnen aber auch, dass die Chance nun genutzt werden müsse und da jedeR EinzelneR Verantwortung trage dies zu ermöglichen.